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Panizza, Oskar: Der Illusionismus und Die Rettung der Persönlichkeit. Leipzig, 1895.

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Ausgedehntes und Gedachtes in einer Betrachtung vereinige1). In dem vorliegenden Versuch ist dagegen auf einen psichischen Akt, auf eine innere, unmittelbare Erfahrung hingewiesen, die Tausende von Menschen erlebt haben, ohne deshalb krank zu sein, auf die Halluzinazion, in der faktisch Gedachtes und Ausgedehntes in einem Prozess vereinigt ist.

§. 16.

Der grosse Fehler - nicht der Materjalisten - sondern der Psicho-Fisiker war, dass sie von der Ersheinungswelt stets rückwärts zu gehen versuchten. Sie glaubten immer von der Materie aus durch Rückwärtsgehen auf die Psiche zu stossen - und es war einerlei, ob sie diesen Schritt in der Aussenwelt vom Objekt zu seiner Perzepzion, oder im Gehirn von einer Ganglienzelle zur Vorstellung machten - obwohl sie sich nach dem stets mislungenen Erfolg sagen mussten, dass der Schritt eigentlich ja nicht zu machen sei. Denn Etwas von Descartes hatten sie ja doch behalten. Sie befanden sich in der misslichen Lage Jener, die auf der Brücke stehen, und in den vor ihnen vorauseilenden Fluss blicken. Sie erleben die Täuschung, dass sie sich mit der Brücke und den Ufern nach rückwärts bewegen. Aber, sobald sie aufschauen, sehen sie, dass Alles am alten Plaz

1) Und wenn Spinoza immer wieder versichert, "deus", die panteistische Substanz, dürfe nicht persönlich genommen werden, sondern sei - Natur: eine Natur, die hier denkt, dort ausgedehnt ist, können wir uns vorstellen; aber eine, die dies gleichzeitig, unter einem Gesichtspunkt, tut, können wir uns nicht vorstellen, da wir hier von der eigenen, empirischen Intelligenz abstrahiren, die dies nicht kann. Und Spinoza's gelegentlicher Saz: dass Einzelnes nur aus Einzelnem folgt, ein Körperliches nur durch ein Körperliches, ein Denkvorgang nur durch einen Denkvorgang bedingt werden könne (Ethica II. pr. 9. dem.), zeigt, dass er sich selbst Leib und Seele als Dualismus zurecht gelegt hatte. Seine Lösung war daher eine rein begriffliche, rein nach einem logischen Saz durchgeführte, was uns verständlich wird, wenn wir erfahren, dass er Filosofie nur vom matematischen Gesichtspunkte aus kante. Für ihn war Substanz ein Quadrat, in das man Ausdehnung und Denken als zwei kleinere Quadrate einzeichnete. Damit war die Einheit von Ausdehnung und Denken äusserlich gezeigt, aber nicht begreifbar gemacht.

Ausgedehntes und Gedachtes in einer Betrachtung vereinige1). In dem vorliegenden Versuch ist dagegen auf einen psichischen Akt, auf eine innere, unmittelbare Erfahrung hingewiesen, die Tausende von Menschen erlebt haben, ohne deshalb krank zu sein, auf die Halluzinazion, in der faktisch Gedachtes und Ausgedehntes in einem Prozess vereinigt ist.

§. 16.

Der grosse Fehler – nicht der Materjalisten – sondern der Psicho-Fisiker war, dass sie von der Ersheinungswelt stets rückwärts zu gehen versuchten. Sie glaubten immer von der Materie aus durch Rückwärtsgehen auf die Psiche zu stossen – und es war einerlei, ob sie diesen Schritt in der Aussenwelt vom Objekt zu seiner Perzepzion, oder im Gehirn von einer Ganglienzelle zur Vorstellung machten – obwohl sie sich nach dem stets mislungenen Erfolg sagen mussten, dass der Schritt eigentlich ja nicht zu machen sei. Denn Etwas von Descartes hatten sie ja doch behalten. Sie befanden sich in der misslichen Lage Jener, die auf der Brücke stehen, und in den vor ihnen vorauseilenden Fluss blicken. Sie erleben die Täuschung, dass sie sich mit der Brücke und den Ufern nach rückwärts bewegen. Aber, sobald sie aufschauen, sehen sie, dass Alles am alten Plaz

1) Und wenn Spinoza immer wieder versichert, „deus“, die panteïstische Substanz, dürfe nicht persönlich genommen werden, sondern sei – Natur: eine Natur, die hier denkt, dort ausgedehnt ist, können wir uns vorstellen; aber eine, die dies gleichzeitig, unter einem Gesichtspunkt, tut, können wir uns nicht vorstellen, da wir hier von der eigenen, empirischen Intelligenz abstrahiren, die dies nicht kann. Und Spinoza’s gelegentlicher Saz: dass Einzelnes nur aus Einzelnem folgt, ein Körperliches nur durch ein Körperliches, ein Denkvorgang nur durch einen Denkvorgang bedingt werden könne (Ethica II. pr. 9. dem.), zeigt, dass er sich selbst Leib und Seele als Dualismus zurecht gelegt hatte. Seine Lösung war daher eine rein begriffliche, rein nach einem logischen Saz durchgeführte, was uns verständlich wird, wenn wir erfahren, dass er Filosofie nur vom matematischen Gesichtspunkte aus kante. Für ihn war Substanz ein Quadrat, in das man Ausdehnung und Denken als zwei kleinere Quadrate einzeichnete. Damit war die Einheit von Ausdehnung und Denken äusserlich gezeigt, aber nicht begreifbar gemacht.
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[35/0036] Ausgedehntes und Gedachtes in einer Betrachtung vereinige 1). In dem vorliegenden Versuch ist dagegen auf einen psichischen Akt, auf eine innere, unmittelbare Erfahrung hingewiesen, die Tausende von Menschen erlebt haben, ohne deshalb krank zu sein, auf die Halluzinazion, in der faktisch Gedachtes und Ausgedehntes in einem Prozess vereinigt ist. §. 16. Der grosse Fehler – nicht der Materjalisten – sondern der Psicho-Fisiker war, dass sie von der Ersheinungswelt stets rückwärts zu gehen versuchten. Sie glaubten immer von der Materie aus durch Rückwärtsgehen auf die Psiche zu stossen – und es war einerlei, ob sie diesen Schritt in der Aussenwelt vom Objekt zu seiner Perzepzion, oder im Gehirn von einer Ganglienzelle zur Vorstellung machten – obwohl sie sich nach dem stets mislungenen Erfolg sagen mussten, dass der Schritt eigentlich ja nicht zu machen sei. Denn Etwas von Descartes hatten sie ja doch behalten. Sie befanden sich in der misslichen Lage Jener, die auf der Brücke stehen, und in den vor ihnen vorauseilenden Fluss blicken. Sie erleben die Täuschung, dass sie sich mit der Brücke und den Ufern nach rückwärts bewegen. Aber, sobald sie aufschauen, sehen sie, dass Alles am alten Plaz 1) Und wenn Spinoza immer wieder versichert, „deus“, die panteïstische Substanz, dürfe nicht persönlich genommen werden, sondern sei – Natur: eine Natur, die hier denkt, dort ausgedehnt ist, können wir uns vorstellen; aber eine, die dies gleichzeitig, unter einem Gesichtspunkt, tut, können wir uns nicht vorstellen, da wir hier von der eigenen, empirischen Intelligenz abstrahiren, die dies nicht kann. Und Spinoza’s gelegentlicher Saz: dass Einzelnes nur aus Einzelnem folgt, ein Körperliches nur durch ein Körperliches, ein Denkvorgang nur durch einen Denkvorgang bedingt werden könne (Ethica II. pr. 9. dem.), zeigt, dass er sich selbst Leib und Seele als Dualismus zurecht gelegt hatte. Seine Lösung war daher eine rein begriffliche, rein nach einem logischen Saz durchgeführte, was uns verständlich wird, wenn wir erfahren, dass er Filosofie nur vom matematischen Gesichtspunkte aus kante. Für ihn war Substanz ein Quadrat, in das man Ausdehnung und Denken als zwei kleinere Quadrate einzeichnete. Damit war die Einheit von Ausdehnung und Denken äusserlich gezeigt, aber nicht begreifbar gemacht.

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Zitationshilfe: Panizza, Oskar: Der Illusionismus und Die Rettung der Persönlichkeit. Leipzig, 1895, S. 35. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/panizza_illusionismus_1895/36>, abgerufen am 17.07.2019.