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Philippi, Johann Ernst: Regeln und Maximen der edlen Reimschmiede-Kunst, auch kriechender Poesie. Altenburg, 1743.

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I. Eine zerfahrne Eyer-Suppe.
dazu schicken. So was ist noch nicht erhört!
Es ist rar, merveilleux und erstaunlich, daß
ein Tempel die Stelle einer Garküche vertreten
soll! Nennet mit einen alten oder neuen Scri-
benten,
der von Geschmacks-Tempeln gespro-
chen! Der Einfall hat nicht seines gleichen,
und übersteigt den gemeinen Horizont des
menschlichen Witzes!

Der gute Geschmack und der Begriff eines
Tempels ist weiter von einander, als das Ey-
weiß
in einer zerfahrnen Suppe aus einander
gedehnet und von dem Dotter abgesondert ist.
Der Titel einer jeden Schrift ist wie das erste
Gerichte,
oder die Suppe. Wer nun die
Suppe nicht einmal recht zurichten kann, oder
so einen lächerlichen Titel aussinnet, daß er
von Geschmacks-Tempeln redet, was soll der
wol für einen Verstand vom guten Geschmacke
haben? Cape tibi hoc, et arrige aures,
Pamphile!

Anderes Couvert.
Vorkost von Stockfisch.

Es haltens manche Standes-Personen und
Leute von gutem Geschmacke also, daß sie,
nach der Suppe, erst einen kleinen Grund durch
eine Vorkost, die brav widerhält, legen, dazu
ein gepflückter Stockfisch nicht undienlich ist.
Beynahe dachte ich, es stünde dergleichen auch
vor mir, da ich über das neumodische Schild,

oder
R 3

I. Eine zerfahrne Eyer-Suppe.
dazu ſchicken. So was iſt noch nicht erhoͤrt!
Es iſt rar, merveilleux und erſtaunlich, daß
ein Tempel die Stelle einer Garkuͤche vertreten
ſoll! Nennet mit einen alten oder neuen Scri-
benten,
der von Geſchmacks-Tempeln geſpro-
chen! Der Einfall hat nicht ſeines gleichen,
und uͤberſteigt den gemeinen Horizont des
menſchlichen Witzes!

Der gute Geſchmack und der Begriff eines
Tempels iſt weiter von einander, als das Ey-
weiß
in einer zerfahrnen Suppe aus einander
gedehnet und von dem Dotter abgeſondert iſt.
Der Titel einer jeden Schrift iſt wie das erſte
Gerichte,
oder die Suppe. Wer nun die
Suppe nicht einmal recht zurichten kann, oder
ſo einen laͤcherlichen Titel ausſinnet, daß er
von Geſchmacks-Tempeln redet, was ſoll der
wol fuͤr einen Verſtand vom guten Geſchmacke
haben? Cape tibi hoc, et arrige aures,
Pamphile!

Anderes Couvert.
Vorkoſt von Stockfiſch.

Es haltens manche Standes-Perſonen und
Leute von gutem Geſchmacke alſo, daß ſie,
nach der Suppe, erſt einen kleinen Grund durch
eine Vorkoſt, die brav widerhaͤlt, legen, dazu
ein gepfluͤckter Stockfiſch nicht undienlich iſt.
Beynahe dachte ich, es ſtuͤnde dergleichen auch
vor mir, da ich uͤber das neumodiſche Schild,

oder
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[261/0269] I. Eine zerfahrne Eyer-Suppe. dazu ſchicken. So was iſt noch nicht erhoͤrt! Es iſt rar, merveilleux und erſtaunlich, daß ein Tempel die Stelle einer Garkuͤche vertreten ſoll! Nennet mit einen alten oder neuen Scri- benten, der von Geſchmacks-Tempeln geſpro- chen! Der Einfall hat nicht ſeines gleichen, und uͤberſteigt den gemeinen Horizont des menſchlichen Witzes! Der gute Geſchmack und der Begriff eines Tempels iſt weiter von einander, als das Ey- weiß in einer zerfahrnen Suppe aus einander gedehnet und von dem Dotter abgeſondert iſt. Der Titel einer jeden Schrift iſt wie das erſte Gerichte, oder die Suppe. Wer nun die Suppe nicht einmal recht zurichten kann, oder ſo einen laͤcherlichen Titel ausſinnet, daß er von Geſchmacks-Tempeln redet, was ſoll der wol fuͤr einen Verſtand vom guten Geſchmacke haben? Cape tibi hoc, et arrige aures, Pamphile! Anderes Couvert. Vorkoſt von Stockfiſch. Es haltens manche Standes-Perſonen und Leute von gutem Geſchmacke alſo, daß ſie, nach der Suppe, erſt einen kleinen Grund durch eine Vorkoſt, die brav widerhaͤlt, legen, dazu ein gepfluͤckter Stockfiſch nicht undienlich iſt. Beynahe dachte ich, es ſtuͤnde dergleichen auch vor mir, da ich uͤber das neumodiſche Schild, oder R 3

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Zitationshilfe: Philippi, Johann Ernst: Regeln und Maximen der edlen Reimschmiede-Kunst, auch kriechender Poesie. Altenburg, 1743, S. 261. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/philippi_reimschmiedekunst_1743/269>, abgerufen am 22.04.2019.