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Czernowitzer Allgemeine Zeitung. Nr. 1069, Czernowitz, 06.08.1907.

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Czernowitzer Allgemeine Zeitung. 6. August 1907

[Spaltenumbruch]
Vom Tage.


Fürst Ferdinand von Bulgarien in Ischl.

Eine kleine, aber durchaus nicht ganz bedeutungslose
Monarchenentrevue hat sich gestern in Ischl vollzogen. Fürst
Ferdinand von Bulgarien ist bei Kaiser Franz
Joseph
in Audienz erschienen. Fürst Ferdinand gehört zwar
unter den Herrschern Europas zu den dii minorum gentium,
in den Balkanfragen aber, bezüglich deren erst kürzlich in
Desio ein neues Uebereinkommen erzielt worden ist, dem
nunmehr auch England beitreten wird, ist Fürst Ferdinand
und sein Land von besonderer Bedeutung, denn Bulgarien
ist nicht unschuldig daran, daß die Bandenbewegung auf dem
Balkan in letzter Zeit besorgniserregende Dimensionen ange-
nommen hat. Es ist also anzunehmen, daß die Aussprache
zwischen Kaiser Franz Joseph und dem Fürsten F[e]rdinand
den Balkanfragen gegolten hat und, da den Fürsten von
Bulgarien an den englischen Hof verwandschaftliche Beziehungen
knüpfen, auch mit dem bevorstehenden Besuche König Eduards
in Ischl zusammenhängt. -- Ein Telegramm meldet dazu:

(Tel. der "Cz. Allg. Ztg.")

Der
Kaiser empfieng heute den Fürsten Ferdinand von
Bulgarien in einstündiger Audienz und stattete ihm später
einen fast halbstündigen Besuch ab. Der Fürst mit Be-
gleitung wurde dem Familiendiner beigezogen und reiste
nachmittags ab.




Die Entrevue von Swinemünde.

Die Berichterstattung über die Entrevue von Swine-
münde beschränkt sich, wie nicht anders zu erwarten, auf die
Anführung der Besuche und Gegenbesuch, Diners, Soupers
und -- Ordensverleihungen, und was die beiden Kaiser und
ihre Reichskanzler verhandeln, bleibt selbstverständlich tiefstes
Geheimnis. Heute wird berichtet:

Der Sonntag. (Tel, der "Cz. Allg. Ztg.")

Heut Vormittags fand auf den "Hohenzollern" ein Gottes-
dienst in Anwesenheit des Zaren statt. Mittags wurde auf
dem "Standart" ein Gottesdienst anläßlich des Namens-
tages der Kaiserinmutter von Rußland abgehalten. Der deutsche
Kaiser und Fürst Bölow nahmen an der Feier teil.

Auszeichnungen. (Tel. der "Cz. Allg. Ztg.")

Kaiser Wilhelm hat dem Gefolge des Zaren zahlreiche
Ordensauszeichnungen, unter anderem dem Hofmarschall
Grafen Benkendorff das Großkreuz des Roten Adler-Ordens
verliehen. Außerdem hat Kaiser Wilhelm dem Minister des
Aeußern Iswolski und dem Minister des kaiserlichen Hofes,
Baron Fredericks, wertvolle Dosen und dem General Tatischt-
schew sein Bild mit seiner Unterschrift zum Geschenk gemacht.




Die Ruthenen.

Der altruthenische Abgeordnete
Kurylowicz ist infolge des bekannten Beschlusses der
altruthenischen Vertrauensmänner aus dem Ruthenenklub
ausgetreten. Die beiden anderen Altruthenen, Pater Dawydiak
und Dr. Korol, die bisher dem Ruthenenklub angehörten,
haben beschlossen, sich an ihre Wähler zu wenden, um deren
Meinung über den Ruthenenklub kennen zu lernen. Die erste
Wählerversammlung fand in Zolkiew statt, zu der achtzig
Vertrauensmänner erschienen waren. Sie forderten Korol auf,
aus dem Ruthenenklub auszutreten. Dieser aber
[Spaltenumbruch] weigerte sich entschieden, der Aufforderung Folge
zu leisten, weil er niemals ein Russe gewesen sei: er bleibe
bis zu seinem Tode ein Ruthene. Er könne nicht mit
Markow zusammengehen, falls er aber gezwungen werden
sollte, aus dem Ruthenenklub auszutreten, so wolle er sich
überhaupt keiner Partei anschließen. Diese Erklärung rief
unter den Vertrauensmännern große Entrüstung
hervor, die sich in heftigen Worten gegen Korol äußerten.
Gleichzeitig fand eine ruthenische Versammlung statt, in
welcher dem Abg. Markow die Mißbilligung aus-
geschprocheu wurde.




Die Deutschenhetze in Südtirol.
Neue Ausschreitungen.

Aus Südtirol werden neue
Gewalttaten gemeldet. Ein Mann, der die nach Persen ge-
liehenen Fahnen in österreichischen und tirolischen Farben
zurückbringen sollte, wurde von einer Italienerhorde überfallen
und die Fahnen geraubt. Ein anderer Deutscher, der nach
Persen fuhr, wurde angehalten. Man fiel dem Pferd in
die Zügel und zwang den Wagen zur Umkehr. Der Reisende
wurde insultiert. Unter den Demonstranten befanden sich
angesehene Bürger von Trient.

Aeußerungen der polnischen Presse.

Die polnischen Blätter Galiziens
veröffentlichen Artikel über die Vorgänge in Persen und
Calliano, in welchen die polnischen Abgeordneten aufgefordert
werden, an die österreichische Regierung das Verlangen zu
stellen, das Professor Edgar Meyer und andere preußische
Agitatoren, welche mit ihrer Propaganda die friedliche Be-
völkerung im Trienter Gebiet beunruhigen, ausgewiesen
werden. Die Polen fordern die Ausweisungeu als Repressalien
gegen die häufigen Ausweisungen polnischer Bürger aus
Preußen.




Hundstagsphantasien.

Bezüglich einer Petersburger Meldung
der "Times", daß die österreichische Diplomatie seit einiger
Zeit bemüht sei, ein neues Dreikaiserbündnis zu gründen,
dessen Zweck darin bestehe, für die Dreikaisermächte das
Monopol eines politischen Einflusses im nahen Orient zu be-
gründen, bemerkt man an hiesiger unterrichteter Stelle, dieser
Artikel der "Times" werde am besten durch die Tatsache
widerlegt, daß König Eduard binnen kurzem mit Kaiser
Franz Joseph in Ischl zusammenkommen und daß bei dieser
Gelegenheit auch Baron Aehrenthal und der englische
Staatssekretär Sir Charles Hardinge anwesend sein
werden. Es ist zweifellos, daß bei dieser Gelegenheit über die
Zustände auf dem Balkan bezw. über die weitere Reform-
aktion gesprochen werden wird, aber man kann mit Sicherheit
annehmen, daß die Besprechungen sich in derselben Linie
bewegen, die Sir Edward Grey im englischen Unterhause
gezogen hat und wie sie in den Anschauungen Oestecreich-
Ungarns längst feststehen. Schon daraus geht hervor, daß die
Aeußerungen der "Times" jeder Begründung entbehren.




Der polnische Schulkampf in Preußen.

Der Kampf der Polen in östlichen Provinzen Preußens
gegen die deutsche Schule scheint vor einer neuen Auflage zu
stehen. Der Streik der Schulkinder ist bekanntlich mißglückt,
[Spaltenumbruch] und nun predigen die polnischen Organe der Boykott gegen
die deutschen Lehrer. Die preußischen Polen können bei ihrem
Kampfe um ihre Sprache gewiß der Sympathie aller Billig-
denkenden sicher sein; alles Mitgefühl mit einem unterdrückten
Volke kann aber die Ablehnung von Kampfesmitteln solcher
Art, wie das jetzt vorgeschlagene, nicht ausschließen. Das sind
Gewaltmaßregeln, die naturgemäß den behördlichen Druck nur
erhöhen müssen und ein Kompromiß, das vielleicht doch
noch gefunden werden könnte, unmöglich machen. Uebrigens
schaffen Märtyrer erfahrungsgemäß nur der Sache Freunde,
für die sie leiden. Es ist daher unklug von den preußischen
Polen, die deutschen Lehrer zu Märtyrern zu stempeln. --
Dazu wird berichtet:

Die "Gazeta Grudziadzka" schreibt:
"Ueberall dort, wo der deutsche Religionsunterricht eingeführt
ist, wo die Eltern und Kindern darunter zu leiden hatten und
haben, dort müßten den Lehrer jede Hilfe versagt werden,
jede, auch die allerkleinste Gefälligkeit. Solch ein Lehrer muß
als unser allergrößter Feind behandelt werden; man
muß ihn fühlen lassen, daß das polnische Volk ihm jede
Unterstützung versagt. Es geht uns auch darum, den
Lehrern zu erkennen zu geben, wie das polnische Volk die-
jenigen zu strafen versteht, die ihm und seinen Kindern
Unrecht zufügen. Das polnische Volk muß einem solchen
Lehrer das Leben versauern, ihm Leiden verschiedener Art
bereiten, so daß er bei Nacht und Nebel aus dem Dorfe
ausrückt. Jeden andern, der solchem Lehrer beisteht und
Hilfe leistet, sieh, o polnisches Volk, als Verräter, als Aus-
wurf der Gesamtheit an."




Aus Rußland.
Das Kronstädter Komplott. (Tei. d. "Cz. Allg. Ztg.")

Durch den Spruch des Kriegsgerichtes in Angelegenheit der
Kronstädter revolutionären Organisation wurden 21 Angeklagte
zu Zwangsarbeit von 4 bis 8 Jahren, ein Student zu 2 Jahren
Festung und ein Marinearzt zur Deportation verurteilt; ein
Student und eine Bäuerin wurden freigesprochen.

Die neue Reichsduma.

Trotz der unklaren politischen
Lage kann man schon jetzt, wenigstens einigermaßen, die Aus-
sichten für die Zusammensetzung der kommenden Reichsdnma
beurteilen. Ministerpräsident Stolypin wandte sich wiederholt
direkt an alle Gouverneure mit dem Ersuchen, ihm mitzu-
teilen, welches Resultat in dem betreffenden Gouvernements
erzielt werden könne, wenn das neue Wahlrecht strikte durch-
geführt wird. Nun erhielt Stolypin von den Gouverneuren
Antworten, von denen die meisten die Behauptung enthalten,
daß absolut kein Grund vorhanden sei, den Ausgang
der neuen Wahlen lediglich in dem von der russischen Re-
gierung gewünschten Sinne zu erwarten. Einige Gouverneure
haben die Hoffnung ausgesprochen, daß es bei milderem
Vorgehen seitens der russischen Regierung und bei einer ge-
nügenden Propagandatätigkeit der Regierungskommissäre, wie
bei einem vernünftigen Vorgehen der russischen Administration
doch möglich sein wird, ruhige und selbstbewußte Elemente
für die neue Reichsduma in dem betreffenden Gouvernement
durchzusetzen.




Die Vorgänge in Marokko.

Die nächsten Schritte Frankreichs und Spaniens in
Marokko werden in der Entsendung beträchtlicher Streitkräfte




[Spaltenumbruch]

Gerade, als der Straßenbahnwagen anhalten w[o]llte, weil
er nicht weiter konnte, bewegten sich die Gäule, die das Klingel-
zeichen gehört hatten, instinktiv aus eigenem Antrieb vorwärts.
Wütend versuchte der Bierkutscher, sie zurückzutreiben, aber
schon fuhr die Elektrische über den frei gewordenen Raum,
und ihr Führer lachte.

Das war wie Feuer auf Pulver.

Alle Anwesenden sympatisierten mit den Streikern. Keine
sollte sich unterstehen, über sie zu lachen. Mit wildem Toben
rasten sie hinter dem Wagen her und umstellten ihn.

"Schnell," rief der Fahrer dem Mädchen zu, "verstecken
Sie sich, sie werfen!"

Annie kauerte bereits zwischen den Sitzen nieder.

Ueber ihr krachte etwas, und ein Stein fiel auf ihren
Rock. Sie strich sich die Glassplitter aus dem Haar und
kroch näher zu dem Fahrer heran. Ein Ei kam durch die
Luft geflogen und zerschellte an seiner Mütze. Nur rückweise
kam der Wagen vorwärts.

Der Schaffner hatte sich flach hinter ihr auf den Boden
gelegt und seinen Kopf unter einem Sitz verborgen. Es kam
ihr plötzlich erbärmllch vor, daß sie den Mann da draußen
ganz allein kämpfen ließ. Hunderte von Menschen umringten
ihn, sie konnte ihre Gesichter sehen, wenn sie die Augen zum
Fenster hob.

Jetzt stieß der Fahrer einen Strolch hinunter, der auf-
springen wollte; der Kerl stürzte ab. Wilderes Geschrei ertönte,
und ein anderer Stein, größer als der vorherige, fiel neben
ihr nieder.

Er hatte den Führer -- mitten zwischen den Augen
getroffen.

Sie sah seine Hände am Rad beben und das rote Blut
aus dem Munde fließen. Da vergaß sie ihre Furcht --
vergaß alles, außer daß ein Mensch in Gefahr war.

Sie sprang auf und hinaus, zog den Verletzten so unge-
[Spaltenumbruch] stüm hinter sich, daß er zusammengekauert zu Boden sank,
und trat an seine Stelle. Ihre Hände lagen auf dem Rad
wie kurz vorher die seinigen, ihre Röcke bedeckten ihn teil-
weise vor der wütenden Menge.

Vor Ueberraschung verhielt sich der Mob einige Sekunden
schweigsam, und sie wußte, was dieses Schweigen wert war.

"Aus dem Weg dort," rief sie mit ihrer hohen Mädchen-
stimme, die laut über den Platz schallte. "Aus dem Weg,
und laßt den Wagen weiterfahren. Feiglinge -- Ihr Feig-
linge -- so viele gegen einen! Fort, oder ich überfahre Euch!
Ich warne Euch! Ich tue es! Ich habe die Kraft und ich
benutze sie. Geht, geht, geht!" Und ihr Absatz stieß scharf
auf die Klingel, deren warnendes Signal alle so gut kannten.

Es schien sie aus ihrer Erstarrung zu wecken.

"Halt's Maul!" schrie eine Stimme. "Es ist nur ein
Mädel, Genossen! Laßt Euch nichts ins Bockshorn jagen!"

Ein Stein sauste dicht an ihrem Kops vorüber. Sie
stand unbeweglich da.

"Fort, fort," rief sie noch einmal. "Wenn einer zu
Schaden kommt, trifft mich keine Schuld!"

Und ohne ein weiteres Wort drehte sie das Rad herum,
lockerte die Bremse, und der große Wagen sprang mit
einem Satz vorwärts. Heulend und fluchend wich die Menge
zurück.

Sie sah, daß ein paar Leute fielen, aber keiner kam
unter die Räder. Finster stand sie auf ihrem Posten, die
Augen geradeaus gerichtet, selbst, als der Marktplatz schon
weit hinter ihr lag und das Lärmen der Massen nur noch
dumpf zu ihr herüberklang.

Nicht hinter sich wagte sie zu blicken. Wenn der Fahrer
nun tot war? Der Wagen flog surrend über die Schienen.
Erregte Zurufe tönten an ihr Ohr, aber sie raste weiter. Hilfe
wollte sie herbeiholen, Hilfe von ihrer Zeitung.

Vor der Redaktion war eine Haltestelle. An die anderen
[Spaltenumbruch] Linien hatte sie gar nicht gedacht, und nur wie durch ein
Wunder war ein Zusammenstoß vermieden worden.

Nun sing sie an zu schluchzen und Tränen traten ihr in
die Augen. Als sie sie auf ihren Händen fühlte, erinnerte sie
sich plötzlich an die Blutstropfen, die auf die kräftigen Finger
des Fahrers gefallen waren, und ein Zittern überlief ihren
Körper.

Da hörte sie ihren Namen rufen und sah jemand neben
dem Wagen herlaufen.

Mechanisch drehte sie an der Bremsvorrichtung, die
Fahrgeschwindigkeit verringerte sich zusehends, und im Augen-
blick, wo sich Stahl keuchend und atemlos an ihre Seite
schwang, hielt sie mit einem Ruck an.

"Fräulein Meister, Annie, stammelte er, "um Himmels-
willen, was ist geschehen? Sind Sie verwundet?"

Statt aller Antwort deutete sie auf den wimmernden
Mann, zu ihren Füßen.

"Sie -- sie wollten ihn töten," sagte sie mit schriller
Stimme, "und ich sprang für ihn ein. Das ist alles." Dann
als sie Lautens bleiches, verängstigtes Antlitz vor sich auf-
tauchen sah, raffte sie ihre letzte Kraft zusammen, richtete sich
stolz auf und reichte ihm die kleine, zerknitterte Photographie.

"Hier ist das Bild, Herr Lauten," murmelte sie beinahe
unverständlich, "die Geschichte dazu werde ich -- werde ich
-- heute --." Sie wankte und fiel Stahl bewußtlos in die
Arme, der sie zärtlich emporhob und in das Redaktions
gebäude trug.

"Nun?" konnte er sich nicht enthalten den Freund zu
fragen, während er das Mädchen sanft auf ein Sofa gleiten
ließ, "nun, Walter, wer hat recht gehabt?"

"Du," erwiderte der andere zögernd, und sein Blick
weilte mit seltsamem Ausdruck auf der langsam wieder Er-
wachenden, "Du hast sie besser erkannt als ich, wahre Dir
Dein Glück!"




Czernowitzer Allgemeine Zeitung. 6. Auguſt 1907

[Spaltenumbruch]
Vom Tage.


Fürſt Ferdinand von Bulgarien in Iſchl.

Eine kleine, aber durchaus nicht ganz bedeutungsloſe
Monarchenentrevue hat ſich geſtern in Iſchl vollzogen. Fürſt
Ferdinand von Bulgarien iſt bei Kaiſer Franz
Joſeph
in Audienz erſchienen. Fürſt Ferdinand gehört zwar
unter den Herrſchern Europas zu den dii minorum gentium,
in den Balkanfragen aber, bezüglich deren erſt kürzlich in
Deſio ein neues Uebereinkommen erzielt worden iſt, dem
nunmehr auch England beitreten wird, iſt Fürſt Ferdinand
und ſein Land von beſonderer Bedeutung, denn Bulgarien
iſt nicht unſchuldig daran, daß die Bandenbewegung auf dem
Balkan in letzter Zeit beſorgniserregende Dimenſionen ange-
nommen hat. Es iſt alſo anzunehmen, daß die Ausſprache
zwiſchen Kaiſer Franz Joſeph und dem Fürſten F[e]rdinand
den Balkanfragen gegolten hat und, da den Fürſten von
Bulgarien an den engliſchen Hof verwandſchaftliche Beziehungen
knüpfen, auch mit dem bevorſtehenden Beſuche König Eduards
in Iſchl zuſammenhängt. — Ein Telegramm meldet dazu:

(Tel. der „Cz. Allg. Ztg.“)

Der
Kaiſer empfieng heute den Fürſten Ferdinand von
Bulgarien in einſtündiger Audienz und ſtattete ihm ſpäter
einen faſt halbſtündigen Beſuch ab. Der Fürſt mit Be-
gleitung wurde dem Familiendiner beigezogen und reiſte
nachmittags ab.




Die Entrevue von Swinemünde.

Die Berichterſtattung über die Entrevue von Swine-
münde beſchränkt ſich, wie nicht anders zu erwarten, auf die
Anführung der Beſuche und Gegenbeſuch, Diners, Soupers
und — Ordensverleihungen, und was die beiden Kaiſer und
ihre Reichskanzler verhandeln, bleibt ſelbſtverſtändlich tiefſtes
Geheimnis. Heute wird berichtet:

Der Sonntag. (Tel, der „Cz. Allg. Ztg.“)

Heut Vormittags fand auf den „Hohenzollern“ ein Gottes-
dienſt in Anweſenheit des Zaren ſtatt. Mittags wurde auf
dem „Standart“ ein Gottesdienſt anläßlich des Namens-
tages der Kaiſerinmutter von Rußland abgehalten. Der deutſche
Kaiſer und Fürſt Bölow nahmen an der Feier teil.

Auszeichnungen. (Tel. der „Cz. Allg. Ztg.“)

Kaiſer Wilhelm hat dem Gefolge des Zaren zahlreiche
Ordensauszeichnungen, unter anderem dem Hofmarſchall
Grafen Benkendorff das Großkreuz des Roten Adler-Ordens
verliehen. Außerdem hat Kaiſer Wilhelm dem Miniſter des
Aeußern Iswolski und dem Miniſter des kaiſerlichen Hofes,
Baron Fredericks, wertvolle Doſen und dem General Tatiſcht-
ſchew ſein Bild mit ſeiner Unterſchrift zum Geſchenk gemacht.




Die Ruthenen.

Der altrutheniſche Abgeordnete
Kurylowicz iſt infolge des bekannten Beſchluſſes der
altrutheniſchen Vertrauensmänner aus dem Ruthenenklub
ausgetreten. Die beiden anderen Altruthenen, Pater Dawydiak
und Dr. Korol, die bisher dem Ruthenenklub angehörten,
haben beſchloſſen, ſich an ihre Wähler zu wenden, um deren
Meinung über den Ruthenenklub kennen zu lernen. Die erſte
Wählerverſammlung fand in Zolkiew ſtatt, zu der achtzig
Vertrauensmänner erſchienen waren. Sie forderten Korol auf,
aus dem Ruthenenklub auszutreten. Dieſer aber
[Spaltenumbruch] weigerte ſich entſchieden, der Aufforderung Folge
zu leiſten, weil er niemals ein Ruſſe geweſen ſei: er bleibe
bis zu ſeinem Tode ein Ruthene. Er könne nicht mit
Markow zuſammengehen, falls er aber gezwungen werden
ſollte, aus dem Ruthenenklub auszutreten, ſo wolle er ſich
überhaupt keiner Partei anſchließen. Dieſe Erklärung rief
unter den Vertrauensmännern große Entrüſtung
hervor, die ſich in heftigen Worten gegen Korol äußerten.
Gleichzeitig fand eine rutheniſche Verſammlung ſtatt, in
welcher dem Abg. Markow die Mißbilligung aus-
geſchprocheu wurde.




Die Deutſchenhetze in Südtirol.
Neue Ausſchreitungen.

Aus Südtirol werden neue
Gewalttaten gemeldet. Ein Mann, der die nach Perſen ge-
liehenen Fahnen in öſterreichiſchen und tiroliſchen Farben
zurückbringen ſollte, wurde von einer Italienerhorde überfallen
und die Fahnen geraubt. Ein anderer Deutſcher, der nach
Perſen fuhr, wurde angehalten. Man fiel dem Pferd in
die Zügel und zwang den Wagen zur Umkehr. Der Reiſende
wurde inſultiert. Unter den Demonſtranten befanden ſich
angeſehene Bürger von Trient.

Aeußerungen der polniſchen Preſſe.

Die polniſchen Blätter Galiziens
veröffentlichen Artikel über die Vorgänge in Perſen und
Calliano, in welchen die polniſchen Abgeordneten aufgefordert
werden, an die öſterreichiſche Regierung das Verlangen zu
ſtellen, das Profeſſor Edgar Meyer und andere preußiſche
Agitatoren, welche mit ihrer Propaganda die friedliche Be-
völkerung im Trienter Gebiet beunruhigen, ausgewieſen
werden. Die Polen fordern die Ausweiſungeu als Repreſſalien
gegen die häufigen Ausweiſungen polniſcher Bürger aus
Preußen.




Hundstagsphantaſien.

Bezüglich einer Petersburger Meldung
der „Times“, daß die öſterreichiſche Diplomatie ſeit einiger
Zeit bemüht ſei, ein neues Dreikaiſerbündnis zu gründen,
deſſen Zweck darin beſtehe, für die Dreikaiſermächte das
Monopol eines politiſchen Einfluſſes im nahen Orient zu be-
gründen, bemerkt man an hieſiger unterrichteter Stelle, dieſer
Artikel der „Times“ werde am beſten durch die Tatſache
widerlegt, daß König Eduard binnen kurzem mit Kaiſer
Franz Joſeph in Iſchl zuſammenkommen und daß bei dieſer
Gelegenheit auch Baron Aehrenthal und der engliſche
Staatsſekretär Sir Charles Hardinge anweſend ſein
werden. Es iſt zweifellos, daß bei dieſer Gelegenheit über die
Zuſtände auf dem Balkan bezw. über die weitere Reform-
aktion geſprochen werden wird, aber man kann mit Sicherheit
annehmen, daß die Beſprechungen ſich in derſelben Linie
bewegen, die Sir Edward Grey im engliſchen Unterhauſe
gezogen hat und wie ſie in den Anſchauungen Oeſtecreich-
Ungarns längſt feſtſtehen. Schon daraus geht hervor, daß die
Aeußerungen der „Times“ jeder Begründung entbehren.




Der polniſche Schulkampf in Preußen.

Der Kampf der Polen in öſtlichen Provinzen Preußens
gegen die deutſche Schule ſcheint vor einer neuen Auflage zu
ſtehen. Der Streik der Schulkinder iſt bekanntlich mißglückt,
[Spaltenumbruch] und nun predigen die polniſchen Organe der Boykott gegen
die deutſchen Lehrer. Die preußiſchen Polen können bei ihrem
Kampfe um ihre Sprache gewiß der Sympathie aller Billig-
denkenden ſicher ſein; alles Mitgefühl mit einem unterdrückten
Volke kann aber die Ablehnung von Kampfesmitteln ſolcher
Art, wie das jetzt vorgeſchlagene, nicht ausſchließen. Das ſind
Gewaltmaßregeln, die naturgemäß den behördlichen Druck nur
erhöhen müſſen und ein Kompromiß, das vielleicht doch
noch gefunden werden könnte, unmöglich machen. Uebrigens
ſchaffen Märtyrer erfahrungsgemäß nur der Sache Freunde,
für die ſie leiden. Es iſt daher unklug von den preußiſchen
Polen, die deutſchen Lehrer zu Märtyrern zu ſtempeln. —
Dazu wird berichtet:

Die „Gazeta Grudziadzka“ ſchreibt:
„Ueberall dort, wo der deutſche Religionsunterricht eingeführt
iſt, wo die Eltern und Kindern darunter zu leiden hatten und
haben, dort müßten den Lehrer jede Hilfe verſagt werden,
jede, auch die allerkleinſte Gefälligkeit. Solch ein Lehrer muß
als unſer allergrößter Feind behandelt werden; man
muß ihn fühlen laſſen, daß das polniſche Volk ihm jede
Unterſtützung verſagt. Es geht uns auch darum, den
Lehrern zu erkennen zu geben, wie das polniſche Volk die-
jenigen zu ſtrafen verſteht, die ihm und ſeinen Kindern
Unrecht zufügen. Das polniſche Volk muß einem ſolchen
Lehrer das Leben verſauern, ihm Leiden verſchiedener Art
bereiten, ſo daß er bei Nacht und Nebel aus dem Dorfe
ausrückt. Jeden andern, der ſolchem Lehrer beiſteht und
Hilfe leiſtet, ſieh, o polniſches Volk, als Verräter, als Aus-
wurf der Geſamtheit an.“




Aus Rußland.
Das Kronſtädter Komplott. (Tei. d. „Cz. Allg. Ztg.“)

Durch den Spruch des Kriegsgerichtes in Angelegenheit der
Kronſtädter revolutionären Organiſation wurden 21 Angeklagte
zu Zwangsarbeit von 4 bis 8 Jahren, ein Student zu 2 Jahren
Feſtung und ein Marinearzt zur Deportation verurteilt; ein
Student und eine Bäuerin wurden freigeſprochen.

Die neue Reichsduma.

Trotz der unklaren politiſchen
Lage kann man ſchon jetzt, wenigſtens einigermaßen, die Aus-
ſichten für die Zuſammenſetzung der kommenden Reichsdnma
beurteilen. Miniſterpräſident Stolypin wandte ſich wiederholt
direkt an alle Gouverneure mit dem Erſuchen, ihm mitzu-
teilen, welches Reſultat in dem betreffenden Gouvernements
erzielt werden könne, wenn das neue Wahlrecht ſtrikte durch-
geführt wird. Nun erhielt Stolypin von den Gouverneuren
Antworten, von denen die meiſten die Behauptung enthalten,
daß abſolut kein Grund vorhanden ſei, den Ausgang
der neuen Wahlen lediglich in dem von der ruſſiſchen Re-
gierung gewünſchten Sinne zu erwarten. Einige Gouverneure
haben die Hoffnung ausgeſprochen, daß es bei milderem
Vorgehen ſeitens der ruſſiſchen Regierung und bei einer ge-
nügenden Propagandatätigkeit der Regierungskommiſſäre, wie
bei einem vernünftigen Vorgehen der ruſſiſchen Adminiſtration
doch möglich ſein wird, ruhige und ſelbſtbewußte Elemente
für die neue Reichsduma in dem betreffenden Gouvernement
durchzuſetzen.




Die Vorgänge in Marokko.

Die nächſten Schritte Frankreichs und Spaniens in
Marokko werden in der Entſendung beträchtlicher Streitkräfte




[Spaltenumbruch]

Gerade, als der Straßenbahnwagen anhalten w[o]llte, weil
er nicht weiter konnte, bewegten ſich die Gäule, die das Klingel-
zeichen gehört hatten, inſtinktiv aus eigenem Antrieb vorwärts.
Wütend verſuchte der Bierkutſcher, ſie zurückzutreiben, aber
ſchon fuhr die Elektriſche über den frei gewordenen Raum,
und ihr Führer lachte.

Das war wie Feuer auf Pulver.

Alle Anweſenden ſympatiſierten mit den Streikern. Keine
ſollte ſich unterſtehen, über ſie zu lachen. Mit wildem Toben
raſten ſie hinter dem Wagen her und umſtellten ihn.

„Schnell,“ rief der Fahrer dem Mädchen zu, „verſtecken
Sie ſich, ſie werfen!“

Annie kauerte bereits zwiſchen den Sitzen nieder.

Ueber ihr krachte etwas, und ein Stein fiel auf ihren
Rock. Sie ſtrich ſich die Glasſplitter aus dem Haar und
kroch näher zu dem Fahrer heran. Ein Ei kam durch die
Luft geflogen und zerſchellte an ſeiner Mütze. Nur rückweiſe
kam der Wagen vorwärts.

Der Schaffner hatte ſich flach hinter ihr auf den Boden
gelegt und ſeinen Kopf unter einem Sitz verborgen. Es kam
ihr plötzlich erbärmllch vor, daß ſie den Mann da draußen
ganz allein kämpfen ließ. Hunderte von Menſchen umringten
ihn, ſie konnte ihre Geſichter ſehen, wenn ſie die Augen zum
Fenſter hob.

Jetzt ſtieß der Fahrer einen Strolch hinunter, der auf-
ſpringen wollte; der Kerl ſtürzte ab. Wilderes Geſchrei ertönte,
und ein anderer Stein, größer als der vorherige, fiel neben
ihr nieder.

Er hatte den Führer — mitten zwiſchen den Augen
getroffen.

Sie ſah ſeine Hände am Rad beben und das rote Blut
aus dem Munde fließen. Da vergaß ſie ihre Furcht —
vergaß alles, außer daß ein Menſch in Gefahr war.

Sie ſprang auf und hinaus, zog den Verletzten ſo unge-
[Spaltenumbruch] ſtüm hinter ſich, daß er zuſammengekauert zu Boden ſank,
und trat an ſeine Stelle. Ihre Hände lagen auf dem Rad
wie kurz vorher die ſeinigen, ihre Röcke bedeckten ihn teil-
weiſe vor der wütenden Menge.

Vor Ueberraſchung verhielt ſich der Mob einige Sekunden
ſchweigſam, und ſie wußte, was dieſes Schweigen wert war.

„Aus dem Weg dort,“ rief ſie mit ihrer hohen Mädchen-
ſtimme, die laut über den Platz ſchallte. „Aus dem Weg,
und laßt den Wagen weiterfahren. Feiglinge — Ihr Feig-
linge — ſo viele gegen einen! Fort, oder ich überfahre Euch!
Ich warne Euch! Ich tue es! Ich habe die Kraft und ich
benutze ſie. Geht, geht, geht!“ Und ihr Abſatz ſtieß ſcharf
auf die Klingel, deren warnendes Signal alle ſo gut kannten.

Es ſchien ſie aus ihrer Erſtarrung zu wecken.

„Halt’s Maul!“ ſchrie eine Stimme. „Es iſt nur ein
Mädel, Genoſſen! Laßt Euch nichts ins Bockshorn jagen!“

Ein Stein ſauſte dicht an ihrem Kopſ vorüber. Sie
ſtand unbeweglich da.

„Fort, fort,“ rief ſie noch einmal. „Wenn einer zu
Schaden kommt, trifft mich keine Schuld!“

Und ohne ein weiteres Wort drehte ſie das Rad herum,
lockerte die Bremſe, und der große Wagen ſprang mit
einem Satz vorwärts. Heulend und fluchend wich die Menge
zurück.

Sie ſah, daß ein paar Leute fielen, aber keiner kam
unter die Räder. Finſter ſtand ſie auf ihrem Poſten, die
Augen geradeaus gerichtet, ſelbſt, als der Marktplatz ſchon
weit hinter ihr lag und das Lärmen der Maſſen nur noch
dumpf zu ihr herüberklang.

Nicht hinter ſich wagte ſie zu blicken. Wenn der Fahrer
nun tot war? Der Wagen flog ſurrend über die Schienen.
Erregte Zurufe tönten an ihr Ohr, aber ſie raſte weiter. Hilfe
wollte ſie herbeiholen, Hilfe von ihrer Zeitung.

Vor der Redaktion war eine Halteſtelle. An die anderen
[Spaltenumbruch] Linien hatte ſie gar nicht gedacht, und nur wie durch ein
Wunder war ein Zuſammenſtoß vermieden worden.

Nun ſing ſie an zu ſchluchzen und Tränen traten ihr in
die Augen. Als ſie ſie auf ihren Händen fühlte, erinnerte ſie
ſich plötzlich an die Blutstropfen, die auf die kräftigen Finger
des Fahrers gefallen waren, und ein Zittern überlief ihren
Körper.

Da hörte ſie ihren Namen rufen und ſah jemand neben
dem Wagen herlaufen.

Mechaniſch drehte ſie an der Bremsvorrichtung, die
Fahrgeſchwindigkeit verringerte ſich zuſehends, und im Augen-
blick, wo ſich Stahl keuchend und atemlos an ihre Seite
ſchwang, hielt ſie mit einem Ruck an.

„Fräulein Meiſter, Annie, ſtammelte er, „um Himmels-
willen, was iſt geſchehen? Sind Sie verwundet?“

Statt aller Antwort deutete ſie auf den wimmernden
Mann, zu ihren Füßen.

„Sie — ſie wollten ihn töten,“ ſagte ſie mit ſchriller
Stimme, „und ich ſprang für ihn ein. Das iſt alles.“ Dann
als ſie Lautens bleiches, verängſtigtes Antlitz vor ſich auf-
tauchen ſah, raffte ſie ihre letzte Kraft zuſammen, richtete ſich
ſtolz auf und reichte ihm die kleine, zerknitterte Photographie.

„Hier iſt das Bild, Herr Lauten,“ murmelte ſie beinahe
unverſtändlich, „die Geſchichte dazu werde ich — werde ich
— heute —.“ Sie wankte und fiel Stahl bewußtlos in die
Arme, der ſie zärtlich emporhob und in das Redaktions
gebäude trug.

„Nun?“ konnte er ſich nicht enthalten den Freund zu
fragen, während er das Mädchen ſanft auf ein Sofa gleiten
ließ, „nun, Walter, wer hat recht gehabt?“

„Du,“ erwiderte der andere zögernd, und ſein Blick
weilte mit ſeltſamem Ausdruck auf der langſam wieder Er-
wachenden, „Du haſt ſie beſſer erkannt als ich, wahre Dir
Dein Glück!“




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Per&#x017F;en fuhr, wurde angehalten. Man fiel dem Pferd in<lb/>
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[2/0002] Czernowitzer Allgemeine Zeitung. 6. Auguſt 1907 Vom Tage. Czernowitz, 15. Auguſt. Fürſt Ferdinand von Bulgarien in Iſchl. Eine kleine, aber durchaus nicht ganz bedeutungsloſe Monarchenentrevue hat ſich geſtern in Iſchl vollzogen. Fürſt Ferdinand von Bulgarien iſt bei Kaiſer Franz Joſeph in Audienz erſchienen. Fürſt Ferdinand gehört zwar unter den Herrſchern Europas zu den dii minorum gentium, in den Balkanfragen aber, bezüglich deren erſt kürzlich in Deſio ein neues Uebereinkommen erzielt worden iſt, dem nunmehr auch England beitreten wird, iſt Fürſt Ferdinand und ſein Land von beſonderer Bedeutung, denn Bulgarien iſt nicht unſchuldig daran, daß die Bandenbewegung auf dem Balkan in letzter Zeit beſorgniserregende Dimenſionen ange- nommen hat. Es iſt alſo anzunehmen, daß die Ausſprache zwiſchen Kaiſer Franz Joſeph und dem Fürſten Ferdinand den Balkanfragen gegolten hat und, da den Fürſten von Bulgarien an den engliſchen Hof verwandſchaftliche Beziehungen knüpfen, auch mit dem bevorſtehenden Beſuche König Eduards in Iſchl zuſammenhängt. — Ein Telegramm meldet dazu: Iſchl, 4. Auguſt. (Tel. der „Cz. Allg. Ztg.“) Der Kaiſer empfieng heute den Fürſten Ferdinand von Bulgarien in einſtündiger Audienz und ſtattete ihm ſpäter einen faſt halbſtündigen Beſuch ab. Der Fürſt mit Be- gleitung wurde dem Familiendiner beigezogen und reiſte nachmittags ab. Die Entrevue von Swinemünde. Die Berichterſtattung über die Entrevue von Swine- münde beſchränkt ſich, wie nicht anders zu erwarten, auf die Anführung der Beſuche und Gegenbeſuch, Diners, Soupers und — Ordensverleihungen, und was die beiden Kaiſer und ihre Reichskanzler verhandeln, bleibt ſelbſtverſtändlich tiefſtes Geheimnis. Heute wird berichtet: Der Sonntag. Sinemünde, 4. Auguſt. (Tel, der „Cz. Allg. Ztg.“) Heut Vormittags fand auf den „Hohenzollern“ ein Gottes- dienſt in Anweſenheit des Zaren ſtatt. Mittags wurde auf dem „Standart“ ein Gottesdienſt anläßlich des Namens- tages der Kaiſerinmutter von Rußland abgehalten. Der deutſche Kaiſer und Fürſt Bölow nahmen an der Feier teil. Auszeichnungen. Swinemünde, 4. Auguſt. (Tel. der „Cz. Allg. Ztg.“) Kaiſer Wilhelm hat dem Gefolge des Zaren zahlreiche Ordensauszeichnungen, unter anderem dem Hofmarſchall Grafen Benkendorff das Großkreuz des Roten Adler-Ordens verliehen. Außerdem hat Kaiſer Wilhelm dem Miniſter des Aeußern Iswolski und dem Miniſter des kaiſerlichen Hofes, Baron Fredericks, wertvolle Doſen und dem General Tatiſcht- ſchew ſein Bild mit ſeiner Unterſchrift zum Geſchenk gemacht. Die Ruthenen. Lemberg, 4. Auguſt. Der altrutheniſche Abgeordnete Kurylowicz iſt infolge des bekannten Beſchluſſes der altrutheniſchen Vertrauensmänner aus dem Ruthenenklub ausgetreten. Die beiden anderen Altruthenen, Pater Dawydiak und Dr. Korol, die bisher dem Ruthenenklub angehörten, haben beſchloſſen, ſich an ihre Wähler zu wenden, um deren Meinung über den Ruthenenklub kennen zu lernen. Die erſte Wählerverſammlung fand in Zolkiew ſtatt, zu der achtzig Vertrauensmänner erſchienen waren. Sie forderten Korol auf, aus dem Ruthenenklub auszutreten. Dieſer aber weigerte ſich entſchieden, der Aufforderung Folge zu leiſten, weil er niemals ein Ruſſe geweſen ſei: er bleibe bis zu ſeinem Tode ein Ruthene. Er könne nicht mit Markow zuſammengehen, falls er aber gezwungen werden ſollte, aus dem Ruthenenklub auszutreten, ſo wolle er ſich überhaupt keiner Partei anſchließen. Dieſe Erklärung rief unter den Vertrauensmännern große Entrüſtung hervor, die ſich in heftigen Worten gegen Korol äußerten. Gleichzeitig fand eine rutheniſche Verſammlung ſtatt, in welcher dem Abg. Markow die Mißbilligung aus- geſchprocheu wurde. Die Deutſchenhetze in Südtirol. Neue Ausſchreitungen. Innsbruck, 4. Auguſt. Aus Südtirol werden neue Gewalttaten gemeldet. Ein Mann, der die nach Perſen ge- liehenen Fahnen in öſterreichiſchen und tiroliſchen Farben zurückbringen ſollte, wurde von einer Italienerhorde überfallen und die Fahnen geraubt. Ein anderer Deutſcher, der nach Perſen fuhr, wurde angehalten. Man fiel dem Pferd in die Zügel und zwang den Wagen zur Umkehr. Der Reiſende wurde inſultiert. Unter den Demonſtranten befanden ſich angeſehene Bürger von Trient. Aeußerungen der polniſchen Preſſe. Lemberg, 4. Auguſt. Die polniſchen Blätter Galiziens veröffentlichen Artikel über die Vorgänge in Perſen und Calliano, in welchen die polniſchen Abgeordneten aufgefordert werden, an die öſterreichiſche Regierung das Verlangen zu ſtellen, das Profeſſor Edgar Meyer und andere preußiſche Agitatoren, welche mit ihrer Propaganda die friedliche Be- völkerung im Trienter Gebiet beunruhigen, ausgewieſen werden. Die Polen fordern die Ausweiſungeu als Repreſſalien gegen die häufigen Ausweiſungen polniſcher Bürger aus Preußen. Hundstagsphantaſien. Wien, 4. Auguſt. Bezüglich einer Petersburger Meldung der „Times“, daß die öſterreichiſche Diplomatie ſeit einiger Zeit bemüht ſei, ein neues Dreikaiſerbündnis zu gründen, deſſen Zweck darin beſtehe, für die Dreikaiſermächte das Monopol eines politiſchen Einfluſſes im nahen Orient zu be- gründen, bemerkt man an hieſiger unterrichteter Stelle, dieſer Artikel der „Times“ werde am beſten durch die Tatſache widerlegt, daß König Eduard binnen kurzem mit Kaiſer Franz Joſeph in Iſchl zuſammenkommen und daß bei dieſer Gelegenheit auch Baron Aehrenthal und der engliſche Staatsſekretär Sir Charles Hardinge anweſend ſein werden. Es iſt zweifellos, daß bei dieſer Gelegenheit über die Zuſtände auf dem Balkan bezw. über die weitere Reform- aktion geſprochen werden wird, aber man kann mit Sicherheit annehmen, daß die Beſprechungen ſich in derſelben Linie bewegen, die Sir Edward Grey im engliſchen Unterhauſe gezogen hat und wie ſie in den Anſchauungen Oeſtecreich- Ungarns längſt feſtſtehen. Schon daraus geht hervor, daß die Aeußerungen der „Times“ jeder Begründung entbehren. Der polniſche Schulkampf in Preußen. Der Kampf der Polen in öſtlichen Provinzen Preußens gegen die deutſche Schule ſcheint vor einer neuen Auflage zu ſtehen. Der Streik der Schulkinder iſt bekanntlich mißglückt, und nun predigen die polniſchen Organe der Boykott gegen die deutſchen Lehrer. Die preußiſchen Polen können bei ihrem Kampfe um ihre Sprache gewiß der Sympathie aller Billig- denkenden ſicher ſein; alles Mitgefühl mit einem unterdrückten Volke kann aber die Ablehnung von Kampfesmitteln ſolcher Art, wie das jetzt vorgeſchlagene, nicht ausſchließen. Das ſind Gewaltmaßregeln, die naturgemäß den behördlichen Druck nur erhöhen müſſen und ein Kompromiß, das vielleicht doch noch gefunden werden könnte, unmöglich machen. Uebrigens ſchaffen Märtyrer erfahrungsgemäß nur der Sache Freunde, für die ſie leiden. Es iſt daher unklug von den preußiſchen Polen, die deutſchen Lehrer zu Märtyrern zu ſtempeln. — Dazu wird berichtet: Poſen, 4. Auguſt. Die „Gazeta Grudziadzka“ ſchreibt: „Ueberall dort, wo der deutſche Religionsunterricht eingeführt iſt, wo die Eltern und Kindern darunter zu leiden hatten und haben, dort müßten den Lehrer jede Hilfe verſagt werden, jede, auch die allerkleinſte Gefälligkeit. Solch ein Lehrer muß als unſer allergrößter Feind behandelt werden; man muß ihn fühlen laſſen, daß das polniſche Volk ihm jede Unterſtützung verſagt. Es geht uns auch darum, den Lehrern zu erkennen zu geben, wie das polniſche Volk die- jenigen zu ſtrafen verſteht, die ihm und ſeinen Kindern Unrecht zufügen. Das polniſche Volk muß einem ſolchen Lehrer das Leben verſauern, ihm Leiden verſchiedener Art bereiten, ſo daß er bei Nacht und Nebel aus dem Dorfe ausrückt. Jeden andern, der ſolchem Lehrer beiſteht und Hilfe leiſtet, ſieh, o polniſches Volk, als Verräter, als Aus- wurf der Geſamtheit an.“ Aus Rußland. Das Kronſtädter Komplott. Petersburg, 4. Auguſt. (Tei. d. „Cz. Allg. Ztg.“) Durch den Spruch des Kriegsgerichtes in Angelegenheit der Kronſtädter revolutionären Organiſation wurden 21 Angeklagte zu Zwangsarbeit von 4 bis 8 Jahren, ein Student zu 2 Jahren Feſtung und ein Marinearzt zur Deportation verurteilt; ein Student und eine Bäuerin wurden freigeſprochen. Die neue Reichsduma. Petersburg, 4. Auguſt. Trotz der unklaren politiſchen Lage kann man ſchon jetzt, wenigſtens einigermaßen, die Aus- ſichten für die Zuſammenſetzung der kommenden Reichsdnma beurteilen. Miniſterpräſident Stolypin wandte ſich wiederholt direkt an alle Gouverneure mit dem Erſuchen, ihm mitzu- teilen, welches Reſultat in dem betreffenden Gouvernements erzielt werden könne, wenn das neue Wahlrecht ſtrikte durch- geführt wird. Nun erhielt Stolypin von den Gouverneuren Antworten, von denen die meiſten die Behauptung enthalten, daß abſolut kein Grund vorhanden ſei, den Ausgang der neuen Wahlen lediglich in dem von der ruſſiſchen Re- gierung gewünſchten Sinne zu erwarten. Einige Gouverneure haben die Hoffnung ausgeſprochen, daß es bei milderem Vorgehen ſeitens der ruſſiſchen Regierung und bei einer ge- nügenden Propagandatätigkeit der Regierungskommiſſäre, wie bei einem vernünftigen Vorgehen der ruſſiſchen Adminiſtration doch möglich ſein wird, ruhige und ſelbſtbewußte Elemente für die neue Reichsduma in dem betreffenden Gouvernement durchzuſetzen. Die Vorgänge in Marokko. Die nächſten Schritte Frankreichs und Spaniens in Marokko werden in der Entſendung beträchtlicher Streitkräfte Gerade, als der Straßenbahnwagen anhalten wollte, weil er nicht weiter konnte, bewegten ſich die Gäule, die das Klingel- zeichen gehört hatten, inſtinktiv aus eigenem Antrieb vorwärts. Wütend verſuchte der Bierkutſcher, ſie zurückzutreiben, aber ſchon fuhr die Elektriſche über den frei gewordenen Raum, und ihr Führer lachte. Das war wie Feuer auf Pulver. Alle Anweſenden ſympatiſierten mit den Streikern. Keine ſollte ſich unterſtehen, über ſie zu lachen. Mit wildem Toben raſten ſie hinter dem Wagen her und umſtellten ihn. „Schnell,“ rief der Fahrer dem Mädchen zu, „verſtecken Sie ſich, ſie werfen!“ Annie kauerte bereits zwiſchen den Sitzen nieder. Ueber ihr krachte etwas, und ein Stein fiel auf ihren Rock. Sie ſtrich ſich die Glasſplitter aus dem Haar und kroch näher zu dem Fahrer heran. Ein Ei kam durch die Luft geflogen und zerſchellte an ſeiner Mütze. Nur rückweiſe kam der Wagen vorwärts. Der Schaffner hatte ſich flach hinter ihr auf den Boden gelegt und ſeinen Kopf unter einem Sitz verborgen. Es kam ihr plötzlich erbärmllch vor, daß ſie den Mann da draußen ganz allein kämpfen ließ. Hunderte von Menſchen umringten ihn, ſie konnte ihre Geſichter ſehen, wenn ſie die Augen zum Fenſter hob. Jetzt ſtieß der Fahrer einen Strolch hinunter, der auf- ſpringen wollte; der Kerl ſtürzte ab. Wilderes Geſchrei ertönte, und ein anderer Stein, größer als der vorherige, fiel neben ihr nieder. Er hatte den Führer — mitten zwiſchen den Augen getroffen. Sie ſah ſeine Hände am Rad beben und das rote Blut aus dem Munde fließen. Da vergaß ſie ihre Furcht — vergaß alles, außer daß ein Menſch in Gefahr war. Sie ſprang auf und hinaus, zog den Verletzten ſo unge- ſtüm hinter ſich, daß er zuſammengekauert zu Boden ſank, und trat an ſeine Stelle. Ihre Hände lagen auf dem Rad wie kurz vorher die ſeinigen, ihre Röcke bedeckten ihn teil- weiſe vor der wütenden Menge. Vor Ueberraſchung verhielt ſich der Mob einige Sekunden ſchweigſam, und ſie wußte, was dieſes Schweigen wert war. „Aus dem Weg dort,“ rief ſie mit ihrer hohen Mädchen- ſtimme, die laut über den Platz ſchallte. „Aus dem Weg, und laßt den Wagen weiterfahren. Feiglinge — Ihr Feig- linge — ſo viele gegen einen! Fort, oder ich überfahre Euch! Ich warne Euch! Ich tue es! Ich habe die Kraft und ich benutze ſie. Geht, geht, geht!“ Und ihr Abſatz ſtieß ſcharf auf die Klingel, deren warnendes Signal alle ſo gut kannten. Es ſchien ſie aus ihrer Erſtarrung zu wecken. „Halt’s Maul!“ ſchrie eine Stimme. „Es iſt nur ein Mädel, Genoſſen! Laßt Euch nichts ins Bockshorn jagen!“ Ein Stein ſauſte dicht an ihrem Kopſ vorüber. Sie ſtand unbeweglich da. „Fort, fort,“ rief ſie noch einmal. „Wenn einer zu Schaden kommt, trifft mich keine Schuld!“ Und ohne ein weiteres Wort drehte ſie das Rad herum, lockerte die Bremſe, und der große Wagen ſprang mit einem Satz vorwärts. Heulend und fluchend wich die Menge zurück. Sie ſah, daß ein paar Leute fielen, aber keiner kam unter die Räder. Finſter ſtand ſie auf ihrem Poſten, die Augen geradeaus gerichtet, ſelbſt, als der Marktplatz ſchon weit hinter ihr lag und das Lärmen der Maſſen nur noch dumpf zu ihr herüberklang. Nicht hinter ſich wagte ſie zu blicken. Wenn der Fahrer nun tot war? Der Wagen flog ſurrend über die Schienen. Erregte Zurufe tönten an ihr Ohr, aber ſie raſte weiter. Hilfe wollte ſie herbeiholen, Hilfe von ihrer Zeitung. Vor der Redaktion war eine Halteſtelle. An die anderen Linien hatte ſie gar nicht gedacht, und nur wie durch ein Wunder war ein Zuſammenſtoß vermieden worden. Nun ſing ſie an zu ſchluchzen und Tränen traten ihr in die Augen. Als ſie ſie auf ihren Händen fühlte, erinnerte ſie ſich plötzlich an die Blutstropfen, die auf die kräftigen Finger des Fahrers gefallen waren, und ein Zittern überlief ihren Körper. Da hörte ſie ihren Namen rufen und ſah jemand neben dem Wagen herlaufen. Mechaniſch drehte ſie an der Bremsvorrichtung, die Fahrgeſchwindigkeit verringerte ſich zuſehends, und im Augen- blick, wo ſich Stahl keuchend und atemlos an ihre Seite ſchwang, hielt ſie mit einem Ruck an. „Fräulein Meiſter, Annie, ſtammelte er, „um Himmels- willen, was iſt geſchehen? Sind Sie verwundet?“ Statt aller Antwort deutete ſie auf den wimmernden Mann, zu ihren Füßen. „Sie — ſie wollten ihn töten,“ ſagte ſie mit ſchriller Stimme, „und ich ſprang für ihn ein. Das iſt alles.“ Dann als ſie Lautens bleiches, verängſtigtes Antlitz vor ſich auf- tauchen ſah, raffte ſie ihre letzte Kraft zuſammen, richtete ſich ſtolz auf und reichte ihm die kleine, zerknitterte Photographie. „Hier iſt das Bild, Herr Lauten,“ murmelte ſie beinahe unverſtändlich, „die Geſchichte dazu werde ich — werde ich — heute —.“ Sie wankte und fiel Stahl bewußtlos in die Arme, der ſie zärtlich emporhob und in das Redaktions gebäude trug. „Nun?“ konnte er ſich nicht enthalten den Freund zu fragen, während er das Mädchen ſanft auf ein Sofa gleiten ließ, „nun, Walter, wer hat recht gehabt?“ „Du,“ erwiderte der andere zögernd, und ſein Blick weilte mit ſeltſamem Ausdruck auf der langſam wieder Er- wachenden, „Du haſt ſie beſſer erkannt als ich, wahre Dir Dein Glück!“

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Zitationshilfe: Czernowitzer Allgemeine Zeitung. Nr. 1069, Czernowitz, 06.08.1907, S. 2. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_czernowitzer1069_1907/2>, abgerufen am 29.01.2020.