Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Bd. 3. Chemnitz, 1884.

Bild:
<< vorherige Seite

Davon könnte ich schon ein Lied singen -- --
und will es singen: ob ich gleich allein in leerem
Hause bin und es meinen eignen Ohren singen muss.

Andre Sänger giebt es freilich, denen macht das
volle Haus erst ihre Kehle weich, ihre Hand ge¬
sprächig, ihr Auge ausdrücklich, ihr Herz wach: --
Denen gleiche ich nicht. --

2.

Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat
alle Grenzsteine verrückt; alle Grenzsteine selber
werden ihm in die Luft fliegen, die Erde wird er neu
taufen -- als "die Leichte."

Der Vogel Strauss läuft schneller als das schnellste
Pferd, aber auch er steckt noch den Kopf schwer in
schwere Erde: also der Mensch, der noch nicht fliegen
kann.

Schwer heisst ihm Erde und Leben; und so will
es der Geist der Schwere! Wer aber leicht werden
will und ein Vogel, der muss sich selber lieben: --
also lehre ich.

Nicht freilich mit der Liebe der Siechen und
Süchtigen: denn bei denen stinkt auch die Eigenliebe!

Man muss sich selber lieben lernen -- also lehre
ich -- mit einer heilen und gesunden Liebe: dass man
es bei sich selber aushalte und nicht umherschweife.

Solches Umherschweifen tauft sich "Nächstenliebe":
mit diesem Worte ist bisher am besten gelogen und
geheuchelt worden, und sonderlich von Solchen, die
aller Welt schwer fielen.

Und wahrlich, das ist kein Gebot für Heute und

Davon könnte ich schon ein Lied singen — —
und will es singen: ob ich gleich allein in leerem
Hause bin und es meinen eignen Ohren singen muss.

Andre Sänger giebt es freilich, denen macht das
volle Haus erst ihre Kehle weich, ihre Hand ge¬
sprächig, ihr Auge ausdrücklich, ihr Herz wach: —
Denen gleiche ich nicht. —

2.

Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat
alle Grenzsteine verrückt; alle Grenzsteine selber
werden ihm in die Luft fliegen, die Erde wird er neu
taufen — als „die Leichte.“

Der Vogel Strauss läuft schneller als das schnellste
Pferd, aber auch er steckt noch den Kopf schwer in
schwere Erde: also der Mensch, der noch nicht fliegen
kann.

Schwer heisst ihm Erde und Leben; und so will
es der Geist der Schwere! Wer aber leicht werden
will und ein Vogel, der muss sich selber lieben: —
also lehre ich.

Nicht freilich mit der Liebe der Siechen und
Süchtigen: denn bei denen stinkt auch die Eigenliebe!

Man muss sich selber lieben lernen — also lehre
ich — mit einer heilen und gesunden Liebe: dass man
es bei sich selber aushalte und nicht umherschweife.

Solches Umherschweifen tauft sich „Nächstenliebe“:
mit diesem Worte ist bisher am besten gelogen und
geheuchelt worden, und sonderlich von Solchen, die
aller Welt schwer fielen.

Und wahrlich, das ist kein Gebot für Heute und

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0070" n="60"/>
          <p>Davon könnte ich schon ein Lied singen &#x2014; &#x2014;<lb/>
und <hi rendition="#g">will</hi> es singen: ob ich gleich allein in leerem<lb/>
Hause bin und es meinen eignen Ohren singen muss.</p><lb/>
          <p>Andre Sänger giebt es freilich, denen macht das<lb/>
volle Haus erst ihre Kehle weich, ihre Hand ge¬<lb/>
sprächig, ihr Auge ausdrücklich, ihr Herz wach: &#x2014;<lb/>
Denen gleiche ich nicht. &#x2014;</p><lb/>
        </div>
        <div n="2">
          <head>2.<lb/></head>
          <p>Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat<lb/>
alle Grenzsteine verrückt; alle Grenzsteine selber<lb/>
werden ihm in die Luft fliegen, die Erde wird er neu<lb/>
taufen &#x2014; als &#x201E;die Leichte.&#x201C;</p><lb/>
          <p>Der Vogel Strauss läuft schneller als das schnellste<lb/>
Pferd, aber auch er steckt noch den Kopf schwer in<lb/>
schwere Erde: also der Mensch, der noch nicht fliegen<lb/>
kann.</p><lb/>
          <p>Schwer heisst ihm Erde und Leben; und so <hi rendition="#g">will</hi><lb/>
es der Geist der Schwere! Wer aber leicht werden<lb/>
will und ein Vogel, der muss sich selber lieben: &#x2014;<lb/>
also lehre ich.</p><lb/>
          <p>Nicht freilich mit der Liebe der Siechen und<lb/>
Süchtigen: denn bei denen stinkt auch die Eigenliebe!</p><lb/>
          <p>Man muss sich selber lieben lernen &#x2014; also lehre<lb/>
ich &#x2014; mit einer heilen und gesunden Liebe: dass man<lb/>
es bei sich selber aushalte und nicht umherschweife.</p><lb/>
          <p>Solches Umherschweifen tauft sich &#x201E;Nächstenliebe&#x201C;:<lb/>
mit diesem Worte ist bisher am besten gelogen und<lb/>
geheuchelt worden, und sonderlich von Solchen, die<lb/>
aller Welt schwer fielen.</p><lb/>
          <p>Und wahrlich, das ist kein Gebot für Heute und<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[60/0070] Davon könnte ich schon ein Lied singen — — und will es singen: ob ich gleich allein in leerem Hause bin und es meinen eignen Ohren singen muss. Andre Sänger giebt es freilich, denen macht das volle Haus erst ihre Kehle weich, ihre Hand ge¬ sprächig, ihr Auge ausdrücklich, ihr Herz wach: — Denen gleiche ich nicht. — 2. Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat alle Grenzsteine verrückt; alle Grenzsteine selber werden ihm in die Luft fliegen, die Erde wird er neu taufen — als „die Leichte.“ Der Vogel Strauss läuft schneller als das schnellste Pferd, aber auch er steckt noch den Kopf schwer in schwere Erde: also der Mensch, der noch nicht fliegen kann. Schwer heisst ihm Erde und Leben; und so will es der Geist der Schwere! Wer aber leicht werden will und ein Vogel, der muss sich selber lieben: — also lehre ich. Nicht freilich mit der Liebe der Siechen und Süchtigen: denn bei denen stinkt auch die Eigenliebe! Man muss sich selber lieben lernen — also lehre ich — mit einer heilen und gesunden Liebe: dass man es bei sich selber aushalte und nicht umherschweife. Solches Umherschweifen tauft sich „Nächstenliebe“: mit diesem Worte ist bisher am besten gelogen und geheuchelt worden, und sonderlich von Solchen, die aller Welt schwer fielen. Und wahrlich, das ist kein Gebot für Heute und

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra03_1884
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra03_1884/70
Zitationshilfe: Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Bd. 3. Chemnitz, 1884, S. 60. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra03_1884/70>, abgerufen am 25.04.2019.