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[Pestalozzi, Johann Heinrich]: Lienhard und Gertrud. [Bd. 1]. Berlin u. a., 1781.

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wird auch keine Freude erleben an seinen Kindern,
und keine Ruhe finden vor ihnen -- In der Freude
ihres Herzens redeten Lienhard und Gertrud mit
ihren Kindern am heiligen Festtage, von dem gu-
ten Vater im Himmel und von dem Leiden ihres
Erlösers. Die Kinder hörten still und aufmerksam
zu, und die Mittagsstunde gieng schnell und frohe
vorüber, wie die Stunde eines Hochzeitfestes.

Da läuteten die Glocken zusammen, und Lien-
hard und Gertrud giengen nochmals zur Kirche.

Der Weg führte sie wieder bey des Vogts
Hause vorbey, und Lienhard sagte zu Gertrud:
Der Vogt sah diesen Morgen in der Kirche er-
schrecklich aus; in meinem Leben sah ich ihn nie
so. Der Schweiß tropfte von seiner Stirne, da
er zudienete; hast du es nicht bemerkt, Gertrud?
Ich sah, daß er zitterte, da er mir den Kelch gab.
Ich habe es nicht bemerkt, sagte Gertrud.

Lienhard. Es gieng mir an's Herz, wie der
Mann aussahe. Hätte ich's dürfen, Frau! ich
hätte ihm überlaut zugerufen: Verzeih mir, Vogt!
Und wenn ich ihm mit etwas zeigen könnte, daß
ich's nicht bös meyne, ich würde es gerne thun.

Gertrud. Lohn dir Gott dein Herz, Lieber!
es ist recht, wann du Anlaß hast; aber des Rudis
hungernde Kinder und noch mehr schreyen Rache
über den Mann, und er wird dieser Rache ge-
wiß nicht entrinnen.

Lien-

wird auch keine Freude erleben an ſeinen Kindern,
und keine Ruhe finden vor ihnen — In der Freude
ihres Herzens redeten Lienhard und Gertrud mit
ihren Kindern am heiligen Feſttage, von dem gu-
ten Vater im Himmel und von dem Leiden ihres
Erloͤſers. Die Kinder hoͤrten ſtill und aufmerkſam
zu, und die Mittagsſtunde gieng ſchnell und frohe
voruͤber, wie die Stunde eines Hochzeitfeſtes.

Da laͤuteten die Glocken zuſammen, und Lien-
hard und Gertrud giengen nochmals zur Kirche.

Der Weg fuͤhrte ſie wieder bey des Vogts
Hauſe vorbey, und Lienhard ſagte zu Gertrud:
Der Vogt ſah dieſen Morgen in der Kirche er-
ſchrecklich aus; in meinem Leben ſah ich ihn nie
ſo. Der Schweiß tropfte von ſeiner Stirne, da
er zudienete; haſt du es nicht bemerkt, Gertrud?
Ich ſah, daß er zitterte, da er mir den Kelch gab.
Ich habe es nicht bemerkt, ſagte Gertrud.

Lienhard. Es gieng mir an’s Herz, wie der
Mann ausſahe. Haͤtte ich’s duͤrfen, Frau! ich
haͤtte ihm uͤberlaut zugerufen: Verzeih mir, Vogt!
Und wenn ich ihm mit etwas zeigen koͤnnte, daß
ich’s nicht boͤs meyne, ich wuͤrde es gerne thun.

Gertrud. Lohn dir Gott dein Herz, Lieber!
es iſt recht, wann du Anlaß haſt; aber des Rudis
hungernde Kinder und noch mehr ſchreyen Rache
uͤber den Mann, und er wird dieſer Rache ge-
wiß nicht entrinnen.

Lien-
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[235/0260] wird auch keine Freude erleben an ſeinen Kindern, und keine Ruhe finden vor ihnen — In der Freude ihres Herzens redeten Lienhard und Gertrud mit ihren Kindern am heiligen Feſttage, von dem gu- ten Vater im Himmel und von dem Leiden ihres Erloͤſers. Die Kinder hoͤrten ſtill und aufmerkſam zu, und die Mittagsſtunde gieng ſchnell und frohe voruͤber, wie die Stunde eines Hochzeitfeſtes. Da laͤuteten die Glocken zuſammen, und Lien- hard und Gertrud giengen nochmals zur Kirche. Der Weg fuͤhrte ſie wieder bey des Vogts Hauſe vorbey, und Lienhard ſagte zu Gertrud: Der Vogt ſah dieſen Morgen in der Kirche er- ſchrecklich aus; in meinem Leben ſah ich ihn nie ſo. Der Schweiß tropfte von ſeiner Stirne, da er zudienete; haſt du es nicht bemerkt, Gertrud? Ich ſah, daß er zitterte, da er mir den Kelch gab. Ich habe es nicht bemerkt, ſagte Gertrud. Lienhard. Es gieng mir an’s Herz, wie der Mann ausſahe. Haͤtte ich’s duͤrfen, Frau! ich haͤtte ihm uͤberlaut zugerufen: Verzeih mir, Vogt! Und wenn ich ihm mit etwas zeigen koͤnnte, daß ich’s nicht boͤs meyne, ich wuͤrde es gerne thun. Gertrud. Lohn dir Gott dein Herz, Lieber! es iſt recht, wann du Anlaß haſt; aber des Rudis hungernde Kinder und noch mehr ſchreyen Rache uͤber den Mann, und er wird dieſer Rache ge- wiß nicht entrinnen. Lien-

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Zitationshilfe: [Pestalozzi, Johann Heinrich]: Lienhard und Gertrud. [Bd. 1]. Berlin u. a., 1781, S. 235. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pestalozzi_lienhard01_1781/260>, abgerufen am 20.09.2020.