Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 3. Stuttgart, 1831.

Bild:
<< vorherige Seite

viel Freiheit. Das junge Mädchen quaestionis war
erst 17 Jahr alt, aber schon in Paris polirt.

Als ich zu Haus kam, fand ich zu meiner nicht
geringen Ueberraschung einen Brief von dem unglück-
seligen R.., der abermals nach Harwich zurückver-
schlagen worden, und in Verzweiflung um Geld und
Hülfe fleht, denn wider meinen Willen hat er, was
ich erst jetzt erfahre, den ihm vorgeschriebenen Weg
über Calais doch nicht eingeschlagen. Diese Irrfahr-
ten des Garten-Odysseus sind eben so lächerlich als
unangenehm, und Du wirst gewiß längst glauben,
daß der Abentheurer malgre lui von den Fischen ver-
speist worden ist. Ich erinnere mich immer noch leb-
haft, daß ich vor 12 Jahren, auch um diese Zeit,
mich nach Hamburg einschiffen wollte, mein alter
französischer Kammerdiener rieth mir aber glücklich
davon ab, denn, wie er sich seltsam ausdrückte:
"dans ces tems ci il y a toujours quelques equinoxes
dangereuses, qui peuvent devenir funestes!"
und
richtig, das Fahrzeug litt Schiffbruch, und Mehrere
verloren ihr Leben dabei.



Honneur a Sir Temple! Dein von ihm besorgter
Brief ist in 10 Tagen hergekommen, während die
durch unsre Diplomatie gegangenen drei Wochen un-
terwegs blieben. Sage ihm meinen besten Dank.
Herzlich habe ich über alle Nachrichten gelacht, die
mir H. so launig meldet. Der kleine Criminalrath,
den die Spötter le rat criminel nennen, der Ren-

viel Freiheit. Das junge Mädchen quaestionis war
erſt 17 Jahr alt, aber ſchon in Paris polirt.

Als ich zu Haus kam, fand ich zu meiner nicht
geringen Ueberraſchung einen Brief von dem unglück-
ſeligen R.., der abermals nach Harwich zurückver-
ſchlagen worden, und in Verzweiflung um Geld und
Hülfe fleht, denn wider meinen Willen hat er, was
ich erſt jetzt erfahre, den ihm vorgeſchriebenen Weg
über Calais doch nicht eingeſchlagen. Dieſe Irrfahr-
ten des Garten-Odyſſeus ſind eben ſo lächerlich als
unangenehm, und Du wirſt gewiß längſt glauben,
daß der Abentheurer malgré lui von den Fiſchen ver-
ſpeist worden iſt. Ich erinnere mich immer noch leb-
haft, daß ich vor 12 Jahren, auch um dieſe Zeit,
mich nach Hamburg einſchiffen wollte, mein alter
franzöſiſcher Kammerdiener rieth mir aber glücklich
davon ab, denn, wie er ſich ſeltſam ausdrückte:
„dans ces tems ci il y a toujours quelques equinoxes
dangereuses, qui peuvent devenir funestes!“
und
richtig, das Fahrzeug litt Schiffbruch, und Mehrere
verloren ihr Leben dabei.



Honneur à Sir Temple! Dein von ihm beſorgter
Brief iſt in 10 Tagen hergekommen, während die
durch unſre Diplomatie gegangenen drei Wochen un-
terwegs blieben. Sage ihm meinen beſten Dank.
Herzlich habe ich über alle Nachrichten gelacht, die
mir H. ſo launig meldet. Der kleine Criminalrath,
den die Spötter le rat criminel nennen, der Ren-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0422" n="376"/>
viel Freiheit. Das junge Mädchen <hi rendition="#aq">quaestionis</hi> war<lb/>
er&#x017F;t 17 Jahr alt, aber &#x017F;chon in Paris polirt.</p><lb/>
          <p>Als ich zu Haus kam, fand ich zu meiner nicht<lb/>
geringen Ueberra&#x017F;chung einen Brief von dem unglück-<lb/>
&#x017F;eligen R.., der abermals nach Harwich zurückver-<lb/>
&#x017F;chlagen worden, und in Verzweiflung um Geld und<lb/>
Hülfe fleht, denn wider meinen Willen hat er, was<lb/>
ich er&#x017F;t jetzt erfahre, den ihm vorge&#x017F;chriebenen Weg<lb/>
über Calais doch nicht einge&#x017F;chlagen. Die&#x017F;e Irrfahr-<lb/>
ten des Garten-Ody&#x017F;&#x017F;eus &#x017F;ind eben &#x017F;o lächerlich als<lb/>
unangenehm, und Du wir&#x017F;t gewiß läng&#x017F;t glauben,<lb/>
daß der Abentheurer <hi rendition="#aq">malgré lui</hi> von den Fi&#x017F;chen ver-<lb/>
&#x017F;peist worden i&#x017F;t. Ich erinnere mich immer noch leb-<lb/>
haft, daß ich vor 12 Jahren, auch um die&#x017F;e Zeit,<lb/>
mich nach Hamburg ein&#x017F;chiffen wollte, mein alter<lb/>
franzö&#x017F;i&#x017F;cher Kammerdiener rieth mir aber glücklich<lb/>
davon ab, denn, wie er &#x017F;ich &#x017F;elt&#x017F;am ausdrückte:<lb/><hi rendition="#aq">&#x201E;dans ces tems ci il y a toujours <hi rendition="#i">quelques equinoxes</hi><lb/>
dangereuses, qui peuvent devenir funestes!&#x201C;</hi> und<lb/>
richtig, das Fahrzeug litt Schiffbruch, und Mehrere<lb/>
verloren ihr Leben dabei.</p>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <opener>
            <dateline> <hi rendition="#et">London, den 17ten.</hi> </dateline>
          </opener><lb/>
          <p><hi rendition="#aq">Honneur à Sir Temple!</hi> Dein von ihm be&#x017F;orgter<lb/>
Brief i&#x017F;t in 10 Tagen hergekommen, während die<lb/>
durch un&#x017F;re Diplomatie gegangenen drei Wochen un-<lb/>
terwegs blieben. Sage ihm meinen be&#x017F;ten Dank.<lb/>
Herzlich habe ich über alle Nachrichten gelacht, die<lb/>
mir H. &#x017F;o launig meldet. Der kleine Criminalrath,<lb/>
den die Spötter <hi rendition="#aq">le rat criminel</hi> nennen, der <hi rendition="#aq">Ren-<lb/></hi></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[376/0422] viel Freiheit. Das junge Mädchen quaestionis war erſt 17 Jahr alt, aber ſchon in Paris polirt. Als ich zu Haus kam, fand ich zu meiner nicht geringen Ueberraſchung einen Brief von dem unglück- ſeligen R.., der abermals nach Harwich zurückver- ſchlagen worden, und in Verzweiflung um Geld und Hülfe fleht, denn wider meinen Willen hat er, was ich erſt jetzt erfahre, den ihm vorgeſchriebenen Weg über Calais doch nicht eingeſchlagen. Dieſe Irrfahr- ten des Garten-Odyſſeus ſind eben ſo lächerlich als unangenehm, und Du wirſt gewiß längſt glauben, daß der Abentheurer malgré lui von den Fiſchen ver- ſpeist worden iſt. Ich erinnere mich immer noch leb- haft, daß ich vor 12 Jahren, auch um dieſe Zeit, mich nach Hamburg einſchiffen wollte, mein alter franzöſiſcher Kammerdiener rieth mir aber glücklich davon ab, denn, wie er ſich ſeltſam ausdrückte: „dans ces tems ci il y a toujours quelques equinoxes dangereuses, qui peuvent devenir funestes!“ und richtig, das Fahrzeug litt Schiffbruch, und Mehrere verloren ihr Leben dabei. London, den 17ten. Honneur à Sir Temple! Dein von ihm beſorgter Brief iſt in 10 Tagen hergekommen, während die durch unſre Diplomatie gegangenen drei Wochen un- terwegs blieben. Sage ihm meinen beſten Dank. Herzlich habe ich über alle Nachrichten gelacht, die mir H. ſo launig meldet. Der kleine Criminalrath, den die Spötter le rat criminel nennen, der Ren-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831/422
Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 3. Stuttgart, 1831, S. 376. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831/422>, abgerufen am 23.04.2019.