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Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

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Die Sprache als Classificationsmittel der Völkerkunde.
richtungen vorzüglich zur Zeitabstufung bei Thätigkeitsausdrücken
(hebe, hob, Abhub; gebe, gab, gibst; graben, Grube). So ge-
wöhnte sich der deutsche Sprachsinn an einen Vocalwandel,
fast wie der semitische, vielleicht dass die semitischen Sprachen
auf ähnlichen Wegen zu ihrer sinnbildlichen Vocalisirung ge-
langt sind.

3. Die Sprache als Classificationsmittel der Völkerkunde.

Um die vielgestaltigen Erscheinungen innerhalb des Menschen-
geschlechtes zu sondern und in Gruppen zu ordnen, bedürfen wir
Merkmale, die dauernd auftreten. Wenn also die Sprachen sich
beständig ändern, nicht blos der Sinn gewisser Lautgruppen sich
in bedenklich rascher Zeit verwandelt, sondern auch der Sprachbau
selbst ein andrer werden kann, so sinkt die Hoffnung tief herab,
dass die Sprache für Classificationszwecke uns Dienste leisten
könne. Wir wissen nur zu genau, dass die Bewohner Frankreichs
vor der römischen Herrschaft eine keltische Sprache redeten, diese
aber mit einer neulateinischen vertauschten. Die Bewohner Deutsch-
lands östlich von der Elbe gehörten vor etwa tausend Jahren zur
slavischen Familie. Umgekehrt redeten die Bewohner Islands und
Norwegens noch vor acht Jahrhunderten die nämliche Sprache. In
Island hat sie sich beinahe unverändert erhalten, in Norwegen hat
sich aus ihr das Dänische entwickelt. Selbst wenn uns hier noch
der Trost bliebe, dass diese Wandlungen sich innerhalb desselben
urverwandten Sprachenkreises vollzogen haben, so dass der Ueber-
gang ausnahmsweise erleichtert war, so fällt auch diese Stütze hin-
weg, wenn die Abkömmlinge von Afrikanern, die als Sklaven nach
den Vereinigten Staaten gebracht wurden, englisch und zahlreiche
Eingeborne Amerikas spanisch reden. Wollten wir also die Völker
nur nach den Sprachen ordnen, so müssten wir Neger mit Angel-
sachsen und reinblütige Indianer mit den Abkömmlingen roma-
nischer Europäer in die nämliche Abtheilung versetzen.

Daraus ergibt sich die Nothwendigkeit, dass, ehe wir aus der
Sprachengleichheit oder Sprachenähnlichkeit auf irgend eine Ver-
wandtschaft schliessen, geschichtlich zuvor untersucht werden muss,
ob nicht die Uebereinstimmung der Sprache nur durch einen ge-
sellschaftlichen Zwang erzeugt worden sei. Selbst wo eine solche

Die Sprache als Classificationsmittel der Völkerkunde.
richtungen vorzüglich zur Zeitabstufung bei Thätigkeitsausdrücken
(hebe, hob, Abhub; gebe, gab, gibst; graben, Grube). So ge-
wöhnte sich der deutsche Sprachsinn an einen Vocalwandel,
fast wie der semitische, vielleicht dass die semitischen Sprachen
auf ähnlichen Wegen zu ihrer sinnbildlichen Vocalisirung ge-
langt sind.

3. Die Sprache als Classificationsmittel der Völkerkunde.

Um die vielgestaltigen Erscheinungen innerhalb des Menschen-
geschlechtes zu sondern und in Gruppen zu ordnen, bedürfen wir
Merkmale, die dauernd auftreten. Wenn also die Sprachen sich
beständig ändern, nicht blos der Sinn gewisser Lautgruppen sich
in bedenklich rascher Zeit verwandelt, sondern auch der Sprachbau
selbst ein andrer werden kann, so sinkt die Hoffnung tief herab,
dass die Sprache für Classificationszwecke uns Dienste leisten
könne. Wir wissen nur zu genau, dass die Bewohner Frankreichs
vor der römischen Herrschaft eine keltische Sprache redeten, diese
aber mit einer neulateinischen vertauschten. Die Bewohner Deutsch-
lands östlich von der Elbe gehörten vor etwa tausend Jahren zur
slavischen Familie. Umgekehrt redeten die Bewohner Islands und
Norwegens noch vor acht Jahrhunderten die nämliche Sprache. In
Island hat sie sich beinahe unverändert erhalten, in Norwegen hat
sich aus ihr das Dänische entwickelt. Selbst wenn uns hier noch
der Trost bliebe, dass diese Wandlungen sich innerhalb desselben
urverwandten Sprachenkreises vollzogen haben, so dass der Ueber-
gang ausnahmsweise erleichtert war, so fällt auch diese Stütze hin-
weg, wenn die Abkömmlinge von Afrikanern, die als Sklaven nach
den Vereinigten Staaten gebracht wurden, englisch und zahlreiche
Eingeborne Amerikas spanisch reden. Wollten wir also die Völker
nur nach den Sprachen ordnen, so müssten wir Neger mit Angel-
sachsen und reinblütige Indianer mit den Abkömmlingen roma-
nischer Europäer in die nämliche Abtheilung versetzen.

Daraus ergibt sich die Nothwendigkeit, dass, ehe wir aus der
Sprachengleichheit oder Sprachenähnlichkeit auf irgend eine Ver-
wandtschaft schliessen, geschichtlich zuvor untersucht werden muss,
ob nicht die Uebereinstimmung der Sprache nur durch einen ge-
sellschaftlichen Zwang erzeugt worden sei. Selbst wo eine solche

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[133/0151] Die Sprache als Classificationsmittel der Völkerkunde. richtungen vorzüglich zur Zeitabstufung bei Thätigkeitsausdrücken (hebe, hob, Abhub; gebe, gab, gibst; graben, Grube). So ge- wöhnte sich der deutsche Sprachsinn an einen Vocalwandel, fast wie der semitische, vielleicht dass die semitischen Sprachen auf ähnlichen Wegen zu ihrer sinnbildlichen Vocalisirung ge- langt sind. 3. Die Sprache als Classificationsmittel der Völkerkunde. Um die vielgestaltigen Erscheinungen innerhalb des Menschen- geschlechtes zu sondern und in Gruppen zu ordnen, bedürfen wir Merkmale, die dauernd auftreten. Wenn also die Sprachen sich beständig ändern, nicht blos der Sinn gewisser Lautgruppen sich in bedenklich rascher Zeit verwandelt, sondern auch der Sprachbau selbst ein andrer werden kann, so sinkt die Hoffnung tief herab, dass die Sprache für Classificationszwecke uns Dienste leisten könne. Wir wissen nur zu genau, dass die Bewohner Frankreichs vor der römischen Herrschaft eine keltische Sprache redeten, diese aber mit einer neulateinischen vertauschten. Die Bewohner Deutsch- lands östlich von der Elbe gehörten vor etwa tausend Jahren zur slavischen Familie. Umgekehrt redeten die Bewohner Islands und Norwegens noch vor acht Jahrhunderten die nämliche Sprache. In Island hat sie sich beinahe unverändert erhalten, in Norwegen hat sich aus ihr das Dänische entwickelt. Selbst wenn uns hier noch der Trost bliebe, dass diese Wandlungen sich innerhalb desselben urverwandten Sprachenkreises vollzogen haben, so dass der Ueber- gang ausnahmsweise erleichtert war, so fällt auch diese Stütze hin- weg, wenn die Abkömmlinge von Afrikanern, die als Sklaven nach den Vereinigten Staaten gebracht wurden, englisch und zahlreiche Eingeborne Amerikas spanisch reden. Wollten wir also die Völker nur nach den Sprachen ordnen, so müssten wir Neger mit Angel- sachsen und reinblütige Indianer mit den Abkömmlingen roma- nischer Europäer in die nämliche Abtheilung versetzen. Daraus ergibt sich die Nothwendigkeit, dass, ehe wir aus der Sprachengleichheit oder Sprachenähnlichkeit auf irgend eine Ver- wandtschaft schliessen, geschichtlich zuvor untersucht werden muss, ob nicht die Uebereinstimmung der Sprache nur durch einen ge- sellschaftlichen Zwang erzeugt worden sei. Selbst wo eine solche

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Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 133. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/151>, abgerufen am 25.03.2019.