Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 2. München, 1830.

Bild:
<< vorherige Seite

Sehr früh verließ ich Macroom, in einem Gingle,
eine Art bedeckter Diligence mit zwei Pferden. Es
regnete und stürmte wieder; denn, gute Julie, ich
befinde mich überhaupt nicht mehr, wie die Irländer
hübsch sagen: "an der Sonnenseite des Lebens."

Drei Frauenzimmer waren mit mir im Wagen,
und ein fünfjähriger großer Bengel, der sich sehr
unnütz machte, und von seiner sonst recht hübschen
und lebhaften Mama entsetzlich verzogen wurde. Ob-
gleich er eine große Semmel und ein gleiches Stück
Kuchen vor sich hatte, an denen er fortwährend speiste,
und den Wagen mit Krumen und Brocken anfüllte,
wurde doch seine üble Laune bei jeder Gelegenheit
rege. Das Geschrei, welches er dann erhob, und das
Getrampel seiner Füße, das er oft, ganz unbeküm-
mert, auf den meinigen spielen ließ; die Begütigun-
gen der Mutter und ihr zu Hülferufen des Mannes,
der auf der Imperiale saß; dann ihre beständigen
Bitten, doch einen Augenblick anzuhalten, weil dem
armen Wurme vom Fahren übel geworden sey, oder
weil er trinken, oder noch etwas anders thun müsse;
zuletzt gar eine sich verbreitende mephytische Luft,
welche die Mama selbst zwang die Fenster zu öffnen,
die sie bisher, aus Furcht, der Kleine möchte sich,
ohngeachtet seines Pelzes, erkälten, stets hermetisch
zugehalten hatte; -- es war eine wahre Gedulds-
probe! Auch für sich schien die junge Frau eben so


Sehr früh verließ ich Macroom, in einem Gingle,
eine Art bedeckter Diligence mit zwei Pferden. Es
regnete und ſtürmte wieder; denn, gute Julie, ich
befinde mich überhaupt nicht mehr, wie die Irländer
hübſch ſagen: „an der Sonnenſeite des Lebens.“

Drei Frauenzimmer waren mit mir im Wagen,
und ein fünfjähriger großer Bengel, der ſich ſehr
unnütz machte, und von ſeiner ſonſt recht hübſchen
und lebhaften Mama entſetzlich verzogen wurde. Ob-
gleich er eine große Semmel und ein gleiches Stück
Kuchen vor ſich hatte, an denen er fortwährend ſpeiste,
und den Wagen mit Krumen und Brocken anfüllte,
wurde doch ſeine üble Laune bei jeder Gelegenheit
rege. Das Geſchrei, welches er dann erhob, und das
Getrampel ſeiner Füße, das er oft, ganz unbeküm-
mert, auf den meinigen ſpielen ließ; die Begütigun-
gen der Mutter und ihr zu Hülferufen des Mannes,
der auf der Imperiale ſaß; dann ihre beſtändigen
Bitten, doch einen Augenblick anzuhalten, weil dem
armen Wurme vom Fahren übel geworden ſey, oder
weil er trinken, oder noch etwas anders thun müſſe;
zuletzt gar eine ſich verbreitende mephytiſche Luft,
welche die Mama ſelbſt zwang die Fenſter zu öffnen,
die ſie bisher, aus Furcht, der Kleine möchte ſich,
ohngeachtet ſeines Pelzes, erkälten, ſtets hermetiſch
zugehalten hatte; — es war eine wahre Gedulds-
probe! Auch für ſich ſchien die junge Frau eben ſo

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0081" n="59"/>
        <div n="2">
          <opener>
            <dateline> <hi rendition="#et">Cork, den 6<hi rendition="#sup">ten.</hi></hi> </dateline>
          </opener><lb/>
          <p>Sehr früh verließ ich Macroom, in einem Gingle,<lb/>
eine Art bedeckter Diligence mit zwei Pferden. Es<lb/>
regnete und &#x017F;türmte wieder; denn, gute <hi rendition="#aq">Julie,</hi> ich<lb/>
befinde mich überhaupt nicht mehr, wie die Irländer<lb/>
hüb&#x017F;ch &#x017F;agen: &#x201E;an der Sonnen&#x017F;eite des Lebens.&#x201C;</p><lb/>
          <p>Drei Frauenzimmer waren mit mir im Wagen,<lb/>
und ein fünfjähriger großer Bengel, der &#x017F;ich &#x017F;ehr<lb/>
unnütz machte, und von &#x017F;einer &#x017F;on&#x017F;t recht hüb&#x017F;chen<lb/>
und lebhaften Mama ent&#x017F;etzlich verzogen wurde. Ob-<lb/>
gleich er eine große Semmel und ein gleiches Stück<lb/>
Kuchen vor &#x017F;ich hatte, an denen er fortwährend &#x017F;peiste,<lb/>
und den Wagen mit Krumen und Brocken anfüllte,<lb/>
wurde doch &#x017F;eine üble Laune bei jeder Gelegenheit<lb/>
rege. Das Ge&#x017F;chrei, welches er dann erhob, und das<lb/>
Getrampel &#x017F;einer Füße, das er oft, ganz unbeküm-<lb/>
mert, auf den meinigen &#x017F;pielen ließ; die Begütigun-<lb/>
gen der Mutter und ihr zu Hülferufen des Mannes,<lb/>
der auf der Imperiale &#x017F;aß; dann ihre be&#x017F;tändigen<lb/>
Bitten, doch einen Augenblick anzuhalten, weil dem<lb/>
armen Wurme vom Fahren übel geworden &#x017F;ey, oder<lb/>
weil er trinken, oder noch etwas anders thun mü&#x017F;&#x017F;e;<lb/>
zuletzt gar eine &#x017F;ich verbreitende mephyti&#x017F;che Luft,<lb/>
welche die Mama &#x017F;elb&#x017F;t zwang die Fen&#x017F;ter zu öffnen,<lb/>
die &#x017F;ie bisher, aus Furcht, der Kleine möchte &#x017F;ich,<lb/>
ohngeachtet &#x017F;eines Pelzes, erkälten, &#x017F;tets hermeti&#x017F;ch<lb/>
zugehalten hatte; &#x2014; es war eine wahre Gedulds-<lb/>
probe! Auch für &#x017F;ich &#x017F;chien die junge Frau eben &#x017F;o<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[59/0081] Cork, den 6ten. Sehr früh verließ ich Macroom, in einem Gingle, eine Art bedeckter Diligence mit zwei Pferden. Es regnete und ſtürmte wieder; denn, gute Julie, ich befinde mich überhaupt nicht mehr, wie die Irländer hübſch ſagen: „an der Sonnenſeite des Lebens.“ Drei Frauenzimmer waren mit mir im Wagen, und ein fünfjähriger großer Bengel, der ſich ſehr unnütz machte, und von ſeiner ſonſt recht hübſchen und lebhaften Mama entſetzlich verzogen wurde. Ob- gleich er eine große Semmel und ein gleiches Stück Kuchen vor ſich hatte, an denen er fortwährend ſpeiste, und den Wagen mit Krumen und Brocken anfüllte, wurde doch ſeine üble Laune bei jeder Gelegenheit rege. Das Geſchrei, welches er dann erhob, und das Getrampel ſeiner Füße, das er oft, ganz unbeküm- mert, auf den meinigen ſpielen ließ; die Begütigun- gen der Mutter und ihr zu Hülferufen des Mannes, der auf der Imperiale ſaß; dann ihre beſtändigen Bitten, doch einen Augenblick anzuhalten, weil dem armen Wurme vom Fahren übel geworden ſey, oder weil er trinken, oder noch etwas anders thun müſſe; zuletzt gar eine ſich verbreitende mephytiſche Luft, welche die Mama ſelbſt zwang die Fenſter zu öffnen, die ſie bisher, aus Furcht, der Kleine möchte ſich, ohngeachtet ſeines Pelzes, erkälten, ſtets hermetiſch zugehalten hatte; — es war eine wahre Gedulds- probe! Auch für ſich ſchien die junge Frau eben ſo

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe02_1830
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe02_1830/81
Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 2. München, 1830, S. 59. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe02_1830/81>, abgerufen am 25.04.2019.