Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Reil, Johann Christian: Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen. Halle, 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

sehn, sie nicht ermatten und ihnen Zwischenräu-
me zur Ruhe verstatten. Gewinnt man auch an
Kultur der Seele durch diese Behandlungsart
nichts, so bessert man doch ihre physische Ge-
sundheit. Die Kranken essen und schlafen besser,
wenn sie arbeiten. Die Ordnung im Tollhause
gewinnt sehr. Wenzel *) sah zwey Kretinen,
die sich seit der Zeit weit besser befanden, dass
man sie zur Arbeit angehalten hatte.

Es giebt einige Blödsinnige, die einem be-
sonderen Starrsinn und zornigen Aufwallungen
über Kleinigkeiten unterworfen sind. Diese be-
dürfen einer leichten und zweckmässigen Cor-
rektion, nach der Art, wie man eigensinnige
Kinder behandelt. Doch hüte man sich, den
Unterofficianten irgend eine Härte gegen sie zu
verstatten. Eben diese Geschöpfe sind den Aus-
fällen der kalten Barbarey am meisten ausgesetzt,
weil sie sich nicht zur Gegenwehr stellen. End-
lich müssen die Blödsinnigen ihre eigne Abthei-
lung haben, damit die fixirten Wahnsinnigen es
nicht bemerken, dass man sie mit so elenden
Menschen in eine Ordnung stellt. Die Narren
können ihnen noch am ersten zugesellt werden,
da sie ihnen auch im System am nächsten stehn.

§. 21.

Was sind helle Zwischenzeiten? Sie
müssen sich auf Perioden des Nachlasses oder der

*) l. c. 156 S.

ſehn, ſie nicht ermatten und ihnen Zwiſchenräu-
me zur Ruhe verſtatten. Gewinnt man auch an
Kultur der Seele durch dieſe Behandlungsart
nichts, ſo beſſert man doch ihre phyſiſche Ge-
ſundheit. Die Kranken eſſen und ſchlafen beſſer,
wenn ſie arbeiten. Die Ordnung im Tollhauſe
gewinnt ſehr. Wenzel *) ſah zwey Kretinen,
die ſich ſeit der Zeit weit beſſer befanden, daſs
man ſie zur Arbeit angehalten hatte.

Es giebt einige Blödſinnige, die einem be-
ſonderen Starrſinn und zornigen Aufwallungen
über Kleinigkeiten unterworfen ſind. Dieſe be-
dürfen einer leichten und zweckmäſsigen Cor-
rektion, nach der Art, wie man eigenſinnige
Kinder behandelt. Doch hüte man ſich, den
Unterofficianten irgend eine Härte gegen ſie zu
verſtatten. Eben dieſe Geſchöpfe ſind den Aus-
fällen der kalten Barbarey am meiſten ausgeſetzt,
weil ſie ſich nicht zur Gegenwehr ſtellen. End-
lich müſſen die Blödſinnigen ihre eigne Abthei-
lung haben, damit die fixirten Wahnſinnigen es
nicht bemerken, daſs man ſie mit ſo elenden
Menſchen in eine Ordnung ſtellt. Die Narren
können ihnen noch am erſten zugeſellt werden,
da ſie ihnen auch im Syſtem am nächſten ſtehn.

§. 21.

Was ſind helle Zwiſchenzeiten? Sie
müſſen ſich auf Perioden des Nachlaſſes oder der

*) l. c. 156 S.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0444" n="439"/>
&#x017F;ehn, &#x017F;ie nicht ermatten und ihnen Zwi&#x017F;chenräu-<lb/>
me zur Ruhe ver&#x017F;tatten. Gewinnt man auch an<lb/>
Kultur der Seele durch die&#x017F;e Behandlungsart<lb/>
nichts, &#x017F;o be&#x017F;&#x017F;ert man doch ihre phy&#x017F;i&#x017F;che Ge-<lb/>
&#x017F;undheit. Die Kranken e&#x017F;&#x017F;en und &#x017F;chlafen be&#x017F;&#x017F;er,<lb/>
wenn &#x017F;ie arbeiten. Die Ordnung im Tollhau&#x017F;e<lb/>
gewinnt &#x017F;ehr. <hi rendition="#g">Wenzel</hi> <note place="foot" n="*)">l. c. 156 S.</note> &#x017F;ah zwey Kretinen,<lb/>
die &#x017F;ich &#x017F;eit der Zeit weit be&#x017F;&#x017F;er befanden, da&#x017F;s<lb/>
man &#x017F;ie zur Arbeit angehalten hatte.</p><lb/>
            <p>Es giebt einige Blöd&#x017F;innige, die einem be-<lb/>
&#x017F;onderen Starr&#x017F;inn und zornigen Aufwallungen<lb/>
über Kleinigkeiten unterworfen &#x017F;ind. Die&#x017F;e be-<lb/>
dürfen einer leichten und zweckmä&#x017F;sigen Cor-<lb/>
rektion, nach der Art, wie man eigen&#x017F;innige<lb/>
Kinder behandelt. Doch hüte man &#x017F;ich, den<lb/>
Unterofficianten irgend eine Härte gegen &#x017F;ie zu<lb/>
ver&#x017F;tatten. Eben die&#x017F;e Ge&#x017F;chöpfe &#x017F;ind den Aus-<lb/>
fällen der kalten Barbarey am mei&#x017F;ten ausge&#x017F;etzt,<lb/>
weil &#x017F;ie &#x017F;ich nicht zur Gegenwehr &#x017F;tellen. End-<lb/>
lich mü&#x017F;&#x017F;en die Blöd&#x017F;innigen ihre eigne Abthei-<lb/>
lung haben, damit die fixirten Wahn&#x017F;innigen es<lb/>
nicht bemerken, da&#x017F;s man &#x017F;ie mit &#x017F;o elenden<lb/>
Men&#x017F;chen in eine Ordnung &#x017F;tellt. Die Narren<lb/>
können ihnen noch am er&#x017F;ten zuge&#x017F;ellt werden,<lb/>
da &#x017F;ie ihnen auch im Sy&#x017F;tem am näch&#x017F;ten &#x017F;tehn.</p>
          </div>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head>§. 21.</head><lb/>
          <p>Was &#x017F;ind <hi rendition="#g">helle Zwi&#x017F;chenzeiten</hi>? Sie<lb/>&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ich auf Perioden des Nachla&#x017F;&#x017F;es oder der<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[439/0444] ſehn, ſie nicht ermatten und ihnen Zwiſchenräu- me zur Ruhe verſtatten. Gewinnt man auch an Kultur der Seele durch dieſe Behandlungsart nichts, ſo beſſert man doch ihre phyſiſche Ge- ſundheit. Die Kranken eſſen und ſchlafen beſſer, wenn ſie arbeiten. Die Ordnung im Tollhauſe gewinnt ſehr. Wenzel *) ſah zwey Kretinen, die ſich ſeit der Zeit weit beſſer befanden, daſs man ſie zur Arbeit angehalten hatte. Es giebt einige Blödſinnige, die einem be- ſonderen Starrſinn und zornigen Aufwallungen über Kleinigkeiten unterworfen ſind. Dieſe be- dürfen einer leichten und zweckmäſsigen Cor- rektion, nach der Art, wie man eigenſinnige Kinder behandelt. Doch hüte man ſich, den Unterofficianten irgend eine Härte gegen ſie zu verſtatten. Eben dieſe Geſchöpfe ſind den Aus- fällen der kalten Barbarey am meiſten ausgeſetzt, weil ſie ſich nicht zur Gegenwehr ſtellen. End- lich müſſen die Blödſinnigen ihre eigne Abthei- lung haben, damit die fixirten Wahnſinnigen es nicht bemerken, daſs man ſie mit ſo elenden Menſchen in eine Ordnung ſtellt. Die Narren können ihnen noch am erſten zugeſellt werden, da ſie ihnen auch im Syſtem am nächſten ſtehn. §. 21. Was ſind helle Zwiſchenzeiten? Sie müſſen ſich auf Perioden des Nachlaſſes oder der *) l. c. 156 S.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/reil_curmethode_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/reil_curmethode_1803/444
Zitationshilfe: Reil, Johann Christian: Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen. Halle, 1803, S. 439. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/reil_curmethode_1803/444>, abgerufen am 22.04.2019.