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Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

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Die Beringsvölker.
Europäern, doch mitten unter Völkern von glatter Haut höchst
bedeutsam wird. Dieses Sondermerkmal würde allein genügen,
die Aino als eine eigene Race völlig von den andern Asiaten ab-
zutrennen, wenn nicht alles, was wir von ihnen wissen, auf so
spärlichen und flüchtigen Angaben beruhte, dass erst spätere besser
unterrichtete Völkerkundige über ihre Stellung entscheiden können.
Nicht völlig undenkbar wäre es auch, dass sie zu den Aeta der
Philippinen in Verwandtschaftsbeziehungen stehen könnten, wenn
sich nämlich die asiatischen Papuanen über die Leiu-keiu-Inseln
bis zu den Kurilen ehemals ausgebreitet hätten. Wir sprechen
diese Vermuthung jedoch ohne grosse Zuversicht und nur zu dem
Zwecke aus, dass die Mundarten der Aeta mit den Ainosprachen
verglichen werden mögen. Erst wenn diese Untersuchung zu
irgend einem Ergebniss, sei es bejahend oder verneinend, geführt
hätte, könnte den Aino ihr Platz in einem Lehrgebäude mit
grösserer Beruhigung angewiesen werden.

6. Die Beringsvölker.

Unter diesen Namen vereinigen wir eine Anzahl nordasiatischer
und amerikanischer Volksstämme, die meistens entweder die Ufer
des Beringsmeeres bewohnen oder sich von diesen Ufern durch
Wanderung wie die Eskimo bis nach Grönland verbreitet haben.
Der Name hyperboreische Mongolen, den Latham gebraucht, ist
für unsere Gruppe nicht angemessen, da wir auch Völkerschaften
bis zur Juan-de-Fuca-Strasse ihr beizählen wollen. Ein gemein-
samer Sprachtypus verbindet nur einzelne dieser Stämme, aber
nicht die Gesammtheit. Besser dagegen steht es mit den Körper-
merkmalen, die einen Uebergang bilden von den mongolenähnlichen
Sibiriern zu den Eingebornen Amerika's. Dieser Uebergang recht-
fertigt zugleich unser Vorhaben, die Amerikaner selbst nicht als
eine getrennte Race zu vereinzeln, sondern sie den mongolischen
Asiaten anzuschliessen. Bei allen obigen Völkern finden wir eine
röthliche oder bräunliche Dunkelung der Haut, straffes, walzen-
förmiges Haupthaar, mit einer einzigen Ausnahme Mangel an
Bartwuchs und eine beinahe gänzliche Kahlheit am übrigen
Leibe.

Die Beringsvölker.
Europäern, doch mitten unter Völkern von glatter Haut höchst
bedeutsam wird. Dieses Sondermerkmal würde allein genügen,
die Aino als eine eigene Race völlig von den andern Asiaten ab-
zutrennen, wenn nicht alles, was wir von ihnen wissen, auf so
spärlichen und flüchtigen Angaben beruhte, dass erst spätere besser
unterrichtete Völkerkundige über ihre Stellung entscheiden können.
Nicht völlig undenkbar wäre es auch, dass sie zu den Aeta der
Philippinen in Verwandtschaftsbeziehungen stehen könnten, wenn
sich nämlich die asiatischen Papuanen über die Lîu-kîu-Inseln
bis zu den Kurilen ehemals ausgebreitet hätten. Wir sprechen
diese Vermuthung jedoch ohne grosse Zuversicht und nur zu dem
Zwecke aus, dass die Mundarten der Aeta mit den Ainosprachen
verglichen werden mögen. Erst wenn diese Untersuchung zu
irgend einem Ergebniss, sei es bejahend oder verneinend, geführt
hätte, könnte den Aino ihr Platz in einem Lehrgebäude mit
grösserer Beruhigung angewiesen werden.

6. Die Beringsvölker.

Unter diesen Namen vereinigen wir eine Anzahl nordasiatischer
und amerikanischer Volksstämme, die meistens entweder die Ufer
des Beringsmeeres bewohnen oder sich von diesen Ufern durch
Wanderung wie die Eskimo bis nach Grönland verbreitet haben.
Der Name hyperboreische Mongolen, den Latham gebraucht, ist
für unsere Gruppe nicht angemessen, da wir auch Völkerschaften
bis zur Juan-de-Fuca-Strasse ihr beizählen wollen. Ein gemein-
samer Sprachtypus verbindet nur einzelne dieser Stämme, aber
nicht die Gesammtheit. Besser dagegen steht es mit den Körper-
merkmalen, die einen Uebergang bilden von den mongolenähnlichen
Sibiriern zu den Eingebornen Amerika’s. Dieser Uebergang recht-
fertigt zugleich unser Vorhaben, die Amerikaner selbst nicht als
eine getrennte Race zu vereinzeln, sondern sie den mongolischen
Asiaten anzuschliessen. Bei allen obigen Völkern finden wir eine
röthliche oder bräunliche Dunkelung der Haut, straffes, walzen-
förmiges Haupthaar, mit einer einzigen Ausnahme Mangel an
Bartwuchs und eine beinahe gänzliche Kahlheit am übrigen
Leibe.

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[415/0433] Die Beringsvölker. Europäern, doch mitten unter Völkern von glatter Haut höchst bedeutsam wird. Dieses Sondermerkmal würde allein genügen, die Aino als eine eigene Race völlig von den andern Asiaten ab- zutrennen, wenn nicht alles, was wir von ihnen wissen, auf so spärlichen und flüchtigen Angaben beruhte, dass erst spätere besser unterrichtete Völkerkundige über ihre Stellung entscheiden können. Nicht völlig undenkbar wäre es auch, dass sie zu den Aeta der Philippinen in Verwandtschaftsbeziehungen stehen könnten, wenn sich nämlich die asiatischen Papuanen über die Lîu-kîu-Inseln bis zu den Kurilen ehemals ausgebreitet hätten. Wir sprechen diese Vermuthung jedoch ohne grosse Zuversicht und nur zu dem Zwecke aus, dass die Mundarten der Aeta mit den Ainosprachen verglichen werden mögen. Erst wenn diese Untersuchung zu irgend einem Ergebniss, sei es bejahend oder verneinend, geführt hätte, könnte den Aino ihr Platz in einem Lehrgebäude mit grösserer Beruhigung angewiesen werden. 6. Die Beringsvölker. Unter diesen Namen vereinigen wir eine Anzahl nordasiatischer und amerikanischer Volksstämme, die meistens entweder die Ufer des Beringsmeeres bewohnen oder sich von diesen Ufern durch Wanderung wie die Eskimo bis nach Grönland verbreitet haben. Der Name hyperboreische Mongolen, den Latham gebraucht, ist für unsere Gruppe nicht angemessen, da wir auch Völkerschaften bis zur Juan-de-Fuca-Strasse ihr beizählen wollen. Ein gemein- samer Sprachtypus verbindet nur einzelne dieser Stämme, aber nicht die Gesammtheit. Besser dagegen steht es mit den Körper- merkmalen, die einen Uebergang bilden von den mongolenähnlichen Sibiriern zu den Eingebornen Amerika’s. Dieser Uebergang recht- fertigt zugleich unser Vorhaben, die Amerikaner selbst nicht als eine getrennte Race zu vereinzeln, sondern sie den mongolischen Asiaten anzuschliessen. Bei allen obigen Völkern finden wir eine röthliche oder bräunliche Dunkelung der Haut, straffes, walzen- förmiges Haupthaar, mit einer einzigen Ausnahme Mangel an Bartwuchs und eine beinahe gänzliche Kahlheit am übrigen Leibe.

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Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 415. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/433>, abgerufen am 20.03.2019.