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[Pestalozzi, Johann Heinrich]: Lienhard und Gertrud. [Bd. 1]. Berlin u. a., 1781.

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lich immer etwas -- -- Oft hab ich viel in so
viel Zeit in Ordnung gebracht -- wenn mir nur
der Muth nicht fällt -- alles kommt nur von dem
Mäurer -- kann ich den verderben, so fehlts nicht,
ich finde Auswege aus allem --

Aber wie mir so schwach und blöde ist. Er nimmt
eine Brandteweinflasche aus dem Sack, kehrt sich
gegen dem Schatten des Baums, braucht sein Haus-
mittel, und trinkt einen Schoppen auf einmal her-
unter. Einen Dieben oder einen Mörder, dem
Steckbriefe nachjagen, erquickt der erste Trunk Was-
ser, den er auf dem erlaufenen Boden der Frey-
heit trinkt, nicht stärker als die Brandtsflasche den
Vogt bey seinen Ränken erquickt. Er fühlt sich
jezt wieder besser, und mit seinen Kräften wächst
auch wieder der Muth des Verbrechers. Das hat
mich mächtig erfrischt, sagt er zu sich selber, und
stellt sich wieder wie ein Mann, der Herz hat, und
den Kopf hoch trägt. Vor einer Weile, sagt er,
glaubte ich eben noch, sie werden mich vor dem
Abendbrod fressen, jezt ist mir wieder, als ob ich
das Mäurerlein, und selber den Arner da, den Gnä-
digen Buben, mit dem kleinen Finger zusammen
drücke, daß sie jauchzen wie solche, die man be[y]
den Ohren in die Höhe zieht.

Gut war's, daß ich meine Flasche nicht ver-
gessen habe; aber was ich auch für ein Kerl wäre,
ohne sie.

So
R 4

lich immer etwas — — Oft hab ich viel in ſo
viel Zeit in Ordnung gebracht — wenn mir nur
der Muth nicht faͤllt — alles kommt nur von dem
Maͤurer — kann ich den verderben, ſo fehlts nicht,
ich finde Auswege aus allem —

Aber wie mir ſo ſchwach und bloͤde iſt. Er nim̃t
eine Brandteweinflaſche aus dem Sack, kehrt ſich
gegen dem Schatten des Baums, braucht ſein Haus-
mittel, und trinkt einen Schoppen auf einmal her-
unter. Einen Dieben oder einen Moͤrder, dem
Steckbriefe nachjagen, erquickt der erſte Trunk Waſ-
ſer, den er auf dem erlaufenen Boden der Frey-
heit trinkt, nicht ſtaͤrker als die Brandtsflaſche den
Vogt bey ſeinen Raͤnken erquickt. Er fuͤhlt ſich
jezt wieder beſſer, und mit ſeinen Kraͤften waͤchst
auch wieder der Muth des Verbrechers. Das hat
mich maͤchtig erfriſcht, ſagt er zu ſich ſelber, und
ſtellt ſich wieder wie ein Mann, der Herz hat, und
den Kopf hoch traͤgt. Vor einer Weile, ſagt er,
glaubte ich eben noch, ſie werden mich vor dem
Abendbrod freſſen, jezt iſt mir wieder, als ob ich
das Maͤurerlein, und ſelber den Arner da, den Gnaͤ-
digen Buben, mit dem kleinen Finger zuſammen
druͤcke, daß ſie jauchzen wie ſolche, die man be[y]
den Ohren in die Hoͤhe zieht.

Gut war’s, daß ich meine Flaſche nicht ver-
geſſen habe; aber was ich auch fuͤr ein Kerl waͤre,
ohne ſie.

So
R 4
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[263/0288] lich immer etwas — — Oft hab ich viel in ſo viel Zeit in Ordnung gebracht — wenn mir nur der Muth nicht faͤllt — alles kommt nur von dem Maͤurer — kann ich den verderben, ſo fehlts nicht, ich finde Auswege aus allem — Aber wie mir ſo ſchwach und bloͤde iſt. Er nim̃t eine Brandteweinflaſche aus dem Sack, kehrt ſich gegen dem Schatten des Baums, braucht ſein Haus- mittel, und trinkt einen Schoppen auf einmal her- unter. Einen Dieben oder einen Moͤrder, dem Steckbriefe nachjagen, erquickt der erſte Trunk Waſ- ſer, den er auf dem erlaufenen Boden der Frey- heit trinkt, nicht ſtaͤrker als die Brandtsflaſche den Vogt bey ſeinen Raͤnken erquickt. Er fuͤhlt ſich jezt wieder beſſer, und mit ſeinen Kraͤften waͤchst auch wieder der Muth des Verbrechers. Das hat mich maͤchtig erfriſcht, ſagt er zu ſich ſelber, und ſtellt ſich wieder wie ein Mann, der Herz hat, und den Kopf hoch traͤgt. Vor einer Weile, ſagt er, glaubte ich eben noch, ſie werden mich vor dem Abendbrod freſſen, jezt iſt mir wieder, als ob ich das Maͤurerlein, und ſelber den Arner da, den Gnaͤ- digen Buben, mit dem kleinen Finger zuſammen druͤcke, daß ſie jauchzen wie ſolche, die man bey den Ohren in die Hoͤhe zieht. Gut war’s, daß ich meine Flaſche nicht ver- geſſen habe; aber was ich auch fuͤr ein Kerl waͤre, ohne ſie. So R 4

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Zitationshilfe: [Pestalozzi, Johann Heinrich]: Lienhard und Gertrud. [Bd. 1]. Berlin u. a., 1781, S. 263. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pestalozzi_lienhard01_1781/288>, abgerufen am 25.09.2020.