Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Opitz, Martin: Buch von der Deutschen Poeterey. Breslau u. a., 1624.

Bild:
<< vorherige Seite

Hergegen in wichtigen sachen/ da von Göttern/ Helden/ Kö-
nigen/ Fürsten/ Städten vnd dergleichen gehandelt wird/ muß
man ansehliche/ volle vnd hefftige reden vorbringen/ vnd ein
ding nicht nur bloß nennen/ sondern mit prächtigen hohen wor-
ten vmbschreiben. Virgilius sagt nicht: die oder luce sequen-
ti;
sondern:

vbi primos crastinus ortus
Extulerit Titan, radiisque retexerit orbem.

Wann Titan morgen wird sein helles liecht auff-
stecken/
Vnd durch der stralen glantz die grosse welt entdecken.

Die mittele oder gleiche art zue reden ist/ welche zwar mit ih-
rer ziehr vber die niedrige steiget/ vnd dennoch zue der hohen an
pracht vnd grossen worten noch nicht gelanget Jn dieser gestalt
hat Catullus seine Argonautica geschrieben; welche wegen jh-
rer vnvergleichlichen schönheit allen der Poesie liebhabern be-
kandt sein/ oder ja sein sollen. Bißhieher auch dieses: nun ist
noch vbrig das wir von den reimen vnd vnterschiedenen art der
getichte reden.

Das VII. Capitel.
Von den reimen/ jhren wörtern vnd
arten der getichte.

EJn reim ist eine vber einstimmung des lautes
der syllaben vnd wörter zue ende zweyer oder mehrer ver-
se/ welche wir nach der art die wir vns fürgeschrieben ha-
ben zuesammen setzen. Damit aber die syllben vnd worte in die
reimen recht gebracht werden/ sind nachfolgende lehren in acht
zue nemen:

Erstlich/ weil offte ein Buchstabe eines doppelten lautes ist/
soll man sehen/ das er in schliessung der reimen nicht vermenget

werd.

Hergegen in wichtigen ſachen/ da von Goͤttern/ Helden/ Koͤ-
nigen/ Fuͤrſten/ Staͤdten vnd dergleichen gehandelt wird/ muß
man anſehliche/ volle vnd hefftige reden vorbringen/ vnd ein
ding nicht nur bloß nennen/ ſondern mit praͤchtigen hohen wor-
ten vmbſchreiben. Virgilius ſagt nicht: die oder luce ſequen-
ti;
ſondern:

vbi primos craſtinus ortus
Extulerit Titan, radiiſq́ue retexerit orbem.

Wann Titan morgen wird ſein helles liecht auff-
ſtecken/
Vñ durch der ſtralen glantz die groſſe welt entdeckẽ.

Die mittele oder gleiche art zue reden iſt/ welche zwar mit ih-
rer ziehr vber die niedrige ſteiget/ vnd dennoch zue der hohen an
pracht vnd groſſen worten noch nicht gelanget Jn dieſer geſtalt
hat Catullus ſeine Argonautica geſchrieben; welche wegen jh-
rer vnvergleichlichen ſchoͤnheit allen der Poeſie liebhabern be-
kandt ſein/ oder ja ſein ſollen. Bißhieher auch dieſes: nun iſt
noch vbrig das wir von den reimen vnd vnterſchiedenen art der
getichte reden.

Das VII. Capitel.
Von den reimen/ jhren woͤrtern vnd
arten der getichte.

EJn reim iſt eine vber einſtimmung des lautes
der ſyllaben vnd woͤrter zue ende zweyer oder mehrer ver-
ſe/ welche wir nach der art die wir vns fuͤrgeſchrieben ha-
ben zueſammen ſetzen. Damit aber die ſyllben vnd worte in die
reimen recht gebracht werden/ ſind nachfolgende lehren in acht
zue nemen:

Erſtlich/ weil offte ein Buchſtabe eines doppelten lautes iſt/
ſoll man ſehen/ das er in ſchlieſſung der reimen nicht vermenget

werd.
<TEI xml:id="dtabf">
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0050"/>
        <p>Hergegen in wichtigen &#x017F;achen/ da von Go&#x0364;ttern/ Helden/ Ko&#x0364;-<lb/>
nigen/ Fu&#x0364;r&#x017F;ten/ Sta&#x0364;dten vnd dergleichen gehandelt wird/ muß<lb/>
man an&#x017F;ehliche/ volle vnd hefftige reden vorbringen/ vnd ein<lb/>
ding nicht nur bloß nennen/ &#x017F;ondern mit pra&#x0364;chtigen hohen wor-<lb/>
ten vmb&#x017F;chreiben. Virgilius &#x017F;agt nicht: <hi rendition="#aq">die</hi> oder <hi rendition="#aq">luce &#x017F;equen-<lb/>
ti;</hi> &#x017F;ondern:</p><lb/>
        <cit>
          <quote>
            <lg>
              <l> <hi rendition="#aq">vbi primos cra&#x017F;tinus ortus</hi> </l><lb/>
              <l> <hi rendition="#aq">Extulerit Titan, radii&#x017F;q&#x0301;ue retexerit orbem.</hi> </l>
            </lg>
          </quote>
        </cit><lb/>
        <cit>
          <quote>
            <lg type="poem">
              <l> <hi rendition="#fr">Wann Titan morgen wird &#x017F;ein helles liecht auff-</hi> </l><lb/>
              <l> <hi rendition="#fr">&#x017F;tecken/</hi> </l><lb/>
              <l> <hi rendition="#fr">Vn&#x0303; durch der &#x017F;tralen glantz die gro&#x017F;&#x017F;e welt entdecke&#x0303;.</hi> </l>
            </lg>
          </quote>
        </cit><lb/>
        <p>Die mittele oder gleiche art zue reden i&#x017F;t/ welche zwar mit ih-<lb/>
rer ziehr vber die niedrige &#x017F;teiget/ vnd dennoch zue der hohen an<lb/>
pracht vnd gro&#x017F;&#x017F;en worten noch nicht gelanget Jn die&#x017F;er ge&#x017F;talt<lb/>
hat Catullus &#x017F;eine Argonautica ge&#x017F;chrieben; welche wegen jh-<lb/>
rer vnvergleichlichen &#x017F;cho&#x0364;nheit allen der Poe&#x017F;ie liebhabern be-<lb/>
kandt &#x017F;ein/ oder ja &#x017F;ein &#x017F;ollen. <choice><sic>Bißhiehcr</sic><corr>Bißhieher</corr></choice> auch die&#x017F;es: nun i&#x017F;t<lb/>
noch vbrig das wir von den reimen vnd vnter&#x017F;chiedenen art der<lb/>
getichte reden.</p>
      </div><lb/>
      <div n="1">
        <head>Das <hi rendition="#aq">VII.</hi> Capitel.<lb/>
Von den reimen/ jhren wo&#x0364;rtern vnd<lb/>
arten der getichte.</head><lb/>
        <p><hi rendition="#in">E</hi>Jn reim i&#x017F;t eine vber ein&#x017F;timmung des lautes<lb/>
der &#x017F;yllaben vnd wo&#x0364;rter zue ende zweyer oder mehrer ver-<lb/>
&#x017F;e/ welche wir nach der art die wir vns fu&#x0364;rge&#x017F;chrieben ha-<lb/>
ben zue&#x017F;ammen &#x017F;etzen. Damit aber die &#x017F;yllben vnd worte in die<lb/>
reimen recht gebracht werden/ &#x017F;ind nachfolgende lehren in acht<lb/>
zue nemen:</p><lb/>
        <p>Er&#x017F;tlich/ weil offte ein Buch&#x017F;tabe eines doppelten lautes i&#x017F;t/<lb/>
&#x017F;oll man &#x017F;ehen/ das er in &#x017F;chlie&#x017F;&#x017F;ung der reimen nicht vermenget<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">werd.</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0050] Hergegen in wichtigen ſachen/ da von Goͤttern/ Helden/ Koͤ- nigen/ Fuͤrſten/ Staͤdten vnd dergleichen gehandelt wird/ muß man anſehliche/ volle vnd hefftige reden vorbringen/ vnd ein ding nicht nur bloß nennen/ ſondern mit praͤchtigen hohen wor- ten vmbſchreiben. Virgilius ſagt nicht: die oder luce ſequen- ti; ſondern: vbi primos craſtinus ortus Extulerit Titan, radiiſq́ue retexerit orbem. Wann Titan morgen wird ſein helles liecht auff- ſtecken/ Vñ durch der ſtralen glantz die groſſe welt entdeckẽ. Die mittele oder gleiche art zue reden iſt/ welche zwar mit ih- rer ziehr vber die niedrige ſteiget/ vnd dennoch zue der hohen an pracht vnd groſſen worten noch nicht gelanget Jn dieſer geſtalt hat Catullus ſeine Argonautica geſchrieben; welche wegen jh- rer vnvergleichlichen ſchoͤnheit allen der Poeſie liebhabern be- kandt ſein/ oder ja ſein ſollen. Bißhieher auch dieſes: nun iſt noch vbrig das wir von den reimen vnd vnterſchiedenen art der getichte reden. Das VII. Capitel. Von den reimen/ jhren woͤrtern vnd arten der getichte. EJn reim iſt eine vber einſtimmung des lautes der ſyllaben vnd woͤrter zue ende zweyer oder mehrer ver- ſe/ welche wir nach der art die wir vns fuͤrgeſchrieben ha- ben zueſammen ſetzen. Damit aber die ſyllben vnd worte in die reimen recht gebracht werden/ ſind nachfolgende lehren in acht zue nemen: Erſtlich/ weil offte ein Buchſtabe eines doppelten lautes iſt/ ſoll man ſehen/ das er in ſchlieſſung der reimen nicht vermenget werd.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/opitz_buch_1624
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/opitz_buch_1624/50
Zitationshilfe: Opitz, Martin: Buch von der Deutschen Poeterey. Breslau u. a., 1624, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/opitz_buch_1624/50>, abgerufen am 22.04.2019.