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Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 1. Leipzig, 1881.

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VII. Die Flora der japanischen Inseln.
matsu, d. h. fünfnadelige Kiefer (Pinus parviflora S. und Z.) oder
der Yezokiefer, von der noch weiter im folgenden Abschnitt bei den
Gewächsen der alpinen Region die Rede sein soll.

Vegetation des Hochgebirges.

Hierzu müssen alle Gewächse gerechnet werden, welche man
oberhalb der Waldgrenze höherer japanischer Gipfel trifft, unbeküm-
mert ob dieselben auch schon im Walde selbst auftreten oder nicht.
Diese obere Grenze des Waldes kann im allgemeinen zu 2000 Meter
angenommen werden, eine Höhe, die zwar manchmal um noch einige
hundert Meter überschritten, aber noch viel häufiger nicht erreicht wird.

Da nun die hier in Betracht kommenden Gebirgspflanzen zum
Theil ein sehr biegsames Naturell haben, d. h. keineswegs auf eine
scharf begrenzte Höhenzone angewiesen sind, sondern oft schon viel
tiefer auftreten als da, wo die günstigsten Bedingungen zu ihrer
Existenz gegeben zu sein scheinen, so treffen wir auf den Gipfeln
mancher japanischen Berge, die wie der Ibuki-yama oder der Komaga-
take im Hakonegebirge kaum 1400 Meter Höhe erreichen, schon eine
Vegetation von ausgesprochen alpinem Habitus, während andere be-
deutendere Berge in dieser Höhe noch den schönsten Hochwald tragen.
Die Existenz des Waldes und der Beginn der hochalpinen Flora
hängen hier in erster Linie nicht von der Temperatur, sondern von
den Winden ab, welche letztere oft zulassen, wo der Baumwuchs
unmöglich ist. Nur Betreffs der Zeit des Eintrittes der Florescenz
und der Fruchtreife, wie nicht minder auch bezüglich der Grösse der
Individuen wird bei derselben Art die mit zunehmender Höhe sich
verringernde Wärme in erster Linie in Betracht kommen. So finden
wir bei Arten, die wie Polygonum Weyrichii und Solidago virgaurea
oft eine Höhenzone von 1200--1500 Metern überspannen, eine Ver-
schiebung der Blüthezeit vom Frühsommer zum Nachsommer und
Herbst und eine ziemlich stete Verkürzung der Pflanzenachse mit der
Zunahme der Höhe. Diese Abnahme der Grössenverhältnisse mit der
Höhe ist indess keineswegs bei allen Arten bemerkbar, vielmehr zeigen
viele, wie z. B. Angehörige der Gattungen Anemone, Coptis, Primula,
in ihrem Wuchse viel Beständigkeit.

In den Alpen gelangen Gewächse, welche eine breite Höhenzone
bewohnen, zum Theil, wie Linaria alpina Mill. und Epilobium Dodonaei
Vill., dadurch aus ihren höheren Wohnsitzen thalabwärts, dass das
fliessende Wasser Rasen und Samen derselben mit sich fortreisst,
ausspült und ihnen so zur Ansiedelung in grösserer Tiefe Gelegenheit

VII. Die Flora der japanischen Inseln.
matsu, d. h. fünfnadelige Kiefer (Pinus parviflora S. und Z.) oder
der Yezokiefer, von der noch weiter im folgenden Abschnitt bei den
Gewächsen der alpinen Region die Rede sein soll.

Vegetation des Hochgebirges.

Hierzu müssen alle Gewächse gerechnet werden, welche man
oberhalb der Waldgrenze höherer japanischer Gipfel trifft, unbeküm-
mert ob dieselben auch schon im Walde selbst auftreten oder nicht.
Diese obere Grenze des Waldes kann im allgemeinen zu 2000 Meter
angenommen werden, eine Höhe, die zwar manchmal um noch einige
hundert Meter überschritten, aber noch viel häufiger nicht erreicht wird.

Da nun die hier in Betracht kommenden Gebirgspflanzen zum
Theil ein sehr biegsames Naturell haben, d. h. keineswegs auf eine
scharf begrenzte Höhenzone angewiesen sind, sondern oft schon viel
tiefer auftreten als da, wo die günstigsten Bedingungen zu ihrer
Existenz gegeben zu sein scheinen, so treffen wir auf den Gipfeln
mancher japanischen Berge, die wie der Ibuki-yama oder der Komaga-
take im Hakonegebirge kaum 1400 Meter Höhe erreichen, schon eine
Vegetation von ausgesprochen alpinem Habitus, während andere be-
deutendere Berge in dieser Höhe noch den schönsten Hochwald tragen.
Die Existenz des Waldes und der Beginn der hochalpinen Flora
hängen hier in erster Linie nicht von der Temperatur, sondern von
den Winden ab, welche letztere oft zulassen, wo der Baumwuchs
unmöglich ist. Nur Betreffs der Zeit des Eintrittes der Florescenz
und der Fruchtreife, wie nicht minder auch bezüglich der Grösse der
Individuen wird bei derselben Art die mit zunehmender Höhe sich
verringernde Wärme in erster Linie in Betracht kommen. So finden
wir bei Arten, die wie Polygonum Weyrichii und Solidago virgaurea
oft eine Höhenzone von 1200—1500 Metern überspannen, eine Ver-
schiebung der Blüthezeit vom Frühsommer zum Nachsommer und
Herbst und eine ziemlich stete Verkürzung der Pflanzenachse mit der
Zunahme der Höhe. Diese Abnahme der Grössenverhältnisse mit der
Höhe ist indess keineswegs bei allen Arten bemerkbar, vielmehr zeigen
viele, wie z. B. Angehörige der Gattungen Anemone, Coptis, Primula,
in ihrem Wuchse viel Beständigkeit.

In den Alpen gelangen Gewächse, welche eine breite Höhenzone
bewohnen, zum Theil, wie Linaria alpina Mill. und Epilobium Dodonaei
Vill., dadurch aus ihren höheren Wohnsitzen thalabwärts, dass das
fliessende Wasser Rasen und Samen derselben mit sich fortreisst,
ausspült und ihnen so zur Ansiedelung in grösserer Tiefe Gelegenheit

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[174/0198] VII. Die Flora der japanischen Inseln. matsu, d. h. fünfnadelige Kiefer (Pinus parviflora S. und Z.) oder der Yezokiefer, von der noch weiter im folgenden Abschnitt bei den Gewächsen der alpinen Region die Rede sein soll. Vegetation des Hochgebirges. Hierzu müssen alle Gewächse gerechnet werden, welche man oberhalb der Waldgrenze höherer japanischer Gipfel trifft, unbeküm- mert ob dieselben auch schon im Walde selbst auftreten oder nicht. Diese obere Grenze des Waldes kann im allgemeinen zu 2000 Meter angenommen werden, eine Höhe, die zwar manchmal um noch einige hundert Meter überschritten, aber noch viel häufiger nicht erreicht wird. Da nun die hier in Betracht kommenden Gebirgspflanzen zum Theil ein sehr biegsames Naturell haben, d. h. keineswegs auf eine scharf begrenzte Höhenzone angewiesen sind, sondern oft schon viel tiefer auftreten als da, wo die günstigsten Bedingungen zu ihrer Existenz gegeben zu sein scheinen, so treffen wir auf den Gipfeln mancher japanischen Berge, die wie der Ibuki-yama oder der Komaga- take im Hakonegebirge kaum 1400 Meter Höhe erreichen, schon eine Vegetation von ausgesprochen alpinem Habitus, während andere be- deutendere Berge in dieser Höhe noch den schönsten Hochwald tragen. Die Existenz des Waldes und der Beginn der hochalpinen Flora hängen hier in erster Linie nicht von der Temperatur, sondern von den Winden ab, welche letztere oft zulassen, wo der Baumwuchs unmöglich ist. Nur Betreffs der Zeit des Eintrittes der Florescenz und der Fruchtreife, wie nicht minder auch bezüglich der Grösse der Individuen wird bei derselben Art die mit zunehmender Höhe sich verringernde Wärme in erster Linie in Betracht kommen. So finden wir bei Arten, die wie Polygonum Weyrichii und Solidago virgaurea oft eine Höhenzone von 1200—1500 Metern überspannen, eine Ver- schiebung der Blüthezeit vom Frühsommer zum Nachsommer und Herbst und eine ziemlich stete Verkürzung der Pflanzenachse mit der Zunahme der Höhe. Diese Abnahme der Grössenverhältnisse mit der Höhe ist indess keineswegs bei allen Arten bemerkbar, vielmehr zeigen viele, wie z. B. Angehörige der Gattungen Anemone, Coptis, Primula, in ihrem Wuchse viel Beständigkeit. In den Alpen gelangen Gewächse, welche eine breite Höhenzone bewohnen, zum Theil, wie Linaria alpina Mill. und Epilobium Dodonaei Vill., dadurch aus ihren höheren Wohnsitzen thalabwärts, dass das fliessende Wasser Rasen und Samen derselben mit sich fortreisst, ausspült und ihnen so zur Ansiedelung in grösserer Tiefe Gelegenheit

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Zitationshilfe: Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 1. Leipzig, 1881, S. 174. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rein_japan01_1881/198>, abgerufen am 20.03.2019.