Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. [Bd. 1]. Chemnitz, 1883.

Bild:
<< vorherige Seite
Von Kind und Ehe.

Ich habe eine Frage für dich allein, mein Bruder:
wie ein Senkblei werfe ich diese Frage in deine Seele,
dass ich wisse, wie tief sie sei.

Du bist jung und wünschest dir Kind und Ehe.
Aber ich frage dich: bist du ein Mensch, der ein Kind
sich wünschen darf?

Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der
Gebieter der Sinne, der Herr deiner Tugenden? Also
frage ich dich.

Oder redet aus deinem Wunsche das Thier und die
Nothdurft? Oder Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir?

Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich
nach einem Kinde sehne. Lebendige Denkmale sollst
du bauen deinem Siege und deiner Befreiung.

Über dich sollst du hinausbauen. Aber erst musst
du mir selber gebaut sein, rechtwinklig an Leib und
Seele.

Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern
hinauf! Dazu helfe dir der Garten der Ehe!

Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste
Bewegung, ein aus sich rollendes Rad, -- einen
Schaffenden sollst du schaffen.

7 *
Von Kind und Ehe.

Ich habe eine Frage für dich allein, mein Bruder:
wie ein Senkblei werfe ich diese Frage in deine Seele,
dass ich wisse, wie tief sie sei.

Du bist jung und wünschest dir Kind und Ehe.
Aber ich frage dich: bist du ein Mensch, der ein Kind
sich wünschen darf?

Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der
Gebieter der Sinne, der Herr deiner Tugenden? Also
frage ich dich.

Oder redet aus deinem Wunsche das Thier und die
Nothdurft? Oder Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir?

Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich
nach einem Kinde sehne. Lebendige Denkmale sollst
du bauen deinem Siege und deiner Befreiung.

Über dich sollst du hinausbauen. Aber erst musst
du mir selber gebaut sein, rechtwinklig an Leib und
Seele.

Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern
hinauf! Dazu helfe dir der Garten der Ehe!

Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste
Bewegung, ein aus sich rollendes Rad, — einen
Schaffenden sollst du schaffen.

7 *
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0105" n="99"/>
        <div n="2">
          <head>Von Kind und Ehe.<lb/></head>
          <p>Ich habe eine Frage für dich allein, mein Bruder:<lb/>
wie ein Senkblei werfe ich diese Frage in deine Seele,<lb/>
dass ich wisse, wie tief sie sei.</p><lb/>
          <p>Du bist jung und wünschest dir Kind und Ehe.<lb/>
Aber ich frage dich: bist du ein Mensch, der ein Kind<lb/>
sich wünschen <hi rendition="#g">darf</hi>?</p><lb/>
          <p>Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der<lb/>
Gebieter der Sinne, der Herr deiner Tugenden? Also<lb/>
frage ich dich.</p><lb/>
          <p>Oder redet aus deinem Wunsche das Thier und die<lb/>
Nothdurft? Oder Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir?</p><lb/>
          <p>Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich<lb/>
nach einem Kinde sehne. Lebendige Denkmale sollst<lb/>
du bauen deinem Siege und deiner Befreiung.</p><lb/>
          <p>Über dich sollst du hinausbauen. Aber erst musst<lb/>
du mir selber gebaut sein, rechtwinklig an Leib und<lb/>
Seele.</p><lb/>
          <p>Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern<lb/>
hinauf! Dazu helfe dir der Garten der Ehe!</p><lb/>
          <p>Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste<lb/>
Bewegung, ein aus sich rollendes Rad, &#x2014; einen<lb/>
Schaffenden sollst du schaffen.</p><lb/>
          <fw place="bottom" type="sig">7 *<lb/></fw>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[99/0105] Von Kind und Ehe. Ich habe eine Frage für dich allein, mein Bruder: wie ein Senkblei werfe ich diese Frage in deine Seele, dass ich wisse, wie tief sie sei. Du bist jung und wünschest dir Kind und Ehe. Aber ich frage dich: bist du ein Mensch, der ein Kind sich wünschen darf? Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne, der Herr deiner Tugenden? Also frage ich dich. Oder redet aus deinem Wunsche das Thier und die Nothdurft? Oder Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir? Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich nach einem Kinde sehne. Lebendige Denkmale sollst du bauen deinem Siege und deiner Befreiung. Über dich sollst du hinausbauen. Aber erst musst du mir selber gebaut sein, rechtwinklig an Leib und Seele. Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! Dazu helfe dir der Garten der Ehe! Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus sich rollendes Rad, — einen Schaffenden sollst du schaffen. 7 *

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra01_1883
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra01_1883/105
Zitationshilfe: Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. [Bd. 1]. Chemnitz, 1883, S. 99. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra01_1883/105>, abgerufen am 20.04.2019.