Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 2. München, 1830.

Bild:
<< vorherige Seite

Sechs und dreißigster Brief.

Geliebte Theure!

Das Scheiden ward mir schwer -- Du jedoch, die
mich ganz wo anders hinwünschest, wirst gewiß sagen,
daß ich schon viel zu lange geblieben -- und so riß
ich mich denn los, von den guten Leuten, und ihrem
romantischen Wohnsitz. Es war grade Sonntag, und
die alte Dame konnte sich nicht enthalten, ohngeach-
tet ihrer sichtlichen Herzlichkeit für mich, strafend aus-
zurufen: Aber wie ist es möglich, daß ein guter
Mensch wie Sie, an einem Sonntag eine Reise
antreten kann! Du weist, daß die englischen Prote-
stanten schon von Jacob des I. Zeiten an, wo diese
Vergötterung des Sonntags anfing, und bald wüthen-
de Partheisache wurde, jetzt fast allgemein diesen Tag
zu einem wahren Todtentage gestempelt haben, an


Sechs und dreißigſter Brief.

Geliebte Theure!

Das Scheiden ward mir ſchwer — Du jedoch, die
mich ganz wo anders hinwünſcheſt, wirſt gewiß ſagen,
daß ich ſchon viel zu lange geblieben — und ſo riß
ich mich denn los, von den guten Leuten, und ihrem
romantiſchen Wohnſitz. Es war grade Sonntag, und
die alte Dame konnte ſich nicht enthalten, ohngeach-
tet ihrer ſichtlichen Herzlichkeit für mich, ſtrafend aus-
zurufen: Aber wie iſt es möglich, daß ein guter
Menſch wie Sie, an einem Sonntag eine Reiſe
antreten kann! Du weiſt, daß die engliſchen Prote-
ſtanten ſchon von Jacob des I. Zeiten an, wo dieſe
Vergötterung des Sonntags anfing, und bald wüthen-
de Partheiſache wurde, jetzt faſt allgemein dieſen Tag
zu einem wahren Todtentage geſtempelt haben, an

<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0076" n="[54]"/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Sechs und dreißig&#x017F;ter Brief.</hi> </head><lb/>
        <div n="2">
          <opener>
            <dateline> <hi rendition="#et">Macroom den 5<hi rendition="#sup">ten</hi> October 1828.</hi> </dateline><lb/>
            <salute>Geliebte Theure!</salute>
          </opener><lb/>
          <p>Das Scheiden ward mir &#x017F;chwer &#x2014; Du jedoch, die<lb/>
mich ganz wo anders hinwün&#x017F;che&#x017F;t, wir&#x017F;t gewiß &#x017F;agen,<lb/>
daß ich &#x017F;chon viel zu lange geblieben &#x2014; und &#x017F;o riß<lb/>
ich mich denn los, von den guten Leuten, und ihrem<lb/>
romanti&#x017F;chen Wohn&#x017F;itz. Es war grade Sonntag, und<lb/>
die alte Dame konnte &#x017F;ich nicht enthalten, ohngeach-<lb/>
tet ihrer &#x017F;ichtlichen Herzlichkeit für mich, &#x017F;trafend aus-<lb/>
zurufen: Aber wie i&#x017F;t es möglich, daß ein <hi rendition="#g">guter</hi><lb/>
Men&#x017F;ch wie Sie, an einem <hi rendition="#g">Sonntag</hi> eine Rei&#x017F;e<lb/>
antreten kann! Du wei&#x017F;t, daß die engli&#x017F;chen Prote-<lb/>
&#x017F;tanten &#x017F;chon von Jacob des <hi rendition="#aq">I.</hi> Zeiten an, wo die&#x017F;e<lb/>
Vergötterung des Sonntags anfing, und bald wüthen-<lb/>
de Parthei&#x017F;ache wurde, jetzt fa&#x017F;t allgemein die&#x017F;en Tag<lb/>
zu einem wahren Todtentage ge&#x017F;tempelt haben, an<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[54]/0076] Sechs und dreißigſter Brief. Macroom den 5ten October 1828. Geliebte Theure! Das Scheiden ward mir ſchwer — Du jedoch, die mich ganz wo anders hinwünſcheſt, wirſt gewiß ſagen, daß ich ſchon viel zu lange geblieben — und ſo riß ich mich denn los, von den guten Leuten, und ihrem romantiſchen Wohnſitz. Es war grade Sonntag, und die alte Dame konnte ſich nicht enthalten, ohngeach- tet ihrer ſichtlichen Herzlichkeit für mich, ſtrafend aus- zurufen: Aber wie iſt es möglich, daß ein guter Menſch wie Sie, an einem Sonntag eine Reiſe antreten kann! Du weiſt, daß die engliſchen Prote- ſtanten ſchon von Jacob des I. Zeiten an, wo dieſe Vergötterung des Sonntags anfing, und bald wüthen- de Partheiſache wurde, jetzt faſt allgemein dieſen Tag zu einem wahren Todtentage geſtempelt haben, an

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe02_1830
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe02_1830/76
Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 2. München, 1830, S. [54]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe02_1830/76>, abgerufen am 24.04.2019.