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Jean Paul: Titan. Bd. 1. Berlin, 1800.

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Liebende und Eheleute sollen alles gemein ha¬
ben, nur nicht die -- Stube; die groben For¬
derungen und die kleinlichen Zufälle der kör¬
perlichen Gegenwart sammlen sich als Lampen¬
rauch um die reine weiße Flamme der Liebe.
Wie das Echo immer vielsylbiger wird, je wei¬
ter unser Ruf absteht, so muß die Seele, aus
der wir ein schöneres begehren, nicht zu nahe
an unsrer seyn; und daher nimmt mit der
Ferne der Leiber die Nähe der Seelen zu.

Der Doktor ließ seine lauten Kinder als
einen ausräumenden Strom in die Augiasstube
laufen; er aber gieng wieder zum Trommler
hinunter, mit dem es nach seiner Erzählung
diese Vewandtniß hatte: Sphex hatte schon vor
mehrern Jahren besondere Vermuthungen über
die Fett-Absonderung und den Durchmesser der
Fett-Zellen in einem Traktate gewagt, den er
nicht eher herausgeben wollte, bis er die ana¬
tomischen Zeichnungen dazu konnte stechen las¬
sen, mit denen er auf die Sekzion und Aus¬
spritzung des dasitzenden Trommlers wartete.
Diesen kranken, einfältigen, schlaffen Menschen,
Malz mit Namen, hatt' er vor einem Jahre,

Liebende und Eheleute ſollen alles gemein ha¬
ben, nur nicht die — Stube; die groben For¬
derungen und die kleinlichen Zufälle der kör¬
perlichen Gegenwart ſammlen ſich als Lampen¬
rauch um die reine weiße Flamme der Liebe.
Wie das Echo immer vielſylbiger wird, je wei¬
ter unſer Ruf abſteht, ſo muß die Seele, aus
der wir ein ſchöneres begehren, nicht zu nahe
an unſrer ſeyn; und daher nimmt mit der
Ferne der Leiber die Nähe der Seelen zu.

Der Doktor ließ ſeine lauten Kinder als
einen ausräumenden Strom in die Augiasſtube
laufen; er aber gieng wieder zum Trommler
hinunter, mit dem es nach ſeiner Erzählung
dieſe Vewandtniß hatte: Sphex hatte ſchon vor
mehrern Jahren beſondere Vermuthungen über
die Fett-Abſonderung und den Durchmeſſer der
Fett-Zellen in einem Traktate gewagt, den er
nicht eher herausgeben wollte, bis er die ana¬
tomiſchen Zeichnungen dazu konnte ſtechen las¬
ſen, mit denen er auf die Sekzion und Aus¬
ſpritzung des daſitzenden Trommlers wartete.
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[280/0300] Liebende und Eheleute ſollen alles gemein ha¬ ben, nur nicht die — Stube; die groben For¬ derungen und die kleinlichen Zufälle der kör¬ perlichen Gegenwart ſammlen ſich als Lampen¬ rauch um die reine weiße Flamme der Liebe. Wie das Echo immer vielſylbiger wird, je wei¬ ter unſer Ruf abſteht, ſo muß die Seele, aus der wir ein ſchöneres begehren, nicht zu nahe an unſrer ſeyn; und daher nimmt mit der Ferne der Leiber die Nähe der Seelen zu. Der Doktor ließ ſeine lauten Kinder als einen ausräumenden Strom in die Augiasſtube laufen; er aber gieng wieder zum Trommler hinunter, mit dem es nach ſeiner Erzählung dieſe Vewandtniß hatte: Sphex hatte ſchon vor mehrern Jahren beſondere Vermuthungen über die Fett-Abſonderung und den Durchmeſſer der Fett-Zellen in einem Traktate gewagt, den er nicht eher herausgeben wollte, bis er die ana¬ tomiſchen Zeichnungen dazu konnte ſtechen las¬ ſen, mit denen er auf die Sekzion und Aus¬ ſpritzung des daſitzenden Trommlers wartete. Dieſen kranken, einfältigen, ſchlaffen Menſchen, Malz mit Namen, hatt' er vor einem Jahre,

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Zitationshilfe: Jean Paul: Titan. Bd. 1. Berlin, 1800, S. 280. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/paul_titan01_1800/300>, abgerufen am 30.05.2020.