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Czernowitzer Allgemeine Zeitung. Nr. 744, Czernowitz, 03.07.1906.

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Redaktion u. Administration:
Rathausstraße 16.




Telephon-Nummer 161.




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Für Rumänien und den Balkan:
vierteljährig ..... 10 Lei.




Telegramme: Allgemeine, Czernowitz.


[Spaltenumbruch]
Czernowitzer
Allgemeine Zeitung

[Spaltenumbruch]

Ankündigungen
Es kostet im gewöhnlichen Juse-
ratenteil 12 h die 6mal gespaltene
Petitzeile bei einmaliger, 9 h bei
mehrmaliger Einschaltung, für Re-
klame 40 h die Petitzeile. Inserate
nehmen alle in- und ausländischen
Inseratenbureaux sowie die Ad-
ministration entgegen. -- Einzel-
exemplare sind in allen Zeitungs-
verschleißen, Trafiken, der k. k. Uni-
versitätsbuchhandlung H. Pardini
und in der Administration (Rat-
hausstr. 16) erhältlich. In Wien
im Zeitungsburean Goldschmidt,
Wollzeile 11.

Einzelexemplare
10 Heller für Czernowitz.






Nr. 744. Czernowitz, Dienstag, den 3. Juli 1906.



[Spaltenumbruch]
Uebersicht.

Vorgänge in Rußland.

Das erste Bataillon des Preobraschenskischen Regiments
ist bereits an seinem Verbannungsorte in Medjed eingetroffen.
-- In Batum ist die Situation sehr bedrohlich.

Vom Tage.

Die ungarische Delegation hat ihre Arbeit beendigt. --
Dr. v. Koerber wird Mittwoch vor dem Budgetausschusse
rescheinen.

Letzte Telegramme.

Im ungarischen Abgeordnetenhause spricht Abg. Cziz-
mazia
die Verachtung über die in Bialystok verübten Grau-
samkeiten aus.




Ungesühnte Sünden. (Orig.-K.)

Hätten überhaupt noch Zweifel darüber bestehen können,
daß an dem Hauptmann Dreyfus eines der schändlichsten
Justizverbrechen begangen worden ist, die die Geschichte irgend
eines Volkes aufweist, ein sorgsam vorbereitetes, mit den er-
bärmlichsten Mitteln ins Werk gesetztes und durchgeführtes
Verbrechen, so müssen sie jetzt durch die lichtvollen Ausfüh-
rungen des Berichterstatters Moras und durch die in ihrer
strengen Logik vernichtenden Darlegungen des Oberstaatsan-
waltes Baudouin in dem neuen Dreyfus-Revisionsprozesse vor
dem Kassationshofe bei jedem denkenden Menschen unmöglich
geworden sein. Das Fälschungs-, Lügen-, Bestechungs- und
Ränkegewebe der Männer des alten Generalstabs liegt jetzt
entwirrt vor Aller Augen, und man muß sich entrüstet fragen,
wie sonst ehrenwerte Offiziere, wie der General Zurlinden,
als Kriegsminister, nur einen Augenblick daran zu denken ver-
mochten, diese Sünden ihrer Vorgänger und ihrer Kameraden
zu decken oder gar abzuleugnen. Dem genannten General
scheinen in dieser Beziehung selbst, allerdings etwas spät,
reuige Bedenken gekommen zu sein, denn er hat in einem
freilich nicht sehr offenen und klaren Artikel des "Gaulois"
zum ersten Male bei der Besprechung der Affäre die Beteu-
erung der Schuld Dreyfus und seiner festen Ueberzeugung,
persönlich recht gehandelt zu haben, vorsichtig unterlassen und
Zweifeln ernster Art Ausdruck gegeben.

Aber das hat heute nur insofern Bedeutung, als man daraus
ermessen kann, wie gewaltig sich Licht, Recht und Wahrheit
in dem Kampfe gegen Haß und Trug erwiesen haben! Und
trotzdem wagen es die Helfershelfer und Anführer der Henry,
[Spaltenumbruch] Esterhazy, Sandherr auch heute noch die Stirne keck empor-
zuheben und dem empörten Gewissen der Nation frech ent-
gegenzutreten. Noch finden sie eine Presse, die ihre geistigen
Lügen spaltenlang abdruckt, noch Journalisten, die ihnen ihre
Federn zur Verfügung stellen. Noch kann ein "Eklair", der
den gehässigsten Kläffer, Ernest Judet, zum Chefredakteur hat,
täglich der Wahrheit Faustschläge versetzen und dem höchsten
Gerichtshofe nicht nur Hohn sprechen, sondern sogar die ge-
meinsten Drohungen ins Gesicht schleudern.

Das ist aber ein gefährliches Spiel! Freilich deckt die
Amnestie, die Waldeck-Rousseau, der im besten Glauben
handelte, von Anfang an verargt wurde und es noch heute
mehr, als je, wird, alle Fälscher und Ränkeschmiede, alle
Spießgesellen des alten Generalstabes und alle noch lebenden
Mitglieder dieses. Aber gesühnt sind die von ihnen began-
genen Freveltaten deshalb doch nicht und noch weniger ver-
gessen. Und vielleicht könnte man mit dem Oberstaatsanwalt.
Baudouin in den leitenden Kreisen übereinstimmen, daß es
für gewisse Dinge keine Verjährung und keine Amnestie gibt.
Der Rädelsführer des ganzen Handels, der unselige General
Mercier, scheint trotz seines Senatorensitzes solche Befürchtun-
gen zu hegen. Denn er schweigt sich hartnäckig über die
furchtbaren Anklagen Herrn Baudouins gegen ihn trotz aller
Beschwörungen des "Eklair" und der "Libre Parole" aus,
die darüber ihre Verlegenheit und ihre Bestürzung nicht ver-
heimlichen können.

Auch du Paty de Clam, dessen unheilvolle Rolle gerade
jetzt nach dem Bekanntwerden seines ersten Schreibens an
Mercier, in dem er selbst die Haltlosigkeit der gegen Dreyfus
erhobenen Beschuldigungen schon vor dessen erster Verurteilung
zugestand, besonders empörend hervortritt, weiß nur stam-
melnde Entgegnungen vorzubringen und glaubt hervorragend
kühn und stolz sich zu zeigen, weil er dem Oberstaatsanwalte
des Kassationshofes mit einer Klage wegen einer Verbal-
injurie (Herr Baudouin sagte von ihm, er sei ein Mann, für
den das Wort Gewissen ein toter Buchstabe sei), droht. Und
Cuignet kramt seine alten und lächerlichen, aber leider auch giftigen
Weisheiten weiter aus, Bertillon und Teyssoniere steifen sich
darauf, aufs Neue ihre famose "Schreibfachkenntnis" leuchten
zu lassen. Man möchte wirklich meinen, diese Leute bildeten
sich ein, der Dreyfus-Revisionsprozeß könne mit einer neuen
kriegsgerichtlichen Verurteilung ihres Opfers enden. Wie ge-
sagt, diese Drohungen und Aufwühlereien der alten Sünden
könnten für die Herren schließlich doch noch große Unzuträg-
lichkeiten im Gefolge haben, so sicher und vor jeder Straf-
[Spaltenumbruch] verfolgung gedeckt sie sich auch glauben. Denn es könnten
vielleicht einige Tatsachen, "Verstärkungen" der alten Lügen
und Fälschungen, von der Justiz ins Auge gefaßt werden, die
aus der Zeit nach dem Amnestie-Erlasse stammen und daher
von diesem nicht gedeckt werden. Und da könnten sie doch
noch die Wahrheit der Worte des Dichters am eigenen Leibe
verspüren: "Denn jede Schuld rächt sich auf Erden!"




Die Vorgänge in Russland.
Die Lage des Ministeriums Goremykin.

In einer Konferenz der Zentrums-
mitglieder des Reichsrats wurde auf Verlangen der
früheren Minister Jermolow und Manuchin der Konflikt
zwischen der Reichsduma und dem Ministerium
Goremykin
erörtert. Es wurde über die eventuelle grund-
sätzliche Stellungnahme des Reichsrats-Zentrums zu einem
unverantwortlichen Kabinett beraten. Die Reden drehten sich
um die Frage, ob der Reichsrat mit seiner Autorität für die
Volksvertretung oder für das Kabinett einzutreten habe. Die
Mehrheit war geneigt, dem gegenwärtigen
Ministerium ein Mißtrauensvoten
auszu-
sprechen.

Die Verhandlungen über die
Bildung eines Kabinetts aus der Dumamehrheit haben bis-
her noch zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt. In
Peterhof hätte man an der Spitze des künftigen Ministeriums
am liebsten den Grafen Heyden gesehen, doch lehnten die
Führer der Konstitutionell-demokratischen Partei das ent-
schieden ab, forderten vielmehr ein rein demokratisches Kabinett,
willigten aber ein, daß es aus den gemäßigsten Parteimit-
gliedern zusammengesetzt werden könnte. Dann wurden ihnen
jedoch unannehmbare Bedingungen gestellt. Erstens sollten die
Portefeuilles der Minister des Aeußern, des Kriegs-, des
Marineministes den Bureaukraten zufallen; zweitens
wurde verlangt, daß die radikale Lösung der Agrarfrage
auf dem Wege der Enteignung beanstandet werde; drittens
sollte die Duma eine neue Anleihe von vier Milliarden
Franken bewilligen und schließlich gegen die extremen Ele-
mente in der Reichsduma energisch ankämpfen.

Soeben hatte Ihr Korrespondent
eine Unterredung mit dem Professor Meljukow, der hier ge-
rüchtweise als künftiger Minister der Volksaufklärung genannt




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.
"Astronomische Rundschau für den
Monat Juli
1906."

(Nachdruck verboten.)

Wenn Sonnenglut und Sommerlust die weite Land-
schaft erfüllt, dann schlägt auch unser Herz freier und
froher!

Es drängt uns hinaus in den Flur und den Wald, wo
der unermüdliche "Sing-Sang" der Vögel erklingt und uns
die Blumen grüßen in ihrem bunten Röcklein, -- das
Köpfchen hoch erhoben zum rosigen Lichte!

Unter dem zarten Blau des Julihimmels reift das
Aehrenfeld im Sommerwinde und harrt der Sichel.

"Kilian, der heilige Mann (8. Juli),
Er stellt die ersten Schnitter an!"

Das ist der Spruch des Landmannes, der außer dem
Roggen und Hafer noch das "Grummet" (Heu) mäht. Darum
heißt auch der Monat "Heumond" oder "Heuert".

In ihm wünscht sich der Bauer keinen Regen, nament-
lich nicht am Tage der "sieben Brüder"; denn:

"Sind die sieben Brüder (10. Juli) naß,
Regnet's ohne Unterlaß!"

In der vorcäsarischen Zeit hieß der Monat Quintilis,
und er war der fünfte im alten Römerkalender. Erst später
gab ihm das weltbeherrschende Volk den Namen "Juli",
weil ihr allmächtiger Diktator G. Julius Cäsar in ihm das
Licht der Welt erblickte.


[Spaltenumbruch]

Zur Regierungszeit Kaiser Karls des Großen führte er
die Bezeichnung Hewimanoth, und in Nordfriesland heißt er
noch heutzutage "Barigtmun", weil man in ihm die Ernte
"birgt".

Leider werden die Tage im Juli schon wieder kürzer,
denn unsere Sonne, die im verflossenen Monat ihren höchsten
Stand an der weiten Himmelsglocke erreichte, wendet sich
mehr und mehr dem Himmelsäquator zu. Die Nächte werden
darum auch länger und die Sterne, die in den vergangenen
Wochen schüchtern nur aus ihren Himmelsfenstern herab-
blickten, sie treten nun mit größerer Klarheit aus ihrem
dunklen Untergrunde wiederum hervor.

Die Sonne, die hehre "Königin des Tages", tritt am
23. Juli in das Tierkreiszeichen des "Löwen" ein.

Von den Planeten erreicht der Merkur am 15. Juli
am Abendhimmel seine größte, östliche Elongation (seine
scheinbare Entfernung von der Sonne). Wegen seines sehr
tiefen Standes am westlichen Horizonte ist er jedoch kaum
zu sehen. Merkur gehört überhaupt zu denjenigen Himmels-
objekten, die überaus schwierig zu beobachten sind. Diesen
Uebelstand empfand schon Kopernikus, der auf seinem Toten-
bette noch bedauerte, den Merkur niemals gesehen zu haben.
Mästlin, der Lehrer Keplers, aber hielt jede Merkurbeob-
achtung für eine sinnlose Zeitvergeudung. Die Venus, die am
14. Juli in Konjunktion mit dem hellen Fixsterne Regulus
(alpha) im "großen Löwen" kommt, ist auch im Monat
Juli noch unser Abendstern; sie rückt nun tiefer nach Süden,
und am Schlusse des Monats sehen wir sie 3/4 Stund lang.
Am 24. Juli abends um 8 Uhr wird die Venus in Kon-
junktion mit unserem Monde sein und unterhalb des letzteren
stehen. Die beiden helleuchtenden Gestirne werden in dieser
Konstellation einen prächtigen Anblick bieten. Der Mars,
der Modeplanet unseres Jahrhunderts, ist im Juli nicht
sichtbar, denn er steht zu nahe bei der Sonne, verschwindet
[Spaltenumbruch] also in ihren Strahlen. Der Jupiter, der Riese unter all
den anderen Planeten, taucht am Beginn des Monats, und
zwar nach Mitternacht, im Nordosten wieder auf. Er ist im
Sternbilde der "Zwillinge" zu finden. Der Saturn, dieses
Rätsel in unserem Sonnensystem, erscheint im Bilde des
"Wassermannes", und zwar geht er um die Mitte des
Monats um 10 Uhr abends unter den Sternen auf, gegen
Ende des Juli aber schon um 9 Uhr. Die ganze Nacht
leuchtet er in seinem bleifarbenen Lichte am Himmel und sein
Ringsystem hat sich im Laufe der letzten Zeit noch mehr ge-
schlossen. Der Uranus kann im Sternbilde des "Schützen"
die ganze Nacht hindurch im Fernrohre gesehen werden; er
zeigt sich uns als Stern sechster Größe. Der Neptun aber,
der vorläufige Grenzwächter unseres Planetensystems, welchen
der berühmte Leverrier errechnete und den Galle dann in
Berlin mit dem Fernrohre auffand, ist im Juli nicht zu
sehen. Am 2. Juli steht dieser Planet in Konjunktion mit
unserem Tagesgestirn. Während die Helligkeit des Tages am
1. Juli noch bis um 9 Uhr abends andauerte, hat sie bis
zum 20. Juli bereits um eine Viertelstunde abgenommen.

Der Fixsternhimmel zeigt uns am 1. Juli abends
um 10 Uhr folgende Sternbilder, von Süden nach Norden
zu gesehen:

Den "Antonius", den "Adler", den "Schlangenträger",
die "Schlange", die "Wage", die "Jungfrau", den "großen
Löweu", den "kleinen Löwen", die "Jagdhunde", den
"Bootes", die "Krone", den "Herkules", die "Leyer", den
"Schwan", den "Delphin", den "Pegasus", die "Andromeda",
den "Drachen", den "großen Bären", den "Luchs", den
"Cassiopeja", den "Cepheus" und den "kleinen Bären".

Wenn die Sonne sich losgerissen hat von den Liebes-
fesseln ihres Tages, und jene wundersame Ouverture ver-
klungen ist, welche die hehre Lichtkomposition der Nacht ein-
leitet, dann flammt jetzt am Abendhimmel, wie ein Edel-


[Spaltenumbruch]

Redaktion u. Adminiſtration:
Rathausſtraße 16.




Telephon-Nummer 161.




Abonnementsbedingungen:

Für Czernowitz
(mit Zuſtellung ins Haus):
monatl. K 1.80, vierteljähr. K 5.40,
halbj. K 10.80, ganzjähr. K 21.60.
(mit täglicher Poſtverſendung)
monatl. K 2, vierteljähr. K 6,
halbjähr. K 12, ganzjähr. K 24.

Für Deutſchland:
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Für Rumänien und den Balkan:
vierteljährig ..... 10 Lei.




Telegramme: Allgemeine, Czernowitz.


[Spaltenumbruch]
Czernowitzer
Allgemeine Zeitung

[Spaltenumbruch]

Ankündigungen
Es koſtet im gewöhnlichen Juſe-
ratenteil 12 h die 6mal geſpaltene
Petitzeile bei einmaliger, 9 h bei
mehrmaliger Einſchaltung, für Re-
klame 40 h die Petitzeile. Inſerate
nehmen alle in- und ausländiſchen
Inſeratenbureaux ſowie die Ad-
miniſtration entgegen. — Einzel-
exemplare ſind in allen Zeitungs-
verſchleißen, Trafiken, der k. k. Uni-
verſitätsbuchhandlung H. Pardini
und in der Adminiſtration (Rat-
hausſtr. 16) erhältlich. In Wien
im Zeitungsburean Goldſchmidt,
Wollzeile 11.

Einzelexemplare
10 Heller für Czernowitz.






Nr. 744. Czernowitz, Dienstag, den 3. Juli 1906.



[Spaltenumbruch]
Uebersicht.

Vorgänge in Rußland.

Das erſte Bataillon des Preobraſchenskiſchen Regiments
iſt bereits an ſeinem Verbannungsorte in Medjed eingetroffen.
— In Batum iſt die Situation ſehr bedrohlich.

Vom Tage.

Die ungariſche Delegation hat ihre Arbeit beendigt. —
Dr. v. Koerber wird Mittwoch vor dem Budgetausſchuſſe
reſcheinen.

Letzte Telegramme.

Im ungariſchen Abgeordnetenhauſe ſpricht Abg. Cziz-
mazia
die Verachtung über die in Bialyſtok verübten Grau-
ſamkeiten aus.




Ungesühnte Sünden. (Orig.-K.)

Hätten überhaupt noch Zweifel darüber beſtehen können,
daß an dem Hauptmann Dreyfus eines der ſchändlichſten
Juſtizverbrechen begangen worden iſt, die die Geſchichte irgend
eines Volkes aufweiſt, ein ſorgſam vorbereitetes, mit den er-
bärmlichſten Mitteln ins Werk geſetztes und durchgeführtes
Verbrechen, ſo müſſen ſie jetzt durch die lichtvollen Ausfüh-
rungen des Berichterſtatters Moras und durch die in ihrer
ſtrengen Logik vernichtenden Darlegungen des Oberſtaatsan-
waltes Baudouin in dem neuen Dreyfus-Reviſionsprozeſſe vor
dem Kaſſationshofe bei jedem denkenden Menſchen unmöglich
geworden ſein. Das Fälſchungs-, Lügen-, Beſtechungs- und
Ränkegewebe der Männer des alten Generalſtabs liegt jetzt
entwirrt vor Aller Augen, und man muß ſich entrüſtet fragen,
wie ſonſt ehrenwerte Offiziere, wie der General Zurlinden,
als Kriegsminiſter, nur einen Augenblick daran zu denken ver-
mochten, dieſe Sünden ihrer Vorgänger und ihrer Kameraden
zu decken oder gar abzuleugnen. Dem genannten General
ſcheinen in dieſer Beziehung ſelbſt, allerdings etwas ſpät,
reuige Bedenken gekommen zu ſein, denn er hat in einem
freilich nicht ſehr offenen und klaren Artikel des „Gaulois“
zum erſten Male bei der Beſprechung der Affäre die Beteu-
erung der Schuld Dreyfus und ſeiner feſten Ueberzeugung,
perſönlich recht gehandelt zu haben, vorſichtig unterlaſſen und
Zweifeln ernſter Art Ausdruck gegeben.

Aber das hat heute nur inſofern Bedeutung, als man daraus
ermeſſen kann, wie gewaltig ſich Licht, Recht und Wahrheit
in dem Kampfe gegen Haß und Trug erwieſen haben! Und
trotzdem wagen es die Helfershelfer und Anführer der Henry,
[Spaltenumbruch] Eſterhazy, Sandherr auch heute noch die Stirne keck empor-
zuheben und dem empörten Gewiſſen der Nation frech ent-
gegenzutreten. Noch finden ſie eine Preſſe, die ihre geiſtigen
Lügen ſpaltenlang abdruckt, noch Journaliſten, die ihnen ihre
Federn zur Verfügung ſtellen. Noch kann ein „Eklair“, der
den gehäſſigſten Kläffer, Erneſt Judet, zum Chefredakteur hat,
täglich der Wahrheit Fauſtſchläge verſetzen und dem höchſten
Gerichtshofe nicht nur Hohn ſprechen, ſondern ſogar die ge-
meinſten Drohungen ins Geſicht ſchleudern.

Das iſt aber ein gefährliches Spiel! Freilich deckt die
Amneſtie, die Waldeck-Rouſſeau, der im beſten Glauben
handelte, von Anfang an verargt wurde und es noch heute
mehr, als je, wird, alle Fälſcher und Ränkeſchmiede, alle
Spießgeſellen des alten Generalſtabes und alle noch lebenden
Mitglieder dieſes. Aber geſühnt ſind die von ihnen began-
genen Freveltaten deshalb doch nicht und noch weniger ver-
geſſen. Und vielleicht könnte man mit dem Oberſtaatsanwalt.
Baudouin in den leitenden Kreiſen übereinſtimmen, daß es
für gewiſſe Dinge keine Verjährung und keine Amneſtie gibt.
Der Rädelsführer des ganzen Handels, der unſelige General
Mercier, ſcheint trotz ſeines Senatorenſitzes ſolche Befürchtun-
gen zu hegen. Denn er ſchweigt ſich hartnäckig über die
furchtbaren Anklagen Herrn Baudouins gegen ihn trotz aller
Beſchwörungen des „Eklair“ und der „Libre Parole“ aus,
die darüber ihre Verlegenheit und ihre Beſtürzung nicht ver-
heimlichen können.

Auch du Paty de Clam, deſſen unheilvolle Rolle gerade
jetzt nach dem Bekanntwerden ſeines erſten Schreibens an
Mercier, in dem er ſelbſt die Haltloſigkeit der gegen Dreyfus
erhobenen Beſchuldigungen ſchon vor deſſen erſter Verurteilung
zugeſtand, beſonders empörend hervortritt, weiß nur ſtam-
melnde Entgegnungen vorzubringen und glaubt hervorragend
kühn und ſtolz ſich zu zeigen, weil er dem Oberſtaatsanwalte
des Kaſſationshofes mit einer Klage wegen einer Verbal-
injurie (Herr Baudouin ſagte von ihm, er ſei ein Mann, für
den das Wort Gewiſſen ein toter Buchſtabe ſei), droht. Und
Cuignet kramt ſeine alten und lächerlichen, aber leider auch giftigen
Weisheiten weiter aus, Bertillon und Teyſſoniere ſteifen ſich
darauf, aufs Neue ihre famoſe „Schreibfachkenntnis“ leuchten
zu laſſen. Man möchte wirklich meinen, dieſe Leute bildeten
ſich ein, der Dreyfus-Reviſionsprozeß könne mit einer neuen
kriegsgerichtlichen Verurteilung ihres Opfers enden. Wie ge-
ſagt, dieſe Drohungen und Aufwühlereien der alten Sünden
könnten für die Herren ſchließlich doch noch große Unzuträg-
lichkeiten im Gefolge haben, ſo ſicher und vor jeder Straf-
[Spaltenumbruch] verfolgung gedeckt ſie ſich auch glauben. Denn es könnten
vielleicht einige Tatſachen, „Verſtärkungen“ der alten Lügen
und Fälſchungen, von der Juſtiz ins Auge gefaßt werden, die
aus der Zeit nach dem Amneſtie-Erlaſſe ſtammen und daher
von dieſem nicht gedeckt werden. Und da könnten ſie doch
noch die Wahrheit der Worte des Dichters am eigenen Leibe
verſpüren: „Denn jede Schuld rächt ſich auf Erden!“




Die Vorgänge in Russland.
Die Lage des Miniſteriums Goremykin.

In einer Konferenz der Zentrums-
mitglieder des Reichsrats wurde auf Verlangen der
früheren Miniſter Jermolow und Manuchin der Konflikt
zwiſchen der Reichsduma und dem Miniſterium
Goremykin
erörtert. Es wurde über die eventuelle grund-
ſätzliche Stellungnahme des Reichsrats-Zentrums zu einem
unverantwortlichen Kabinett beraten. Die Reden drehten ſich
um die Frage, ob der Reichsrat mit ſeiner Autorität für die
Volksvertretung oder für das Kabinett einzutreten habe. Die
Mehrheit war geneigt, dem gegenwärtigen
Miniſterium ein Mißtrauensvoten
auszu-
ſprechen.

Die Verhandlungen über die
Bildung eines Kabinetts aus der Dumamehrheit haben bis-
her noch zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt. In
Peterhof hätte man an der Spitze des künftigen Miniſteriums
am liebſten den Grafen Heyden geſehen, doch lehnten die
Führer der Konſtitutionell-demokratiſchen Partei das ent-
ſchieden ab, forderten vielmehr ein rein demokratiſches Kabinett,
willigten aber ein, daß es aus den gemäßigſten Parteimit-
gliedern zuſammengeſetzt werden könnte. Dann wurden ihnen
jedoch unannehmbare Bedingungen geſtellt. Erſtens ſollten die
Portefeuilles der Miniſter des Aeußern, des Kriegs-, des
Marineminiſtes den Bureaukraten zufallen; zweitens
wurde verlangt, daß die radikale Löſung der Agrarfrage
auf dem Wege der Enteignung beanſtandet werde; drittens
ſollte die Duma eine neue Anleihe von vier Milliarden
Franken bewilligen und ſchließlich gegen die extremen Ele-
mente in der Reichsduma energiſch ankämpfen.

Soeben hatte Ihr Korreſpondent
eine Unterredung mit dem Profeſſor Meljukow, der hier ge-
rüchtweiſe als künftiger Miniſter der Volksaufklärung genannt




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.
„Aſtronomiſche Rundſchau für den
Monat Juli
1906.“

(Nachdruck verboten.)

Wenn Sonnenglut und Sommerluſt die weite Land-
ſchaft erfüllt, dann ſchlägt auch unſer Herz freier und
froher!

Es drängt uns hinaus in den Flur und den Wald, wo
der unermüdliche „Sing-Sang“ der Vögel erklingt und uns
die Blumen grüßen in ihrem bunten Röcklein, — das
Köpfchen hoch erhoben zum roſigen Lichte!

Unter dem zarten Blau des Julihimmels reift das
Aehrenfeld im Sommerwinde und harrt der Sichel.

„Kilian, der heilige Mann (8. Juli),
Er ſtellt die erſten Schnitter an!“

Das iſt der Spruch des Landmannes, der außer dem
Roggen und Hafer noch das „Grummet“ (Heu) mäht. Darum
heißt auch der Monat „Heumond“ oder „Heuert“.

In ihm wünſcht ſich der Bauer keinen Regen, nament-
lich nicht am Tage der „ſieben Brüder“; denn:

„Sind die ſieben Brüder (10. Juli) naß,
Regnet’s ohne Unterlaß!“

In der vorcäſariſchen Zeit hieß der Monat Quintilis,
und er war der fünfte im alten Römerkalender. Erſt ſpäter
gab ihm das weltbeherrſchende Volk den Namen „Juli“,
weil ihr allmächtiger Diktator G. Julius Cäſar in ihm das
Licht der Welt erblickte.


[Spaltenumbruch]

Zur Regierungszeit Kaiſer Karls des Großen führte er
die Bezeichnung Hewimanoth, und in Nordfriesland heißt er
noch heutzutage „Barigtmun“, weil man in ihm die Ernte
„birgt“.

Leider werden die Tage im Juli ſchon wieder kürzer,
denn unſere Sonne, die im verfloſſenen Monat ihren höchſten
Stand an der weiten Himmelsglocke erreichte, wendet ſich
mehr und mehr dem Himmelsäquator zu. Die Nächte werden
darum auch länger und die Sterne, die in den vergangenen
Wochen ſchüchtern nur aus ihren Himmelsfenſtern herab-
blickten, ſie treten nun mit größerer Klarheit aus ihrem
dunklen Untergrunde wiederum hervor.

Die Sonne, die hehre „Königin des Tages“, tritt am
23. Juli in das Tierkreiszeichen des „Löwen“ ein.

Von den Planeten erreicht der Merkur am 15. Juli
am Abendhimmel ſeine größte, öſtliche Elongation (ſeine
ſcheinbare Entfernung von der Sonne). Wegen ſeines ſehr
tiefen Standes am weſtlichen Horizonte iſt er jedoch kaum
zu ſehen. Merkur gehört überhaupt zu denjenigen Himmels-
objekten, die überaus ſchwierig zu beobachten ſind. Dieſen
Uebelſtand empfand ſchon Kopernikus, der auf ſeinem Toten-
bette noch bedauerte, den Merkur niemals geſehen zu haben.
Mäſtlin, der Lehrer Keplers, aber hielt jede Merkurbeob-
achtung für eine ſinnloſe Zeitvergeudung. Die Venus, die am
14. Juli in Konjunktion mit dem hellen Fixſterne Regulus
(alpha) im „großen Löwen“ kommt, iſt auch im Monat
Juli noch unſer Abendſtern; ſie rückt nun tiefer nach Süden,
und am Schluſſe des Monats ſehen wir ſie ¾ Stund lang.
Am 24. Juli abends um 8 Uhr wird die Venus in Kon-
junktion mit unſerem Monde ſein und unterhalb des letzteren
ſtehen. Die beiden helleuchtenden Geſtirne werden in dieſer
Konſtellation einen prächtigen Anblick bieten. Der Mars,
der Modeplanet unſeres Jahrhunderts, iſt im Juli nicht
ſichtbar, denn er ſteht zu nahe bei der Sonne, verſchwindet
[Spaltenumbruch] alſo in ihren Strahlen. Der Jupiter, der Rieſe unter all
den anderen Planeten, taucht am Beginn des Monats, und
zwar nach Mitternacht, im Nordoſten wieder auf. Er iſt im
Sternbilde der „Zwillinge“ zu finden. Der Saturn, dieſes
Rätſel in unſerem Sonnenſyſtem, erſcheint im Bilde des
„Waſſermannes“, und zwar geht er um die Mitte des
Monats um 10 Uhr abends unter den Sternen auf, gegen
Ende des Juli aber ſchon um 9 Uhr. Die ganze Nacht
leuchtet er in ſeinem bleifarbenen Lichte am Himmel und ſein
Ringſyſtem hat ſich im Laufe der letzten Zeit noch mehr ge-
ſchloſſen. Der Uranus kann im Sternbilde des „Schützen“
die ganze Nacht hindurch im Fernrohre geſehen werden; er
zeigt ſich uns als Stern ſechſter Größe. Der Neptun aber,
der vorläufige Grenzwächter unſeres Planetenſyſtems, welchen
der berühmte Leverrier errechnete und den Galle dann in
Berlin mit dem Fernrohre auffand, iſt im Juli nicht zu
ſehen. Am 2. Juli ſteht dieſer Planet in Konjunktion mit
unſerem Tagesgeſtirn. Während die Helligkeit des Tages am
1. Juli noch bis um 9 Uhr abends andauerte, hat ſie bis
zum 20. Juli bereits um eine Viertelſtunde abgenommen.

Der Fixſternhimmel zeigt uns am 1. Juli abends
um 10 Uhr folgende Sternbilder, von Süden nach Norden
zu geſehen:

Den „Antonius“, den „Adler“, den „Schlangenträger“,
die „Schlange“, die „Wage“, die „Jungfrau“, den „großen
Löweu“, den „kleinen Löwen“, die „Jagdhunde“, den
„Bootes“, die „Krone“, den „Herkules“, die „Leyer“, den
„Schwan“, den „Delphin“, den „Pegaſus“, die „Andromeda“,
den „Drachen“, den „großen Bären“, den „Luchs“, den
„Caſſiopeja“, den „Cepheus“ und den „kleinen Bären“.

Wenn die Sonne ſich losgeriſſen hat von den Liebes-
feſſeln ihres Tages, und jene wunderſame Ouverture ver-
klungen iſt, welche die hehre Lichtkompoſition der Nacht ein-
leitet, dann flammt jetzt am Abendhimmel, wie ein Edel-


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Einzelexemplare 10 Heller für Czernowitz. Nr. 744. Czernowitz, Dienstag, den 3. Juli 1906. Uebersicht. Vorgänge in Rußland. Das erſte Bataillon des Preobraſchenskiſchen Regiments iſt bereits an ſeinem Verbannungsorte in Medjed eingetroffen. — In Batum iſt die Situation ſehr bedrohlich. Vom Tage. Die ungariſche Delegation hat ihre Arbeit beendigt. — Dr. v. Koerber wird Mittwoch vor dem Budgetausſchuſſe reſcheinen. Letzte Telegramme. Im ungariſchen Abgeordnetenhauſe ſpricht Abg. Cziz- mazia die Verachtung über die in Bialyſtok verübten Grau- ſamkeiten aus. Ungesühnte Sünden. Paris, 30. Juni. (Orig.-K.) Hätten überhaupt noch Zweifel darüber beſtehen können, daß an dem Hauptmann Dreyfus eines der ſchändlichſten Juſtizverbrechen begangen worden iſt, die die Geſchichte irgend eines Volkes aufweiſt, ein ſorgſam vorbereitetes, mit den er- bärmlichſten Mitteln ins Werk geſetztes und durchgeführtes Verbrechen, ſo müſſen ſie jetzt durch die lichtvollen Ausfüh- rungen des Berichterſtatters Moras und durch die in ihrer ſtrengen Logik vernichtenden Darlegungen des Oberſtaatsan- waltes Baudouin in dem neuen Dreyfus-Reviſionsprozeſſe vor dem Kaſſationshofe bei jedem denkenden Menſchen unmöglich geworden ſein. Das Fälſchungs-, Lügen-, Beſtechungs- und Ränkegewebe der Männer des alten Generalſtabs liegt jetzt entwirrt vor Aller Augen, und man muß ſich entrüſtet fragen, wie ſonſt ehrenwerte Offiziere, wie der General Zurlinden, als Kriegsminiſter, nur einen Augenblick daran zu denken ver- mochten, dieſe Sünden ihrer Vorgänger und ihrer Kameraden zu decken oder gar abzuleugnen. Dem genannten General ſcheinen in dieſer Beziehung ſelbſt, allerdings etwas ſpät, reuige Bedenken gekommen zu ſein, denn er hat in einem freilich nicht ſehr offenen und klaren Artikel des „Gaulois“ zum erſten Male bei der Beſprechung der Affäre die Beteu- erung der Schuld Dreyfus und ſeiner feſten Ueberzeugung, perſönlich recht gehandelt zu haben, vorſichtig unterlaſſen und Zweifeln ernſter Art Ausdruck gegeben. Aber das hat heute nur inſofern Bedeutung, als man daraus ermeſſen kann, wie gewaltig ſich Licht, Recht und Wahrheit in dem Kampfe gegen Haß und Trug erwieſen haben! Und trotzdem wagen es die Helfershelfer und Anführer der Henry, Eſterhazy, Sandherr auch heute noch die Stirne keck empor- zuheben und dem empörten Gewiſſen der Nation frech ent- gegenzutreten. Noch finden ſie eine Preſſe, die ihre geiſtigen Lügen ſpaltenlang abdruckt, noch Journaliſten, die ihnen ihre Federn zur Verfügung ſtellen. Noch kann ein „Eklair“, der den gehäſſigſten Kläffer, Erneſt Judet, zum Chefredakteur hat, täglich der Wahrheit Fauſtſchläge verſetzen und dem höchſten Gerichtshofe nicht nur Hohn ſprechen, ſondern ſogar die ge- meinſten Drohungen ins Geſicht ſchleudern. Das iſt aber ein gefährliches Spiel! Freilich deckt die Amneſtie, die Waldeck-Rouſſeau, der im beſten Glauben handelte, von Anfang an verargt wurde und es noch heute mehr, als je, wird, alle Fälſcher und Ränkeſchmiede, alle Spießgeſellen des alten Generalſtabes und alle noch lebenden Mitglieder dieſes. Aber geſühnt ſind die von ihnen began- genen Freveltaten deshalb doch nicht und noch weniger ver- geſſen. Und vielleicht könnte man mit dem Oberſtaatsanwalt. Baudouin in den leitenden Kreiſen übereinſtimmen, daß es für gewiſſe Dinge keine Verjährung und keine Amneſtie gibt. Der Rädelsführer des ganzen Handels, der unſelige General Mercier, ſcheint trotz ſeines Senatorenſitzes ſolche Befürchtun- gen zu hegen. Denn er ſchweigt ſich hartnäckig über die furchtbaren Anklagen Herrn Baudouins gegen ihn trotz aller Beſchwörungen des „Eklair“ und der „Libre Parole“ aus, die darüber ihre Verlegenheit und ihre Beſtürzung nicht ver- heimlichen können. Auch du Paty de Clam, deſſen unheilvolle Rolle gerade jetzt nach dem Bekanntwerden ſeines erſten Schreibens an Mercier, in dem er ſelbſt die Haltloſigkeit der gegen Dreyfus erhobenen Beſchuldigungen ſchon vor deſſen erſter Verurteilung zugeſtand, beſonders empörend hervortritt, weiß nur ſtam- melnde Entgegnungen vorzubringen und glaubt hervorragend kühn und ſtolz ſich zu zeigen, weil er dem Oberſtaatsanwalte des Kaſſationshofes mit einer Klage wegen einer Verbal- injurie (Herr Baudouin ſagte von ihm, er ſei ein Mann, für den das Wort Gewiſſen ein toter Buchſtabe ſei), droht. Und Cuignet kramt ſeine alten und lächerlichen, aber leider auch giftigen Weisheiten weiter aus, Bertillon und Teyſſoniere ſteifen ſich darauf, aufs Neue ihre famoſe „Schreibfachkenntnis“ leuchten zu laſſen. Man möchte wirklich meinen, dieſe Leute bildeten ſich ein, der Dreyfus-Reviſionsprozeß könne mit einer neuen kriegsgerichtlichen Verurteilung ihres Opfers enden. Wie ge- ſagt, dieſe Drohungen und Aufwühlereien der alten Sünden könnten für die Herren ſchließlich doch noch große Unzuträg- lichkeiten im Gefolge haben, ſo ſicher und vor jeder Straf- verfolgung gedeckt ſie ſich auch glauben. Denn es könnten vielleicht einige Tatſachen, „Verſtärkungen“ der alten Lügen und Fälſchungen, von der Juſtiz ins Auge gefaßt werden, die aus der Zeit nach dem Amneſtie-Erlaſſe ſtammen und daher von dieſem nicht gedeckt werden. Und da könnten ſie doch noch die Wahrheit der Worte des Dichters am eigenen Leibe verſpüren: „Denn jede Schuld rächt ſich auf Erden!“ Die Vorgänge in Russland. Die Lage des Miniſteriums Goremykin. Moskau, 1. Juli. In einer Konferenz der Zentrums- mitglieder des Reichsrats wurde auf Verlangen der früheren Miniſter Jermolow und Manuchin der Konflikt zwiſchen der Reichsduma und dem Miniſterium Goremykin erörtert. Es wurde über die eventuelle grund- ſätzliche Stellungnahme des Reichsrats-Zentrums zu einem unverantwortlichen Kabinett beraten. Die Reden drehten ſich um die Frage, ob der Reichsrat mit ſeiner Autorität für die Volksvertretung oder für das Kabinett einzutreten habe. Die Mehrheit war geneigt, dem gegenwärtigen Miniſterium ein Mißtrauensvoten auszu- ſprechen. Moskau, 1. Juli. Die Verhandlungen über die Bildung eines Kabinetts aus der Dumamehrheit haben bis- her noch zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt. In Peterhof hätte man an der Spitze des künftigen Miniſteriums am liebſten den Grafen Heyden geſehen, doch lehnten die Führer der Konſtitutionell-demokratiſchen Partei das ent- ſchieden ab, forderten vielmehr ein rein demokratiſches Kabinett, willigten aber ein, daß es aus den gemäßigſten Parteimit- gliedern zuſammengeſetzt werden könnte. Dann wurden ihnen jedoch unannehmbare Bedingungen geſtellt. Erſtens ſollten die Portefeuilles der Miniſter des Aeußern, des Kriegs-, des Marineminiſtes den Bureaukraten zufallen; zweitens wurde verlangt, daß die radikale Löſung der Agrarfrage auf dem Wege der Enteignung beanſtandet werde; drittens ſollte die Duma eine neue Anleihe von vier Milliarden Franken bewilligen und ſchließlich gegen die extremen Ele- mente in der Reichsduma energiſch ankämpfen. Petersburg, 1. Juli. Soeben hatte Ihr Korreſpondent eine Unterredung mit dem Profeſſor Meljukow, der hier ge- rüchtweiſe als künftiger Miniſter der Volksaufklärung genannt Feuilleton. „Aſtronomiſche Rundſchau für den Monat Juli 1906.“ Von Felix Erber, Carlshorſt-Berlin. (Nachdruck verboten.) Wenn Sonnenglut und Sommerluſt die weite Land- ſchaft erfüllt, dann ſchlägt auch unſer Herz freier und froher! Es drängt uns hinaus in den Flur und den Wald, wo der unermüdliche „Sing-Sang“ der Vögel erklingt und uns die Blumen grüßen in ihrem bunten Röcklein, — das Köpfchen hoch erhoben zum roſigen Lichte! Unter dem zarten Blau des Julihimmels reift das Aehrenfeld im Sommerwinde und harrt der Sichel. „Kilian, der heilige Mann (8. Juli), Er ſtellt die erſten Schnitter an!“ Das iſt der Spruch des Landmannes, der außer dem Roggen und Hafer noch das „Grummet“ (Heu) mäht. Darum heißt auch der Monat „Heumond“ oder „Heuert“. In ihm wünſcht ſich der Bauer keinen Regen, nament- lich nicht am Tage der „ſieben Brüder“; denn: „Sind die ſieben Brüder (10. Juli) naß, Regnet’s ohne Unterlaß!“ In der vorcäſariſchen Zeit hieß der Monat Quintilis, und er war der fünfte im alten Römerkalender. Erſt ſpäter gab ihm das weltbeherrſchende Volk den Namen „Juli“, weil ihr allmächtiger Diktator G. Julius Cäſar in ihm das Licht der Welt erblickte. Zur Regierungszeit Kaiſer Karls des Großen führte er die Bezeichnung Hewimanoth, und in Nordfriesland heißt er noch heutzutage „Barigtmun“, weil man in ihm die Ernte „birgt“. Leider werden die Tage im Juli ſchon wieder kürzer, denn unſere Sonne, die im verfloſſenen Monat ihren höchſten Stand an der weiten Himmelsglocke erreichte, wendet ſich mehr und mehr dem Himmelsäquator zu. Die Nächte werden darum auch länger und die Sterne, die in den vergangenen Wochen ſchüchtern nur aus ihren Himmelsfenſtern herab- blickten, ſie treten nun mit größerer Klarheit aus ihrem dunklen Untergrunde wiederum hervor. Die Sonne, die hehre „Königin des Tages“, tritt am 23. Juli in das Tierkreiszeichen des „Löwen“ ein. Von den Planeten erreicht der Merkur am 15. Juli am Abendhimmel ſeine größte, öſtliche Elongation (ſeine ſcheinbare Entfernung von der Sonne). Wegen ſeines ſehr tiefen Standes am weſtlichen Horizonte iſt er jedoch kaum zu ſehen. Merkur gehört überhaupt zu denjenigen Himmels- objekten, die überaus ſchwierig zu beobachten ſind. Dieſen Uebelſtand empfand ſchon Kopernikus, der auf ſeinem Toten- bette noch bedauerte, den Merkur niemals geſehen zu haben. Mäſtlin, der Lehrer Keplers, aber hielt jede Merkurbeob- achtung für eine ſinnloſe Zeitvergeudung. Die Venus, die am 14. Juli in Konjunktion mit dem hellen Fixſterne Regulus (alpha) im „großen Löwen“ kommt, iſt auch im Monat Juli noch unſer Abendſtern; ſie rückt nun tiefer nach Süden, und am Schluſſe des Monats ſehen wir ſie ¾ Stund lang. Am 24. Juli abends um 8 Uhr wird die Venus in Kon- junktion mit unſerem Monde ſein und unterhalb des letzteren ſtehen. Die beiden helleuchtenden Geſtirne werden in dieſer Konſtellation einen prächtigen Anblick bieten. Der Mars, der Modeplanet unſeres Jahrhunderts, iſt im Juli nicht ſichtbar, denn er ſteht zu nahe bei der Sonne, verſchwindet alſo in ihren Strahlen. Der Jupiter, der Rieſe unter all den anderen Planeten, taucht am Beginn des Monats, und zwar nach Mitternacht, im Nordoſten wieder auf. Er iſt im Sternbilde der „Zwillinge“ zu finden. Der Saturn, dieſes Rätſel in unſerem Sonnenſyſtem, erſcheint im Bilde des „Waſſermannes“, und zwar geht er um die Mitte des Monats um 10 Uhr abends unter den Sternen auf, gegen Ende des Juli aber ſchon um 9 Uhr. Die ganze Nacht leuchtet er in ſeinem bleifarbenen Lichte am Himmel und ſein Ringſyſtem hat ſich im Laufe der letzten Zeit noch mehr ge- ſchloſſen. Der Uranus kann im Sternbilde des „Schützen“ die ganze Nacht hindurch im Fernrohre geſehen werden; er zeigt ſich uns als Stern ſechſter Größe. Der Neptun aber, der vorläufige Grenzwächter unſeres Planetenſyſtems, welchen der berühmte Leverrier errechnete und den Galle dann in Berlin mit dem Fernrohre auffand, iſt im Juli nicht zu ſehen. Am 2. Juli ſteht dieſer Planet in Konjunktion mit unſerem Tagesgeſtirn. Während die Helligkeit des Tages am 1. Juli noch bis um 9 Uhr abends andauerte, hat ſie bis zum 20. Juli bereits um eine Viertelſtunde abgenommen. Der Fixſternhimmel zeigt uns am 1. Juli abends um 10 Uhr folgende Sternbilder, von Süden nach Norden zu geſehen: Den „Antonius“, den „Adler“, den „Schlangenträger“, die „Schlange“, die „Wage“, die „Jungfrau“, den „großen Löweu“, den „kleinen Löwen“, die „Jagdhunde“, den „Bootes“, die „Krone“, den „Herkules“, die „Leyer“, den „Schwan“, den „Delphin“, den „Pegaſus“, die „Andromeda“, den „Drachen“, den „großen Bären“, den „Luchs“, den „Caſſiopeja“, den „Cepheus“ und den „kleinen Bären“. Wenn die Sonne ſich losgeriſſen hat von den Liebes- feſſeln ihres Tages, und jene wunderſame Ouverture ver- klungen iſt, welche die hehre Lichtkompoſition der Nacht ein- leitet, dann flammt jetzt am Abendhimmel, wie ein Edel-

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Zitationshilfe: Czernowitzer Allgemeine Zeitung. Nr. 744, Czernowitz, 03.07.1906, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_czernowitzer744_1906/1>, abgerufen am 24.11.2020.