Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Pestalozzi, Johann Heinrich]: Lienhard und Gertrud. [Bd. 1]. Berlin u. a., 1781.

Bild:
<< vorherige Seite

§. 98.
Auftritte, die an's Herz gehen sollen.

Der Pfarrer, die Frauen und die Töchter, ge-
rührt von diesem Auftritte, hatten Thränen in
den Augen, und alles schwieg eine Weile still, da
der Mann fort war.

Hierauf sagt Therese: Was das für ein Abend
war, Junker! Gottes Erdboden ist schön, und die
ganze Natur bietet uns allenthalben Wonne und
Lust an. -- Aber das Entzücken der Menschlichkeit
ist grösser als alle Schönheit der Erde. -- Ja wahr-
lich, Geliebte! sie ist grösser als alle Schönheit
der Erde, sagte der Junker.

Und der Pfarrer: Meine Thränen danken Ihnen,
Junker! für alle herrliche Auftritte, die Sie uns vor
Augen gebracht haben. In meinem Leben, Junker!
empfand ich die innere Grösse des menschlichen Her-
zens nie reiner und edler, als bey dem Thun die-
ses Mannes -- Aber, Junker! man muß, man muß
in Gottes Namen die reine Höhe des menschlichen
Herzens beym armen Verlassenen und Elenden su-
chen.

Die Frau Pfarrerinn aber drückte die Kinder,
die alle Thränen in ihren Augen hatten, an ihre

Brust,
A a 3

§. 98.
Auftritte, die an’s Herz gehen ſollen.

Der Pfarrer, die Frauen und die Toͤchter, ge-
ruͤhrt von dieſem Auftritte, hatten Thraͤnen in
den Augen, und alles ſchwieg eine Weile ſtill, da
der Mann fort war.

Hierauf ſagt Thereſe: Was das fuͤr ein Abend
war, Junker! Gottes Erdboden iſt ſchoͤn, und die
ganze Natur bietet uns allenthalben Wonne und
Luſt an. — Aber das Entzuͤcken der Menſchlichkeit
iſt groͤſſer als alle Schoͤnheit der Erde. — Ja wahr-
lich, Geliebte! ſie iſt groͤſſer als alle Schoͤnheit
der Erde, ſagte der Junker.

Und der Pfarrer: Meine Thraͤnen danken Ihnen,
Junker! fuͤr alle herrliche Auftritte, die Sie uns vor
Augen gebracht haben. In meinem Leben, Junker!
empfand ich die innere Groͤſſe des menſchlichen Her-
zens nie reiner und edler, als bey dem Thun die-
ſes Mannes — Aber, Junker! man muß, man muß
in Gottes Namen die reine Hoͤhe des menſchlichen
Herzens beym armen Verlaſſenen und Elenden ſu-
chen.

Die Frau Pfarrerinn aber druͤckte die Kinder,
die alle Thraͤnen in ihren Augen hatten, an ihre

Bruſt,
A a 3
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0398" n="373"/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
      <div n="2">
        <head>§. 98.<lb/><hi rendition="#b">Auftritte, die an&#x2019;s Herz gehen &#x017F;ollen.</hi></head><lb/>
        <p><hi rendition="#in">D</hi>er Pfarrer, die Frauen und die To&#x0364;chter, ge-<lb/>
ru&#x0364;hrt von die&#x017F;em Auftritte, hatten Thra&#x0364;nen in<lb/>
den Augen, und alles &#x017F;chwieg eine Weile &#x017F;till, da<lb/>
der Mann fort war.</p><lb/>
        <p>Hierauf &#x017F;agt There&#x017F;e: Was das fu&#x0364;r ein Abend<lb/>
war, Junker! Gottes Erdboden i&#x017F;t &#x017F;cho&#x0364;n, und die<lb/>
ganze Natur bietet uns allenthalben Wonne und<lb/>
Lu&#x017F;t an. &#x2014; Aber das Entzu&#x0364;cken der Men&#x017F;chlichkeit<lb/>
i&#x017F;t gro&#x0364;&#x017F;&#x017F;er als alle Scho&#x0364;nheit der Erde. &#x2014; Ja wahr-<lb/>
lich, Geliebte! &#x017F;ie i&#x017F;t gro&#x0364;&#x017F;&#x017F;er als alle Scho&#x0364;nheit<lb/>
der Erde, &#x017F;agte der Junker.</p><lb/>
        <p>Und der Pfarrer: Meine Thra&#x0364;nen danken Ihnen,<lb/>
Junker! fu&#x0364;r alle herrliche Auftritte, die Sie uns vor<lb/>
Augen gebracht haben. In meinem Leben, Junker!<lb/>
empfand ich die innere Gro&#x0364;&#x017F;&#x017F;e des men&#x017F;chlichen Her-<lb/>
zens nie reiner und edler, als bey dem Thun die-<lb/>
&#x017F;es Mannes &#x2014; Aber, Junker! man muß, man muß<lb/>
in Gottes Namen die reine Ho&#x0364;he des men&#x017F;chlichen<lb/>
Herzens beym armen Verla&#x017F;&#x017F;enen und Elenden &#x017F;u-<lb/>
chen.</p><lb/>
        <p>Die Frau Pfarrerinn aber dru&#x0364;ckte die Kinder,<lb/>
die alle Thra&#x0364;nen in ihren Augen hatten, an ihre<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">A a 3</fw><fw place="bottom" type="catch">Bru&#x017F;t,</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[373/0398] §. 98. Auftritte, die an’s Herz gehen ſollen. Der Pfarrer, die Frauen und die Toͤchter, ge- ruͤhrt von dieſem Auftritte, hatten Thraͤnen in den Augen, und alles ſchwieg eine Weile ſtill, da der Mann fort war. Hierauf ſagt Thereſe: Was das fuͤr ein Abend war, Junker! Gottes Erdboden iſt ſchoͤn, und die ganze Natur bietet uns allenthalben Wonne und Luſt an. — Aber das Entzuͤcken der Menſchlichkeit iſt groͤſſer als alle Schoͤnheit der Erde. — Ja wahr- lich, Geliebte! ſie iſt groͤſſer als alle Schoͤnheit der Erde, ſagte der Junker. Und der Pfarrer: Meine Thraͤnen danken Ihnen, Junker! fuͤr alle herrliche Auftritte, die Sie uns vor Augen gebracht haben. In meinem Leben, Junker! empfand ich die innere Groͤſſe des menſchlichen Her- zens nie reiner und edler, als bey dem Thun die- ſes Mannes — Aber, Junker! man muß, man muß in Gottes Namen die reine Hoͤhe des menſchlichen Herzens beym armen Verlaſſenen und Elenden ſu- chen. Die Frau Pfarrerinn aber druͤckte die Kinder, die alle Thraͤnen in ihren Augen hatten, an ihre Bruſt, A a 3

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/pestalozzi_lienhard01_1781
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/pestalozzi_lienhard01_1781/398
Zitationshilfe: [Pestalozzi, Johann Heinrich]: Lienhard und Gertrud. [Bd. 1]. Berlin u. a., 1781, S. 373. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pestalozzi_lienhard01_1781/398>, abgerufen am 27.09.2020.