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Rapsilber, Maximilian: Das Reichstags-Gebäude. Berlin, 1895.

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Mit der Umbildung des ursprünglichen Namens Vallot in die
deutsche Schreibart hatte sich längst die germanische Akklimatisation
vollzogen. Nach dem Besuch der Realschulen in Oppenheim und
Darmstadt bezog Wallot 1860 das Polytechnikum in Hannover,
darauf bereitete er sich an der Universität Giessen zu dem Facultäts-
Examen vor, welches zum Eintritt in den hessischen Staatsdienst
erforderlich war. In Giessen kam Wallot mit dem Restaurator der
Wartburg, H. S. M. v. Ritgen, in Berührung. Ein Jahr lang war
Wallot als Bau-Accessist in seiner engeren Heimath thätig, um so¬
dann eine weitere Ausbildung in der Ferne zu suchen. Zuerst in
Berlin. Ein Semester an der Bauakademie, dann aber in den Ateliers
von Gropius und Hitzig. Eine weite Perspective eröffnete sich
ihm auf einer Studienreise durch Italien im Jahre 1867. Darauf
liess sich Wallot als Privat-Architekt dauernd in Frankfurt am Main
nieder. Nun folgten für Wallot die fruchtbaren Jahre der Kraft¬
spannung und der Entfaltung seiner künstlerischen Individualität. Im
Jahre 1872, wo die Entwürfe des ergebnisslosen ersten Preisaus¬
schreibens für das Reichstagshaus vorlagen, studirte Wallot in Italien die
Meisterwerke der Hochrenaissance; Palladio und besonders Sanmichele
zogen ihn verwandtschaftlich an. Jetzt drang der Name Wallot's
mehr und mehr in die Oeffentlichkeit. In einer Reihe von Wohn-
und Geschäftshäusern in Frankfurt traten die Hauptmerkmale seiner
Art, der kühne und kraftvolle Wurf in der Anlage und der blühende
Erfindungsreichthum, zu Tage. Nun betheiligte er sich an den grossen
Wettbewerben, so an dem Denkmal für den Niederwald, am Frank¬
furter Centralbahnhof, an der Stephanienbrücke in Wien und an der
Friedhofsanlage der Kreuzkirchen-Parochie in Dresden, ohne indessen
hierbei, trotz verschiedener Prämiirungen, mit der Ausführung betraut
zu werden. In diesen Zustand des Zuwartens traf nun endlich wie
ein elektrisirender Schlag der Ruf des Altreichskanzlers für die
zweite Konkurrenz um das Reichstagshaus. Im Juni 1882, in den
Tagen da Wallot das 40. Lebensjahr erreichte, wurde ihm der
erste Preis zugesprochen und sein Entwurf, der das Kennwort "Für

Mit der Umbildung des ursprünglichen Namens Vallot in die
deutsche Schreibart hatte sich längst die germanische Akklimatisation
vollzogen. Nach dem Besuch der Realschulen in Oppenheim und
Darmstadt bezog Wallot 1860 das Polytechnikum in Hannover,
darauf bereitete er sich an der Universität Giessen zu dem Facultäts-
Examen vor, welches zum Eintritt in den hessischen Staatsdienst
erforderlich war. In Giessen kam Wallot mit dem Restaurator der
Wartburg, H. S. M. v. Ritgen, in Berührung. Ein Jahr lang war
Wallot als Bau-Accessist in seiner engeren Heimath thätig, um so¬
dann eine weitere Ausbildung in der Ferne zu suchen. Zuerst in
Berlin. Ein Semester an der Bauakademie, dann aber in den Ateliers
von Gropius und Hitzig. Eine weite Perspective eröffnete sich
ihm auf einer Studienreise durch Italien im Jahre 1867. Darauf
liess sich Wallot als Privat-Architekt dauernd in Frankfurt am Main
nieder. Nun folgten für Wallot die fruchtbaren Jahre der Kraft¬
spannung und der Entfaltung seiner künstlerischen Individualität. Im
Jahre 1872, wo die Entwürfe des ergebnisslosen ersten Preisaus¬
schreibens für das Reichstagshaus vorlagen, studirte Wallot in Italien die
Meisterwerke der Hochrenaissance; Palladio und besonders Sanmichele
zogen ihn verwandtschaftlich an. Jetzt drang der Name Wallot's
mehr und mehr in die Oeffentlichkeit. In einer Reihe von Wohn-
und Geschäftshäusern in Frankfurt traten die Hauptmerkmale seiner
Art, der kühne und kraftvolle Wurf in der Anlage und der blühende
Erfindungsreichthum, zu Tage. Nun betheiligte er sich an den grossen
Wettbewerben, so an dem Denkmal für den Niederwald, am Frank¬
furter Centralbahnhof, an der Stephanienbrücke in Wien und an der
Friedhofsanlage der Kreuzkirchen-Parochie in Dresden, ohne indessen
hierbei, trotz verschiedener Prämiirungen, mit der Ausführung betraut
zu werden. In diesen Zustand des Zuwartens traf nun endlich wie
ein elektrisirender Schlag der Ruf des Altreichskanzlers für die
zweite Konkurrenz um das Reichstagshaus. Im Juni 1882, in den
Tagen da Wallot das 40. Lebensjahr erreichte, wurde ihm der
erste Preis zugesprochen und sein Entwurf, der das Kennwort „Für

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[7/0013] Mit der Umbildung des ursprünglichen Namens Vallot in die deutsche Schreibart hatte sich längst die germanische Akklimatisation vollzogen. Nach dem Besuch der Realschulen in Oppenheim und Darmstadt bezog Wallot 1860 das Polytechnikum in Hannover, darauf bereitete er sich an der Universität Giessen zu dem Facultäts- Examen vor, welches zum Eintritt in den hessischen Staatsdienst erforderlich war. In Giessen kam Wallot mit dem Restaurator der Wartburg, H. S. M. v. Ritgen, in Berührung. Ein Jahr lang war Wallot als Bau-Accessist in seiner engeren Heimath thätig, um so¬ dann eine weitere Ausbildung in der Ferne zu suchen. Zuerst in Berlin. Ein Semester an der Bauakademie, dann aber in den Ateliers von Gropius und Hitzig. Eine weite Perspective eröffnete sich ihm auf einer Studienreise durch Italien im Jahre 1867. Darauf liess sich Wallot als Privat-Architekt dauernd in Frankfurt am Main nieder. Nun folgten für Wallot die fruchtbaren Jahre der Kraft¬ spannung und der Entfaltung seiner künstlerischen Individualität. Im Jahre 1872, wo die Entwürfe des ergebnisslosen ersten Preisaus¬ schreibens für das Reichstagshaus vorlagen, studirte Wallot in Italien die Meisterwerke der Hochrenaissance; Palladio und besonders Sanmichele zogen ihn verwandtschaftlich an. Jetzt drang der Name Wallot's mehr und mehr in die Oeffentlichkeit. In einer Reihe von Wohn- und Geschäftshäusern in Frankfurt traten die Hauptmerkmale seiner Art, der kühne und kraftvolle Wurf in der Anlage und der blühende Erfindungsreichthum, zu Tage. Nun betheiligte er sich an den grossen Wettbewerben, so an dem Denkmal für den Niederwald, am Frank¬ furter Centralbahnhof, an der Stephanienbrücke in Wien und an der Friedhofsanlage der Kreuzkirchen-Parochie in Dresden, ohne indessen hierbei, trotz verschiedener Prämiirungen, mit der Ausführung betraut zu werden. In diesen Zustand des Zuwartens traf nun endlich wie ein elektrisirender Schlag der Ruf des Altreichskanzlers für die zweite Konkurrenz um das Reichstagshaus. Im Juni 1882, in den Tagen da Wallot das 40. Lebensjahr erreichte, wurde ihm der erste Preis zugesprochen und sein Entwurf, der das Kennwort „Für

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Zitationshilfe: Rapsilber, Maximilian: Das Reichstags-Gebäude. Berlin, 1895, S. 7. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rapsilber_reichstagsgebaeude_1895/13>, abgerufen am 19.12.2018.