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Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 4. Stuttgart, 1831.

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Heute war Concert beim großen Herzog, in dem
der alte Veluti wie ein Capaun krähte, worüber den-
noch Alles in Entzücken gerieth, weil er einst gut
sang, hier aber noch immer den alten Ruhm usur-
pirt. Dann ging ich auf einen der hübschesten Bälle,
den ich noch in London gesehen, bei einer vornehmen
schottischen Dame. Der große Saal war unter an-
dern ganz mit Papierlampen dekorirt, die sämmtlich
Formen der verschiedensten Blumen nachahmten, und
sehr geschmackvoll gruppirt waren.

Als wir um 6 Uhr bei Sonnenschein in die Wägen
stiegen, nahmen sich die Damen höchst sonderbar aus.
Keine Fraicheur konnte diese Probe bestehen. Sie
changirten Farben wie das Chamäleon. Einige sa-
hen ganz blau, andere scheckig, die meisten leichenar-
tig aus, die Locken herabhängend, die Augen glä-
sern. Es war ganz abscheulich anzusehen, wie die
beim Lampenschein blühenden Knospen vor den Strah-
len der Sonne plötzlich zu entblätterten Rosen ver-
blichen. Das Loos des Schönen auf der Erde!



Was sagst Du, gute Julie, zu einem Frühstück,
zu dem 2000 Menschen eingeladen sind? Ein solches
fand heute statt in den horticultural gardens, die
groß genug sind, um so viel Menschen bequem zu
fassen. Indeß ging es doch nicht ohne fürchterliches
Gedränge bei den Eßzelten ab, besonders da, wo

Heute war Concert beim großen Herzog, in dem
der alte Veluti wie ein Capaun krähte, worüber den-
noch Alles in Entzücken gerieth, weil er einſt gut
ſang, hier aber noch immer den alten Ruhm uſur-
pirt. Dann ging ich auf einen der hübſcheſten Bälle,
den ich noch in London geſehen, bei einer vornehmen
ſchottiſchen Dame. Der große Saal war unter an-
dern ganz mit Papierlampen dekorirt, die ſämmtlich
Formen der verſchiedenſten Blumen nachahmten, und
ſehr geſchmackvoll gruppirt waren.

Als wir um 6 Uhr bei Sonnenſchein in die Wägen
ſtiegen, nahmen ſich die Damen höchſt ſonderbar aus.
Keine Fraicheur konnte dieſe Probe beſtehen. Sie
changirten Farben wie das Chamäleon. Einige ſa-
hen ganz blau, andere ſcheckig, die meiſten leichenar-
tig aus, die Locken herabhängend, die Augen glä-
ſern. Es war ganz abſcheulich anzuſehen, wie die
beim Lampenſchein blühenden Knospen vor den Strah-
len der Sonne plötzlich zu entblätterten Roſen ver-
blichen. Das Loos des Schönen auf der Erde!



Was ſagſt Du, gute Julie, zu einem Frühſtück,
zu dem 2000 Menſchen eingeladen ſind? Ein ſolches
fand heute ſtatt in den horticultural gardens, die
groß genug ſind, um ſo viel Menſchen bequem zu
faſſen. Indeß ging es doch nicht ohne fürchterliches
Gedränge bei den Eßzelten ab, beſonders da, wo

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[60/0076] Heute war Concert beim großen Herzog, in dem der alte Veluti wie ein Capaun krähte, worüber den- noch Alles in Entzücken gerieth, weil er einſt gut ſang, hier aber noch immer den alten Ruhm uſur- pirt. Dann ging ich auf einen der hübſcheſten Bälle, den ich noch in London geſehen, bei einer vornehmen ſchottiſchen Dame. Der große Saal war unter an- dern ganz mit Papierlampen dekorirt, die ſämmtlich Formen der verſchiedenſten Blumen nachahmten, und ſehr geſchmackvoll gruppirt waren. Als wir um 6 Uhr bei Sonnenſchein in die Wägen ſtiegen, nahmen ſich die Damen höchſt ſonderbar aus. Keine Fraicheur konnte dieſe Probe beſtehen. Sie changirten Farben wie das Chamäleon. Einige ſa- hen ganz blau, andere ſcheckig, die meiſten leichenar- tig aus, die Locken herabhängend, die Augen glä- ſern. Es war ganz abſcheulich anzuſehen, wie die beim Lampenſchein blühenden Knospen vor den Strah- len der Sonne plötzlich zu entblätterten Roſen ver- blichen. Das Loos des Schönen auf der Erde! Den 23ſten. Was ſagſt Du, gute Julie, zu einem Frühſtück, zu dem 2000 Menſchen eingeladen ſind? Ein ſolches fand heute ſtatt in den horticultural gardens, die groß genug ſind, um ſo viel Menſchen bequem zu faſſen. Indeß ging es doch nicht ohne fürchterliches Gedränge bei den Eßzelten ab, beſonders da, wo

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Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 4. Stuttgart, 1831, S. 60. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe04_1831/76>, abgerufen am 26.03.2019.