Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Ramdohr, Basilius von: Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredlung und Verschönerung. Dritten Theils zweyte Abtheilung: Neuere Geschichte der Geschlechtsverbindung und Liebe. Leipzig, 1798.

Bild:
<< vorherige Seite
Viertes Kapitel.

Einfluß der Regentschaft und der nachfolgenden Regierungen in Frankreich auf die Denkungsart über die nehmlichen Gegenstände.

Seit Ludwig dem Vierzehnten stand die Denkungsart über Geschlechtsverbindung und Liebe mit dem bürgerlichen Leben weiter in gar keinem Verhältnisse, sondern bloß mit dem Privatleben in der örtlichen Gesellschaft.

Die übertriebene Devotion, in welche Ludwig der Vierzehnte in den letzten Jahren seiner Regierung verfallen war, veränderte zwar den Ton, den die Stadt einmahl angenommen hatte, nicht völlig; aber sie ließ ihm doch einen gewissen Zwang fühlen. Sobald der Regent an seinem Hofe aller Sittlichkeit und allem Anstande Trotz bot, suchte die gute Gesellschaft in Paris die wiedererhaltene Freyheit doppelt zu nutzen, und verfiel in Ausgelassenheit. Durch die gänzliche Umwälzung der Glücksgüter, welche das System des Law hervorbrachte, ward der äußerste Luxus und das höchste Elend erzeugt, und beydes hatte sehr nachtheilige Folgen für die Sitten. Wenn es auch nicht allgemeiner Ton wurde, sich gänzlich über allen Anstand wegzusetzen, so zeigte sich doch ein Leichtsinn, der zugleich mit vielen unnützen Formen der alten Courteoisie und Galanterie auch viele wesentliche Bestandtheile der Urbanität wegwarf.

Die Geschlechtsverbindungen erhielten ganz sinnliche Zwecke, und diejenigen, welche die Liebe zu

Viertes Kapitel.

Einfluß der Regentschaft und der nachfolgenden Regierungen in Frankreich auf die Denkungsart über die nehmlichen Gegenstände.

Seit Ludwig dem Vierzehnten stand die Denkungsart über Geschlechtsverbindung und Liebe mit dem bürgerlichen Leben weiter in gar keinem Verhältnisse, sondern bloß mit dem Privatleben in der örtlichen Gesellschaft.

Die übertriebene Devotion, in welche Ludwig der Vierzehnte in den letzten Jahren seiner Regierung verfallen war, veränderte zwar den Ton, den die Stadt einmahl angenommen hatte, nicht völlig; aber sie ließ ihm doch einen gewissen Zwang fühlen. Sobald der Regent an seinem Hofe aller Sittlichkeit und allem Anstande Trotz bot, suchte die gute Gesellschaft in Paris die wiedererhaltene Freyheit doppelt zu nutzen, und verfiel in Ausgelassenheit. Durch die gänzliche Umwälzung der Glücksgüter, welche das System des Law hervorbrachte, ward der äußerste Luxus und das höchste Elend erzeugt, und beydes hatte sehr nachtheilige Folgen für die Sitten. Wenn es auch nicht allgemeiner Ton wurde, sich gänzlich über allen Anstand wegzusetzen, so zeigte sich doch ein Leichtsinn, der zugleich mit vielen unnützen Formen der alten Courteoisie und Galanterie auch viele wesentliche Bestandtheile der Urbanität wegwarf.

Die Geschlechtsverbindungen erhielten ganz sinnliche Zwecke, und diejenigen, welche die Liebe zu

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0280" n="280"/>
        <div n="2">
          <head>Viertes Kapitel.<lb/></head>
          <argument>
            <p>Einfluß der Regentschaft und der nachfolgenden Regierungen in Frankreich auf die Denkungsart über die nehmlichen Gegenstände.<lb/></p>
          </argument>
          <p>Seit Ludwig dem Vierzehnten stand die Denkungsart über Geschlechtsverbindung und Liebe mit dem bürgerlichen Leben weiter in gar keinem Verhältnisse, sondern bloß mit dem Privatleben in der örtlichen Gesellschaft.</p>
          <p>Die übertriebene Devotion, in welche Ludwig der Vierzehnte in den letzten Jahren seiner Regierung verfallen war, veränderte zwar den Ton, den die Stadt einmahl angenommen hatte, nicht völlig; aber sie ließ ihm doch einen gewissen Zwang fühlen. Sobald der Regent an seinem Hofe aller Sittlichkeit und allem Anstande Trotz bot, suchte die gute Gesellschaft in Paris die wiedererhaltene Freyheit doppelt zu nutzen, und verfiel in Ausgelassenheit. Durch die gänzliche Umwälzung der Glücksgüter, welche das System des Law hervorbrachte, ward der äußerste Luxus und das höchste Elend erzeugt, und beydes hatte sehr nachtheilige Folgen für die Sitten. Wenn es auch nicht allgemeiner Ton wurde, sich gänzlich über allen Anstand wegzusetzen, so zeigte sich doch ein Leichtsinn, der zugleich mit vielen unnützen Formen der alten Courteoisie und Galanterie auch viele wesentliche Bestandtheile der Urbanität wegwarf.</p>
          <p>Die Geschlechtsverbindungen erhielten ganz sinnliche Zwecke, und diejenigen, welche die Liebe zu
</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[280/0280] Viertes Kapitel. Einfluß der Regentschaft und der nachfolgenden Regierungen in Frankreich auf die Denkungsart über die nehmlichen Gegenstände. Seit Ludwig dem Vierzehnten stand die Denkungsart über Geschlechtsverbindung und Liebe mit dem bürgerlichen Leben weiter in gar keinem Verhältnisse, sondern bloß mit dem Privatleben in der örtlichen Gesellschaft. Die übertriebene Devotion, in welche Ludwig der Vierzehnte in den letzten Jahren seiner Regierung verfallen war, veränderte zwar den Ton, den die Stadt einmahl angenommen hatte, nicht völlig; aber sie ließ ihm doch einen gewissen Zwang fühlen. Sobald der Regent an seinem Hofe aller Sittlichkeit und allem Anstande Trotz bot, suchte die gute Gesellschaft in Paris die wiedererhaltene Freyheit doppelt zu nutzen, und verfiel in Ausgelassenheit. Durch die gänzliche Umwälzung der Glücksgüter, welche das System des Law hervorbrachte, ward der äußerste Luxus und das höchste Elend erzeugt, und beydes hatte sehr nachtheilige Folgen für die Sitten. Wenn es auch nicht allgemeiner Ton wurde, sich gänzlich über allen Anstand wegzusetzen, so zeigte sich doch ein Leichtsinn, der zugleich mit vielen unnützen Formen der alten Courteoisie und Galanterie auch viele wesentliche Bestandtheile der Urbanität wegwarf. Die Geschlechtsverbindungen erhielten ganz sinnliche Zwecke, und diejenigen, welche die Liebe zu

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Wikisource: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in Wikisource-Syntax. (2012-11-20T10:30:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus Wikisource entsprechen muss.
Wikimedia Commons: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2012-11-20T10:30:31Z)
Frank Wiegand: Konvertierung von Wikisource-Markup nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2012-11-20T10:30:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Als Grundlage dienen die Wikisource:Editionsrichtlinien.
  • Der Seitenwechsel erfolgt bei Worttrennung nach dem gesamten Wort.
  • Geviertstriche (—) wurden durch Halbgeviertstriche ersetzt (–).
  • Übergeschriebenes „e“ über „a“, „o“ und „u“ wird als moderner Umlaut (ä, ö, ü) transkribiert.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/ramdohr_venus0302_1798
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/ramdohr_venus0302_1798/280
Zitationshilfe: Ramdohr, Basilius von: Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredlung und Verschönerung. Dritten Theils zweyte Abtheilung: Neuere Geschichte der Geschlechtsverbindung und Liebe. Leipzig, 1798, S. 280. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/ramdohr_venus0302_1798/280>, abgerufen am 19.08.2019.