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Oest, Johann Friedrich: Versuch einer Beantwortung der pädagogischen Frage: Wie man Kinder und junge Leute vor dem Leib und Seele verwüstenden Laster der Unzucht überhaupt, und der Selbstschwächung insonderheit verwahren, oder, wofern sie schon davon angesteckt waren, wie man sie davon heilen könne? Wien, 1787.

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Dritter Brief.

"Jch bin ein unbekannter, aber großer Verehrer Jhrer Schriften. Sie suchen, und das ist edel, vornemlich der Jugend den Weg zur Glückseligkeit zu zeigen und sie vom Laster abzuschrecken. Mein Bewegungsgrund, an sie zu schreiben, ist die demüthige Frage: wie gelange ich wieder zu meiner verlornen Seelenruhe, nachdem ich meinen Leib durch das Laster der Onanie so sehr geschwächt habe? Meine Gestalt, die Gott gut gebildet hatte, ist verfallen. Eingefallene bleiche Wangen, Schwachheiten des Nervensystems, die schwärzeste Melancholie und öftere hypochondrische Zufälle sind die betrübten Folgen dieses Luderlebens. Hierzu kommt eine Gleichgültigkeit gegen die Schönheiten der Natur, von denen ich sonst ein so großer Freund war. Jch gehe oft gefühllos durch die seegenreiche Herbstnatur, und weine oft, ohne daß ich es kaum weiß. Sehe ich einen gesunden blühenden Menschen, so beneide ich ihn, und denke: so könntest du auch seyn, wenn du deinen Körper durch das schändlichste aller Laster nicht so verwüstet hättest! Und so bin ich der schwermüthigste und unglücklichste Mensch. -

Dritter Brief.

„Jch bin ein unbekannter, aber großer Verehrer Jhrer Schriften. Sie suchen, und das ist edel, vornemlich der Jugend den Weg zur Glückseligkeit zu zeigen und sie vom Laster abzuschrecken. Mein Bewegungsgrund, an sie zu schreiben, ist die demüthige Frage: wie gelange ich wieder zu meiner verlornen Seelenruhe, nachdem ich meinen Leib durch das Laster der Onanie so sehr geschwächt habe? Meine Gestalt, die Gott gut gebildet hatte, ist verfallen. Eingefallene bleiche Wangen, Schwachheiten des Nervensystems, die schwärzeste Melancholie und öftere hypochondrische Zufälle sind die betrübten Folgen dieses Luderlebens. Hierzu kommt eine Gleichgültigkeit gegen die Schönheiten der Natur, von denen ich sonst ein so großer Freund war. Jch gehe oft gefühllos durch die seegenreiche Herbstnatur, und weine oft, ohne daß ich es kaum weiß. Sehe ich einen gesunden blühenden Menschen, so beneide ich ihn, und denke: so könntest du auch seyn, wenn du deinen Körper durch das schändlichste aller Laster nicht so verwüstet hättest! Und so bin ich der schwermüthigste und unglücklichste Mensch. –

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[44/0043] Dritter Brief. „Jch bin ein unbekannter, aber großer Verehrer Jhrer Schriften. Sie suchen, und das ist edel, vornemlich der Jugend den Weg zur Glückseligkeit zu zeigen und sie vom Laster abzuschrecken. Mein Bewegungsgrund, an sie zu schreiben, ist die demüthige Frage: wie gelange ich wieder zu meiner verlornen Seelenruhe, nachdem ich meinen Leib durch das Laster der Onanie so sehr geschwächt habe? Meine Gestalt, die Gott gut gebildet hatte, ist verfallen. Eingefallene bleiche Wangen, Schwachheiten des Nervensystems, die schwärzeste Melancholie und öftere hypochondrische Zufälle sind die betrübten Folgen dieses Luderlebens. Hierzu kommt eine Gleichgültigkeit gegen die Schönheiten der Natur, von denen ich sonst ein so großer Freund war. Jch gehe oft gefühllos durch die seegenreiche Herbstnatur, und weine oft, ohne daß ich es kaum weiß. Sehe ich einen gesunden blühenden Menschen, so beneide ich ihn, und denke: so könntest du auch seyn, wenn du deinen Körper durch das schändlichste aller Laster nicht so verwüstet hättest! Und so bin ich der schwermüthigste und unglücklichste Mensch. –

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Zitationshilfe: Oest, Johann Friedrich: Versuch einer Beantwortung der pädagogischen Frage: Wie man Kinder und junge Leute vor dem Leib und Seele verwüstenden Laster der Unzucht überhaupt, und der Selbstschwächung insonderheit verwahren, oder, wofern sie schon davon angesteckt waren, wie man sie davon heilen könne? Wien, 1787, S. 44. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/oest_kinder_1787/43>, abgerufen am 17.12.2018.