Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Pestalozzi, Johann Heinrich]: Lienhard und Gertrud. [Bd. 1]. Berlin u. a., 1781.

Bild:
<< vorherige Seite

Ihr Hunde! was man von euch will, ist
immer nichts mit euch ausgerichtet. Wofür muß
ich immer euer Narr seyn? Wenn ihr Holz frevelt,
und ganze Fuder raubet -- so muß ich nichts wis-
sen -- wenn ihr in den Schloßtriften waidet --
und alle Zäune wegtraget, so muß ich schweigen.

Du Buller! mehr als ein Drittheil von deiner
Waisenrechnung war falsch -- und -- ich schwieg --
meynst du, das Bißchen verschimmelt Heu stelle
mich zufrieden? -- es ist noch nicht verjährt --

Und du Krüel! deine halbe Matte gehört dei-
nes Bruders Kindern. Du alter Dieb! -- was
habe ich von dir, daß ich dich nicht dem Henker
überlasse, dem du gehörst? --

Dieses Gerede machte den Nachbaren bang.
Was können wir thun? was können wir machen --
Herr Untervogt -- weder Tag noch Nacht ist uns
zu viel -- zu thun, was du uns heissest.

Ihr Hunde! ihr könnt nichts, ihr wißt
nichts. Ich bin ausser mir vor Wuth. Ich muß
wissen, was des Mäurers Gesindel diese Woche
gehabt hat -- was hinder diesem Pochen steckt --
so wüthete er --

Indessen besann sich Krüel. Halt, Vogt --
ich glaub, ich könne dienen, erst fällt mir's ein --
Gertrud war heute bis Mittag über Feld -- und
am Abend hat ihr Liselj beym Brunnen den Schloß-
herrn sehr gerühmt -- gewiß war sie im Schloß --

am
B 4

Ihr Hunde! was man von euch will, iſt
immer nichts mit euch ausgerichtet. Wofuͤr muß
ich immer euer Narr ſeyn? Wenn ihr Holz frevelt,
und ganze Fuder raubet — ſo muß ich nichts wiſ-
ſen — wenn ihr in den Schloßtriften waidet —
und alle Zaͤune wegtraget, ſo muß ich ſchweigen.

Du Buller! mehr als ein Drittheil von deiner
Waiſenrechnung war falſch — und — ich ſchwieg —
meynſt du, das Bißchen verſchimmelt Heu ſtelle
mich zufrieden? — es iſt noch nicht verjaͤhrt —

Und du Kruͤel! deine halbe Matte gehoͤrt dei-
nes Bruders Kindern. Du alter Dieb! — was
habe ich von dir, daß ich dich nicht dem Henker
uͤberlaſſe, dem du gehoͤrſt? —

Dieſes Gerede machte den Nachbaren bang.
Was koͤnnen wir thun? was koͤnnen wir machen —
Herr Untervogt — weder Tag noch Nacht iſt uns
zu viel — zu thun, was du uns heiſſeſt.

Ihr Hunde! ihr koͤnnt nichts, ihr wißt
nichts. Ich bin auſſer mir vor Wuth. Ich muß
wiſſen, was des Maͤurers Geſindel dieſe Woche
gehabt hat — was hinder dieſem Pochen ſteckt —
ſo wuͤthete er —

Indeſſen beſann ſich Kruͤel. Halt, Vogt —
ich glaub, ich koͤnne dienen, erſt faͤllt mir’s ein —
Gertrud war heute bis Mittag uͤber Feld — und
am Abend hat ihr Liſelj beym Brunnen den Schloß-
herrn ſehr geruͤhmt — gewiß war ſie im Schloß —

am
B 4
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0046" n="23"/>
          <p>Ihr Hunde! was man von euch will, i&#x017F;t<lb/>
immer nichts mit euch ausgerichtet. Wofu&#x0364;r muß<lb/>
ich immer euer Narr &#x017F;eyn? Wenn ihr Holz frevelt,<lb/>
und ganze Fuder raubet &#x2014; &#x017F;o muß ich nichts wi&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en &#x2014; wenn ihr in den Schloßtriften waidet &#x2014;<lb/>
und alle Za&#x0364;une wegtraget, &#x017F;o muß ich &#x017F;chweigen.</p><lb/>
          <p>Du Buller! mehr als ein Drittheil von deiner<lb/>
Wai&#x017F;enrechnung war fal&#x017F;ch &#x2014; und &#x2014; ich &#x017F;chwieg &#x2014;<lb/>
meyn&#x017F;t du, das Bißchen ver&#x017F;chimmelt Heu &#x017F;telle<lb/>
mich zufrieden? &#x2014; es i&#x017F;t noch nicht verja&#x0364;hrt &#x2014;</p><lb/>
          <p>Und du Kru&#x0364;el! deine halbe Matte geho&#x0364;rt dei-<lb/>
nes Bruders Kindern. Du alter Dieb! &#x2014; was<lb/>
habe ich von dir, daß ich dich nicht dem Henker<lb/>
u&#x0364;berla&#x017F;&#x017F;e, dem du geho&#x0364;r&#x017F;t? &#x2014;</p><lb/>
          <p>Die&#x017F;es Gerede machte den Nachbaren bang.<lb/>
Was ko&#x0364;nnen wir thun? was ko&#x0364;nnen wir machen &#x2014;<lb/>
Herr Untervogt &#x2014; weder Tag noch Nacht i&#x017F;t uns<lb/>
zu viel &#x2014; zu thun, was du uns hei&#x017F;&#x017F;e&#x017F;t.</p><lb/>
          <p>Ihr Hunde! ihr ko&#x0364;nnt nichts, ihr wißt<lb/>
nichts. Ich bin au&#x017F;&#x017F;er mir vor Wuth. Ich muß<lb/>
wi&#x017F;&#x017F;en, was des Ma&#x0364;urers Ge&#x017F;indel die&#x017F;e Woche<lb/>
gehabt hat &#x2014; was hinder die&#x017F;em Pochen &#x017F;teckt &#x2014;<lb/>
&#x017F;o wu&#x0364;thete er &#x2014;</p><lb/>
          <p>Inde&#x017F;&#x017F;en be&#x017F;ann &#x017F;ich Kru&#x0364;el. Halt, Vogt &#x2014;<lb/>
ich glaub, ich ko&#x0364;nne dienen, er&#x017F;t fa&#x0364;llt mir&#x2019;s ein &#x2014;<lb/>
Gertrud war heute bis Mittag u&#x0364;ber Feld &#x2014; und<lb/>
am Abend hat ihr Li&#x017F;elj beym Brunnen den Schloß-<lb/>
herrn &#x017F;ehr geru&#x0364;hmt &#x2014; gewiß war &#x017F;ie im Schloß &#x2014;<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">B 4</fw><fw place="bottom" type="catch">am</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[23/0046] Ihr Hunde! was man von euch will, iſt immer nichts mit euch ausgerichtet. Wofuͤr muß ich immer euer Narr ſeyn? Wenn ihr Holz frevelt, und ganze Fuder raubet — ſo muß ich nichts wiſ- ſen — wenn ihr in den Schloßtriften waidet — und alle Zaͤune wegtraget, ſo muß ich ſchweigen. Du Buller! mehr als ein Drittheil von deiner Waiſenrechnung war falſch — und — ich ſchwieg — meynſt du, das Bißchen verſchimmelt Heu ſtelle mich zufrieden? — es iſt noch nicht verjaͤhrt — Und du Kruͤel! deine halbe Matte gehoͤrt dei- nes Bruders Kindern. Du alter Dieb! — was habe ich von dir, daß ich dich nicht dem Henker uͤberlaſſe, dem du gehoͤrſt? — Dieſes Gerede machte den Nachbaren bang. Was koͤnnen wir thun? was koͤnnen wir machen — Herr Untervogt — weder Tag noch Nacht iſt uns zu viel — zu thun, was du uns heiſſeſt. Ihr Hunde! ihr koͤnnt nichts, ihr wißt nichts. Ich bin auſſer mir vor Wuth. Ich muß wiſſen, was des Maͤurers Geſindel dieſe Woche gehabt hat — was hinder dieſem Pochen ſteckt — ſo wuͤthete er — Indeſſen beſann ſich Kruͤel. Halt, Vogt — ich glaub, ich koͤnne dienen, erſt faͤllt mir’s ein — Gertrud war heute bis Mittag uͤber Feld — und am Abend hat ihr Liſelj beym Brunnen den Schloß- herrn ſehr geruͤhmt — gewiß war ſie im Schloß — am B 4

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/pestalozzi_lienhard01_1781
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/pestalozzi_lienhard01_1781/46
Zitationshilfe: [Pestalozzi, Johann Heinrich]: Lienhard und Gertrud. [Bd. 1]. Berlin u. a., 1781, S. 23. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pestalozzi_lienhard01_1781/46>, abgerufen am 28.09.2020.