Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Reil, Johann Christian: Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen. Halle, 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

tigungen passen meistens nicht für Rasende, höch-
stens nur für solche, die noch einige Besonnen-
heit haben, boshaft sind, Ruhe affektiren, um
nachher heimlich zu schaden. Durchgehends sind
die Zwangsweste, das Einsperren, Hunger, oder
einige Streiche mit dem Ochsenziemer, die nach
einem förmlichen Urtheilsspruch von einer frem-
den Person mitgetheilt werden, zureichend, die
Kranken bald zahm zu machen. In den Inter-
vallen halte man sie zur Arbeit an, gewöhne sie
an eine strenge Ordnung und präge ihnen das Ge-
fühl der Nothwendigkeit ein, wodurch sie in den
folgenden Ausbrüchen leichter zu behandlen wer-
den. Was darüber ist, jede zwecklose und kalte
Barbarey, ist vom Uebel und sollte durch Publi-
cität der öffentlichen Schande Preiss gegeben
werden.

In wiefern die Ursachen der Raserey, und die
Geneigtheit des Körpers, ihre Paroxismen zu
wiederholen, durch psychische Mittel gehoben
werden können, lasse ich dahingestellt seyn.

Wuth ohne Verkehrtheit.

Dieser Zustand ist einfache Tobsucht, in ih-
rer reinsten Gestalt, ohne alle fremden Zusätze.
Alle Seelenkräfte, das Wahrnehmungsvermögen,
die Einbildungskraft und der Verstand sind in ih-
ren Aeusserungen gesund, bloss einige Handlungen
sind abnorm, weil das Vorstellungsvermögen sie
nicht, weder nach sinnlichen noch verständigen

B b 2

tigungen paſſen meiſtens nicht für Raſende, höch-
ſtens nur für ſolche, die noch einige Beſonnen-
heit haben, boshaft ſind, Ruhe affektiren, um
nachher heimlich zu ſchaden. Durchgehends ſind
die Zwangsweſte, das Einſperren, Hunger, oder
einige Streiche mit dem Ochſenziemer, die nach
einem förmlichen Urtheilsſpruch von einer frem-
den Perſon mitgetheilt werden, zureichend, die
Kranken bald zahm zu machen. In den Inter-
vallen halte man ſie zur Arbeit an, gewöhne ſie
an eine ſtrenge Ordnung und präge ihnen das Ge-
fühl der Nothwendigkeit ein, wodurch ſie in den
folgenden Ausbrüchen leichter zu behandlen wer-
den. Was darüber iſt, jede zweckloſe und kalte
Barbarey, iſt vom Uebel und ſollte durch Publi-
cität der öffentlichen Schande Preiſs gegeben
werden.

In wiefern die Urſachen der Raſerey, und die
Geneigtheit des Körpers, ihre Paroxiſmen zu
wiederholen, durch pſychiſche Mittel gehoben
werden können, laſſe ich dahingeſtellt ſeyn.

Wuth ohne Verkehrtheit.

Dieſer Zuſtand iſt einfache Tobſucht, in ih-
rer reinſten Geſtalt, ohne alle fremden Zuſätze.
Alle Seelenkräfte, das Wahrnehmungsvermögen,
die Einbildungskraft und der Verſtand ſind in ih-
ren Aeuſserungen geſund, bloſs einige Handlungen
ſind abnorm, weil das Vorſtellungsvermögen ſie
nicht, weder nach ſinnlichen noch verſtändigen

B b 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0392" n="387"/>
tigungen pa&#x017F;&#x017F;en mei&#x017F;tens nicht für Ra&#x017F;ende, höch-<lb/>
&#x017F;tens nur für &#x017F;olche, die noch einige Be&#x017F;onnen-<lb/>
heit haben, boshaft &#x017F;ind, Ruhe affektiren, um<lb/>
nachher heimlich zu &#x017F;chaden. Durchgehends &#x017F;ind<lb/>
die Zwangswe&#x017F;te, das Ein&#x017F;perren, Hunger, oder<lb/>
einige Streiche mit dem Och&#x017F;enziemer, die nach<lb/>
einem förmlichen Urtheils&#x017F;pruch von einer frem-<lb/>
den Per&#x017F;on mitgetheilt werden, zureichend, die<lb/>
Kranken bald zahm zu machen. In den Inter-<lb/>
vallen halte man &#x017F;ie zur Arbeit an, gewöhne &#x017F;ie<lb/>
an eine &#x017F;trenge Ordnung und präge ihnen das Ge-<lb/>
fühl der Nothwendigkeit ein, wodurch &#x017F;ie in den<lb/>
folgenden Ausbrüchen leichter zu behandlen wer-<lb/>
den. Was darüber i&#x017F;t, jede zwecklo&#x017F;e und kalte<lb/>
Barbarey, i&#x017F;t vom Uebel und &#x017F;ollte durch Publi-<lb/>
cität der öffentlichen Schande Prei&#x017F;s gegeben<lb/>
werden.</p><lb/>
            <p>In wiefern die Ur&#x017F;achen der Ra&#x017F;erey, und die<lb/>
Geneigtheit des Körpers, ihre Paroxi&#x017F;men zu<lb/>
wiederholen, durch p&#x017F;ychi&#x017F;che Mittel gehoben<lb/>
werden können, la&#x017F;&#x017F;e ich dahinge&#x017F;tellt &#x017F;eyn.</p><lb/>
            <div n="4">
              <head><hi rendition="#g">Wuth ohne Verkehrtheit</hi>.</head><lb/>
              <p>Die&#x017F;er Zu&#x017F;tand i&#x017F;t einfache Tob&#x017F;ucht, in ih-<lb/>
rer rein&#x017F;ten Ge&#x017F;talt, ohne alle fremden Zu&#x017F;ätze.<lb/>
Alle Seelenkräfte, das Wahrnehmungsvermögen,<lb/>
die Einbildungskraft und der Ver&#x017F;tand &#x017F;ind in ih-<lb/>
ren Aeu&#x017F;serungen ge&#x017F;und, blo&#x017F;s einige Handlungen<lb/>
&#x017F;ind abnorm, weil das Vor&#x017F;tellungsvermögen &#x017F;ie<lb/>
nicht, weder nach &#x017F;innlichen noch ver&#x017F;tändigen<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">B b 2</fw><lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[387/0392] tigungen paſſen meiſtens nicht für Raſende, höch- ſtens nur für ſolche, die noch einige Beſonnen- heit haben, boshaft ſind, Ruhe affektiren, um nachher heimlich zu ſchaden. Durchgehends ſind die Zwangsweſte, das Einſperren, Hunger, oder einige Streiche mit dem Ochſenziemer, die nach einem förmlichen Urtheilsſpruch von einer frem- den Perſon mitgetheilt werden, zureichend, die Kranken bald zahm zu machen. In den Inter- vallen halte man ſie zur Arbeit an, gewöhne ſie an eine ſtrenge Ordnung und präge ihnen das Ge- fühl der Nothwendigkeit ein, wodurch ſie in den folgenden Ausbrüchen leichter zu behandlen wer- den. Was darüber iſt, jede zweckloſe und kalte Barbarey, iſt vom Uebel und ſollte durch Publi- cität der öffentlichen Schande Preiſs gegeben werden. In wiefern die Urſachen der Raſerey, und die Geneigtheit des Körpers, ihre Paroxiſmen zu wiederholen, durch pſychiſche Mittel gehoben werden können, laſſe ich dahingeſtellt ſeyn. Wuth ohne Verkehrtheit. Dieſer Zuſtand iſt einfache Tobſucht, in ih- rer reinſten Geſtalt, ohne alle fremden Zuſätze. Alle Seelenkräfte, das Wahrnehmungsvermögen, die Einbildungskraft und der Verſtand ſind in ih- ren Aeuſserungen geſund, bloſs einige Handlungen ſind abnorm, weil das Vorſtellungsvermögen ſie nicht, weder nach ſinnlichen noch verſtändigen B b 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/reil_curmethode_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/reil_curmethode_1803/392
Zitationshilfe: Reil, Johann Christian: Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen. Halle, 1803, S. 387. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/reil_curmethode_1803/392>, abgerufen am 20.04.2019.