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Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. Leipzig, 1872.

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15.

Im Sinne dieser letzten ahnungsvollen Fragen muss nun
ausgesprochen werden, wie der Einfluss des Sokrates, bis auf
diesen Moment hin, ja in alle Zukunft hinaus, sich, gleich
einem in der Abendsonne immer grösser werdenden Schatten,
über die Nachwelt hin ausgebreitet hat, wie derselbe zur
Neuschaffung der Kunst -- und zwar der Kunst im bereits
metaphysischen, weitesten und tiefsten Sinne -- immer wieder
nöthigt und, bei seiner eignen Unendlichkeit, auch deren Un¬
endlichkeit verbürgt.

Bevor dies erkannt werden konnte, bevor die innerste
Abhängigkeit jeder Kunst von den Griechen, den Griechen
von Homer bis auf Sokrates überzeugend dargethan war,
musste es uns mit diesen Griechen ergehen wie den Athenern
mit Sokrates. Fast jede Zeit und Bildungsstufe hat einmal
sich mit tiefem Missmuthe von den Griechen zu befreien ge¬
sucht, weil Angesichts derselben alles Selbstgeleistete, schein¬
bar völlig Originelle, und recht aufrichtig Bewunderte plötz¬
lich Farbe und Leben zu verlieren schien und zur misslunge¬
nen Copie, ja zur Caricatur zusammenschrumpfte. Und so
bricht immer von Neuem einmal der herzliche Ingrimm gegen
jenes anmaassliche Völkchen hervor, das sich erkühnte, alles
Nichteinheimische für alle Zeiten als "barbarisch" zu bezeichnen:
wer sind jene, fragte man sich, die, obschon sie nur einen
ephemeren historischen Glanz, nur lächerlich engbegrenzte
Institutionen, nur eine zweifelhafte Tüchtigkeit der Sitte auf¬
zuweisen haben und sogar mit hässlichen Lastern gekenn¬
zeichnet sind, doch die Würde und Sonderstellung unter den
Völkern in Anspruch nehmen, die dem Genius unter der
Masse zukommt? Leider war man nicht so glücklich den
Schierlingsbecher zu finden, mit dem ein solches Wesen ein¬

15.

Im Sinne dieser letzten ahnungsvollen Fragen muss nun
ausgesprochen werden, wie der Einfluss des Sokrates, bis auf
diesen Moment hin, ja in alle Zukunft hinaus, sich, gleich
einem in der Abendsonne immer grösser werdenden Schatten,
über die Nachwelt hin ausgebreitet hat, wie derselbe zur
Neuschaffung der Kunst — und zwar der Kunst im bereits
metaphysischen, weitesten und tiefsten Sinne — immer wieder
nöthigt und, bei seiner eignen Unendlichkeit, auch deren Un¬
endlichkeit verbürgt.

Bevor dies erkannt werden konnte, bevor die innerste
Abhängigkeit jeder Kunst von den Griechen, den Griechen
von Homer bis auf Sokrates überzeugend dargethan war,
musste es uns mit diesen Griechen ergehen wie den Athenern
mit Sokrates. Fast jede Zeit und Bildungsstufe hat einmal
sich mit tiefem Missmuthe von den Griechen zu befreien ge¬
sucht, weil Angesichts derselben alles Selbstgeleistete, schein¬
bar völlig Originelle, und recht aufrichtig Bewunderte plötz¬
lich Farbe und Leben zu verlieren schien und zur misslunge¬
nen Copie, ja zur Caricatur zusammenschrumpfte. Und so
bricht immer von Neuem einmal der herzliche Ingrimm gegen
jenes anmaassliche Völkchen hervor, das sich erkühnte, alles
Nichteinheimische für alle Zeiten als »barbarisch« zu bezeichnen:
wer sind jene, fragte man sich, die, obschon sie nur einen
ephemeren historischen Glanz, nur lächerlich engbegrenzte
Institutionen, nur eine zweifelhafte Tüchtigkeit der Sitte auf¬
zuweisen haben und sogar mit hässlichen Lastern gekenn¬
zeichnet sind, doch die Würde und Sonderstellung unter den
Völkern in Anspruch nehmen, die dem Genius unter der
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[—79—/0092] 15. Im Sinne dieser letzten ahnungsvollen Fragen muss nun ausgesprochen werden, wie der Einfluss des Sokrates, bis auf diesen Moment hin, ja in alle Zukunft hinaus, sich, gleich einem in der Abendsonne immer grösser werdenden Schatten, über die Nachwelt hin ausgebreitet hat, wie derselbe zur Neuschaffung der Kunst — und zwar der Kunst im bereits metaphysischen, weitesten und tiefsten Sinne — immer wieder nöthigt und, bei seiner eignen Unendlichkeit, auch deren Un¬ endlichkeit verbürgt. Bevor dies erkannt werden konnte, bevor die innerste Abhängigkeit jeder Kunst von den Griechen, den Griechen von Homer bis auf Sokrates überzeugend dargethan war, musste es uns mit diesen Griechen ergehen wie den Athenern mit Sokrates. Fast jede Zeit und Bildungsstufe hat einmal sich mit tiefem Missmuthe von den Griechen zu befreien ge¬ sucht, weil Angesichts derselben alles Selbstgeleistete, schein¬ bar völlig Originelle, und recht aufrichtig Bewunderte plötz¬ lich Farbe und Leben zu verlieren schien und zur misslunge¬ nen Copie, ja zur Caricatur zusammenschrumpfte. Und so bricht immer von Neuem einmal der herzliche Ingrimm gegen jenes anmaassliche Völkchen hervor, das sich erkühnte, alles Nichteinheimische für alle Zeiten als »barbarisch« zu bezeichnen: wer sind jene, fragte man sich, die, obschon sie nur einen ephemeren historischen Glanz, nur lächerlich engbegrenzte Institutionen, nur eine zweifelhafte Tüchtigkeit der Sitte auf¬ zuweisen haben und sogar mit hässlichen Lastern gekenn¬ zeichnet sind, doch die Würde und Sonderstellung unter den Völkern in Anspruch nehmen, die dem Genius unter der Masse zukommt? Leider war man nicht so glücklich den Schierlingsbecher zu finden, mit dem ein solches Wesen ein¬

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Zitationshilfe: Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. Leipzig, 1872, S. —79—. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_tragoedie_1872/92>, abgerufen am 23.04.2019.