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Ramdohr, Basilius von: Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredlung und Verschönerung. Zweyter Theil: Aesthetik der Liebe. Leipzig, 1798.

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die einzelne Person zu hängen. Sie empfanden es in Jahren, worin andere an Spielen und rauschenden Vergnügungen Gefallen tragen. Sie empfanden es in Jahren, worin andere nur Ruhe und Bequemlichkeit suchen. Ihr Herz, gewohnt sich für den einzelnen Menschen aufzuopfern, sein Wohl über das ihrige zu setzen, dehnte sich nach und nach über mehrere aus. Allgemeine Menschenliebe trat der Zärtlichkeit zur Seite, trat zuletzt an ihre Stelle, und hielt sie für die Versagung, welche die erste erfuhr, einigermaßen schadlos.

Drittes Kapitel.

Die zweyte Forderung ist ästhetischer Sinn.

Unter denjenigen, welche sehen, giebt es dennoch viele, denen die Wollust des Anblicks fremd ist. Sie wissen wenig von der angenehmen Reitzung, welche die Gestalt, die Farben, die Lichter auf die Sehnerven hervorbringen. Ihre Nerven sind, wie ein berühmter Arzt sagt, wie Stricke. Gemeiniglich steht mit dieser Grobheit ihres äußern Sehorgans die Beschaffenheit ihres innern Anschauungssinnes in dem genauesten Verhältnisse. Menschen dieser Art haben nicht einmahl Gefühl für das gemeine Schöne. Alle Bilder, die sich ihnen darstellen, müssen, um ihnen wohlgefällig zu seyn, erst auf etwas Substanzielles an ihnen bezogen werden. Das Licht der Sonne rührt sie, weil es sie erleuchtet und erwärmt; der Glanz des Goldes, weil er sie an Reichthum erinnert. Sie kennen keine Wollust als diejenige, welche der Gaumen oder die Tastungsorgane genießen, und das

die einzelne Person zu hängen. Sie empfanden es in Jahren, worin andere an Spielen und rauschenden Vergnügungen Gefallen tragen. Sie empfanden es in Jahren, worin andere nur Ruhe und Bequemlichkeit suchen. Ihr Herz, gewohnt sich für den einzelnen Menschen aufzuopfern, sein Wohl über das ihrige zu setzen, dehnte sich nach und nach über mehrere aus. Allgemeine Menschenliebe trat der Zärtlichkeit zur Seite, trat zuletzt an ihre Stelle, und hielt sie für die Versagung, welche die erste erfuhr, einigermaßen schadlos.

Drittes Kapitel.

Die zweyte Forderung ist ästhetischer Sinn.

Unter denjenigen, welche sehen, giebt es dennoch viele, denen die Wollust des Anblicks fremd ist. Sie wissen wenig von der angenehmen Reitzung, welche die Gestalt, die Farben, die Lichter auf die Sehnerven hervorbringen. Ihre Nerven sind, wie ein berühmter Arzt sagt, wie Stricke. Gemeiniglich steht mit dieser Grobheit ihres äußern Sehorgans die Beschaffenheit ihres innern Anschauungssinnes in dem genauesten Verhältnisse. Menschen dieser Art haben nicht einmahl Gefühl für das gemeine Schöne. Alle Bilder, die sich ihnen darstellen, müssen, um ihnen wohlgefällig zu seyn, erst auf etwas Substanzielles an ihnen bezogen werden. Das Licht der Sonne rührt sie, weil es sie erleuchtet und erwärmt; der Glanz des Goldes, weil er sie an Reichthum erinnert. Sie kennen keine Wollust als diejenige, welche der Gaumen oder die Tastungsorgane genießen, und das

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[163/0163] die einzelne Person zu hängen. Sie empfanden es in Jahren, worin andere an Spielen und rauschenden Vergnügungen Gefallen tragen. Sie empfanden es in Jahren, worin andere nur Ruhe und Bequemlichkeit suchen. Ihr Herz, gewohnt sich für den einzelnen Menschen aufzuopfern, sein Wohl über das ihrige zu setzen, dehnte sich nach und nach über mehrere aus. Allgemeine Menschenliebe trat der Zärtlichkeit zur Seite, trat zuletzt an ihre Stelle, und hielt sie für die Versagung, welche die erste erfuhr, einigermaßen schadlos. Drittes Kapitel. Die zweyte Forderung ist ästhetischer Sinn. Unter denjenigen, welche sehen, giebt es dennoch viele, denen die Wollust des Anblicks fremd ist. Sie wissen wenig von der angenehmen Reitzung, welche die Gestalt, die Farben, die Lichter auf die Sehnerven hervorbringen. Ihre Nerven sind, wie ein berühmter Arzt sagt, wie Stricke. Gemeiniglich steht mit dieser Grobheit ihres äußern Sehorgans die Beschaffenheit ihres innern Anschauungssinnes in dem genauesten Verhältnisse. Menschen dieser Art haben nicht einmahl Gefühl für das gemeine Schöne. Alle Bilder, die sich ihnen darstellen, müssen, um ihnen wohlgefällig zu seyn, erst auf etwas Substanzielles an ihnen bezogen werden. Das Licht der Sonne rührt sie, weil es sie erleuchtet und erwärmt; der Glanz des Goldes, weil er sie an Reichthum erinnert. Sie kennen keine Wollust als diejenige, welche der Gaumen oder die Tastungsorgane genießen, und das

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Zitationshilfe: Ramdohr, Basilius von: Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredlung und Verschönerung. Zweyter Theil: Aesthetik der Liebe. Leipzig, 1798, S. 163. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/ramdohr_venus02_1798/163>, abgerufen am 25.03.2019.