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Jean Paul: Titan. Bd. 1. Berlin, 1800.

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20. Zykel.

Plötzlich wurde unser Zesara, der in die
Jahre trat, wo der Gesang der Dichter und
der Nachtigallen tiefer in die aufgeweichte Seele
quillt, ein anderer Mensch. Er wurde stiller
und wilder zugleich, sanfter und aufbrausen¬
der, wie er denn einmal einem unter Prügeln
schreienden Hunde im wildesten Harnische zu
Hülfe lief -- Himmel und Erde, die bisher in
ihm wie nach dem ägyptischen Systeme, in ein¬
ander gelegen, nämlich das Ideal und die
Wirklichkeit, arbeiteten sich voneinander los
und der Himmel stieg rein und hoch und glän¬
zend zurück -- über die innere Welt gieng eine
Sonne auf und über die äußere ein Mond,
aber beide Welten und Halbkugeln zogen sich
zu einer ganzen an -- sein Aufschritt wurde
langsamer, sein helles Auge träumerisch, seine
Athleten-Gymnastik seltener -- er mußte jetzt
alle Menschen wärmer lieben und sie näher
fühlen, und er fiel oft seiner Pflegemutter mit
geschlossenen Augen zitternd um den Hals oder
nahm draußen im Freien von dem verreisenden

20. Zykel.

Plötzlich wurde unſer Zeſara, der in die
Jahre trat, wo der Geſang der Dichter und
der Nachtigallen tiefer in die aufgeweichte Seele
quillt, ein anderer Menſch. Er wurde ſtiller
und wilder zugleich, ſanfter und aufbrauſen¬
der, wie er denn einmal einem unter Prügeln
ſchreienden Hunde im wildeſten Harniſche zu
Hülfe lief — Himmel und Erde, die bisher in
ihm wie nach dem ägyptiſchen Syſteme, in ein¬
ander gelegen, nämlich das Ideal und die
Wirklichkeit, arbeiteten ſich voneinander los
und der Himmel ſtieg rein und hoch und glän¬
zend zurück — über die innere Welt gieng eine
Sonne auf und über die äußere ein Mond,
aber beide Welten und Halbkugeln zogen ſich
zu einer ganzen an — ſein Aufſchritt wurde
langſamer, ſein helles Auge träumeriſch, ſeine
Athleten-Gymnaſtik ſeltener — er mußte jetzt
alle Menſchen wärmer lieben und ſie näher
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[204/0224] 20. Zykel. Plötzlich wurde unſer Zeſara, der in die Jahre trat, wo der Geſang der Dichter und der Nachtigallen tiefer in die aufgeweichte Seele quillt, ein anderer Menſch. Er wurde ſtiller und wilder zugleich, ſanfter und aufbrauſen¬ der, wie er denn einmal einem unter Prügeln ſchreienden Hunde im wildeſten Harniſche zu Hülfe lief — Himmel und Erde, die bisher in ihm wie nach dem ägyptiſchen Syſteme, in ein¬ ander gelegen, nämlich das Ideal und die Wirklichkeit, arbeiteten ſich voneinander los und der Himmel ſtieg rein und hoch und glän¬ zend zurück — über die innere Welt gieng eine Sonne auf und über die äußere ein Mond, aber beide Welten und Halbkugeln zogen ſich zu einer ganzen an — ſein Aufſchritt wurde langſamer, ſein helles Auge träumeriſch, ſeine Athleten-Gymnaſtik ſeltener — er mußte jetzt alle Menſchen wärmer lieben und ſie näher fühlen, und er fiel oft ſeiner Pflegemutter mit geſchloſſenen Augen zitternd um den Hals oder nahm draußen im Freien von dem verreiſenden

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Zitationshilfe: Jean Paul: Titan. Bd. 1. Berlin, 1800, S. 204. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/paul_titan01_1800/224>, abgerufen am 19.04.2019.