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Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 3. Stuttgart, 1831.

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derblätter, und einzelne Mandelblüthen durch das
dunkle Gewebe der schwellenden Zweige.



Diesen Vormittag bestimmte ich zu einer Excursion
nach Deptford, um Captain Parry's Schiff Hekla zu
besehen, das in wenigen Tagen nach dem Nordpol
absegeln soll. Ob es ihn aber erreichen wird, ist eine
andere Frage. Wenn es Parry nur nicht wie dem
armen Grafen Zambeccari geht, der von seiner letzten
Luftfahrt noch bis zu dieser Stunde nicht zurückge-
kehrt ist.

Captain Parry machte die Honneurs seines eigen-
thümlichen Fahrzeugs mit sehr viel Artigkeit, und sein
Benehmen entspricht ganz dem eines freimüthigen,
besonnenen und kühnen Seemanns, als welcher er
bekannt ist. Ein paar seltsam geformte Bote lagen
auf dem Verdeck des Schiffes, die zugleich als Eis-
schlitten dienen sollen. Das Schiff selbst hat doppelte
Wände, die mit Kork ausgefüllt sind, um die Wärme
besser zusammen zu halten, und außerdem wird es
mit conduits de chaleur geheizt. Alle Provisionen
bestehen aus den stärksten Extracten, so daß ein gan-
zer Ochse in seiner Quintessenz in die Rocktasche ge-
steckt werden kann, gleich den Stereotypes der chefs
d'oeuvres
der ganzen englischen Literatur in einem
Bande. Alle Offiziere schienen Männer von großer
Auswahl, besonders fand ich an dem Lieutenant Roß,
der Parry auf allen seinen Fahrten begleitet hat, ei-

derblätter, und einzelne Mandelblüthen durch das
dunkle Gewebe der ſchwellenden Zweige.



Dieſen Vormittag beſtimmte ich zu einer Excurſion
nach Deptford, um Captain Parry’s Schiff Hekla zu
beſehen, das in wenigen Tagen nach dem Nordpol
abſegeln ſoll. Ob es ihn aber erreichen wird, iſt eine
andere Frage. Wenn es Parry nur nicht wie dem
armen Grafen Zambeccari geht, der von ſeiner letzten
Luftfahrt noch bis zu dieſer Stunde nicht zurückge-
kehrt iſt.

Captain Parry machte die Honneurs ſeines eigen-
thümlichen Fahrzeugs mit ſehr viel Artigkeit, und ſein
Benehmen entſpricht ganz dem eines freimüthigen,
beſonnenen und kühnen Seemanns, als welcher er
bekannt iſt. Ein paar ſeltſam geformte Bote lagen
auf dem Verdeck des Schiffes, die zugleich als Eis-
ſchlitten dienen ſollen. Das Schiff ſelbſt hat doppelte
Wände, die mit Kork ausgefüllt ſind, um die Wärme
beſſer zuſammen zu halten, und außerdem wird es
mit conduits de chaleur geheizt. Alle Proviſionen
beſtehen aus den ſtärkſten Extracten, ſo daß ein gan-
zer Ochſe in ſeiner Quinteſſenz in die Rocktaſche ge-
ſteckt werden kann, gleich den Stereotypes der chefs
d’oeuvres
der ganzen engliſchen Literatur in einem
Bande. Alle Offiziere ſchienen Männer von großer
Auswahl, beſonders fand ich an dem Lieutenant Roß,
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[402/0448] derblätter, und einzelne Mandelblüthen durch das dunkle Gewebe der ſchwellenden Zweige. Den 26ſten. Dieſen Vormittag beſtimmte ich zu einer Excurſion nach Deptford, um Captain Parry’s Schiff Hekla zu beſehen, das in wenigen Tagen nach dem Nordpol abſegeln ſoll. Ob es ihn aber erreichen wird, iſt eine andere Frage. Wenn es Parry nur nicht wie dem armen Grafen Zambeccari geht, der von ſeiner letzten Luftfahrt noch bis zu dieſer Stunde nicht zurückge- kehrt iſt. Captain Parry machte die Honneurs ſeines eigen- thümlichen Fahrzeugs mit ſehr viel Artigkeit, und ſein Benehmen entſpricht ganz dem eines freimüthigen, beſonnenen und kühnen Seemanns, als welcher er bekannt iſt. Ein paar ſeltſam geformte Bote lagen auf dem Verdeck des Schiffes, die zugleich als Eis- ſchlitten dienen ſollen. Das Schiff ſelbſt hat doppelte Wände, die mit Kork ausgefüllt ſind, um die Wärme beſſer zuſammen zu halten, und außerdem wird es mit conduits de chaleur geheizt. Alle Proviſionen beſtehen aus den ſtärkſten Extracten, ſo daß ein gan- zer Ochſe in ſeiner Quinteſſenz in die Rocktaſche ge- ſteckt werden kann, gleich den Stereotypes der chefs d’oeuvres der ganzen engliſchen Literatur in einem Bande. Alle Offiziere ſchienen Männer von großer Auswahl, beſonders fand ich an dem Lieutenant Roß, der Parry auf allen ſeinen Fahrten begleitet hat, ei-

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Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 3. Stuttgart, 1831, S. 402. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831/448>, abgerufen am 20.04.2019.