Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 2. München, 1830.

Bild:
<< vorherige Seite

Fünf und dreißigster Brief.

Liebe Julie!

Morgen reise ich ab, et bien a regret. Ich nehme
aber ein liebes Andenken mit mir, eins der wenigen
durchaus freundlichen Bilder meiner Lebenswan-
derung.

Auf meinem Morgenspaziergang fand ich heute so
luxurieuse Ericken von den Felsen herabhängen, daß
eine Staude derselben zehn Fuß in der Länge maß.
Der Gärtner, der mich begleitete, machte mich noch
auf eine andere Merkwürdigkeit aufmerksam. An
einem verborgnen Ort, nicht weit von der hübschen,
ganz ländlichen Dairy, hatten Bienen in freier Luft
große Honigkämme, blos an Brombeerästen hängend,
im Dickicht gebaut. Die Schwere des Honigs bog
den Strauch bis auf die Erde, und sie arbeiteten
noch rüstig darin, als ich sie betrachtete. Die Dairy
ist mit Erde und rother, darauf angewachsener, Haide


Fuͤnf und dreißigſter Brief.

Liebe Julie!

Morgen reiſe ich ab, et bien à regrêt. Ich nehme
aber ein liebes Andenken mit mir, eins der wenigen
durchaus freundlichen Bilder meiner Lebenswan-
derung.

Auf meinem Morgenſpaziergang fand ich heute ſo
luxurieuſe Ericken von den Felſen herabhängen, daß
eine Staude derſelben zehn Fuß in der Länge maß.
Der Gärtner, der mich begleitete, machte mich noch
auf eine andere Merkwürdigkeit aufmerkſam. An
einem verborgnen Ort, nicht weit von der hübſchen,
ganz ländlichen Dairy, hatten Bienen in freier Luft
große Honigkämme, blos an Brombeeräſten hängend,
im Dickicht gebaut. Die Schwere des Honigs bog
den Strauch bis auf die Erde, und ſie arbeiteten
noch rüſtig darin, als ich ſie betrachtete. Die Dairy
iſt mit Erde und rother, darauf angewachſener, Haide

<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0062" n="[40]"/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Fu&#x0364;nf und dreißig&#x017F;ter Brief.</hi> </head><lb/>
        <div n="2">
          <opener>
            <dateline> <hi rendition="#et">Glengariff, den 4<hi rendition="#sup">ten</hi> Octbr. 1828.</hi> </dateline><lb/>
            <salute>Liebe <hi rendition="#aq">Julie!</hi></salute>
          </opener><lb/>
          <p>Morgen rei&#x017F;e ich ab, <hi rendition="#aq">et bien à regrêt.</hi> Ich nehme<lb/>
aber ein liebes Andenken mit mir, eins der wenigen<lb/><hi rendition="#g">durchaus</hi> freundlichen Bilder meiner Lebenswan-<lb/>
derung.</p><lb/>
          <p>Auf meinem Morgen&#x017F;paziergang fand ich heute &#x017F;o<lb/>
luxurieu&#x017F;e Ericken von den Fel&#x017F;en herabhängen, daß<lb/><hi rendition="#g">eine</hi> Staude der&#x017F;elben zehn Fuß in der Länge maß.<lb/>
Der Gärtner, der mich begleitete, machte mich noch<lb/>
auf eine andere Merkwürdigkeit aufmerk&#x017F;am. An<lb/>
einem verborgnen Ort, nicht weit von der hüb&#x017F;chen,<lb/>
ganz ländlichen Dairy, hatten Bienen in freier Luft<lb/>
große Honigkämme, blos an Brombeerä&#x017F;ten hängend,<lb/>
im Dickicht gebaut. Die Schwere des Honigs bog<lb/>
den Strauch bis auf die Erde, und &#x017F;ie arbeiteten<lb/>
noch rü&#x017F;tig darin, als ich &#x017F;ie betrachtete. Die Dairy<lb/>
i&#x017F;t mit Erde und rother, darauf angewach&#x017F;ener, Haide<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[40]/0062] Fuͤnf und dreißigſter Brief. Glengariff, den 4ten Octbr. 1828. Liebe Julie! Morgen reiſe ich ab, et bien à regrêt. Ich nehme aber ein liebes Andenken mit mir, eins der wenigen durchaus freundlichen Bilder meiner Lebenswan- derung. Auf meinem Morgenſpaziergang fand ich heute ſo luxurieuſe Ericken von den Felſen herabhängen, daß eine Staude derſelben zehn Fuß in der Länge maß. Der Gärtner, der mich begleitete, machte mich noch auf eine andere Merkwürdigkeit aufmerkſam. An einem verborgnen Ort, nicht weit von der hübſchen, ganz ländlichen Dairy, hatten Bienen in freier Luft große Honigkämme, blos an Brombeeräſten hängend, im Dickicht gebaut. Die Schwere des Honigs bog den Strauch bis auf die Erde, und ſie arbeiteten noch rüſtig darin, als ich ſie betrachtete. Die Dairy iſt mit Erde und rother, darauf angewachſener, Haide

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe02_1830
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe02_1830/62
Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 2. München, 1830, S. [40]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe02_1830/62>, abgerufen am 26.04.2019.