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Philippi, Johann Ernst: Regeln und Maximen der edlen Reimschmiede-Kunst, auch kriechender Poesie. Altenburg, 1743.

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Funfzig Maximen
den Himmel gereicht; Helden, deren einer Zehn-
tausend in die Flucht geschlagen; richtig abge-
paßte Nothhelfer, da der entfernte Held, in
Zeit von wenig Tagen oder Stunden, einen
Luft-Sprung von etlichen hundert Meilen her
gethan, und gerade die rechte Zeit getroffen, sei-
ner nothleidenden Schöne, vorhin abgeredter-
maßen, annoch zu Hülfe zu kommen, etc. Je
unmöglicher und unnatürlicher die Begeben-
heit scheinet, desto mehr frappirt sie die Einfäl-
tigen, und der kriechende Poete wird für einen
poetischen Hercules gehalten werden.

17. Maxime.

Jn Dramatischen Gedichten, da entweder
ganze Schauspiele vorkommen, oder doch ge-
wisse Sinnbilder, z. E. eines Adlers, Löwen
etc. auf hohe Häupter gedeutet werden, mag
man, nach denen Grund-Regeln der kriechenden
Poesie, jeder Person, die zur Schau vorkömmt,
einen ganz andern Character geben, als er
sonst in der Welt hat. Z. E. der aufgeführte
Sclave darf von Staats-Sachen seines Herrn
raisonniren; der Harlequin giebt einen gehei-
men Rath
des Prinzen ab; der Fürst raison-
nirt, was das Korn auf dem Markte gelte.
Die Prinzeßinn zankt sich mit einem Paar Hu-
ren
herum; der Amant greift der Prinzeßin
untern Rock, darüber sie lächelt. Der Beicht-
Vater
sagt dem Feld-Herrn ins Ohr, wie er
die Armee en ordre de bataille stellen solle;
und hundert andere poßirliche Touren mehr!

18. Ma-

Funfzig Maximen
den Himmel gereicht; Helden, deren einer Zehn-
tauſend in die Flucht geſchlagen; richtig abge-
paßte Nothhelfer, da der entfernte Held, in
Zeit von wenig Tagen oder Stunden, einen
Luft-Sprung von etlichen hundert Meilen her
gethan, und gerade die rechte Zeit getroffen, ſei-
ner nothleidenden Schoͤne, vorhin abgeredter-
maßen, annoch zu Huͤlfe zu kommen, ꝛc. Je
unmoͤglicher und unnatuͤrlicher die Begeben-
heit ſcheinet, deſto mehr frappirt ſie die Einfaͤl-
tigen, und der kriechende Poete wird fuͤr einen
poetiſchen Hercules gehalten werden.

17. Maxime.

Jn Dramatiſchen Gedichten, da entweder
ganze Schauſpiele vorkommen, oder doch ge-
wiſſe Sinnbilder, z. E. eines Adlers, Loͤwen
ꝛc. auf hohe Haͤupter gedeutet werden, mag
man, nach denen Grund-Regeln der kriechenden
Poeſie, jeder Perſon, die zur Schau vorkoͤmmt,
einen ganz andern Character geben, als er
ſonſt in der Welt hat. Z. E. der aufgefuͤhrte
Sclave darf von Staats-Sachen ſeines Herrn
raiſonniren; der Harlequin giebt einen gehei-
men Rath
des Prinzen ab; der Fuͤrſt raiſon-
nirt, was das Korn auf dem Markte gelte.
Die Prinzeßinn zankt ſich mit einem Paar Hu-
ren
herum; der Amant greift der Prinzeßin
untern Rock, daruͤber ſie laͤchelt. Der Beicht-
Vater
ſagt dem Feld-Herrn ins Ohr, wie er
die Armee en ordre de bataille ſtellen ſolle;
und hundert andere poßirliche Touren mehr!

18. Ma-
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[70/0078] Funfzig Maximen den Himmel gereicht; Helden, deren einer Zehn- tauſend in die Flucht geſchlagen; richtig abge- paßte Nothhelfer, da der entfernte Held, in Zeit von wenig Tagen oder Stunden, einen Luft-Sprung von etlichen hundert Meilen her gethan, und gerade die rechte Zeit getroffen, ſei- ner nothleidenden Schoͤne, vorhin abgeredter- maßen, annoch zu Huͤlfe zu kommen, ꝛc. Je unmoͤglicher und unnatuͤrlicher die Begeben- heit ſcheinet, deſto mehr frappirt ſie die Einfaͤl- tigen, und der kriechende Poete wird fuͤr einen poetiſchen Hercules gehalten werden. 17. Maxime. Jn Dramatiſchen Gedichten, da entweder ganze Schauſpiele vorkommen, oder doch ge- wiſſe Sinnbilder, z. E. eines Adlers, Loͤwen ꝛc. auf hohe Haͤupter gedeutet werden, mag man, nach denen Grund-Regeln der kriechenden Poeſie, jeder Perſon, die zur Schau vorkoͤmmt, einen ganz andern Character geben, als er ſonſt in der Welt hat. Z. E. der aufgefuͤhrte Sclave darf von Staats-Sachen ſeines Herrn raiſonniren; der Harlequin giebt einen gehei- men Rath des Prinzen ab; der Fuͤrſt raiſon- nirt, was das Korn auf dem Markte gelte. Die Prinzeßinn zankt ſich mit einem Paar Hu- ren herum; der Amant greift der Prinzeßin untern Rock, daruͤber ſie laͤchelt. Der Beicht- Vater ſagt dem Feld-Herrn ins Ohr, wie er die Armee en ordre de bataille ſtellen ſolle; und hundert andere poßirliche Touren mehr! 18. Ma-

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Zitationshilfe: Philippi, Johann Ernst: Regeln und Maximen der edlen Reimschmiede-Kunst, auch kriechender Poesie. Altenburg, 1743, S. 70. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/philippi_reimschmiedekunst_1743/78>, abgerufen am 21.04.2019.