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Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 1. Berlin, 1793.

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Funfzehnter Sektor.

Der funfzehnte Sektor.


Vor der Abreise gab ich allen, besonders der Re¬
sidentin von Bouse die geborgten Musikalien zu¬
rück; und dieser, die mir so viel aus Italien ge¬
liehen, lieh' ich noch etwas bessers aus Deutsch¬
land, meine Schwester Philippine nämlich: diese
soll da die kleine Tochter der Residentin bilden hel¬
fen, aber sie wird unter den zarten Fingern einer
solchen talentvollen Dame selber mehr gebildet wer¬
den als sie bildet. Möge sie da nur nie ihr rasches,
vibrirendes, scherzendes und doch fühlendes Herz
zu einem koketten umsetzen! Möge sie da ihrer
Laura (eben der Tochter) das Joch der koketten
Erziehung lüften, da das arme Kind beständig un¬
ter der Glasglocke des Fensters schmachtet, den
Leib unter der Bettdecke in 4 Loth Fischbein ein¬
keilt, die Händchen auch wieder zu Nachts in der
Handschuh-Hülsen sperret, das Köpfchen mit einem
Blei an Haaren rückwärts gewöhnt. Bekanntlich
lebt die Mutter eine halbe Stunde von der Stadt zu
Marienhof, im sogenannten neuen Schloß, das

mit
Funfzehnter Sektor.

Der funfzehnte Sektor.


Vor der Abreiſe gab ich allen, beſonders der Re¬
ſidentin von Bouſe die geborgten Muſikalien zu¬
ruͤck; und dieſer, die mir ſo viel aus Italien ge¬
liehen, lieh' ich noch etwas beſſers aus Deutſch¬
land, meine Schweſter Philippine naͤmlich: dieſe
ſoll da die kleine Tochter der Reſidentin bilden hel¬
fen, aber ſie wird unter den zarten Fingern einer
ſolchen talentvollen Dame ſelber mehr gebildet wer¬
den als ſie bildet. Moͤge ſie da nur nie ihr raſches,
vibrirendes, ſcherzendes und doch fuͤhlendes Herz
zu einem koketten umſetzen! Moͤge ſie da ihrer
Laura (eben der Tochter) das Joch der koketten
Erziehung luͤften, da das arme Kind beſtaͤndig un¬
ter der Glasglocke des Fenſters ſchmachtet, den
Leib unter der Bettdecke in 4 Loth Fiſchbein ein¬
keilt, die Haͤndchen auch wieder zu Nachts in der
Handſchuh-Huͤlſen ſperret, das Koͤpfchen mit einem
Blei an Haaren ruͤckwaͤrts gewoͤhnt. Bekanntlich
lebt die Mutter eine halbe Stunde von der Stadt zu
Marienhof, im ſogenannten neuen Schloß, das

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[176/0212] Funfzehnter Sektor. Der funfzehnte Sektor. Vor der Abreiſe gab ich allen, beſonders der Re¬ ſidentin von Bouſe die geborgten Muſikalien zu¬ ruͤck; und dieſer, die mir ſo viel aus Italien ge¬ liehen, lieh' ich noch etwas beſſers aus Deutſch¬ land, meine Schweſter Philippine naͤmlich: dieſe ſoll da die kleine Tochter der Reſidentin bilden hel¬ fen, aber ſie wird unter den zarten Fingern einer ſolchen talentvollen Dame ſelber mehr gebildet wer¬ den als ſie bildet. Moͤge ſie da nur nie ihr raſches, vibrirendes, ſcherzendes und doch fuͤhlendes Herz zu einem koketten umſetzen! Moͤge ſie da ihrer Laura (eben der Tochter) das Joch der koketten Erziehung luͤften, da das arme Kind beſtaͤndig un¬ ter der Glasglocke des Fenſters ſchmachtet, den Leib unter der Bettdecke in 4 Loth Fiſchbein ein¬ keilt, die Haͤndchen auch wieder zu Nachts in der Handſchuh-Huͤlſen ſperret, das Koͤpfchen mit einem Blei an Haaren ruͤckwaͤrts gewoͤhnt. Bekanntlich lebt die Mutter eine halbe Stunde von der Stadt zu Marienhof, im ſogenannten neuen Schloß, das mit

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Zitationshilfe: Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 1. Berlin, 1793. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge01_1793/212>, S. 176, abgerufen am 22.01.2018.