Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Müller, Karl Otfried: Handbuch der Archäologie der Kunst. Breslau, 1830.

Bild:
<< vorherige Seite

Einleitung
sen läßt, aber mit einer lebhaften und vorherrschenden
2Empfindung der Seele verbunden ist, so daß
bald Vorstellung und Empfindung in einem geistigen Zu-
stande (Stimmung) verborgen liegen, bald die Vorstel-
lung gesonderter hervortritt, aber doch immer bei der Er-
schaffung, wie bei dem Aufnehmen der Kunstform, die
Empfindung vorherrschend bleibt.

1. Dunkel nennen wir die einem Kunstwerke zum Grunde lie-
gende Vorstellung nur in Beziehung auf die Klarheit, die wir
dem Begriffsleben zuschreiben.

2. Vergleiche die Kunstidee einer einfachen Melodie, welche eine
gewisse Stimmung der Seele ausdrückt, mit der eines verwandten
plastischen Kunstwerks. Die Musik eines Dithyrambus und eine
Bacchische Gruppe haben eng verwandte Kunstideen darzustellen,
aber diese stellt sie, auch abgesehen von dem festeren sinnlichen Ein-
druck der Kunstformen, zu höherer Bestimmtheit der Vorstellung
ausgebildet dar.


2. Die einfachsten und allgemeinsten Gesetze der
Kunst
.

19. Die Gesetze der Kunst sind die Bedingungen, un-
ter welchen allein das Empfindungsleben durch äußere
Formen in eine ihm wohlthätige Bewegung gesetzt wer-
2den kann; sie bestimmen die Kunstform nach den Forde-
rungen des Empfindungslebens, und haben in der Be-
schaffenheit des Empfindungsvermögens ihren Grund.

2. Diese Beschaffenheit wird hier nur an den Aeußerungen er-
kannt; die Erforschung derselben gehört der Psychologie.

10. Zuerst muß die Kunstform, um das Empfindungs-
vermögen in eine zusammenhängende Bewegung zu ver-
setzen, eine allgemeine Gesetzmäßigkeit haben, die als
Beobachtung mathematischer Verhältnisse oder organischer
Lebensformen erscheint; ohne diese Gesetzmäßigkeit hört sie
auf Kunstform zu sein.

Einleitung
ſen laͤßt, aber mit einer lebhaften und vorherrſchenden
2Empfindung der Seele verbunden iſt, ſo daß
bald Vorſtellung und Empfindung in einem geiſtigen Zu-
ſtande (Stimmung) verborgen liegen, bald die Vorſtel-
lung geſonderter hervortritt, aber doch immer bei der Er-
ſchaffung, wie bei dem Aufnehmen der Kunſtform, die
Empfindung vorherrſchend bleibt.

1. Dunkel nennen wir die einem Kunſtwerke zum Grunde lie-
gende Vorſtellung nur in Beziehung auf die Klarheit, die wir
dem Begriffsleben zuſchreiben.

2. Vergleiche die Kunſtidee einer einfachen Melodie, welche eine
gewiſſe Stimmung der Seele ausdrückt, mit der eines verwandten
plaſtiſchen Kunſtwerks. Die Muſik eines Dithyrambus und eine
Bacchiſche Gruppe haben eng verwandte Kunſtideen darzuſtellen,
aber dieſe ſtellt ſie, auch abgeſehen von dem feſteren ſinnlichen Ein-
druck der Kunſtformen, zu höherer Beſtimmtheit der Vorſtellung
ausgebildet dar.


2. Die einfachſten und allgemeinſten Geſetze der
Kunſt
.

19. Die Geſetze der Kunſt ſind die Bedingungen, un-
ter welchen allein das Empfindungsleben durch aͤußere
Formen in eine ihm wohlthaͤtige Bewegung geſetzt wer-
2den kann; ſie beſtimmen die Kunſtform nach den Forde-
rungen des Empfindungslebens, und haben in der Be-
ſchaffenheit des Empfindungsvermoͤgens ihren Grund.

2. Dieſe Beſchaffenheit wird hier nur an den Aeußerungen er-
kannt; die Erforſchung derſelben gehört der Pſychologie.

10. Zuerſt muß die Kunſtform, um das Empfindungs-
vermoͤgen in eine zuſammenhaͤngende Bewegung zu ver-
ſetzen, eine allgemeine Geſetzmaͤßigkeit haben, die als
Beobachtung mathematiſcher Verhaͤltniſſe oder organiſcher
Lebensformen erſcheint; ohne dieſe Geſetzmaͤßigkeit hoͤrt ſie
auf Kunſtform zu ſein.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0026" n="4"/><fw place="top" type="header">Einleitung</fw><lb/>
&#x017F;en la&#x0364;ßt, aber mit einer lebhaften und vorherr&#x017F;chenden<lb/><note place="left">2</note><hi rendition="#g">Empfindung</hi> der Seele verbunden i&#x017F;t, &#x017F;o daß<lb/>
bald Vor&#x017F;tellung und Empfindung in einem gei&#x017F;tigen Zu-<lb/>
&#x017F;tande (Stimmung) verborgen liegen, bald die Vor&#x017F;tel-<lb/>
lung ge&#x017F;onderter hervortritt, aber doch immer bei der Er-<lb/>
&#x017F;chaffung, wie bei dem Aufnehmen der Kun&#x017F;tform, die<lb/>
Empfindung vorherr&#x017F;chend bleibt.</p><lb/>
            <p>1. <hi rendition="#g">Dunkel</hi> nennen wir die einem Kun&#x017F;twerke zum Grunde lie-<lb/>
gende Vor&#x017F;tellung nur in Beziehung auf die <hi rendition="#g">Klarheit</hi>, die wir<lb/>
dem Begriffsleben zu&#x017F;chreiben.</p><lb/>
            <p>2. Vergleiche die Kun&#x017F;tidee einer einfachen Melodie, welche eine<lb/>
gewi&#x017F;&#x017F;e Stimmung der Seele ausdrückt, mit der eines verwandten<lb/>
pla&#x017F;ti&#x017F;chen Kun&#x017F;twerks. Die Mu&#x017F;ik eines Dithyrambus und eine<lb/>
Bacchi&#x017F;che Gruppe haben eng verwandte Kun&#x017F;tideen darzu&#x017F;tellen,<lb/>
aber die&#x017F;e &#x017F;tellt &#x017F;ie, auch abge&#x017F;ehen von dem fe&#x017F;teren &#x017F;innlichen Ein-<lb/>
druck der Kun&#x017F;tformen, zu höherer Be&#x017F;timmtheit der Vor&#x017F;tellung<lb/>
ausgebildet dar.</p>
          </div><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
          <div n="3">
            <head>2. <hi rendition="#g">Die einfach&#x017F;ten und allgemein&#x017F;ten Ge&#x017F;etze der<lb/>
Kun&#x017F;t</hi>.</head><lb/>
            <p><note place="left">1</note>9. Die Ge&#x017F;etze der Kun&#x017F;t &#x017F;ind die Bedingungen, un-<lb/>
ter welchen allein das Empfindungsleben durch a&#x0364;ußere<lb/>
Formen in eine ihm wohltha&#x0364;tige Bewegung ge&#x017F;etzt wer-<lb/><note place="left">2</note>den kann; &#x017F;ie be&#x017F;timmen die Kun&#x017F;tform nach den Forde-<lb/>
rungen des Empfindungslebens, und haben in der Be-<lb/>
&#x017F;chaffenheit des Empfindungsvermo&#x0364;gens ihren Grund.</p><lb/>
            <p>2. Die&#x017F;e Be&#x017F;chaffenheit wird hier nur an den Aeußerungen er-<lb/>
kannt; die Erfor&#x017F;chung der&#x017F;elben gehört der P&#x017F;ychologie.</p><lb/>
            <p>10. Zuer&#x017F;t muß die Kun&#x017F;tform, um das Empfindungs-<lb/>
vermo&#x0364;gen in eine zu&#x017F;ammenha&#x0364;ngende Bewegung zu ver-<lb/>
&#x017F;etzen, eine allgemeine <hi rendition="#g">Ge&#x017F;etzma&#x0364;ßigkeit</hi> haben, die als<lb/>
Beobachtung mathemati&#x017F;cher Verha&#x0364;ltni&#x017F;&#x017F;e oder organi&#x017F;cher<lb/>
Lebensformen er&#x017F;cheint; ohne die&#x017F;e Ge&#x017F;etzma&#x0364;ßigkeit ho&#x0364;rt &#x017F;ie<lb/>
auf Kun&#x017F;tform zu &#x017F;ein.</p><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[4/0026] Einleitung ſen laͤßt, aber mit einer lebhaften und vorherrſchenden Empfindung der Seele verbunden iſt, ſo daß bald Vorſtellung und Empfindung in einem geiſtigen Zu- ſtande (Stimmung) verborgen liegen, bald die Vorſtel- lung geſonderter hervortritt, aber doch immer bei der Er- ſchaffung, wie bei dem Aufnehmen der Kunſtform, die Empfindung vorherrſchend bleibt. 2 1. Dunkel nennen wir die einem Kunſtwerke zum Grunde lie- gende Vorſtellung nur in Beziehung auf die Klarheit, die wir dem Begriffsleben zuſchreiben. 2. Vergleiche die Kunſtidee einer einfachen Melodie, welche eine gewiſſe Stimmung der Seele ausdrückt, mit der eines verwandten plaſtiſchen Kunſtwerks. Die Muſik eines Dithyrambus und eine Bacchiſche Gruppe haben eng verwandte Kunſtideen darzuſtellen, aber dieſe ſtellt ſie, auch abgeſehen von dem feſteren ſinnlichen Ein- druck der Kunſtformen, zu höherer Beſtimmtheit der Vorſtellung ausgebildet dar. 2. Die einfachſten und allgemeinſten Geſetze der Kunſt. 9. Die Geſetze der Kunſt ſind die Bedingungen, un- ter welchen allein das Empfindungsleben durch aͤußere Formen in eine ihm wohlthaͤtige Bewegung geſetzt wer- den kann; ſie beſtimmen die Kunſtform nach den Forde- rungen des Empfindungslebens, und haben in der Be- ſchaffenheit des Empfindungsvermoͤgens ihren Grund. 1 2 2. Dieſe Beſchaffenheit wird hier nur an den Aeußerungen er- kannt; die Erforſchung derſelben gehört der Pſychologie. 10. Zuerſt muß die Kunſtform, um das Empfindungs- vermoͤgen in eine zuſammenhaͤngende Bewegung zu ver- ſetzen, eine allgemeine Geſetzmaͤßigkeit haben, die als Beobachtung mathematiſcher Verhaͤltniſſe oder organiſcher Lebensformen erſcheint; ohne dieſe Geſetzmaͤßigkeit hoͤrt ſie auf Kunſtform zu ſein.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_kunst_1830
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_kunst_1830/26
Zitationshilfe: Müller, Karl Otfried: Handbuch der Archäologie der Kunst. Breslau, 1830, S. 4. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_kunst_1830/26>, abgerufen am 29.05.2020.