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Czernowitzer Allgemeine Zeitung. Nr. 1082, Czernowitz, 22.08.1907.

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Redaktion u. Administration:
Rathausstraße 16.




Telephon-Nummer 161.




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vierteljährig ..... 10 Lei.




Telegramme: Allgemeine, Czernowitz.


[Spaltenumbruch]
Czernowitzer
Allgemeine Zeitung

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Ankündigungen:
Es kostet im gewöhnlichen Inse-
ratenteil 12 h die 6mal gespaltene
Petitzeile bei eimaliger, 9 h bei
mehrmaliger Einschaltung, für Re-
klame 40 h die Petitzeile. Inserate
nehmen alle in- und ausländischen
Inseratenbureaux sowie die Ad-
ministration entgegen. -- Einzel-
exemplare sind in allen Zeitungs-
verschleißen, Trafiken, der k. k. Uni-
versitätsbuchhandlung H. Pardini
und in der Administration (Rat-
hausstr. 16) erhältlich. In Wien
im Zeitungsbureau Goldschmidt,
Wollzeile 11.

Einzelexemplare
10 Heller für Czernowitz.






Nr. 1082. Czernowitz, Donnerstag, den 22. August. 1907.



[Spaltenumbruch]
Uebersicht.

Vom Tage,

Tittoni trifft morgen nachmittag zum Besuche des Barons
Aerenthal auf dem Semmering ein. -- Die ungarische Re-
gierung hat den Kroaten in der Eisenbahnfrage einige Zuge-
ständnisse gemacht. -- König Eduard hat den französischen
Ministerpräsident Clemencean zu einem Besuche in Marienbad
eingeladen.

Letzte Telegramme.

Vor Casablanca dauern die Kämpfe fort. Starke maurische
Streitkräfte marschieren auf Casablanca. Die Lage der fran-
zösischen Truppen ist kritisch.




Auf dem Semmering.


Eine Studie über den Lauf der europäischen Politik im
heurigen Jahre könnte füglich den Titel tragen: "Die Politik
in den Sommerfrischen", denn vornehmlich in Kurorten und
Sommerfrischen haben sich heuer die politischen Wettermacher
Europas zusamengefunden, um von hier aus der Welt die
Prognose "Meist heiter, gleichmäßig anhaltend" mitzuteilen.
Racconigi, Desio, Swinemünde, Wilhelmshöhe, Ischl -- lauter
schöne, stille, der Erholung und dem Vergnügen geweihte
Winkel, plötzlich zu Schauplätzen hochbedeutsamer Vorgänge
avanziert. Und nun erhält auch der Semmering seinen Platz
unter diesen Hauptorten europäischer Sommerfrischenpolitik.
Morgen treffen auf diesem herrlichen Flecken Erde, wo die
Welt, in der man sich nicht langweilt, für gewöhnlich nur
von den periodischen Invasionen der Wiener Ausflügler
gestört wird, Tittoni und Baron Aerenthal
zusammen, um Zwiesprache zu pflegen und dann gemeinsam
die Reise nach Ischl zum Kaiser Franz Josef anzutreten.

Es braucht wohl nicht besonders hervorgehoben zu
werden, daß es sich bei dieser Zusammenkunft nicht um einen
einfachen, von den gesellschaftlichen Regeln vorgeschriebenen
Höflichkeitsakt -- den Gegenbesuch, den Tittoni dem Baron
Aerenthal schuldet -- handelt, sondern daß es Beweggründe
politischer Natur sind, die Tittoni nach dem Buenretiro unseres
Ministers des Auswärtigen und nach dem kaiserlichen Hof-
lager führen. Uebrigens wäre diese Ministerbegegnung, selbst
wenn sie nicht durch all das, was sich in jüngster Zeit in
Swinemünde, Wilhelmshöhe und Ischl abgespielt hat, als
notwendig und politisch ganz besonders bemerkenswert
charakterisiert werden würde, nichts weniger als bedeutungs-
[Spaltenumbruch] los. Wozu in die Ferne schweifen? Das Gute liegt ja so
nahe: es ist darin zu suchen, daß die neuerliche Zusammen-
kunft zwischen Tittoni und Aerenthal ein neuer Beweis der
erfreulichen Wandlung ist, die sich in den Beziehungen
zwischen O[e]sterreich und Italien vollzogen hat. Beide Minister
sind redlich bemüht, an die Stelle des mehr als kühlen und
weniger als korrekten Verhältnisses, das unter ihren Vorgänger
zwischen den beiden Reichen bestanden hat, wärmere, innigere
Beziehungen herzustellen. Es ist ihnen auch bereits gelungen,
Mißtrauen und Mißgunst durch gegenseitiges Vertrauen und
guten Willen zu ersetzen und so das Dornengestrüpp, das in
der Aera Goluchowski die künstliche Treibhauspflanze des
östereichisch-italienischen Freundschaftsverhältnisses zu ersticken
drohte, auszuroden. Sie haben so diesem Pflänzchen freie
Entfaltung ermöglicht, und die Zusammenkunft auf dem
Semmering beweist, daß sie auch entschlossen sind, es sorgsam
zu pflegen und vor jedem rauhen Windhauch zu behüten.

Wenn übrigens das nur durch die Künste einer wohl-
gesinnten Diplomatie in letzter Zeit wieder etwas konsolidierte
Freundschaftsverhältnis zwischen Oesterreich und Italien als
Treibhauspflanze bezeichnet wird, so liegt in diesem Vergleich
ebensoviel Recht wie Unrecht. Recht mit Rücksicht darauf, als
-- es rächen sich hier die Sünden der Väter -- von wahrer
Freundschaft tatsächlich nicht die Rede sein kann, Unrecht
deshalb, weil, genau betrachtet, die Gegensätze zwischen den
beiden Reichen durchaus nicht solcher Art sind, daß sie nicht
am grünen Tische, sondern nur mit Blut und Eisen ausge-
glichen werden könnten. Trennend zwischen Oesterreich und
Italien stand ja anfangs nur -- die Tradition. Im itali-
enischen Volke lebt noch die Erinnerung an die Zeit, da
Oesterreich sich den Einheitsbestrebungen Italiens mit Erfolg
entgegenstellte, und in Oesterreich wiederum hat nur das
Volk
es ganz zu überwinden vermocht, daß von Süden
her der erste Stoß kam, der die Vorherrschaft der Habs-
burger in Mitteleuropa erschütterte ... Und noch etwas:
eine ehrwürdige, in ihrer Befolgung von dem italienischen
Volke schmerzlich empfundene Tradition sperrt den Weg von
Wien nach Rom ... Das ist die Wand, die Oesterreich und
Italien trennt -- eine Wand, die wahrlich nicht schwer nieder-
zulegen wäre! Und was sich um diesen Kern gruppiert hat,
auch das sind keine gar zu tragischen Gegensätze. Die Irredenta
höher einzuschätzen, als ein bübisches, aber nicht direkt gefähr-
liches Spiel, hat man schon verlernt, und auch dem Anta-
gonismus auf dem Balkan kann bei gutem Willen leicht die
kritische Schärfe genommen werden.


[Spaltenumbruch]

Es scheint, als hätten Aerenthal und Tittoni das Kunst-
stück zuwege gebracht, das keinem ihrer Vorgänger gelungen
ist: sich selbst zu der Ueberzeugung von der problematischen
Natur der zwischen ihren Staaten herrschenden Gegensätze
durchzuringen. Wäre das nicht der Fall, dann hätte kaum
innerhalb der kurzen Spanne eines Jahres eine relativ so
bedeutende Besserung erzielt werden können. Wir hoffen, daß
die Zusammenkunft auf dem Semmering eine neue Etappe
auf dem Wege zum Ausgleich zwischen Oesterreich und
Italien bedeutet. Hier dürfte die in Desio angebahnte, durch
die Abmachungen von Ischl jedenfalls wesentlich geförderte
Verständigung über die mazedonische Frage weiter ausgebaut
und vielleicht auch Unstimmigkeiten wegen der irredentistischen
Propaganda vorgebeugt und so die Klärung der tatsäch-
lichen
Differenzen eingeleitet werden. Und schreiten Oesterreich
und Italien auf dem Wege weiter, den Tittoni und Aehrenthal
weisen, dann werden sie im Laufe der Zeit wohl auch einmal
die Macht der Tradition überwinden ...




Begräbnis erster Klasse. (Orig.-Korr.)

Das feierliche Begräbnis, das in der letzten Plenar-
sitzung der Haager Konferenz dem englischen Vorschlage auf
Einschränkung der kriegerischen Rüstungen zuteil geworden ist,
bedeutet ohne Zweifel einen Sieg der deutschen Polilik. Und
da die Deutschen seit länger als dreißig Jahren ungeachtet
ihrer Machtstellung keinen Krieg geführt haben, so bedeutet
ihr Sieg auf der Konferenz auch einen Sieg der Frie-
denspolitik,
und zwar der praktischen und durch-
führbaren
Friedenspolitik über die von unklaren Stim-
mungen getragene und in nichtssagenden Redensarten alles
Heil suchende unpraktische Friedenspolitik, zu deren Träger
sich in wohlverstandenem eigenem Interesse England gemacht
hatte, obwohl dem loyalen englischen Premier die wiederholt
abgegebene Beteuerung, daß ihn nicht selbstsüchtige oder
deutschfeindliche Beweggründe lenkten, aufs Wort geglaubt
werden mag.

Am Grabe des Antrages hält der dafür begeisterte
Mr. Stead eine feierliche Leichenrede. Er schreibt: "Das
feierliche Begräbnis des Abrüstungsantrages, umgeben von der
schweigenden Konferenz, zeigt an, in welchem Maße Deutsch-
lands Einfluß in Europa steigt. Deutschland hat offen und
unumwunden England Gelegenheit gegeben, die Abrüstungsfrage
zu diskutieren, und hat es allein durch die Erklärung, sich
an der Debatte nicht beteiligen zu wollen, unmöglich gemacht.
Aber Deutschlands Zustimmung wird als unumgänglich
erklärt für den "Wunsch", womit der Friedensgott seine




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.
Im Zeichen der Ernte.

Nachdruck verboten.

Von gedämpfter Sonnenglut überstrahlt, lagen die ab-
geernteten Felder; ihre Frucht war ohne Protest der Elemente
reichlich eingebracht worden -- nur die Obstbäume bogen sich
noch unter der Last ihrer ungepflückten Reife.

In herbstlichem Glanze lagen die Rebenhügel, der an-
grenzende Wald, das freundliche Dorf, das Herrenhaus aus
rotem Sandstein hinter den schlanken weißen Birken, deren
goldiggefärbte Blätter vom zitternden Zweiggehänge unter
leisem Abschiedsflüstern zum Boden niederrieselten, aus dem
sie die Kraft zu ihrem kurzen Sommerdasein gesogen.

Ueber die sonnenumflutete, von wildem Wein über-
wucherte Mauer, welche die Dorfkirche umfriedigte, strich ein
leiser Wind; auch der sanfteste Hauch nahm ein Purpurblatt
nach dem andern, so lose saßen sie schon am Stiele.

Um die ländlichen Asternbeete und das Buschwerk mit
roten oder bläulich-dunklen Beeren glitzerten die feinen silber-
betauten Gewebe und Fäden des fliegenden Sommers; auf
dem alten Nußbaume sammelten sich die Vögel und hoch oben
in der duftklaren Ferne zeigte sich das scharfbegrenzte Dreieck
des ersten Wanderzuges.

Es war Sonntag[s] -- Erntefest. Ein Tag wie geschaffen,
die wechselvolle Erhabenheit der gnadenreichen, segenspenden-
den Natur tief und dankbar zu empfinden. Feierlich kündeten
die Glocken den beendeten Gottesdienst, aus den weitgeöff-
neten Türen drang der Schlußchoral und die festlichgekleidete
Menge wandelte erbaut und frohgestimmt vorüber an den
[Spaltenumbruch] guirlandenumwundenen Pfeilern, den buntbebänderten Ge-
treidegarben und den fruchtgefüllten, mit farbigem Laub un-
gesucht kunstlos und dennoch malerisch gezierten Körben.

Während der Schwarm der Kirchengänger dem Haupt-
portale zuströmte, trat die Gutsherrschaft durch eine Seiten-
tür auf den Friedhof hinaus. Im schwarzem Battistkleide
voran Greta Mark, die Witwe des vor Jahresfrist plötzlich
gestorbenen Erbgrafen Leo Mark von Dörzbach. Mit wenigen
Schritten hatte Greta das mit Lanbgarben, Tannengrün und
Blumen geschmückte Grab erreicht, andächtig neigte sie den
blonden Kopf mit dem schwarzen Hütchen und sprach über
dem stillen kleinen Garten ein kurzes Gebet.

Hinter ihr stand ihr Vater, Oberst von Runow, eine Ge-
stalt wie aus Stahl und Eisen, der man soldatische Zucht
auf den ersten Blick ansah.

Langsam war den beiden der jetzige alleinige Besitzer
von Dörzbach, Graf Stefan Mark, gefolgt. Er war ein mittel-
großer Mann mit schlangen, sehnigen Gliedern und einem
edelgeformten Rassekopf. Der Blick seiner dunklen, leuchtenden
Augen, die das schönste in Stefans hagerem Gesicht waren,
folgte jeder Bewegung der jungen Frau. Als auch er am
Grabe des Bruders seinen Tribut an Pietät gezollt hatte,
ging er schweigsam dicht neben der Schwägerin die Stein-
stufen hinab, die in den Park führten. Unter zeremoniösen
Gebräuchen und Segenwünschen, welche die Uebergabe des
Erntekranzes an die Guisherrschaft begleitete, wurde das
Gesinde von der gräflichen Familie zu Mahl und Erntebier
geladen; bald lockten von der Wiese frohe Tanzweisen in das
Zelt und als das schö[n]ste Paar des Hofes in fränkischer
Tracht den Reigen eröffnet hatte, zogen sich die drei aus dem
Herrnhause unauffällig in den Park zurück.

Greta nahm den Arm ihres Vaters und ging auf die
verschnittene Taxushecke zu, hinter der die Marmorbank, ihr
Lieblingsplatz, hervorleuchtete. Aber der alte Herr machte sich
[Spaltenumbruch] geschäftig los: "Nee -- Kindchen -- zur Siesta habe ich
keine Zeit mehr -- ich muß noch fertig packen ..."

Greta wie Stefan hörten aus seiner Ablehnung frohe
Hast. Wie uageduldig sich der Vater freute, Dörzbach, wohin
er seit dem Tode seines Schwiegersohns Gretans wegen
verbannt war, gegen die norddeutsche Residenz vertauschen zu
können, wo er die alten Kriegskameraden wiedersah und die
schmerzlich entbehrten Paraden und Kaffeehäuser wieder besuchen
konnte! Greta und Stefan sahen dem Davoneilenden nach,
lächelten sich verlegen an und setzten sich, fallendes Laub zu
Füßen, auf die Bank. "Zum letzten Male." So dachten sie
beide und empfanden beide denselben Schmerz darüber.

Versunken in die Stille des herbwürzigen September-
tages, über dessen bunt-goldener Pracht die Elegie alles Ver-
blühens und Verrauschens wehte, konnte Greta es nicht hindern,
daß Träne um Träne über ihre Wangen rollte.

Stefans Hand krampfte sich um die alatte Marmorlehne.
Ihr jetzt sagen dürfen: bleibe bei mir, Greta. ... Und dann
das geliebte Weib an sich reißen und sich satt küssen an ihrem
Munde.... Toller Wahn! Diese Tränen galten ja seinem
Bruder! Er mußte konventionell bleiben wie bisher. Niemand
durfte ahnen, was es ihn kosten würde, die Erinnerung an
diese Augen, diese Stimme und das zausige Blondhaar zu
bekämpfen....

"Es wird mir furchtbar schwer, mich zu trennen", sagte
sie leise.

Er tastete nach ihrer Hand und küßte sie mit dem Brande
ungelöschten Feuers, das sie bebend fühlte: "Vergib mir,
Greta, daß ich den Boden habe, der für Dich so schmerzlich-
süße Erinnerungen trägt...."

"So war es nicht geme[i]nt, Stefan. Ich gönne Dir
Dörzbach, Du hast es Dir wahrlich redlich verdient. Aber
mir ist es zur Heimat geworden und ich fürchte, ich werde
mich krank sehnen, wenn ich meinen Vater begleite. Hier war


[Spaltenumbruch]

Redaktion u. Adminiſtration:
Rathausſtraße 16.




Telephon-Nummer 161.




Abonnementsbedingungen:

Für Czernowitz
(mit Zuſtellung ins Haus):
monatl. K 1.80, vierteljähr. K 5.40.
halbj. K 10.80, ganzjähr. K 21.60,
(mit täglicher Poſtverſendung)
monatl. K 2, vierteljähr. K 6,
halbjähr. K 12, ganzjähr. K 24.

Für Deutſchland:
vierteljährig ..... 7 Mark

Für Rumänien und den Balkan:
vierteljährig ..... 10 Lei.




Telegramme: Allgemeine, Czernowitz.


[Spaltenumbruch]
Czernowitzer
Allgemeine Zeitung

[Spaltenumbruch]

Ankündigungen:
Es koſtet im gewöhnlichen Inſe-
ratenteil 12 h die 6mal geſpaltene
Petitzeile bei eimaliger, 9 h bei
mehrmaliger Einſchaltung, für Re-
klame 40 h die Petitzeile. Inſerate
nehmen alle in- und ausländiſchen
Inſeratenbureaux ſowie die Ad-
miniſtration entgegen. — Einzel-
exemplare ſind in allen Zeitungs-
verſchleißen, Trafiken, der k. k. Uni-
verſitätsbuchhandlung H. Pardini
und in der Adminiſtration (Rat-
hausſtr. 16) erhältlich. In Wien
im Zeitungsbureau Goldſchmidt,
Wollzeile 11.

Einzelexemplare
10 Heller für Czernowitz.






Nr. 1082. Czernowitz, Donnerſtag, den 22. Auguſt. 1907.



[Spaltenumbruch]
Ueberſicht.

Vom Tage,

Tittoni trifft morgen nachmittag zum Beſuche des Barons
Aerenthal auf dem Semmering ein. — Die ungariſche Re-
gierung hat den Kroaten in der Eiſenbahnfrage einige Zuge-
ſtändniſſe gemacht. — König Eduard hat den franzöſiſchen
Miniſterpräſident Clemencean zu einem Beſuche in Marienbad
eingeladen.

Letzte Telegramme.

Vor Caſablanca dauern die Kämpfe fort. Starke mauriſche
Streitkräfte marſchieren auf Caſablanca. Die Lage der fran-
zöſiſchen Truppen iſt kritiſch.




Auf dem Semmering.


Eine Studie über den Lauf der europäiſchen Politik im
heurigen Jahre könnte füglich den Titel tragen: „Die Politik
in den Sommerfriſchen“, denn vornehmlich in Kurorten und
Sommerfriſchen haben ſich heuer die politiſchen Wettermacher
Europas zuſamengefunden, um von hier aus der Welt die
Prognoſe „Meiſt heiter, gleichmäßig anhaltend“ mitzuteilen.
Racconigi, Deſio, Swinemünde, Wilhelmshöhe, Iſchl — lauter
ſchöne, ſtille, der Erholung und dem Vergnügen geweihte
Winkel, plötzlich zu Schauplätzen hochbedeutſamer Vorgänge
avanziert. Und nun erhält auch der Semmering ſeinen Platz
unter dieſen Hauptorten europäiſcher Sommerfriſchenpolitik.
Morgen treffen auf dieſem herrlichen Flecken Erde, wo die
Welt, in der man ſich nicht langweilt, für gewöhnlich nur
von den periodiſchen Invaſionen der Wiener Ausflügler
geſtört wird, Tittoni und Baron Aerenthal
zuſammen, um Zwieſprache zu pflegen und dann gemeinſam
die Reiſe nach Iſchl zum Kaiſer Franz Joſef anzutreten.

Es braucht wohl nicht beſonders hervorgehoben zu
werden, daß es ſich bei dieſer Zuſammenkunft nicht um einen
einfachen, von den geſellſchaftlichen Regeln vorgeſchriebenen
Höflichkeitsakt — den Gegenbeſuch, den Tittoni dem Baron
Aerenthal ſchuldet — handelt, ſondern daß es Beweggründe
politiſcher Natur ſind, die Tittoni nach dem Buenretiro unſeres
Miniſters des Auswärtigen und nach dem kaiſerlichen Hof-
lager führen. Uebrigens wäre dieſe Miniſterbegegnung, ſelbſt
wenn ſie nicht durch all das, was ſich in jüngſter Zeit in
Swinemünde, Wilhelmshöhe und Iſchl abgeſpielt hat, als
notwendig und politiſch ganz beſonders bemerkenswert
charakteriſiert werden würde, nichts weniger als bedeutungs-
[Spaltenumbruch] los. Wozu in die Ferne ſchweifen? Das Gute liegt ja ſo
nahe: es iſt darin zu ſuchen, daß die neuerliche Zuſammen-
kunft zwiſchen Tittoni und Aerenthal ein neuer Beweis der
erfreulichen Wandlung iſt, die ſich in den Beziehungen
zwiſchen O[e]ſterreich und Italien vollzogen hat. Beide Miniſter
ſind redlich bemüht, an die Stelle des mehr als kühlen und
weniger als korrekten Verhältniſſes, das unter ihren Vorgänger
zwiſchen den beiden Reichen beſtanden hat, wärmere, innigere
Beziehungen herzuſtellen. Es iſt ihnen auch bereits gelungen,
Mißtrauen und Mißgunſt durch gegenſeitiges Vertrauen und
guten Willen zu erſetzen und ſo das Dornengeſtrüpp, das in
der Aera Goluchowski die künſtliche Treibhauspflanze des
öſtereichiſch-italieniſchen Freundſchaftsverhältniſſes zu erſticken
drohte, auszuroden. Sie haben ſo dieſem Pflänzchen freie
Entfaltung ermöglicht, und die Zuſammenkunft auf dem
Semmering beweiſt, daß ſie auch entſchloſſen ſind, es ſorgſam
zu pflegen und vor jedem rauhen Windhauch zu behüten.

Wenn übrigens das nur durch die Künſte einer wohl-
geſinnten Diplomatie in letzter Zeit wieder etwas konſolidierte
Freundſchaftsverhältnis zwiſchen Oeſterreich und Italien als
Treibhauspflanze bezeichnet wird, ſo liegt in dieſem Vergleich
ebenſoviel Recht wie Unrecht. Recht mit Rückſicht darauf, als
— es rächen ſich hier die Sünden der Väter — von wahrer
Freundſchaft tatſächlich nicht die Rede ſein kann, Unrecht
deshalb, weil, genau betrachtet, die Gegenſätze zwiſchen den
beiden Reichen durchaus nicht ſolcher Art ſind, daß ſie nicht
am grünen Tiſche, ſondern nur mit Blut und Eiſen ausge-
glichen werden könnten. Trennend zwiſchen Oeſterreich und
Italien ſtand ja anfangs nur — die Tradition. Im itali-
eniſchen Volke lebt noch die Erinnerung an die Zeit, da
Oeſterreich ſich den Einheitsbeſtrebungen Italiens mit Erfolg
entgegenſtellte, und in Oeſterreich wiederum hat nur das
Volk
es ganz zu überwinden vermocht, daß von Süden
her der erſte Stoß kam, der die Vorherrſchaft der Habs-
burger in Mitteleuropa erſchütterte ... Und noch etwas:
eine ehrwürdige, in ihrer Befolgung von dem italieniſchen
Volke ſchmerzlich empfundene Tradition ſperrt den Weg von
Wien nach Rom ... Das iſt die Wand, die Oeſterreich und
Italien trennt — eine Wand, die wahrlich nicht ſchwer nieder-
zulegen wäre! Und was ſich um dieſen Kern gruppiert hat,
auch das ſind keine gar zu tragiſchen Gegenſätze. Die Irredenta
höher einzuſchätzen, als ein bübiſches, aber nicht direkt gefähr-
liches Spiel, hat man ſchon verlernt, und auch dem Anta-
gonismus auf dem Balkan kann bei gutem Willen leicht die
kritiſche Schärfe genommen werden.


[Spaltenumbruch]

Es ſcheint, als hätten Aerenthal und Tittoni das Kunſt-
ſtück zuwege gebracht, das keinem ihrer Vorgänger gelungen
iſt: ſich ſelbſt zu der Ueberzeugung von der problematiſchen
Natur der zwiſchen ihren Staaten herrſchenden Gegenſätze
durchzuringen. Wäre das nicht der Fall, dann hätte kaum
innerhalb der kurzen Spanne eines Jahres eine relativ ſo
bedeutende Beſſerung erzielt werden können. Wir hoffen, daß
die Zuſammenkunft auf dem Semmering eine neue Etappe
auf dem Wege zum Ausgleich zwiſchen Oeſterreich und
Italien bedeutet. Hier dürfte die in Deſio angebahnte, durch
die Abmachungen von Iſchl jedenfalls weſentlich geförderte
Verſtändigung über die mazedoniſche Frage weiter ausgebaut
und vielleicht auch Unſtimmigkeiten wegen der irredentiſtiſchen
Propaganda vorgebeugt und ſo die Klärung der tatſäch-
lichen
Differenzen eingeleitet werden. Und ſchreiten Oeſterreich
und Italien auf dem Wege weiter, den Tittoni und Aehrenthal
weiſen, dann werden ſie im Laufe der Zeit wohl auch einmal
die Macht der Tradition überwinden ...




Begräbnis erſter Klaſſe. (Orig.-Korr.)

Das feierliche Begräbnis, das in der letzten Plenar-
ſitzung der Haager Konferenz dem engliſchen Vorſchlage auf
Einſchränkung der kriegeriſchen Rüſtungen zuteil geworden iſt,
bedeutet ohne Zweifel einen Sieg der deutſchen Polilik. Und
da die Deutſchen ſeit länger als dreißig Jahren ungeachtet
ihrer Machtſtellung keinen Krieg geführt haben, ſo bedeutet
ihr Sieg auf der Konferenz auch einen Sieg der Frie-
denspolitik,
und zwar der praktiſchen und durch-
führbaren
Friedenspolitik über die von unklaren Stim-
mungen getragene und in nichtsſagenden Redensarten alles
Heil ſuchende unpraktiſche Friedenspolitik, zu deren Träger
ſich in wohlverſtandenem eigenem Intereſſe England gemacht
hatte, obwohl dem loyalen engliſchen Premier die wiederholt
abgegebene Beteuerung, daß ihn nicht ſelbſtſüchtige oder
deutſchfeindliche Beweggründe lenkten, aufs Wort geglaubt
werden mag.

Am Grabe des Antrages hält der dafür begeiſterte
Mr. Stead eine feierliche Leichenrede. Er ſchreibt: „Das
feierliche Begräbnis des Abrüſtungsantrages, umgeben von der
ſchweigenden Konferenz, zeigt an, in welchem Maße Deutſch-
lands Einfluß in Europa ſteigt. Deutſchland hat offen und
unumwunden England Gelegenheit gegeben, die Abrüſtungsfrage
zu diskutieren, und hat es allein durch die Erklärung, ſich
an der Debatte nicht beteiligen zu wollen, unmöglich gemacht.
Aber Deutſchlands Zuſtimmung wird als unumgänglich
erklärt für den „Wunſch“, womit der Friedensgott ſeine




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.
Im Zeichen der Ernte.

Nachdruck verboten.

Von gedämpfter Sonnenglut überſtrahlt, lagen die ab-
geernteten Felder; ihre Frucht war ohne Proteſt der Elemente
reichlich eingebracht worden — nur die Obſtbäume bogen ſich
noch unter der Laſt ihrer ungepflückten Reife.

In herbſtlichem Glanze lagen die Rebenhügel, der an-
grenzende Wald, das freundliche Dorf, das Herrenhaus aus
rotem Sandſtein hinter den ſchlanken weißen Birken, deren
goldiggefärbte Blätter vom zitternden Zweiggehänge unter
leiſem Abſchiedsflüſtern zum Boden niederrieſelten, aus dem
ſie die Kraft zu ihrem kurzen Sommerdaſein geſogen.

Ueber die ſonnenumflutete, von wildem Wein über-
wucherte Mauer, welche die Dorfkirche umfriedigte, ſtrich ein
leiſer Wind; auch der ſanfteſte Hauch nahm ein Purpurblatt
nach dem andern, ſo loſe ſaßen ſie ſchon am Stiele.

Um die ländlichen Aſternbeete und das Buſchwerk mit
roten oder bläulich-dunklen Beeren glitzerten die feinen ſilber-
betauten Gewebe und Fäden des fliegenden Sommers; auf
dem alten Nußbaume ſammelten ſich die Vögel und hoch oben
in der duftklaren Ferne zeigte ſich das ſcharfbegrenzte Dreieck
des erſten Wanderzuges.

Es war Sonntag[ſ] — Erntefeſt. Ein Tag wie geſchaffen,
die wechſelvolle Erhabenheit der gnadenreichen, ſegenſpenden-
den Natur tief und dankbar zu empfinden. Feierlich kündeten
die Glocken den beendeten Gottesdienſt, aus den weitgeöff-
neten Türen drang der Schlußchoral und die feſtlichgekleidete
Menge wandelte erbaut und frohgeſtimmt vorüber an den
[Spaltenumbruch] guirlandenumwundenen Pfeilern, den buntbebänderten Ge-
treidegarben und den fruchtgefüllten, mit farbigem Laub un-
geſucht kunſtlos und dennoch maleriſch gezierten Körben.

Während der Schwarm der Kirchengänger dem Haupt-
portale zuſtrömte, trat die Gutsherrſchaft durch eine Seiten-
tür auf den Friedhof hinaus. Im ſchwarzem Battiſtkleide
voran Greta Mark, die Witwe des vor Jahresfriſt plötzlich
geſtorbenen Erbgrafen Leo Mark von Dörzbach. Mit wenigen
Schritten hatte Greta das mit Lanbgarben, Tannengrün und
Blumen geſchmückte Grab erreicht, andächtig neigte ſie den
blonden Kopf mit dem ſchwarzen Hütchen und ſprach über
dem ſtillen kleinen Garten ein kurzes Gebet.

Hinter ihr ſtand ihr Vater, Oberſt von Runow, eine Ge-
ſtalt wie aus Stahl und Eiſen, der man ſoldatiſche Zucht
auf den erſten Blick anſah.

Langſam war den beiden der jetzige alleinige Beſitzer
von Dörzbach, Graf Stefan Mark, gefolgt. Er war ein mittel-
großer Mann mit ſchlangen, ſehnigen Gliedern und einem
edelgeformten Raſſekopf. Der Blick ſeiner dunklen, leuchtenden
Augen, die das ſchönſte in Stefans hagerem Geſicht waren,
folgte jeder Bewegung der jungen Frau. Als auch er am
Grabe des Bruders ſeinen Tribut an Pietät gezollt hatte,
ging er ſchweigſam dicht neben der Schwägerin die Stein-
ſtufen hinab, die in den Park führten. Unter zeremoniöſen
Gebräuchen und Segenwünſchen, welche die Uebergabe des
Erntekranzes an die Guisherrſchaft begleitete, wurde das
Geſinde von der gräflichen Familie zu Mahl und Erntebier
geladen; bald lockten von der Wieſe frohe Tanzweiſen in das
Zelt und als das ſchö[n]ſte Paar des Hofes in fränkiſcher
Tracht den Reigen eröffnet hatte, zogen ſich die drei aus dem
Herrnhauſe unauffällig in den Park zurück.

Greta nahm den Arm ihres Vaters und ging auf die
verſchnittene Taxushecke zu, hinter der die Marmorbank, ihr
Lieblingsplatz, hervorleuchtete. Aber der alte Herr machte ſich
[Spaltenumbruch] geſchäftig los: „Nee — Kindchen — zur Sieſta habe ich
keine Zeit mehr — ich muß noch fertig packen ...“

Greta wie Stefan hörten aus ſeiner Ablehnung frohe
Haſt. Wie uageduldig ſich der Vater freute, Dörzbach, wohin
er ſeit dem Tode ſeines Schwiegerſohns Gretans wegen
verbannt war, gegen die norddeutſche Reſidenz vertauſchen zu
können, wo er die alten Kriegskameraden wiederſah und die
ſchmerzlich entbehrten Paraden und Kaffeehäuſer wieder beſuchen
konnte! Greta und Stefan ſahen dem Davoneilenden nach,
lächelten ſich verlegen an und ſetzten ſich, fallendes Laub zu
Füßen, auf die Bank. „Zum letzten Male.“ So dachten ſie
beide und empfanden beide denſelben Schmerz darüber.

Verſunken in die Stille des herbwürzigen September-
tages, über deſſen bunt-goldener Pracht die Elegie alles Ver-
blühens und Verrauſchens wehte, konnte Greta es nicht hindern,
daß Träne um Träne über ihre Wangen rollte.

Stefans Hand krampfte ſich um die alatte Marmorlehne.
Ihr jetzt ſagen dürfen: bleibe bei mir, Greta. ... Und dann
das geliebte Weib an ſich reißen und ſich ſatt küſſen an ihrem
Munde.... Toller Wahn! Dieſe Tränen galten ja ſeinem
Bruder! Er mußte konventionell bleiben wie bisher. Niemand
durfte ahnen, was es ihn koſten würde, die Erinnerung an
dieſe Augen, dieſe Stimme und das zauſige Blondhaar zu
bekämpfen....

„Es wird mir furchtbar ſchwer, mich zu trennen“, ſagte
ſie leiſe.

Er taſtete nach ihrer Hand und küßte ſie mit dem Brande
ungelöſchten Feuers, das ſie bebend fühlte: „Vergib mir,
Greta, daß ich den Boden habe, der für Dich ſo ſchmerzlich-
ſüße Erinnerungen trägt....“

„So war es nicht geme[i]nt, Stefan. Ich gönne Dir
Dörzbach, Du haſt es Dir wahrlich redlich verdient. Aber
mir iſt es zur Heimat geworden und ich fürchte, ich werde
mich krank ſehnen, wenn ich meinen Vater begleite. Hier war


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[[1]/0001] Redaktion u. Adminiſtration: Rathausſtraße 16. Telephon-Nummer 161. Abonnementsbedingungen: Für Czernowitz (mit Zuſtellung ins Haus): monatl. K 1.80, vierteljähr. K 5.40. halbj. K 10.80, ganzjähr. K 21.60, (mit täglicher Poſtverſendung) monatl. K 2, vierteljähr. K 6, halbjähr. K 12, ganzjähr. K 24. Für Deutſchland: vierteljährig ..... 7 Mark Für Rumänien und den Balkan: vierteljährig ..... 10 Lei. Telegramme: Allgemeine, Czernowitz. Czernowitzer Allgemeine Zeitung Ankündigungen: Es koſtet im gewöhnlichen Inſe- ratenteil 12 h die 6mal geſpaltene Petitzeile bei eimaliger, 9 h bei mehrmaliger Einſchaltung, für Re- klame 40 h die Petitzeile. Inſerate nehmen alle in- und ausländiſchen Inſeratenbureaux ſowie die Ad- miniſtration entgegen. — Einzel- exemplare ſind in allen Zeitungs- verſchleißen, Trafiken, der k. k. Uni- verſitätsbuchhandlung H. Pardini und in der Adminiſtration (Rat- hausſtr. 16) erhältlich. In Wien im Zeitungsbureau Goldſchmidt, Wollzeile 11. Einzelexemplare 10 Heller für Czernowitz. Nr. 1082. Czernowitz, Donnerſtag, den 22. Auguſt. 1907. Ueberſicht. Vom Tage, Tittoni trifft morgen nachmittag zum Beſuche des Barons Aerenthal auf dem Semmering ein. — Die ungariſche Re- gierung hat den Kroaten in der Eiſenbahnfrage einige Zuge- ſtändniſſe gemacht. — König Eduard hat den franzöſiſchen Miniſterpräſident Clemencean zu einem Beſuche in Marienbad eingeladen. Letzte Telegramme. Vor Caſablanca dauern die Kämpfe fort. Starke mauriſche Streitkräfte marſchieren auf Caſablanca. Die Lage der fran- zöſiſchen Truppen iſt kritiſch. Auf dem Semmering. Czernowitz, 21. Auguſt. Eine Studie über den Lauf der europäiſchen Politik im heurigen Jahre könnte füglich den Titel tragen: „Die Politik in den Sommerfriſchen“, denn vornehmlich in Kurorten und Sommerfriſchen haben ſich heuer die politiſchen Wettermacher Europas zuſamengefunden, um von hier aus der Welt die Prognoſe „Meiſt heiter, gleichmäßig anhaltend“ mitzuteilen. Racconigi, Deſio, Swinemünde, Wilhelmshöhe, Iſchl — lauter ſchöne, ſtille, der Erholung und dem Vergnügen geweihte Winkel, plötzlich zu Schauplätzen hochbedeutſamer Vorgänge avanziert. Und nun erhält auch der Semmering ſeinen Platz unter dieſen Hauptorten europäiſcher Sommerfriſchenpolitik. Morgen treffen auf dieſem herrlichen Flecken Erde, wo die Welt, in der man ſich nicht langweilt, für gewöhnlich nur von den periodiſchen Invaſionen der Wiener Ausflügler geſtört wird, Tittoni und Baron Aerenthal zuſammen, um Zwieſprache zu pflegen und dann gemeinſam die Reiſe nach Iſchl zum Kaiſer Franz Joſef anzutreten. Es braucht wohl nicht beſonders hervorgehoben zu werden, daß es ſich bei dieſer Zuſammenkunft nicht um einen einfachen, von den geſellſchaftlichen Regeln vorgeſchriebenen Höflichkeitsakt — den Gegenbeſuch, den Tittoni dem Baron Aerenthal ſchuldet — handelt, ſondern daß es Beweggründe politiſcher Natur ſind, die Tittoni nach dem Buenretiro unſeres Miniſters des Auswärtigen und nach dem kaiſerlichen Hof- lager führen. Uebrigens wäre dieſe Miniſterbegegnung, ſelbſt wenn ſie nicht durch all das, was ſich in jüngſter Zeit in Swinemünde, Wilhelmshöhe und Iſchl abgeſpielt hat, als notwendig und politiſch ganz beſonders bemerkenswert charakteriſiert werden würde, nichts weniger als bedeutungs- los. Wozu in die Ferne ſchweifen? Das Gute liegt ja ſo nahe: es iſt darin zu ſuchen, daß die neuerliche Zuſammen- kunft zwiſchen Tittoni und Aerenthal ein neuer Beweis der erfreulichen Wandlung iſt, die ſich in den Beziehungen zwiſchen Oeſterreich und Italien vollzogen hat. Beide Miniſter ſind redlich bemüht, an die Stelle des mehr als kühlen und weniger als korrekten Verhältniſſes, das unter ihren Vorgänger zwiſchen den beiden Reichen beſtanden hat, wärmere, innigere Beziehungen herzuſtellen. Es iſt ihnen auch bereits gelungen, Mißtrauen und Mißgunſt durch gegenſeitiges Vertrauen und guten Willen zu erſetzen und ſo das Dornengeſtrüpp, das in der Aera Goluchowski die künſtliche Treibhauspflanze des öſtereichiſch-italieniſchen Freundſchaftsverhältniſſes zu erſticken drohte, auszuroden. Sie haben ſo dieſem Pflänzchen freie Entfaltung ermöglicht, und die Zuſammenkunft auf dem Semmering beweiſt, daß ſie auch entſchloſſen ſind, es ſorgſam zu pflegen und vor jedem rauhen Windhauch zu behüten. Wenn übrigens das nur durch die Künſte einer wohl- geſinnten Diplomatie in letzter Zeit wieder etwas konſolidierte Freundſchaftsverhältnis zwiſchen Oeſterreich und Italien als Treibhauspflanze bezeichnet wird, ſo liegt in dieſem Vergleich ebenſoviel Recht wie Unrecht. Recht mit Rückſicht darauf, als — es rächen ſich hier die Sünden der Väter — von wahrer Freundſchaft tatſächlich nicht die Rede ſein kann, Unrecht deshalb, weil, genau betrachtet, die Gegenſätze zwiſchen den beiden Reichen durchaus nicht ſolcher Art ſind, daß ſie nicht am grünen Tiſche, ſondern nur mit Blut und Eiſen ausge- glichen werden könnten. Trennend zwiſchen Oeſterreich und Italien ſtand ja anfangs nur — die Tradition. Im itali- eniſchen Volke lebt noch die Erinnerung an die Zeit, da Oeſterreich ſich den Einheitsbeſtrebungen Italiens mit Erfolg entgegenſtellte, und in Oeſterreich wiederum hat nur das Volk es ganz zu überwinden vermocht, daß von Süden her der erſte Stoß kam, der die Vorherrſchaft der Habs- burger in Mitteleuropa erſchütterte ... Und noch etwas: eine ehrwürdige, in ihrer Befolgung von dem italieniſchen Volke ſchmerzlich empfundene Tradition ſperrt den Weg von Wien nach Rom ... Das iſt die Wand, die Oeſterreich und Italien trennt — eine Wand, die wahrlich nicht ſchwer nieder- zulegen wäre! Und was ſich um dieſen Kern gruppiert hat, auch das ſind keine gar zu tragiſchen Gegenſätze. Die Irredenta höher einzuſchätzen, als ein bübiſches, aber nicht direkt gefähr- liches Spiel, hat man ſchon verlernt, und auch dem Anta- gonismus auf dem Balkan kann bei gutem Willen leicht die kritiſche Schärfe genommen werden. Es ſcheint, als hätten Aerenthal und Tittoni das Kunſt- ſtück zuwege gebracht, das keinem ihrer Vorgänger gelungen iſt: ſich ſelbſt zu der Ueberzeugung von der problematiſchen Natur der zwiſchen ihren Staaten herrſchenden Gegenſätze durchzuringen. Wäre das nicht der Fall, dann hätte kaum innerhalb der kurzen Spanne eines Jahres eine relativ ſo bedeutende Beſſerung erzielt werden können. Wir hoffen, daß die Zuſammenkunft auf dem Semmering eine neue Etappe auf dem Wege zum Ausgleich zwiſchen Oeſterreich und Italien bedeutet. Hier dürfte die in Deſio angebahnte, durch die Abmachungen von Iſchl jedenfalls weſentlich geförderte Verſtändigung über die mazedoniſche Frage weiter ausgebaut und vielleicht auch Unſtimmigkeiten wegen der irredentiſtiſchen Propaganda vorgebeugt und ſo die Klärung der tatſäch- lichen Differenzen eingeleitet werden. Und ſchreiten Oeſterreich und Italien auf dem Wege weiter, den Tittoni und Aehrenthal weiſen, dann werden ſie im Laufe der Zeit wohl auch einmal die Macht der Tradition überwinden ... Begräbnis erſter Klaſſe. Berlin, 20. Auguſt (Orig.-Korr.) Das feierliche Begräbnis, das in der letzten Plenar- ſitzung der Haager Konferenz dem engliſchen Vorſchlage auf Einſchränkung der kriegeriſchen Rüſtungen zuteil geworden iſt, bedeutet ohne Zweifel einen Sieg der deutſchen Polilik. Und da die Deutſchen ſeit länger als dreißig Jahren ungeachtet ihrer Machtſtellung keinen Krieg geführt haben, ſo bedeutet ihr Sieg auf der Konferenz auch einen Sieg der Frie- denspolitik, und zwar der praktiſchen und durch- führbaren Friedenspolitik über die von unklaren Stim- mungen getragene und in nichtsſagenden Redensarten alles Heil ſuchende unpraktiſche Friedenspolitik, zu deren Träger ſich in wohlverſtandenem eigenem Intereſſe England gemacht hatte, obwohl dem loyalen engliſchen Premier die wiederholt abgegebene Beteuerung, daß ihn nicht ſelbſtſüchtige oder deutſchfeindliche Beweggründe lenkten, aufs Wort geglaubt werden mag. Am Grabe des Antrages hält der dafür begeiſterte Mr. Stead eine feierliche Leichenrede. Er ſchreibt: „Das feierliche Begräbnis des Abrüſtungsantrages, umgeben von der ſchweigenden Konferenz, zeigt an, in welchem Maße Deutſch- lands Einfluß in Europa ſteigt. Deutſchland hat offen und unumwunden England Gelegenheit gegeben, die Abrüſtungsfrage zu diskutieren, und hat es allein durch die Erklärung, ſich an der Debatte nicht beteiligen zu wollen, unmöglich gemacht. Aber Deutſchlands Zuſtimmung wird als unumgänglich erklärt für den „Wunſch“, womit der Friedensgott ſeine Feuilleton. Im Zeichen der Ernte. Eine Skizze von Math. Tipp (München). Nachdruck verboten. Von gedämpfter Sonnenglut überſtrahlt, lagen die ab- geernteten Felder; ihre Frucht war ohne Proteſt der Elemente reichlich eingebracht worden — nur die Obſtbäume bogen ſich noch unter der Laſt ihrer ungepflückten Reife. In herbſtlichem Glanze lagen die Rebenhügel, der an- grenzende Wald, das freundliche Dorf, das Herrenhaus aus rotem Sandſtein hinter den ſchlanken weißen Birken, deren goldiggefärbte Blätter vom zitternden Zweiggehänge unter leiſem Abſchiedsflüſtern zum Boden niederrieſelten, aus dem ſie die Kraft zu ihrem kurzen Sommerdaſein geſogen. Ueber die ſonnenumflutete, von wildem Wein über- wucherte Mauer, welche die Dorfkirche umfriedigte, ſtrich ein leiſer Wind; auch der ſanfteſte Hauch nahm ein Purpurblatt nach dem andern, ſo loſe ſaßen ſie ſchon am Stiele. Um die ländlichen Aſternbeete und das Buſchwerk mit roten oder bläulich-dunklen Beeren glitzerten die feinen ſilber- betauten Gewebe und Fäden des fliegenden Sommers; auf dem alten Nußbaume ſammelten ſich die Vögel und hoch oben in der duftklaren Ferne zeigte ſich das ſcharfbegrenzte Dreieck des erſten Wanderzuges. Es war Sonntagſ — Erntefeſt. Ein Tag wie geſchaffen, die wechſelvolle Erhabenheit der gnadenreichen, ſegenſpenden- den Natur tief und dankbar zu empfinden. Feierlich kündeten die Glocken den beendeten Gottesdienſt, aus den weitgeöff- neten Türen drang der Schlußchoral und die feſtlichgekleidete Menge wandelte erbaut und frohgeſtimmt vorüber an den guirlandenumwundenen Pfeilern, den buntbebänderten Ge- treidegarben und den fruchtgefüllten, mit farbigem Laub un- geſucht kunſtlos und dennoch maleriſch gezierten Körben. Während der Schwarm der Kirchengänger dem Haupt- portale zuſtrömte, trat die Gutsherrſchaft durch eine Seiten- tür auf den Friedhof hinaus. Im ſchwarzem Battiſtkleide voran Greta Mark, die Witwe des vor Jahresfriſt plötzlich geſtorbenen Erbgrafen Leo Mark von Dörzbach. Mit wenigen Schritten hatte Greta das mit Lanbgarben, Tannengrün und Blumen geſchmückte Grab erreicht, andächtig neigte ſie den blonden Kopf mit dem ſchwarzen Hütchen und ſprach über dem ſtillen kleinen Garten ein kurzes Gebet. Hinter ihr ſtand ihr Vater, Oberſt von Runow, eine Ge- ſtalt wie aus Stahl und Eiſen, der man ſoldatiſche Zucht auf den erſten Blick anſah. Langſam war den beiden der jetzige alleinige Beſitzer von Dörzbach, Graf Stefan Mark, gefolgt. Er war ein mittel- großer Mann mit ſchlangen, ſehnigen Gliedern und einem edelgeformten Raſſekopf. Der Blick ſeiner dunklen, leuchtenden Augen, die das ſchönſte in Stefans hagerem Geſicht waren, folgte jeder Bewegung der jungen Frau. Als auch er am Grabe des Bruders ſeinen Tribut an Pietät gezollt hatte, ging er ſchweigſam dicht neben der Schwägerin die Stein- ſtufen hinab, die in den Park führten. Unter zeremoniöſen Gebräuchen und Segenwünſchen, welche die Uebergabe des Erntekranzes an die Guisherrſchaft begleitete, wurde das Geſinde von der gräflichen Familie zu Mahl und Erntebier geladen; bald lockten von der Wieſe frohe Tanzweiſen in das Zelt und als das ſchönſte Paar des Hofes in fränkiſcher Tracht den Reigen eröffnet hatte, zogen ſich die drei aus dem Herrnhauſe unauffällig in den Park zurück. Greta nahm den Arm ihres Vaters und ging auf die verſchnittene Taxushecke zu, hinter der die Marmorbank, ihr Lieblingsplatz, hervorleuchtete. Aber der alte Herr machte ſich geſchäftig los: „Nee — Kindchen — zur Sieſta habe ich keine Zeit mehr — ich muß noch fertig packen ...“ Greta wie Stefan hörten aus ſeiner Ablehnung frohe Haſt. Wie uageduldig ſich der Vater freute, Dörzbach, wohin er ſeit dem Tode ſeines Schwiegerſohns Gretans wegen verbannt war, gegen die norddeutſche Reſidenz vertauſchen zu können, wo er die alten Kriegskameraden wiederſah und die ſchmerzlich entbehrten Paraden und Kaffeehäuſer wieder beſuchen konnte! Greta und Stefan ſahen dem Davoneilenden nach, lächelten ſich verlegen an und ſetzten ſich, fallendes Laub zu Füßen, auf die Bank. „Zum letzten Male.“ So dachten ſie beide und empfanden beide denſelben Schmerz darüber. Verſunken in die Stille des herbwürzigen September- tages, über deſſen bunt-goldener Pracht die Elegie alles Ver- blühens und Verrauſchens wehte, konnte Greta es nicht hindern, daß Träne um Träne über ihre Wangen rollte. Stefans Hand krampfte ſich um die alatte Marmorlehne. Ihr jetzt ſagen dürfen: bleibe bei mir, Greta. ... Und dann das geliebte Weib an ſich reißen und ſich ſatt küſſen an ihrem Munde.... Toller Wahn! Dieſe Tränen galten ja ſeinem Bruder! Er mußte konventionell bleiben wie bisher. Niemand durfte ahnen, was es ihn koſten würde, die Erinnerung an dieſe Augen, dieſe Stimme und das zauſige Blondhaar zu bekämpfen.... „Es wird mir furchtbar ſchwer, mich zu trennen“, ſagte ſie leiſe. Er taſtete nach ihrer Hand und küßte ſie mit dem Brande ungelöſchten Feuers, das ſie bebend fühlte: „Vergib mir, Greta, daß ich den Boden habe, der für Dich ſo ſchmerzlich- ſüße Erinnerungen trägt....“ „So war es nicht gemeint, Stefan. Ich gönne Dir Dörzbach, Du haſt es Dir wahrlich redlich verdient. Aber mir iſt es zur Heimat geworden und ich fürchte, ich werde mich krank ſehnen, wenn ich meinen Vater begleite. Hier war

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Zitationshilfe: Czernowitzer Allgemeine Zeitung. Nr. 1082, Czernowitz, 22.08.1907, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_czernowitzer1082_1907/1>, abgerufen am 24.11.2020.