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[Kohlrausch, Henriette]: Physikalische Geographie. Vorgetragen von Alexander von Humboldt. [Berlin], [1828]. [= Nachschrift der ‚Kosmos-Vorträge‛ Alexander von Humboldts in der Sing-Akademie zu Berlin, 6.12.1827–27.3.1828.]

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dem Orinoco und dem Amazonenfluß) mit Inner- und Ost-Asien, (Thibet, dem
nördlichen Abhange des Himalaya, China, Malacca) mit Africa, in dem uns
Clapperton schön bewässerte Landstriche aufschließt, drängt sich unwillkürlich der
Gedanke auf, daß wir noch nicht den dritten, ja wahrscheinlich nicht den fünften
Theil der auf der Erde existirenden Gewächse kennen. - Diese Betrachtun-
gen bewahren gleichsam den alten Mythus des Zendavesta, als habe die schaf-
fende Urkraft aus dem heiligen Stierblut 120,000 Pflanzengestalten hervorgerufen.

9te Vorlesung [(7. Februar 1828)]

Wir wenden uns nunmehr der Sphäre des thierischen Lebens zu, deren Re-
presentanten, uns selbst näher gerückt, wir mit leicht erkennbaren Orga-
nen des Gefühls ausgerüstet finden. - Nach dem Grade der Empfindlichkeit
derselben weisen wir gewissermaßen den Geschöpfen ihre Stelle an; denn
nur in höhern Organisationen verkündet sich das Leid, dessen Größe wir
nach dem Ausdruck des Schmerzes zu messen pflegen. Cuvier hat bei verschie-
denartigen Argonauten und Nautiliten deutliche Sinnesorgane entdeckt, und Auge,
Ohr, selbst Gehirn bei ihnen vorgefunden. Dennoch aber bleiben diese Wesen uns
fremd, und wenn wir beim Anblick reizbarer Mimosen die Einheit alles orga-
nischen erkennen, so bleibt doch unser Mitgefühl einzig dem Ausdruck des thie-
rischen Schmerzes zugewandt.

Die geographische Verbreitung der Thiere ist derjenigen der Pflanzen ähnlich,
und steht im Verhältniß mit dem Klima und der Natur des Bodens, indem sie
durch die Nahrung modificirt wird, und das thierische Leben, das der Pflanzen
voraussetzt.

dem Orinoco und dem Amazonenfluß) mit Inner- und Ost-Asien, (Thibet, dem
nördlichen Abhange des Himalaya, China, Malacca) mit Africa, in dem uns
Clapperton schön bewässerte Landstriche aufschließt, drängt sich unwillkürlich der
Gedanke auf, daß wir noch nicht den dritten, ja wahrscheinlich nicht den fünften
Theil der auf der Erde existirenden Gewächse kennen. – Diese Betrachtun-
gen bewahren gleichsam den alten Mythus des Zendavesta, als habe die schaf-
fende Urkraft aus dem heiligen Stierblut 120,000 Pflanzengestalten hervorgerufen.

9te Vorlesung [(7. Februar 1828)]

Wir wenden uns nunmehr der Sphäre des thierischen Lebens zu, deren Re-
presentanten, uns selbst näher gerückt, wir mit leicht erkennbaren Orga-
nen des Gefühls ausgerüstet finden. – Nach dem Grade der Empfindlichkeit
derselben weisen wir gewissermaßen den Geschöpfen ihre Stelle an; denn
nur in höhern Organisationen verkündet sich das Leid, dessen Größe wir
nach dem Ausdruck des Schmerzes zu messen pflegen. Cuvier hat bei verschie-
denartigen Argonauten und Nautiliten deutliche Sinnesorgane entdeckt, und Auge,
Ohr, selbst Gehirn bei ihnen vorgefunden. Dennoch aber bleiben diese Wesen uns
fremd, und wenn wir beim Anblick reizbarer Mimosen die Einheit alles orga-
nischen erkennen, so bleibt doch unser Mitgefühl einzig dem Ausdruck des thie-
rischen Schmerzes zugewandt.

Die geographische Verbreitung der Thiere ist derjenigen der Pflanzen ähnlich,
und steht im Verhältniß mit dem Klima und der Natur des Bodens, indem sie
durch die Nahrung modificirt wird, und das thierische Leben, das der Pflanzen
voraussetzt.

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[37r/0077] dem Orinoco und dem Amazonenfluß) mit Inner und Ost-Asien, (Thibet, dem nördlichen Abhange des Himalaya, China, Malacca) mit Africa, in dem uns Clapperton schön bewässerte Landstriche aufschließt, drängt sich unwillkürlich der Gedanke auf, daß wir noch nicht den dritten, ja wahrscheinlich nicht den fünften Theil der auf der Erde existirenden Gewächse kennen. – Diese Betrachtun- gen bewahren gleichsam den alten Mythus des Zendavesta, als habe die schaf- fende Urkraft aus dem heiligen Stierblut 120,000 Pflanzengestalten hervorgerufen. 9te Vorl. (7. Februar 1828) Wir wenden uns nunmehr der Sphäre des thierischen Lebens zu, deren Re- presentanten, uns selbst näher gerückt, wir mit leicht erkennbaren Orga- nen des Gefühls ausgerüstet finden. – Nach dem Grade der Empfindlichkeit derselben weisen wir gewissermaßen den Geschöpfen ihre Stelle an; denn nur in höhern Organisationen verkündet sich das Leid, dessen Größe wir nach dem Ausdruck des Schmerzes zu messen pflegen. Cuvier hat bei verschie- denartigen Argonauten und Nautiliten deutliche Sinnesorgane entdeckt, und Auge, Ohr, selbst Gehirn bei ihnen vorgefunden. Dennoch aber bleiben diese Wesen uns fremd, und wenn wir beim Anblick reizbarer Mimosen die Einheit alles orga- nischen erkennen, so bleibt doch unser Mitgefühl einzig dem Ausdruck des thie- rischen Schmerzes zugewandt. Die geographische Verbreitung der Thiere ist derjenigen der Pflanzen ähnlich, und steht im Verhältniß mit dem Klima und der Natur des Bodens, indem sie durch die Nahrung modificirt wird, und das thierische Leben, das der Pflanzen voraussetzt.

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Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Christian Thomas: Herausgeber
Benjamin Fiechter, Christian Thomas: Bearbeiter
Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz: Bereitstellen der Digitalisierungsvorlage; Bilddigitalisierung

Weitere Informationen:

Dieses Werk wurde auf der Grundlage der Transkription in Hamel, Jürgen u. Klaus Harro Tiemann (Hg.) (1993): Alexander von Humboldt: Über das Universum. Die Kosmosvorträge 1827/28 in der Berliner Singakademie. Frankfurt a. M.: Insel. anhand der Vorlage geprüft und korrigiert, nach XML/TEI P5 konvertiert und gemäß dem DTA-Basisformat kodiert.

Abweichungen dieser Druckedition von der Manuskriptvorlage werden im Text an der entsprechenden Stelle in editorischen Kommentaren ausgewiesen.

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Zitationshilfe: [Kohlrausch, Henriette]: Physikalische Geographie. Vorgetragen von Alexander von Humboldt. [Berlin], [1828]. [= Nachschrift der ‚Kosmos-Vorträge‛ Alexander von Humboldts in der Sing-Akademie zu Berlin, 6.12.1827–27.3.1828.], S. 37r. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_msgermqu2124_1827/77>, abgerufen am 21.09.2020.