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Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 4. Stuttgart, 1831.

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Ich bin auferstanden -- und siehe da, Alles war
fremd geworden, wo ich hinkam. Die Bekannten wa-
ren fast. Alle fort, und auf den Promenaden wie in
den Häusern schauten mir überall neue Gesichter ent-
gegen. Nur die kahle Gegend fand ich, als ich aus-
ritt, noch die alte geblieben, blos mit dem Unter-
schiede, daß die grünen Wiesen sämmtlich gedüngt wa-
ren mit -- Austerschaalen.

Eine Miß G ...., ein nicht mehr ganz junges,
aber artiges und reiches Mädchen, die schon längst
Frau wäre, wenn der Freier nicht mit ihr auch ein
paar ungenießbare Eltern mit übernehmen müßte,
erzählte mir, daß man mich in der hiesigen Zeitung
als auf dem Tode liegend annoncirt hatte, während
die Londner morning post mich auf jedem Almacks-
ball als tanzend aufgeführt habe, was in der That
etwas gespenstig erscheint. Diese gute Miß G ....
ist noch immer höchst erkenntlich für ein ihr einst ver-
schafftes Billet zu besagten Almacks, und spielte und
sang mir zum Danke dafür auch heute mehr vor,
als ich bei meinen noch schwachen Nerven vertragen
kann. Sobald die dicke Mutter hereintrat, empfahl
ich mich, fiel aber bald darauf von neuem zwei an-
dern Philomelen in die Hände, die sich ebenfalls
noch hier verspätet haben.

Unter solchen Umständen werde ich, sobald meine
Kräfte ganz zurückgekehrt sind, mich nach London


Ich bin auferſtanden — und ſiehe da, Alles war
fremd geworden, wo ich hinkam. Die Bekannten wa-
ren faſt. Alle fort, und auf den Promenaden wie in
den Häuſern ſchauten mir überall neue Geſichter ent-
gegen. Nur die kahle Gegend fand ich, als ich aus-
ritt, noch die alte geblieben, blos mit dem Unter-
ſchiede, daß die grünen Wieſen ſämmtlich gedüngt wa-
ren mit — Auſterſchaalen.

Eine Miß G ...., ein nicht mehr ganz junges,
aber artiges und reiches Mädchen, die ſchon längſt
Frau wäre, wenn der Freier nicht mit ihr auch ein
paar ungenießbare Eltern mit übernehmen müßte,
erzählte mir, daß man mich in der hieſigen Zeitung
als auf dem Tode liegend annoncirt hatte, während
die Londner morning post mich auf jedem Almacks-
ball als tanzend aufgeführt habe, was in der That
etwas geſpenſtig erſcheint. Dieſe gute Miß G ....
iſt noch immer höchſt erkenntlich für ein ihr einſt ver-
ſchafftes Billet zu beſagten Almacks, und ſpielte und
ſang mir zum Danke dafür auch heute mehr vor,
als ich bei meinen noch ſchwachen Nerven vertragen
kann. Sobald die dicke Mutter hereintrat, empfahl
ich mich, fiel aber bald darauf von neuem zwei an-
dern Philomelen in die Hände, die ſich ebenfalls
noch hier verſpätet haben.

Unter ſolchen Umſtänden werde ich, ſobald meine
Kräfte ganz zurückgekehrt ſind, mich nach London

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[318/0336] Den 20ſten. Ich bin auferſtanden — und ſiehe da, Alles war fremd geworden, wo ich hinkam. Die Bekannten wa- ren faſt. Alle fort, und auf den Promenaden wie in den Häuſern ſchauten mir überall neue Geſichter ent- gegen. Nur die kahle Gegend fand ich, als ich aus- ritt, noch die alte geblieben, blos mit dem Unter- ſchiede, daß die grünen Wieſen ſämmtlich gedüngt wa- ren mit — Auſterſchaalen. Eine Miß G ...., ein nicht mehr ganz junges, aber artiges und reiches Mädchen, die ſchon längſt Frau wäre, wenn der Freier nicht mit ihr auch ein paar ungenießbare Eltern mit übernehmen müßte, erzählte mir, daß man mich in der hieſigen Zeitung als auf dem Tode liegend annoncirt hatte, während die Londner morning post mich auf jedem Almacks- ball als tanzend aufgeführt habe, was in der That etwas geſpenſtig erſcheint. Dieſe gute Miß G .... iſt noch immer höchſt erkenntlich für ein ihr einſt ver- ſchafftes Billet zu beſagten Almacks, und ſpielte und ſang mir zum Danke dafür auch heute mehr vor, als ich bei meinen noch ſchwachen Nerven vertragen kann. Sobald die dicke Mutter hereintrat, empfahl ich mich, fiel aber bald darauf von neuem zwei an- dern Philomelen in die Hände, die ſich ebenfalls noch hier verſpätet haben. Unter ſolchen Umſtänden werde ich, ſobald meine Kräfte ganz zurückgekehrt ſind, mich nach London

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Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 4. Stuttgart, 1831, S. 318. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe04_1831/336>, abgerufen am 20.03.2019.