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Ranke, Leopold von: Die römischen Päpste. Bd. 1. Berlin, 1834.

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Paul III.
Paul III.

Heut zu Tage giebt man oft nur allzu viel auf die
Beabsichtigung und den Einfluß hochgestellter Personen,
der Fürsten, der Regierungen; ihr Andenken muß nicht sel-
ten büßen, was die Gesammtheit verschuldete: zuweilen
schreibt man ihnen auch das zu, was wesentlich von freien
Stücken aus der Gesammtheit hervorging.

Die katholische Bewegung, die wir in dem vorigen
Buche betrachteten, trat unter Paul III. ein, aber in die-
sem Papste ihren Ursprung erblicken, sie ihm zuschreiben zu
wollen, wäre ein Irrthum. Er sah sehr wohl, was sie
dem römischen Stuhle bedeutete: er ließ sie nicht allein
geschehen, er beförderte sie in vieler Hinsicht; aber getrost
dürfen wir sagen, daß er ihr nicht einmal selbst in seiner
persönlichen Gesinnung ergeben war.

Alexander Farnese -- so hieß Paul III. früher --
war ein Weltkind, so gut wie irgend ein Papst vor ihm.
Noch im funfzehnten Jahrhundert -- er war im Jahre
1468 geboren -- gelangte er zu seiner vollen Ausbildung.
Unter Pomponius Lätus zu Rom, in den Gärten Lorenzo
Medici's zu Florenz studirte er: die elegante Gelehrsamkeit
und den Kunstsinn jener Epoche nahm er völlig in sich
auf; auch die Sitten derselben blieben ihm dann nicht
fremd. Seine Mutter fand es einmal nöthig, ihn in dem
Castell S. Angelo gefangen halten zu lassen; er wußte in
einem unbewachten Augenblicke, den ihm die Procession
des Frohnleichnamtages gewährte, an einem Seile aus der
Burg herabzugelangen und zu entkommen. Einen natür-

Paul III.
Paul III.

Heut zu Tage giebt man oft nur allzu viel auf die
Beabſichtigung und den Einfluß hochgeſtellter Perſonen,
der Fuͤrſten, der Regierungen; ihr Andenken muß nicht ſel-
ten buͤßen, was die Geſammtheit verſchuldete: zuweilen
ſchreibt man ihnen auch das zu, was weſentlich von freien
Stuͤcken aus der Geſammtheit hervorging.

Die katholiſche Bewegung, die wir in dem vorigen
Buche betrachteten, trat unter Paul III. ein, aber in die-
ſem Papſte ihren Urſprung erblicken, ſie ihm zuſchreiben zu
wollen, waͤre ein Irrthum. Er ſah ſehr wohl, was ſie
dem roͤmiſchen Stuhle bedeutete: er ließ ſie nicht allein
geſchehen, er befoͤrderte ſie in vieler Hinſicht; aber getroſt
duͤrfen wir ſagen, daß er ihr nicht einmal ſelbſt in ſeiner
perſoͤnlichen Geſinnung ergeben war.

Alexander Farneſe — ſo hieß Paul III. fruͤher —
war ein Weltkind, ſo gut wie irgend ein Papſt vor ihm.
Noch im funfzehnten Jahrhundert — er war im Jahre
1468 geboren — gelangte er zu ſeiner vollen Ausbildung.
Unter Pomponius Laͤtus zu Rom, in den Gaͤrten Lorenzo
Medici’s zu Florenz ſtudirte er: die elegante Gelehrſamkeit
und den Kunſtſinn jener Epoche nahm er voͤllig in ſich
auf; auch die Sitten derſelben blieben ihm dann nicht
fremd. Seine Mutter fand es einmal noͤthig, ihn in dem
Caſtell S. Angelo gefangen halten zu laſſen; er wußte in
einem unbewachten Augenblicke, den ihm die Proceſſion
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[237/0263] Paul III. Paul III. Heut zu Tage giebt man oft nur allzu viel auf die Beabſichtigung und den Einfluß hochgeſtellter Perſonen, der Fuͤrſten, der Regierungen; ihr Andenken muß nicht ſel- ten buͤßen, was die Geſammtheit verſchuldete: zuweilen ſchreibt man ihnen auch das zu, was weſentlich von freien Stuͤcken aus der Geſammtheit hervorging. Die katholiſche Bewegung, die wir in dem vorigen Buche betrachteten, trat unter Paul III. ein, aber in die- ſem Papſte ihren Urſprung erblicken, ſie ihm zuſchreiben zu wollen, waͤre ein Irrthum. Er ſah ſehr wohl, was ſie dem roͤmiſchen Stuhle bedeutete: er ließ ſie nicht allein geſchehen, er befoͤrderte ſie in vieler Hinſicht; aber getroſt duͤrfen wir ſagen, daß er ihr nicht einmal ſelbſt in ſeiner perſoͤnlichen Geſinnung ergeben war. Alexander Farneſe — ſo hieß Paul III. fruͤher — war ein Weltkind, ſo gut wie irgend ein Papſt vor ihm. Noch im funfzehnten Jahrhundert — er war im Jahre 1468 geboren — gelangte er zu ſeiner vollen Ausbildung. Unter Pomponius Laͤtus zu Rom, in den Gaͤrten Lorenzo Medici’s zu Florenz ſtudirte er: die elegante Gelehrſamkeit und den Kunſtſinn jener Epoche nahm er voͤllig in ſich auf; auch die Sitten derſelben blieben ihm dann nicht fremd. Seine Mutter fand es einmal noͤthig, ihn in dem Caſtell S. Angelo gefangen halten zu laſſen; er wußte in einem unbewachten Augenblicke, den ihm die Proceſſion des Frohnleichnamtages gewaͤhrte, an einem Seile aus der Burg herabzugelangen und zu entkommen. Einen natuͤr-

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Zitationshilfe: Ranke, Leopold von: Die römischen Päpste. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 237. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/ranke_paepste01_1834/263>, abgerufen am 22.09.2018.