Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 2. München, 1830.

Bild:
<< vorherige Seite

Drei und vierzigster Brief.

Liebe Julie!

Die Schilderungen der public dinners, und der
albernen Perfidie des Sir Charles M ... haben
nun ein Ende, und ich führe Dich dafür zu einem
Frühstück auf die Post, wo uns, nebst einer Menge
eleganter Damen, der Chef, der es gab, ein sehr ge-
bildeter und artiger Mann, Sir Edward Lee, vorher
in den verschiednen Bureaux herumführte, pour nous
faire gagner de l'appetit
. In einem derselben, das
der "dead Letters" (todten Briefe) genannt, ereig-
nete sich während unsres Daseyns ein sonderbarer
Vorfall. Alle Briefe nämlich, auf denen die Adresse
ganz unverständlich ist, oder wo die Personen, an die
sie gerichtet sind, nicht ausgemittelt werden können,
kommen in dieses Bureau, wo sie schon nach vierzehn
Tagen aufgemacht, und wenn sie nichts Wichtiges
enthalten, verbrannt werden. Mir scheint dies eine
ziemlich barbarische Mode, da wohl ein Herz davon


Drei und vierzigſter Brief.

Liebe Julie!

Die Schilderungen der public dinners, und der
albernen Perfidie des Sir Charles M … haben
nun ein Ende, und ich führe Dich dafür zu einem
Frühſtück auf die Poſt, wo uns, nebſt einer Menge
eleganter Damen, der Chef, der es gab, ein ſehr ge-
bildeter und artiger Mann, Sir Edward Lee, vorher
in den verſchiednen Bureaux herumführte, pour nous
faire gagner de l’appetit
. In einem derſelben, das
der „dead Letters“ (todten Briefe) genannt, ereig-
nete ſich während unſres Daſeyns ein ſonderbarer
Vorfall. Alle Briefe nämlich, auf denen die Adreſſe
ganz unverſtändlich iſt, oder wo die Perſonen, an die
ſie gerichtet ſind, nicht ausgemittelt werden können,
kommen in dieſes Bureau, wo ſie ſchon nach vierzehn
Tagen aufgemacht, und wenn ſie nichts Wichtiges
enthalten, verbrannt werden. Mir ſcheint dies eine
ziemlich barbariſche Mode, da wohl ein Herz davon

<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0227" n="[205]"/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Drei und vierzig&#x017F;ter Brief.</hi> </head><lb/>
        <div n="2">
          <opener>
            <dateline> <hi rendition="#et">Dublin, den 7<hi rendition="#sup">ten</hi> December 1828.</hi> </dateline><lb/>
            <salute>Liebe <hi rendition="#aq">Julie!</hi></salute>
          </opener><lb/>
          <p>Die Schilderungen der <hi rendition="#aq">public dinners,</hi> und der<lb/>
albernen Perfidie des Sir Charles M &#x2026; haben<lb/>
nun ein Ende, und ich führe Dich dafür zu einem<lb/>
Früh&#x017F;tück auf die Po&#x017F;t, wo uns, neb&#x017F;t einer Menge<lb/>
eleganter Damen, der Chef, der es gab, ein &#x017F;ehr ge-<lb/>
bildeter und artiger Mann, Sir Edward Lee, vorher<lb/>
in den ver&#x017F;chiednen Bureaux herumführte, <hi rendition="#aq">pour nous<lb/>
faire gagner de l&#x2019;appetit</hi>. In einem der&#x017F;elben, das<lb/>
der <hi rendition="#aq">&#x201E;dead Letters&#x201C;</hi> (todten Briefe) genannt, ereig-<lb/>
nete &#x017F;ich während un&#x017F;res Da&#x017F;eyns ein &#x017F;onderbarer<lb/>
Vorfall. Alle Briefe nämlich, auf denen die Adre&#x017F;&#x017F;e<lb/>
ganz unver&#x017F;tändlich i&#x017F;t, oder wo die Per&#x017F;onen, an die<lb/>
&#x017F;ie gerichtet &#x017F;ind, nicht ausgemittelt werden können,<lb/>
kommen in die&#x017F;es Bureau, wo &#x017F;ie &#x017F;chon nach vierzehn<lb/>
Tagen aufgemacht, und wenn &#x017F;ie nichts Wichtiges<lb/>
enthalten, verbrannt werden. Mir &#x017F;cheint dies eine<lb/>
ziemlich barbari&#x017F;che Mode, da wohl ein Herz <hi rendition="#g">davon</hi><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[205]/0227] Drei und vierzigſter Brief. Dublin, den 7ten December 1828. Liebe Julie! Die Schilderungen der public dinners, und der albernen Perfidie des Sir Charles M … haben nun ein Ende, und ich führe Dich dafür zu einem Frühſtück auf die Poſt, wo uns, nebſt einer Menge eleganter Damen, der Chef, der es gab, ein ſehr ge- bildeter und artiger Mann, Sir Edward Lee, vorher in den verſchiednen Bureaux herumführte, pour nous faire gagner de l’appetit. In einem derſelben, das der „dead Letters“ (todten Briefe) genannt, ereig- nete ſich während unſres Daſeyns ein ſonderbarer Vorfall. Alle Briefe nämlich, auf denen die Adreſſe ganz unverſtändlich iſt, oder wo die Perſonen, an die ſie gerichtet ſind, nicht ausgemittelt werden können, kommen in dieſes Bureau, wo ſie ſchon nach vierzehn Tagen aufgemacht, und wenn ſie nichts Wichtiges enthalten, verbrannt werden. Mir ſcheint dies eine ziemlich barbariſche Mode, da wohl ein Herz davon

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe02_1830
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe02_1830/227
Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 2. München, 1830, S. [205]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe02_1830/227>, abgerufen am 21.04.2019.