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Philippi, Johann Ernst: Regeln und Maximen der edlen Reimschmiede-Kunst, auch kriechender Poesie. Altenburg, 1743.

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II. Stockfisch.
hen müsse, um solches da erst zu lernen! Will
er aber einen rechten Geschmack von der Leicht-
gläubigkeit bekommen: So halte er sich zu sol-
chen Geistlichen,
die viel mit Glaubens-Sa-
chen
umgehen. Meines Ortes will ich nicht
prahlen,
daß ich vollkommen wisse, was gut
schmecke, ohnerachtet ich schon vor zwölf Jah-
ren
ein privilegirter königlicher Leib-Koch ge-
wesen, und aus langer Erfahrung weiß, daß
ein Tempel des guten Geschmacks eben so ein
Mischmasch ungereimter Jdeen sey, als wenn
einer in meiner Garküche zum andern Couver-
te
wollte Stockfisch fordern, und ich wollte ihm
einen Fisch bringen, dabey aber auch einen Stock
auf die Schüssel legen. Man nennet das sonst
ein Galimathias, wenn zwey Jdeen in der Ver-
bindung abgeschmackt
werden. Dis trifft hier
zu. Man weiß wol, was ein guter Geschmack
sey; aber wenn das Wort Tempel dazu kömmt:
So mögte man die Raths-Herren zu Nürn-
berg
erst fragen: Was denn ein Tempel des
guten Geschmacks
für ein Ding, und ob der,
so diesen Namen erfunden, nicht selber ein Stock-
fisch
sey?

Drittes Couvert.
Ein Ragout von Wildpret.

Unsere gemeinen Ragouts sind rechte Misch-
masche
von Gerichten. Denn da liegt oft ein
Stückgen männliches Fleisches vom Schöpse,
bald ein Stückgen weibliches von einer Häsinn

in
R 4

II. Stockfiſch.
hen muͤſſe, um ſolches da erſt zu lernen! Will
er aber einen rechten Geſchmack von der Leicht-
glaͤubigkeit bekommen: So halte er ſich zu ſol-
chen Geiſtlichen,
die viel mit Glaubens-Sa-
chen
umgehen. Meines Ortes will ich nicht
prahlen,
daß ich vollkommen wiſſe, was gut
ſchmecke, ohnerachtet ich ſchon vor zwoͤlf Jah-
ren
ein privilegirter koͤniglicher Leib-Koch ge-
weſen, und aus langer Erfahrung weiß, daß
ein Tempel des guten Geſchmacks eben ſo ein
Miſchmaſch ungereimter Jdeen ſey, als wenn
einer in meiner Garkuͤche zum andern Couver-
te
wollte Stockfiſch fordern, und ich wollte ihm
einen Fiſch bringen, dabey aber auch einen Stock
auf die Schuͤſſel legen. Man nennet das ſonſt
ein Galimathias, wenn zwey Jdeen in der Ver-
bindung abgeſchmackt
werden. Dis trifft hier
zu. Man weiß wol, was ein guter Geſchmack
ſey; aber wenn das Wort Tempel dazu koͤmmt:
So moͤgte man die Raths-Herren zu Nuͤrn-
berg
erſt fragen: Was denn ein Tempel des
guten Geſchmacks
fuͤr ein Ding, und ob der,
ſo dieſen Namen erfunden, nicht ſelber ein Stock-
fiſch
ſey?

Drittes Couvert.
Ein Ragout von Wildpret.

Unſere gemeinen Ragouts ſind rechte Miſch-
maſche
von Gerichten. Denn da liegt oft ein
Stuͤckgen maͤnnliches Fleiſches vom Schoͤpſe,
bald ein Stuͤckgen weibliches von einer Haͤſinn

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[263/0271] II. Stockfiſch. hen muͤſſe, um ſolches da erſt zu lernen! Will er aber einen rechten Geſchmack von der Leicht- glaͤubigkeit bekommen: So halte er ſich zu ſol- chen Geiſtlichen, die viel mit Glaubens-Sa- chen umgehen. Meines Ortes will ich nicht prahlen, daß ich vollkommen wiſſe, was gut ſchmecke, ohnerachtet ich ſchon vor zwoͤlf Jah- ren ein privilegirter koͤniglicher Leib-Koch ge- weſen, und aus langer Erfahrung weiß, daß ein Tempel des guten Geſchmacks eben ſo ein Miſchmaſch ungereimter Jdeen ſey, als wenn einer in meiner Garkuͤche zum andern Couver- te wollte Stockfiſch fordern, und ich wollte ihm einen Fiſch bringen, dabey aber auch einen Stock auf die Schuͤſſel legen. Man nennet das ſonſt ein Galimathias, wenn zwey Jdeen in der Ver- bindung abgeſchmackt werden. Dis trifft hier zu. Man weiß wol, was ein guter Geſchmack ſey; aber wenn das Wort Tempel dazu koͤmmt: So moͤgte man die Raths-Herren zu Nuͤrn- berg erſt fragen: Was denn ein Tempel des guten Geſchmacks fuͤr ein Ding, und ob der, ſo dieſen Namen erfunden, nicht ſelber ein Stock- fiſch ſey? Drittes Couvert. Ein Ragout von Wildpret. Unſere gemeinen Ragouts ſind rechte Miſch- maſche von Gerichten. Denn da liegt oft ein Stuͤckgen maͤnnliches Fleiſches vom Schoͤpſe, bald ein Stuͤckgen weibliches von einer Haͤſinn in R 4

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Zitationshilfe: Philippi, Johann Ernst: Regeln und Maximen der edlen Reimschmiede-Kunst, auch kriechender Poesie. Altenburg, 1743, S. 263. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/philippi_reimschmiedekunst_1743/271>, abgerufen am 26.04.2019.