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Müller, Karl Otfried: Handbuch der Archäologie der Kunst. Breslau, 1830.

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Systematischer Theil.
abgesehn von den Besonderheiten und Eigenschaften
des Stoffes, wodurch dies geschieht: welches wir die
optische Technik nennen wollen. Zweitens das Ver-
fahren, wodurch die durch optische Technik bestimmte
Form in einem besondern Stoffe, mit Rücksicht auf des-
sen Eigenschaften, durch Anfügen oder Wegnehmen, durch
Auftragen oder Verändern der Oberfläche hervorgebracht
wird: welches hier mechanische Technik genannt wird.
Dem allgemeinen Gange dieser Betrachtung gemäß, welche
mit dem Greiflichsten und Concretesten beginnt, wird der
zuletzt genannte Abschnitt dem zuerst angeführten voraus-
geschickt.


I. Mechanische Technik.
1A. Der Plastik im weitern Sinne (§. 25, 1.)
a. Die Bildnerei in weichen oder erweichten Massen (plastike).
1. Arbeit in Thon und ähnlichen Stoffen.

2305. Aus der Hand des ursprünglich dem Töpfer eng-
verwandten Thonbildners (§. 62. 63.) gingen Henkel und
Zierathen der Gefäße, wobei die Töpferscheibe nicht ge-
braucht werden konnte, aber auch Reliefs (tupoi) und
3ganze Figuren (§. 72. 171.) hervor. Ueberall war da-
bei Arbeit aus freier Hand älter als die Anwendung
4mechanischer und fabrikmäßiger Vorrichtungen. Außer
Thon wurde viel Gyps (gupsos, platre) und Stucco
gebraucht; auch Wachsbilder waren besonders als Spiel-
sachen häufig; allen solchen unedleren Stoffen gab man
gern durch Farben einen höhern Reiz, und brachte es
in der Nachahmung niederer Naturgegenstände bis zur Illu-
5sion. Wichtiger ward indeß diese Kunstgattung als die Vor-
bereiterin anderer (mater statuariae, sculpturae et cae-
laturae
nach Plinius), indem durch sie die andern Zweige

Syſtematiſcher Theil.
abgeſehn von den Beſonderheiten und Eigenſchaften
des Stoffes, wodurch dies geſchieht: welches wir die
optiſche Technik nennen wollen. Zweitens das Ver-
fahren, wodurch die durch optiſche Technik beſtimmte
Form in einem beſondern Stoffe, mit Ruͤckſicht auf deſ-
ſen Eigenſchaften, durch Anfuͤgen oder Wegnehmen, durch
Auftragen oder Veraͤndern der Oberflaͤche hervorgebracht
wird: welches hier mechaniſche Technik genannt wird.
Dem allgemeinen Gange dieſer Betrachtung gemaͤß, welche
mit dem Greiflichſten und Concreteſten beginnt, wird der
zuletzt genannte Abſchnitt dem zuerſt angefuͤhrten voraus-
geſchickt.


I. Mechaniſche Technik.
1A. Der Plaſtik im weitern Sinne (§. 25, 1.)
a. Die Bildnerei in weichen oder erweichten Maſſen (πλαστική).
1. Arbeit in Thon und aͤhnlichen Stoffen.

2305. Aus der Hand des urſpruͤnglich dem Toͤpfer eng-
verwandten Thonbildners (§. 62. 63.) gingen Henkel und
Zierathen der Gefaͤße, wobei die Toͤpferſcheibe nicht ge-
braucht werden konnte, aber auch Reliefs (τύποι) und
3ganze Figuren (§. 72. 171.) hervor. Ueberall war da-
bei Arbeit aus freier Hand aͤlter als die Anwendung
4mechaniſcher und fabrikmaͤßiger Vorrichtungen. Außer
Thon wurde viel Gyps (γύψος, plàtre) und Stucco
gebraucht; auch Wachsbilder waren beſonders als Spiel-
ſachen haͤufig; allen ſolchen unedleren Stoffen gab man
gern durch Farben einen hoͤhern Reiz, und brachte es
in der Nachahmung niederer Naturgegenſtaͤnde bis zur Illu-
5ſion. Wichtiger ward indeß dieſe Kunſtgattung als die Vor-
bereiterin anderer (mater statuariae, sculpturae et cae-
laturae
nach Plinius), indem durch ſie die andern Zweige

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[366/0388] Syſtematiſcher Theil. abgeſehn von den Beſonderheiten und Eigenſchaften des Stoffes, wodurch dies geſchieht: welches wir die optiſche Technik nennen wollen. Zweitens das Ver- fahren, wodurch die durch optiſche Technik beſtimmte Form in einem beſondern Stoffe, mit Ruͤckſicht auf deſ- ſen Eigenſchaften, durch Anfuͤgen oder Wegnehmen, durch Auftragen oder Veraͤndern der Oberflaͤche hervorgebracht wird: welches hier mechaniſche Technik genannt wird. Dem allgemeinen Gange dieſer Betrachtung gemaͤß, welche mit dem Greiflichſten und Concreteſten beginnt, wird der zuletzt genannte Abſchnitt dem zuerſt angefuͤhrten voraus- geſchickt. I. Mechaniſche Technik. A. Der Plaſtik im weitern Sinne (§. 25, 1.) a. Die Bildnerei in weichen oder erweichten Maſſen (πλαστική). 1. Arbeit in Thon und aͤhnlichen Stoffen. 305. Aus der Hand des urſpruͤnglich dem Toͤpfer eng- verwandten Thonbildners (§. 62. 63.) gingen Henkel und Zierathen der Gefaͤße, wobei die Toͤpferſcheibe nicht ge- braucht werden konnte, aber auch Reliefs (τύποι) und ganze Figuren (§. 72. 171.) hervor. Ueberall war da- bei Arbeit aus freier Hand aͤlter als die Anwendung mechaniſcher und fabrikmaͤßiger Vorrichtungen. Außer Thon wurde viel Gyps (γύψος, plàtre) und Stucco gebraucht; auch Wachsbilder waren beſonders als Spiel- ſachen haͤufig; allen ſolchen unedleren Stoffen gab man gern durch Farben einen hoͤhern Reiz, und brachte es in der Nachahmung niederer Naturgegenſtaͤnde bis zur Illu- ſion. Wichtiger ward indeß dieſe Kunſtgattung als die Vor- bereiterin anderer (mater statuariae, sculpturae et cae- laturae nach Plinius), indem durch ſie die andern Zweige 2 3 4 5

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Zitationshilfe: Müller, Karl Otfried: Handbuch der Archäologie der Kunst. Breslau, 1830, S. 366. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_kunst_1830/388>, abgerufen am 15.08.2020.