Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Quenstedt, Friedrich August: Handbuch der Mineralogie. Tübingen, 1855.

Bild:
<< vorherige Seite
Die Minerale

haben sich zwar dem Auge der Gelehrten des Alterthums nicht ganz ent-
zogen, allein ihr Verständniß ist uns erst in heutiger Zeit geworden.
Aristoteles (384--322 v. Chr.) wußte noch wenig davon. In seiner
Metereologica III. 7 theilt er sie in "orukta und metalleuta (Steine und
Erze), jene durch Dunst, diese durch Rauch entstanden." Das Wort
orukta gab seit Werner den geläufigen Ausdruck für die Wissenschaft:
Oryctognosie. Aber gleich nach Aristoteles schrieb sein Schüler Theo-
phrast
(310--225 v. Chr.) ein besonderes kleines Buch peri ton lithon,
worin man viele Namen aus der Beschreibung wieder erkennt, wie Gyps,
Obsidian, Sapphir (Lasurstein) etc. Von besonderem Interesse ist die
Frage, wann man zuerst auf Krystalle merkte. Dr. Marx (Geschichte
der Krystallkunde. Karlsruhe 1825) zeigt, daß das Wort krustallos,
bei Homer (Il. 22. 151, Od. 14. 477) Eis bedeutend, erst im Zeitalter
des Plato auch für unsern Bergkrystall gebraucht wurde. Ohne Zweifel
war die Wasserklarheit dieses Quarzes daran Schuld. Denn schon um
Christi Geburt behauptet Diodorus Siculus (II, 52. pag. 163. Wess.) von
den Krystallen Arabiens, sie beständen aus reinem Wasser, das nicht
durch Kälte, sondern durch die Kraft eines göttlichen Feuers fest geworden
sei. Seneca (Quaest. nat. 3. 25) sagt uns, daß der Krystall aus Eis
entstehe. Wenn nämlich das himmlische Wasser, frei von allen erdigen
Theilen, erhärte, so werde es durch die Hartnäckigkeit längerer Kälte
immer dichter, bis es endlich nach Ausschluß aller Luft gänzlich in sich
zusammengepreßt, und was vorher Feuchtigkeit war, in Stein verwandelt
sei. Plinius der ältere (+ 79 n. Chr.) wiederholt dieß in seiner Historia
naturalis lib. 33--37,
hebt sogar einzelne Krystallformen etwas schärfer
hervor. Doch sind seine Mineralbeschreibungen so unvollkommen, daß wir
nur wenige mit Sicherheit deuten können. Der Namen aber sind uns
viele überliefert und in unsern Compendien aufs Neue verwendet.

Nun trat eine große Lücke ein; zwar theilte der Araber Avicenna
(980--1036 n. Chr.) die Minerale in 4 Klassen: Steine, brennliche
Fossilien, Salze und Metalle. Allein er war Gelehrter und wurzelte
nicht im Boden der Erfahrung. Diese mußte auf mühsamere Weise ge-
wonnen werden. Der deutsche Bergbau brach dazu die Bahn.

Nach Keferstein (Geschichte und Litteratur der Geognosie. Halle 1840)
beginnt schon im 6ten Jahrhundert ein reger Bergbau der Slaven und
Wenden in Böhmen und Mähren, 920 wurde bereits der Kupferschiefer
bei Frankenberg in Hessen, 935 der Erzstock des Rammelsberges bei
Goslar entdeckt, im 12ten Jahrhundert das Erzgebirge von Sachsen in

Quenstedt, Mineralogie. 1
Die Minerale

haben ſich zwar dem Auge der Gelehrten des Alterthums nicht ganz ent-
zogen, allein ihr Verſtändniß iſt uns erſt in heutiger Zeit geworden.
Ariſtoteles (384—322 v. Chr.) wußte noch wenig davon. In ſeiner
Metereologica III. 7 theilt er ſie in „ὀρυκτά und μεταλλευτά (Steine und
Erze), jene durch Dunſt, dieſe durch Rauch entſtanden.“ Das Wort
ὀρυκτά gab ſeit Werner den geläufigen Ausdruck für die Wiſſenſchaft:
Oryctognoſie. Aber gleich nach Ariſtoteles ſchrieb ſein Schüler Theo-
phraſt
(310—225 v. Chr.) ein beſonderes kleines Buch περὶ τῶν λίϑων,
worin man viele Namen aus der Beſchreibung wieder erkennt, wie Gyps,
Obſidian, Sapphir (Laſurſtein) ꝛc. Von beſonderem Intereſſe iſt die
Frage, wann man zuerſt auf Kryſtalle merkte. Dr. Marx (Geſchichte
der Kryſtallkunde. Karlsruhe 1825) zeigt, daß das Wort κρυστάλλος,
bei Homer (Il. 22. 151, Od. 14. 477) Eis bedeutend, erſt im Zeitalter
des Plato auch für unſern Bergkryſtall gebraucht wurde. Ohne Zweifel
war die Waſſerklarheit dieſes Quarzes daran Schuld. Denn ſchon um
Chriſti Geburt behauptet Diodorus Siculus (II, 52. pag. 163. Weſſ.) von
den Kryſtallen Arabiens, ſie beſtänden aus reinem Waſſer, das nicht
durch Kälte, ſondern durch die Kraft eines göttlichen Feuers feſt geworden
ſei. Seneca (Quaest. nat. 3. 25) ſagt uns, daß der Kryſtall aus Eis
entſtehe. Wenn nämlich das himmliſche Waſſer, frei von allen erdigen
Theilen, erhärte, ſo werde es durch die Hartnäckigkeit längerer Kälte
immer dichter, bis es endlich nach Ausſchluß aller Luft gänzlich in ſich
zuſammengepreßt, und was vorher Feuchtigkeit war, in Stein verwandelt
ſei. Plinius der ältere († 79 n. Chr.) wiederholt dieß in ſeiner Historia
naturalis lib. 33—37,
hebt ſogar einzelne Kryſtallformen etwas ſchärfer
hervor. Doch ſind ſeine Mineralbeſchreibungen ſo unvollkommen, daß wir
nur wenige mit Sicherheit deuten können. Der Namen aber ſind uns
viele überliefert und in unſern Compendien aufs Neue verwendet.

Nun trat eine große Lücke ein; zwar theilte der Araber Avicenna
(980—1036 n. Chr.) die Minerale in 4 Klaſſen: Steine, brennliche
Foſſilien, Salze und Metalle. Allein er war Gelehrter und wurzelte
nicht im Boden der Erfahrung. Dieſe mußte auf mühſamere Weiſe ge-
wonnen werden. Der deutſche Bergbau brach dazu die Bahn.

Nach Keferſtein (Geſchichte und Litteratur der Geognoſie. Halle 1840)
beginnt ſchon im 6ten Jahrhundert ein reger Bergbau der Slaven und
Wenden in Böhmen und Mähren, 920 wurde bereits der Kupferſchiefer
bei Frankenberg in Heſſen, 935 der Erzſtock des Rammelsberges bei
Goslar entdeckt, im 12ten Jahrhundert das Erzgebirge von Sachſen in

Quenſtedt, Mineralogie. 1
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0013" n="[1]"/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Die Minerale</hi> </head><lb/>
        <p>haben &#x017F;ich zwar dem Auge der Gelehrten des Alterthums nicht ganz ent-<lb/>
zogen, allein ihr Ver&#x017F;tändniß i&#x017F;t uns er&#x017F;t in heutiger Zeit geworden.<lb/>
Ari&#x017F;toteles (384&#x2014;322 v. Chr.) wußte noch wenig davon. In &#x017F;einer<lb/><hi rendition="#aq">Metereologica III.</hi> 7 theilt er &#x017F;ie in &#x201E;&#x1F40;&#x03C1;&#x03C5;&#x03BA;&#x03C4;&#x03AC; und &#x03BC;&#x03B5;&#x03C4;&#x03B1;&#x03BB;&#x03BB;&#x03B5;&#x03C5;&#x03C4;&#x03AC; (Steine und<lb/>
Erze), jene durch Dun&#x017F;t, die&#x017F;e durch Rauch ent&#x017F;tanden.&#x201C; Das Wort<lb/>
&#x1F40;&#x03C1;&#x03C5;&#x03BA;&#x03C4;&#x03AC; gab &#x017F;eit Werner den geläufigen Ausdruck für die Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft:<lb/>
Oryctogno&#x017F;ie. Aber gleich nach Ari&#x017F;toteles &#x017F;chrieb &#x017F;ein Schüler <hi rendition="#g">Theo-<lb/>
phra&#x017F;t</hi> (310&#x2014;225 v. Chr.) ein be&#x017F;onderes kleines Buch &#x03C0;&#x03B5;&#x03C1;&#x1F76; &#x03C4;&#x1FF6;&#x03BD; &#x03BB;&#x03AF;&#x03D1;&#x03C9;&#x03BD;,<lb/>
worin man viele Namen aus der Be&#x017F;chreibung wieder erkennt, wie Gyps,<lb/>
Ob&#x017F;idian, Sapphir (La&#x017F;ur&#x017F;tein) &#xA75B;c. Von be&#x017F;onderem Intere&#x017F;&#x017F;e i&#x017F;t die<lb/>
Frage, wann man zuer&#x017F;t auf Kry&#x017F;talle merkte. <hi rendition="#aq">Dr.</hi> <hi rendition="#g">Marx</hi> (Ge&#x017F;chichte<lb/>
der Kry&#x017F;tallkunde. Karlsruhe 1825) zeigt, daß das Wort &#x03BA;&#x03C1;&#x03C5;&#x03C3;&#x03C4;&#x03AC;&#x03BB;&#x03BB;&#x03BF;&#x03C2;,<lb/>
bei Homer (<hi rendition="#aq">Il. 22. 151, Od. 14. 477</hi>) Eis bedeutend, er&#x017F;t im Zeitalter<lb/>
des Plato auch für un&#x017F;ern Bergkry&#x017F;tall gebraucht wurde. Ohne Zweifel<lb/>
war die Wa&#x017F;&#x017F;erklarheit die&#x017F;es Quarzes daran Schuld. Denn &#x017F;chon um<lb/>
Chri&#x017F;ti Geburt behauptet Diodorus Siculus (<hi rendition="#aq">II, 52. pag. 163.</hi> We&#x017F;&#x017F;.) von<lb/>
den Kry&#x017F;tallen Arabiens, &#x017F;ie be&#x017F;tänden aus reinem Wa&#x017F;&#x017F;er, das nicht<lb/>
durch Kälte, &#x017F;ondern durch die Kraft eines göttlichen Feuers fe&#x017F;t geworden<lb/>
&#x017F;ei. Seneca (<hi rendition="#aq">Quaest. nat.</hi> 3. <hi rendition="#sub">25</hi>) &#x017F;agt uns, daß der Kry&#x017F;tall aus Eis<lb/>
ent&#x017F;tehe. Wenn nämlich das himmli&#x017F;che Wa&#x017F;&#x017F;er, frei von allen erdigen<lb/>
Theilen, erhärte, &#x017F;o werde es durch die Hartnäckigkeit längerer Kälte<lb/>
immer dichter, bis es endlich nach Aus&#x017F;chluß aller Luft gänzlich in &#x017F;ich<lb/>
zu&#x017F;ammengepreßt, und was vorher Feuchtigkeit war, in Stein verwandelt<lb/>
&#x017F;ei. <hi rendition="#g">Plinius</hi> der ältere (&#x2020; 79 n. Chr.) wiederholt dieß in &#x017F;einer <hi rendition="#aq">Historia<lb/>
naturalis lib. 33&#x2014;37,</hi> hebt &#x017F;ogar einzelne Kry&#x017F;tallformen etwas &#x017F;chärfer<lb/>
hervor. Doch &#x017F;ind &#x017F;eine Mineralbe&#x017F;chreibungen &#x017F;o unvollkommen, daß wir<lb/>
nur wenige mit Sicherheit deuten können. Der Namen aber &#x017F;ind uns<lb/>
viele überliefert und in un&#x017F;ern Compendien aufs Neue verwendet.</p><lb/>
        <p>Nun trat eine große Lücke ein; zwar theilte der Araber Avicenna<lb/>
(980&#x2014;1036 n. Chr.) die Minerale in 4 Kla&#x017F;&#x017F;en: Steine, brennliche<lb/>
Fo&#x017F;&#x017F;ilien, Salze und Metalle. Allein er war Gelehrter und wurzelte<lb/>
nicht im Boden der Erfahrung. Die&#x017F;e mußte auf müh&#x017F;amere Wei&#x017F;e ge-<lb/>
wonnen werden. Der deut&#x017F;che Bergbau brach dazu die Bahn.</p><lb/>
        <p>Nach Kefer&#x017F;tein (Ge&#x017F;chichte und Litteratur der Geogno&#x017F;ie. Halle 1840)<lb/>
beginnt &#x017F;chon im 6ten Jahrhundert ein reger Bergbau der Slaven und<lb/>
Wenden in Böhmen und Mähren, 920 wurde bereits der Kupfer&#x017F;chiefer<lb/>
bei Frankenberg in He&#x017F;&#x017F;en, 935 der Erz&#x017F;tock des Rammelsberges bei<lb/>
Goslar entdeckt, im 12ten Jahrhundert das Erzgebirge von Sach&#x017F;en in<lb/>
<fw place="bottom" type="sig"><hi rendition="#g">Quen&#x017F;tedt</hi>, Mineralogie. 1</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[1]/0013] Die Minerale haben ſich zwar dem Auge der Gelehrten des Alterthums nicht ganz ent- zogen, allein ihr Verſtändniß iſt uns erſt in heutiger Zeit geworden. Ariſtoteles (384—322 v. Chr.) wußte noch wenig davon. In ſeiner Metereologica III. 7 theilt er ſie in „ὀρυκτά und μεταλλευτά (Steine und Erze), jene durch Dunſt, dieſe durch Rauch entſtanden.“ Das Wort ὀρυκτά gab ſeit Werner den geläufigen Ausdruck für die Wiſſenſchaft: Oryctognoſie. Aber gleich nach Ariſtoteles ſchrieb ſein Schüler Theo- phraſt (310—225 v. Chr.) ein beſonderes kleines Buch περὶ τῶν λίϑων, worin man viele Namen aus der Beſchreibung wieder erkennt, wie Gyps, Obſidian, Sapphir (Laſurſtein) ꝛc. Von beſonderem Intereſſe iſt die Frage, wann man zuerſt auf Kryſtalle merkte. Dr. Marx (Geſchichte der Kryſtallkunde. Karlsruhe 1825) zeigt, daß das Wort κρυστάλλος, bei Homer (Il. 22. 151, Od. 14. 477) Eis bedeutend, erſt im Zeitalter des Plato auch für unſern Bergkryſtall gebraucht wurde. Ohne Zweifel war die Waſſerklarheit dieſes Quarzes daran Schuld. Denn ſchon um Chriſti Geburt behauptet Diodorus Siculus (II, 52. pag. 163. Weſſ.) von den Kryſtallen Arabiens, ſie beſtänden aus reinem Waſſer, das nicht durch Kälte, ſondern durch die Kraft eines göttlichen Feuers feſt geworden ſei. Seneca (Quaest. nat. 3. 25) ſagt uns, daß der Kryſtall aus Eis entſtehe. Wenn nämlich das himmliſche Waſſer, frei von allen erdigen Theilen, erhärte, ſo werde es durch die Hartnäckigkeit längerer Kälte immer dichter, bis es endlich nach Ausſchluß aller Luft gänzlich in ſich zuſammengepreßt, und was vorher Feuchtigkeit war, in Stein verwandelt ſei. Plinius der ältere († 79 n. Chr.) wiederholt dieß in ſeiner Historia naturalis lib. 33—37, hebt ſogar einzelne Kryſtallformen etwas ſchärfer hervor. Doch ſind ſeine Mineralbeſchreibungen ſo unvollkommen, daß wir nur wenige mit Sicherheit deuten können. Der Namen aber ſind uns viele überliefert und in unſern Compendien aufs Neue verwendet. Nun trat eine große Lücke ein; zwar theilte der Araber Avicenna (980—1036 n. Chr.) die Minerale in 4 Klaſſen: Steine, brennliche Foſſilien, Salze und Metalle. Allein er war Gelehrter und wurzelte nicht im Boden der Erfahrung. Dieſe mußte auf mühſamere Weiſe ge- wonnen werden. Der deutſche Bergbau brach dazu die Bahn. Nach Keferſtein (Geſchichte und Litteratur der Geognoſie. Halle 1840) beginnt ſchon im 6ten Jahrhundert ein reger Bergbau der Slaven und Wenden in Böhmen und Mähren, 920 wurde bereits der Kupferſchiefer bei Frankenberg in Heſſen, 935 der Erzſtock des Rammelsberges bei Goslar entdeckt, im 12ten Jahrhundert das Erzgebirge von Sachſen in Quenſtedt, Mineralogie. 1

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/quenstedt_mineralogie_1854
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/quenstedt_mineralogie_1854/13
Zitationshilfe: Quenstedt, Friedrich August: Handbuch der Mineralogie. Tübingen, 1855, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/quenstedt_mineralogie_1854/13>, abgerufen am 21.03.2019.