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Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

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Die Religion des Buddha. -- Die dualistischen Religionen.
das Brahmanenthum glücklich verdrängt hatte, ist er im 15. Jahr-
hundert dem Islam erlegen. Die Schriften der nördlichen Schule,
obwohl im Sanskrit verfasst, dennoch die jüngeren, erhielten erst
auf dem vierten Concil, etwa um Chr. Geburt, ihre endgiltige
Fassung. Dem neugläubigen Buddhismus folgt Nepal und andere
Himalayagebiete, Tübet, die mongolischen Menschenstämme, China
und Japan. Nach China soll der erste Missionär schon 217 v. Chr.
gelangt sein, aber erst vom Kaiser Ming-ti im Jahre 65 n. Chr.
wurden die Lehren des Gautama als eine berechtigte Religion
anerkannt 1). Die Neugläubigen verehren eine grosse Anzahl
Bodhisattvas, Wesen, die nur um eine Stufe von den Buddha
unterschieden sind, auch in das Nirvana eingehen könnten, aus
Barmherzigkeit aber und zur Erlösung ihrer Mitmenschen darauf
verzichten, um frommen Seelen, die sie im Gebet anrufen, zu
helfen. Seit den Mongolenkaisern gilt das Oberhaupt der Kirche
in Tübet, das seine Residenz in Lasa hat, als eine Verkörperung
des Bodhisattva Padmapani. Sein Titel Dalai Lama oder Welt-
meer-Lama 2) entstand erst im 15. Jahrhundert, als sich die nörd-
liche Kirche über den priesterlichen Cölibat spaltete. Das Ober-
haupt derer, welche den Geistlichen die Ehe verstatten, hat
unter dem Titel Bogda Lama seinen Sitz zu Taschilhunpo.
Auch dieser Lama gilt als die Verkörperung eines Bodhisattva,
nämlich des Amitabha oder tübetisch Odpagmed und führt den
Titel Pan-tschen-rin-po-tsche 3). Beide Kirchenhäupter haben sich
versöhnt und schicken sich in echt buddhistischer Duldung gegen-
seitig ihren Segen.

12. Die dualistischen Religionen.

Alles, was dem Menschen drohend gegenübertritt, bezieht er
auf sich und beseelt daher auch das, was sein Wohlbehagen stört,
sei es Hitze oder Kälte, seien es Dürre, Hunger, Schmerz, Krank-
heit oder Tod. Ein ungeschärfter Verstand wird nicht leicht die

1) Max Müller, Essays. Leipzig 1869. Bd. 1. S. 223.
2) Tübetisch bla-ma Oberer, von bla oben. Friedrich Müller, Reise
der Fregatte Novara. Anthropologie. III. Abtheilung. S. 180.
3) v. Schlagintweit, Indien und Hochasien. Bd. 2. S. 86.
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Die Religion des Buddha. — Die dualistischen Religionen.
das Brahmanenthum glücklich verdrängt hatte, ist er im 15. Jahr-
hundert dem Islam erlegen. Die Schriften der nördlichen Schule,
obwohl im Sanskrit verfasst, dennoch die jüngeren, erhielten erst
auf dem vierten Concil, etwa um Chr. Geburt, ihre endgiltige
Fassung. Dem neugläubigen Buddhismus folgt Nepál und andere
Himalayagebiete, Tübet, die mongolischen Menschenstämme, China
und Japan. Nach China soll der erste Missionär schon 217 v. Chr.
gelangt sein, aber erst vom Kaiser Ming-ti im Jahre 65 n. Chr.
wurden die Lehren des Gautama als eine berechtigte Religion
anerkannt 1). Die Neugläubigen verehren eine grosse Anzahl
Bodhisattvas, Wesen, die nur um eine Stufe von den Buddha
unterschieden sind, auch in das Nirvâna eingehen könnten, aus
Barmherzigkeit aber und zur Erlösung ihrer Mitmenschen darauf
verzichten, um frommen Seelen, die sie im Gebet anrufen, zu
helfen. Seit den Mongolenkaisern gilt das Oberhaupt der Kirche
in Tübet, das seine Residenz in Lása hat, als eine Verkörperung
des Bodhisattva Padmapáni. Sein Titel Dalai Lama oder Welt-
meer-Lama 2) entstand erst im 15. Jahrhundert, als sich die nörd-
liche Kirche über den priesterlichen Cölibat spaltete. Das Ober-
haupt derer, welche den Geistlichen die Ehe verstatten, hat
unter dem Titel Bogda Lama seinen Sitz zu Táschilhúnpo.
Auch dieser Lama gilt als die Verkörperung eines Bodhisattva,
nämlich des Amitábha oder tübetisch Odpagméd und führt den
Titel Pan-tschen-rin-po-tsche 3). Beide Kirchenhäupter haben sich
versöhnt und schicken sich in echt buddhistischer Duldung gegen-
seitig ihren Segen.

12. Die dualistischen Religionen.

Alles, was dem Menschen drohend gegenübertritt, bezieht er
auf sich und beseelt daher auch das, was sein Wohlbehagen stört,
sei es Hitze oder Kälte, seien es Dürre, Hunger, Schmerz, Krank-
heit oder Tod. Ein ungeschärfter Verstand wird nicht leicht die

1) Max Müller, Essays. Leipzig 1869. Bd. 1. S. 223.
2) Tübetisch bla-ma Oberer, von bla oben. Friedrich Müller, Reise
der Fregatte Novara. Anthropologie. III. Abtheilung. S. 180.
3) v. Schlagintweit, Indien und Hochasien. Bd. 2. S. 86.
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[291/0309] Die Religion des Buddha. — Die dualistischen Religionen. das Brahmanenthum glücklich verdrängt hatte, ist er im 15. Jahr- hundert dem Islam erlegen. Die Schriften der nördlichen Schule, obwohl im Sanskrit verfasst, dennoch die jüngeren, erhielten erst auf dem vierten Concil, etwa um Chr. Geburt, ihre endgiltige Fassung. Dem neugläubigen Buddhismus folgt Nepál und andere Himalayagebiete, Tübet, die mongolischen Menschenstämme, China und Japan. Nach China soll der erste Missionär schon 217 v. Chr. gelangt sein, aber erst vom Kaiser Ming-ti im Jahre 65 n. Chr. wurden die Lehren des Gautama als eine berechtigte Religion anerkannt 1). Die Neugläubigen verehren eine grosse Anzahl Bodhisattvas, Wesen, die nur um eine Stufe von den Buddha unterschieden sind, auch in das Nirvâna eingehen könnten, aus Barmherzigkeit aber und zur Erlösung ihrer Mitmenschen darauf verzichten, um frommen Seelen, die sie im Gebet anrufen, zu helfen. Seit den Mongolenkaisern gilt das Oberhaupt der Kirche in Tübet, das seine Residenz in Lása hat, als eine Verkörperung des Bodhisattva Padmapáni. Sein Titel Dalai Lama oder Welt- meer-Lama 2) entstand erst im 15. Jahrhundert, als sich die nörd- liche Kirche über den priesterlichen Cölibat spaltete. Das Ober- haupt derer, welche den Geistlichen die Ehe verstatten, hat unter dem Titel Bogda Lama seinen Sitz zu Táschilhúnpo. Auch dieser Lama gilt als die Verkörperung eines Bodhisattva, nämlich des Amitábha oder tübetisch Odpagméd und führt den Titel Pan-tschen-rin-po-tsche 3). Beide Kirchenhäupter haben sich versöhnt und schicken sich in echt buddhistischer Duldung gegen- seitig ihren Segen. 12. Die dualistischen Religionen. Alles, was dem Menschen drohend gegenübertritt, bezieht er auf sich und beseelt daher auch das, was sein Wohlbehagen stört, sei es Hitze oder Kälte, seien es Dürre, Hunger, Schmerz, Krank- heit oder Tod. Ein ungeschärfter Verstand wird nicht leicht die 1) Max Müller, Essays. Leipzig 1869. Bd. 1. S. 223. 2) Tübetisch bla-ma Oberer, von bla oben. Friedrich Müller, Reise der Fregatte Novara. Anthropologie. III. Abtheilung. S. 180. 3) v. Schlagintweit, Indien und Hochasien. Bd. 2. S. 86. 19*

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Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 291. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/309>, abgerufen am 19.03.2019.