Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. [Bd. 1]. Chemnitz, 1883.

Bild:
<< vorherige Seite
Von der Keuschheit.

Ich liebe den Wald. In den Städten ist schlecht
zu leben: da giebt es zu Viele der Brünstigen.

Ist es nicht besser, in die Hände eines Mörders zu
gerathen, als in die Träume eines brünstigen Weibes?

Und seht mir doch diese Männer an: ihr Auge
sagt es -- sie wissen nichts Besseres auf Erden, als
bei einem Weibe zu liegen.

Schlamm ist auf dem Grunde ihrer Seele; und
wehe, wenn ihr Schlamm gar noch Geist hat!

Dass ihr doch wenigstens als Thiere vollkommen
wäret! Aber zum Thiere gehört die Unschuld.

Rathe ich euch, eure Sinne zu tödten? Ich rathe
euch zur Unschuld der Sinne.

Rathe ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit
ist bei Einigen eine Tugend, aber bei Vielen beinahe
ein Laster.

Diese enthalten sich wohl: aber die Hündin Sinn¬
lichkeit blickt mit Neid aus Allem, was sie thun.

Noch in die Höhen ihrer Tugend und bis in den
kalten Geist hinein folgt ihnen diess Gethier und sein
Unfrieden.

Und wie artig weiss die Hündin Sinnlichkeit um

Von der Keuschheit.

Ich liebe den Wald. In den Städten ist schlecht
zu leben: da giebt es zu Viele der Brünstigen.

Ist es nicht besser, in die Hände eines Mörders zu
gerathen, als in die Träume eines brünstigen Weibes?

Und seht mir doch diese Männer an: ihr Auge
sagt es — sie wissen nichts Besseres auf Erden, als
bei einem Weibe zu liegen.

Schlamm ist auf dem Grunde ihrer Seele; und
wehe, wenn ihr Schlamm gar noch Geist hat!

Dass ihr doch wenigstens als Thiere vollkommen
wäret! Aber zum Thiere gehört die Unschuld.

Rathe ich euch, eure Sinne zu tödten? Ich rathe
euch zur Unschuld der Sinne.

Rathe ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit
ist bei Einigen eine Tugend, aber bei Vielen beinahe
ein Laster.

Diese enthalten sich wohl: aber die Hündin Sinn¬
lichkeit blickt mit Neid aus Allem, was sie thun.

Noch in die Höhen ihrer Tugend und bis in den
kalten Geist hinein folgt ihnen diess Gethier und sein
Unfrieden.

Und wie artig weiss die Hündin Sinnlichkeit um

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0080" n="74"/>
        <div n="2">
          <head>Von der Keuschheit.<lb/></head>
          <p>Ich liebe den Wald. In den Städten ist schlecht<lb/>
zu leben: da giebt es zu Viele der Brünstigen.</p><lb/>
          <p>Ist es nicht besser, in die Hände eines Mörders zu<lb/>
gerathen, als in die Träume eines brünstigen Weibes?</p><lb/>
          <p>Und seht mir doch diese Männer an: ihr Auge<lb/>
sagt es &#x2014; sie wissen nichts Besseres auf Erden, als<lb/>
bei einem Weibe zu liegen.</p><lb/>
          <p>Schlamm ist auf dem Grunde ihrer Seele; und<lb/>
wehe, wenn ihr Schlamm gar noch Geist hat!</p><lb/>
          <p>Dass ihr doch wenigstens als Thiere vollkommen<lb/>
wäret! Aber zum Thiere gehört die Unschuld.</p><lb/>
          <p>Rathe ich euch, eure Sinne zu tödten? Ich rathe<lb/>
euch zur Unschuld der Sinne.</p><lb/>
          <p>Rathe ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit<lb/>
ist bei Einigen eine Tugend, aber bei Vielen beinahe<lb/>
ein Laster.</p><lb/>
          <p>Diese enthalten sich wohl: aber die Hündin Sinn¬<lb/>
lichkeit blickt mit Neid aus Allem, was sie thun.</p><lb/>
          <p>Noch in die Höhen ihrer Tugend und bis in den<lb/>
kalten Geist hinein folgt ihnen diess Gethier und sein<lb/>
Unfrieden.</p><lb/>
          <p>Und wie artig weiss die Hündin Sinnlichkeit um<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[74/0080] Von der Keuschheit. Ich liebe den Wald. In den Städten ist schlecht zu leben: da giebt es zu Viele der Brünstigen. Ist es nicht besser, in die Hände eines Mörders zu gerathen, als in die Träume eines brünstigen Weibes? Und seht mir doch diese Männer an: ihr Auge sagt es — sie wissen nichts Besseres auf Erden, als bei einem Weibe zu liegen. Schlamm ist auf dem Grunde ihrer Seele; und wehe, wenn ihr Schlamm gar noch Geist hat! Dass ihr doch wenigstens als Thiere vollkommen wäret! Aber zum Thiere gehört die Unschuld. Rathe ich euch, eure Sinne zu tödten? Ich rathe euch zur Unschuld der Sinne. Rathe ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit ist bei Einigen eine Tugend, aber bei Vielen beinahe ein Laster. Diese enthalten sich wohl: aber die Hündin Sinn¬ lichkeit blickt mit Neid aus Allem, was sie thun. Noch in die Höhen ihrer Tugend und bis in den kalten Geist hinein folgt ihnen diess Gethier und sein Unfrieden. Und wie artig weiss die Hündin Sinnlichkeit um

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra01_1883
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra01_1883/80
Zitationshilfe: Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. [Bd. 1]. Chemnitz, 1883, S. 74. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra01_1883/80>, abgerufen am 25.05.2019.