Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Parthey, Gustav: Jugenderinnerungen. Bd. 1. Berlin, [1871].

Bild:
<< vorherige Seite

nicht alle seine Anlagen geriethen. Von den daumengroßen Lambertsnüssen war nichts zu sehn, und der Maulbeerbaum wollte nicht eine einzige Beere ansetzen.

Zuletzt gab der Grosvater nicht ohne Verdruß die Gartenverwaltung gänzlich auf, ohne daß dadurch in dem guten Vernehmen mit meinem Vater die mindeste Störung eintrat. Dieser erlaubte sich auch nicht einmal eine spashafte Bemerkung, weil er den heftigen Karakter seines Schwiegervaters kannte. Uns Kindern machte es einen sehr bedeutenden Eindruck, als wir dies mit so großer Zuversicht angekündigte Unternehmen scheitern sahen. Unser Glaube an die Unfehlbarkeit des Grosvaters wurde stark erschüttert; wir vernahmen von nun an seine apodiktischen Aussprüche mit mehr Zweifel als früher, und legten an seine Behauptungen den Maasstab unseres eignen Urtheils.

Nach der Verheirathung seiner jüngsten Tochter Jettchen an den Geheimen Medizinalrath Kohlrausch, und nach dem Tode der Grosmutter Eichmann, nahm der Grosvater sich eine s. g. perfekte Köchin, und führte die Wirtschaft selbst, wobei er nicht undeutlich zu verstehn gab, daß nun erst die Sache recht in Gang kommen werde, und daß wir lernen könnten, wie man gute Mahlzeiten einzurichten habe. Jedoch auch hier entsprach der Erfolg seinen Erwartungen keineswegs. Die Köchin konnte ihm selten etwas recht machen, und nur mit Widerwillen gedenke ich der endlosen Zänkereien, welche ihm seine letzten Lebensjahre vergällten.

Schon öfter hatte er von einem Leibgerichte Friedrichs des Großen gesprochen, welches "Bombe a la Sardanapale" hieß, und der Inbegriff aller Leckerhaftigkeit sein sollte.

nicht alle seine Anlagen geriethen. Von den daumengroßen Lambertsnüssen war nichts zu sehn, und der Maulbeerbaum wollte nicht eine einzige Beere ansetzen.

Zuletzt gab der Grosvater nicht ohne Verdruß die Gartenverwaltung gänzlich auf, ohne daß dadurch in dem guten Vernehmen mit meinem Vater die mindeste Störung eintrat. Dieser erlaubte sich auch nicht einmal eine spashafte Bemerkung, weil er den heftigen Karakter seines Schwiegervaters kannte. Uns Kindern machte es einen sehr bedeutenden Eindruck, als wir dies mit so großer Zuversicht angekündigte Unternehmen scheitern sahen. Unser Glaube an die Unfehlbarkeit des Grosvaters wurde stark erschüttert; wir vernahmen von nun an seine apodiktischen Aussprüche mit mehr Zweifel als früher, und legten an seine Behauptungen den Maasstab unseres eignen Urtheils.

Nach der Verheirathung seiner jüngsten Tochter Jettchen an den Geheimen Medizinalrath Kohlrausch, und nach dem Tode der Grosmutter Eichmann, nahm der Grosvater sich eine s. g. perfekte Köchin, und führte die Wirtschaft selbst, wobei er nicht undeutlich zu verstehn gab, daß nun erst die Sache recht in Gang kommen werde, und daß wir lernen könnten, wie man gute Mahlzeiten einzurichten habe. Jedoch auch hier entsprach der Erfolg seinen Erwartungen keineswegs. Die Köchin konnte ihm selten etwas recht machen, und nur mit Widerwillen gedenke ich der endlosen Zänkereien, welche ihm seine letzten Lebensjahre vergällten.

Schon öfter hatte er von einem Leibgerichte Friedrichs des Großen gesprochen, welches „Bombe a la Sardanapale“ hieß, und der Inbegriff aller Leckerhaftigkeit sein sollte.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div>
          <p><pb facs="#f0256" n="244"/>
nicht alle seine Anlagen geriethen. Von den daumengroßen Lambertsnüssen war nichts zu sehn, und der Maulbeerbaum wollte nicht eine einzige Beere ansetzen. </p><lb/>
          <p>Zuletzt gab der Grosvater nicht ohne Verdruß die Gartenverwaltung gänzlich auf, ohne daß dadurch in dem guten Vernehmen mit meinem Vater die mindeste Störung eintrat. Dieser erlaubte sich auch nicht einmal eine spashafte Bemerkung, weil er den heftigen Karakter seines Schwiegervaters kannte. Uns Kindern machte es einen sehr bedeutenden Eindruck, als wir dies mit so großer Zuversicht angekündigte Unternehmen scheitern sahen. Unser Glaube an die Unfehlbarkeit des Grosvaters wurde stark erschüttert; wir vernahmen von nun an seine apodiktischen Aussprüche mit mehr Zweifel als früher, und legten an seine Behauptungen den Maasstab unseres eignen Urtheils. </p><lb/>
          <p>Nach der Verheirathung seiner jüngsten Tochter Jettchen an den Geheimen Medizinalrath Kohlrausch, und nach dem Tode der Grosmutter Eichmann, nahm der Grosvater sich eine s. g. perfekte Köchin, und führte die Wirtschaft selbst, wobei er nicht undeutlich zu verstehn gab, daß nun erst die Sache recht in Gang kommen werde, und daß wir lernen könnten, wie man gute Mahlzeiten einzurichten habe. Jedoch auch hier entsprach der Erfolg seinen Erwartungen keineswegs. Die Köchin konnte ihm selten etwas recht machen, und nur mit Widerwillen gedenke ich der endlosen Zänkereien, welche ihm seine letzten Lebensjahre vergällten. </p><lb/>
          <p>Schon öfter hatte er von einem Leibgerichte Friedrichs des Großen gesprochen, welches &#x201E;Bombe a la Sardanapale&#x201C; hieß, und der Inbegriff aller Leckerhaftigkeit sein sollte.
</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[244/0256] nicht alle seine Anlagen geriethen. Von den daumengroßen Lambertsnüssen war nichts zu sehn, und der Maulbeerbaum wollte nicht eine einzige Beere ansetzen. Zuletzt gab der Grosvater nicht ohne Verdruß die Gartenverwaltung gänzlich auf, ohne daß dadurch in dem guten Vernehmen mit meinem Vater die mindeste Störung eintrat. Dieser erlaubte sich auch nicht einmal eine spashafte Bemerkung, weil er den heftigen Karakter seines Schwiegervaters kannte. Uns Kindern machte es einen sehr bedeutenden Eindruck, als wir dies mit so großer Zuversicht angekündigte Unternehmen scheitern sahen. Unser Glaube an die Unfehlbarkeit des Grosvaters wurde stark erschüttert; wir vernahmen von nun an seine apodiktischen Aussprüche mit mehr Zweifel als früher, und legten an seine Behauptungen den Maasstab unseres eignen Urtheils. Nach der Verheirathung seiner jüngsten Tochter Jettchen an den Geheimen Medizinalrath Kohlrausch, und nach dem Tode der Grosmutter Eichmann, nahm der Grosvater sich eine s. g. perfekte Köchin, und führte die Wirtschaft selbst, wobei er nicht undeutlich zu verstehn gab, daß nun erst die Sache recht in Gang kommen werde, und daß wir lernen könnten, wie man gute Mahlzeiten einzurichten habe. Jedoch auch hier entsprach der Erfolg seinen Erwartungen keineswegs. Die Köchin konnte ihm selten etwas recht machen, und nur mit Widerwillen gedenke ich der endlosen Zänkereien, welche ihm seine letzten Lebensjahre vergällten. Schon öfter hatte er von einem Leibgerichte Friedrichs des Großen gesprochen, welches „Bombe a la Sardanapale“ hieß, und der Inbegriff aller Leckerhaftigkeit sein sollte.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Wolfgang Virmond: Bereitstellung der Texttranskription. (2014-01-07T13:04:32Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Christian Thomas: Bearbeitung der digitalen Edition. (2014-01-07T13:04:32Z)
Staatsbibliothek zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Bereitstellung der Bilddigitalisate (Sign. Av 4887-1) (2014-01-07T13:04:32Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Bogensignaturen: nicht übernommen
  • Kolumnentitel: nicht übernommen
  • Kustoden: nicht übernommen
  • langes s (ſ): als s transkribiert
  • Silbentrennung: aufgelöst
  • Zeilenumbrüche markiert: nein



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/parthey_jugenderinnerungen01_1871
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/parthey_jugenderinnerungen01_1871/256
Zitationshilfe: Parthey, Gustav: Jugenderinnerungen. Bd. 1. Berlin, [1871], S. 244. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/parthey_jugenderinnerungen01_1871/256>, abgerufen am 15.11.2018.