Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 3. Stuttgart, 1831.

Bild:
<< vorherige Seite

und die geschäftige Menge eilt auf dem Quai rastlos
durcheinander, dessen Rand mit himmelhohen Rüstern
geschmückt ist, die wahrscheinlich schon zu Erasmus
Zeiten hier gepflanzt wurden. Nach einem kleinen
Spaziergang unter diesen Bäumen nahm ich eine
gute Mahlzeit ein, und schrieb dann an diesem ellen-
langen Brief, der leider mehr Porto kosten wird, als
er werth ist. Mit meiner Gesundheit geht es immer
noch nicht ganz nach Wunsch, obgleich von Tag zu
Tage besser. Vielleicht kurirt mich völlig das Meer,
und einige Gläser Seewasser, welches ich zu mir neh-
men werde, sobald ich auf seinen Wellen schaukele.



Die Lebensart nähert sich hier den englischen Sit-
ten. Man steht spät auf, ißt an table d'hote um
4 Uhr, und trinkt Abends Thee. Uebrigens ist für
Fremde in der großen Stadt wenig Abwechselung vor-
handen, da sich nicht einmal ein stehendes Theater
hier befindet. Nur zuweilen geben die Schauspieler
vom Haag einige Vorstellungen in einem schlechten
Lokal. Alles scheint mit dem Handel beschäftigt, und
findet seine Erholung nachher, sehr angemessen, nur
in häuslichen Freuden, an denen aber ein blos Durch-
reisender freilich keinen Theil nehmen kann. Um ei-
niges englische Geld einzuwechseln, ging ich in das
Comtoir eines jüdischen Banquiers, der sich, ohnge-

und die geſchäftige Menge eilt auf dem Quai raſtlos
durcheinander, deſſen Rand mit himmelhohen Rüſtern
geſchmückt iſt, die wahrſcheinlich ſchon zu Erasmus
Zeiten hier gepflanzt wurden. Nach einem kleinen
Spaziergang unter dieſen Bäumen nahm ich eine
gute Mahlzeit ein, und ſchrieb dann an dieſem ellen-
langen Brief, der leider mehr Porto koſten wird, als
er werth iſt. Mit meiner Geſundheit geht es immer
noch nicht ganz nach Wunſch, obgleich von Tag zu
Tage beſſer. Vielleicht kurirt mich völlig das Meer,
und einige Gläſer Seewaſſer, welches ich zu mir neh-
men werde, ſobald ich auf ſeinen Wellen ſchaukele.



Die Lebensart nähert ſich hier den engliſchen Sit-
ten. Man ſteht ſpät auf, ißt an table d’hôte um
4 Uhr, und trinkt Abends Thee. Uebrigens iſt für
Fremde in der großen Stadt wenig Abwechſelung vor-
handen, da ſich nicht einmal ein ſtehendes Theater
hier befindet. Nur zuweilen geben die Schauſpieler
vom Haag einige Vorſtellungen in einem ſchlechten
Lokal. Alles ſcheint mit dem Handel beſchäftigt, und
findet ſeine Erholung nachher, ſehr angemeſſen, nur
in häuslichen Freuden, an denen aber ein blos Durch-
reiſender freilich keinen Theil nehmen kann. Um ei-
niges engliſche Geld einzuwechſeln, ging ich in das
Comtoir eines jüdiſchen Banquiers, der ſich, ohnge-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0074" n="34"/>
und die ge&#x017F;chäftige Menge eilt auf dem Quai ra&#x017F;tlos<lb/>
durcheinander, de&#x017F;&#x017F;en Rand mit himmelhohen Rü&#x017F;tern<lb/>
ge&#x017F;chmückt i&#x017F;t, die wahr&#x017F;cheinlich &#x017F;chon zu Erasmus<lb/>
Zeiten hier gepflanzt wurden. Nach einem kleinen<lb/>
Spaziergang unter die&#x017F;en Bäumen nahm ich eine<lb/>
gute Mahlzeit ein, und &#x017F;chrieb dann an die&#x017F;em ellen-<lb/>
langen Brief, der leider mehr Porto ko&#x017F;ten wird, als<lb/>
er werth i&#x017F;t. Mit meiner Ge&#x017F;undheit geht es immer<lb/>
noch nicht ganz nach Wun&#x017F;ch, obgleich von Tag zu<lb/>
Tage be&#x017F;&#x017F;er. Vielleicht kurirt mich völlig das Meer,<lb/>
und einige Glä&#x017F;er Seewa&#x017F;&#x017F;er, welches ich zu mir neh-<lb/>
men werde, &#x017F;obald ich auf &#x017F;einen Wellen &#x017F;chaukele.</p>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <opener>
            <dateline> <hi rendition="#et">Den 26&#x017F;ten.</hi> </dateline>
          </opener><lb/>
          <p>Die Lebensart nähert &#x017F;ich hier den engli&#x017F;chen Sit-<lb/>
ten. Man &#x017F;teht &#x017F;pät auf, ißt an <hi rendition="#aq">table d&#x2019;hôte</hi> um<lb/>
4 Uhr, und trinkt Abends Thee. Uebrigens i&#x017F;t für<lb/>
Fremde in der großen Stadt wenig Abwech&#x017F;elung vor-<lb/>
handen, da &#x017F;ich nicht einmal ein &#x017F;tehendes Theater<lb/>
hier befindet. Nur zuweilen geben die Schau&#x017F;pieler<lb/>
vom Haag einige Vor&#x017F;tellungen in einem &#x017F;chlechten<lb/>
Lokal. Alles &#x017F;cheint mit dem Handel be&#x017F;chäftigt, und<lb/>
findet &#x017F;eine Erholung nachher, &#x017F;ehr angeme&#x017F;&#x017F;en, nur<lb/>
in häuslichen Freuden, an denen aber ein blos Durch-<lb/>
rei&#x017F;ender freilich keinen Theil nehmen kann. Um ei-<lb/>
niges engli&#x017F;che Geld einzuwech&#x017F;eln, ging ich in das<lb/>
Comtoir eines jüdi&#x017F;chen Banquiers, der &#x017F;ich, ohnge-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[34/0074] und die geſchäftige Menge eilt auf dem Quai raſtlos durcheinander, deſſen Rand mit himmelhohen Rüſtern geſchmückt iſt, die wahrſcheinlich ſchon zu Erasmus Zeiten hier gepflanzt wurden. Nach einem kleinen Spaziergang unter dieſen Bäumen nahm ich eine gute Mahlzeit ein, und ſchrieb dann an dieſem ellen- langen Brief, der leider mehr Porto koſten wird, als er werth iſt. Mit meiner Geſundheit geht es immer noch nicht ganz nach Wunſch, obgleich von Tag zu Tage beſſer. Vielleicht kurirt mich völlig das Meer, und einige Gläſer Seewaſſer, welches ich zu mir neh- men werde, ſobald ich auf ſeinen Wellen ſchaukele. Den 26ſten. Die Lebensart nähert ſich hier den engliſchen Sit- ten. Man ſteht ſpät auf, ißt an table d’hôte um 4 Uhr, und trinkt Abends Thee. Uebrigens iſt für Fremde in der großen Stadt wenig Abwechſelung vor- handen, da ſich nicht einmal ein ſtehendes Theater hier befindet. Nur zuweilen geben die Schauſpieler vom Haag einige Vorſtellungen in einem ſchlechten Lokal. Alles ſcheint mit dem Handel beſchäftigt, und findet ſeine Erholung nachher, ſehr angemeſſen, nur in häuslichen Freuden, an denen aber ein blos Durch- reiſender freilich keinen Theil nehmen kann. Um ei- niges engliſche Geld einzuwechſeln, ging ich in das Comtoir eines jüdiſchen Banquiers, der ſich, ohnge-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831/74
Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 3. Stuttgart, 1831, S. 34. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe03_1831/74>, abgerufen am 23.04.2019.