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Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 1. Leipzig, 1881.

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III. Geologische Verhältnisse.

Während der fünf meteorologischen Beobachtungsjahre vom Decem-
ber 1872 bis December 1877 hat Knipping in Tokio 86 Erdbeben
wahrgenommen. Seine sorgfältigen Aufzeichnungen darüber, nebst
graphischen Zusammenstellungen derselben nach den verschiedensten
Gesichtspunkten, finden sich im 14. Heft der Mittheilungen der deut-
schen Gesellschaft. Abgesehen davon, dass die Erschütterungen im
allgemeinen Nachts häufiger als am Tage, und im Jahre 1877 zahl-
reicher und heftiger als in den vorausgegangenen Jahren waren, lassen
sich jedoch keine allgemeinen Regeln daraus ableiten, wie denn auch
Naumann durch seine sehr sorgfältige und mühevolle Zusammen-
stellung zu keinerlei allgemeinen Resultaten gelangen konnte.

4. Säculäre Hebungen.

Dass die Japanischen Küsten im allgemeinen sich langsam heben,
wurde schon seit lange angenommen. Man schloss es aus Berichten
über plötzlichere Hebungserscheinungen bei vulkanischen Ausbrüchen
und Erdbeben hier und dort, aus dem Vorkommen jungtertiärer mariner
Schichten an einigen Buchten, wie der von Yedo, und aus der Ana-
logie mit anderen Inseln und Küstenländern im und am nördlichen
Theile des Stillen Oceans. So hatte z. B. F. Schmidt Sachalin ein-
gehender geologisch und botanisch untersucht und dabei an mehreren
Orten der Küste subfossile Muschellager in natürlicher Lage in Thon
gebettet aufgefunden und dies mit Recht als ein Zeichen der noch
fortdauernden Hebung dieser Insel gedeutet. Solche, mindestens
gleich zuverlässige Beweise einer allmählichen, sogenannten säculären
Hebung der Ostküste von Hondo wurden von mir für die Küste von
Nambu und neuerdings von Naumann für die Ebene von Kuwanto
vorgebracht. In der physischen Welt geht Nichts über die Beweis-
kraft der durch Beobachtung gewonnenen Thatsachen, und diejenige,
dass sich die Küste von Nambu in ganz recenter Zeit wesentlich ge-
hoben hat, ist noch deshalb besonders bemerkenswerth, weil sie einem
nicht vulkanischen Gebiete entnommen ist. Der Fall ist folgender:

Ungefähr in der Mitte der Küste zwischen der Sendai-Bucht und
dem Hafen Kamaishi befindet sich unter 38° 50' Kamamaye-ura (die
Bucht Kamamae). Sie schneidet etwa 3/4--1 geogr. Meile tief und
halb so breit in nordwestlicher Richtung in das Land ein und hat an
ihrem breiten Eingang die Insel Oshima vorgelagert, zu deren Seiten
nur enge Canäle bleiben. Im Hintergrunde dieser Bai zieht sich das
reinliche Städtchen Kisenuma hin mit einem sicheren tiefen Hafen.
Der früher sehr lebhafte Schiffsverkehr ist nach Mittheilung des
Kocho (Bürgermeisters) in den letzten 30 Jahren immer unbedeutender

III. Geologische Verhältnisse.

Während der fünf meteorologischen Beobachtungsjahre vom Decem-
ber 1872 bis December 1877 hat Knipping in Tôkio 86 Erdbeben
wahrgenommen. Seine sorgfältigen Aufzeichnungen darüber, nebst
graphischen Zusammenstellungen derselben nach den verschiedensten
Gesichtspunkten, finden sich im 14. Heft der Mittheilungen der deut-
schen Gesellschaft. Abgesehen davon, dass die Erschütterungen im
allgemeinen Nachts häufiger als am Tage, und im Jahre 1877 zahl-
reicher und heftiger als in den vorausgegangenen Jahren waren, lassen
sich jedoch keine allgemeinen Regeln daraus ableiten, wie denn auch
Naumann durch seine sehr sorgfältige und mühevolle Zusammen-
stellung zu keinerlei allgemeinen Resultaten gelangen konnte.

4. Säculäre Hebungen.

Dass die Japanischen Küsten im allgemeinen sich langsam heben,
wurde schon seit lange angenommen. Man schloss es aus Berichten
über plötzlichere Hebungserscheinungen bei vulkanischen Ausbrüchen
und Erdbeben hier und dort, aus dem Vorkommen jungtertiärer mariner
Schichten an einigen Buchten, wie der von Yedo, und aus der Ana-
logie mit anderen Inseln und Küstenländern im und am nördlichen
Theile des Stillen Oceans. So hatte z. B. F. Schmidt Sachalin ein-
gehender geologisch und botanisch untersucht und dabei an mehreren
Orten der Küste subfossile Muschellager in natürlicher Lage in Thon
gebettet aufgefunden und dies mit Recht als ein Zeichen der noch
fortdauernden Hebung dieser Insel gedeutet. Solche, mindestens
gleich zuverlässige Beweise einer allmählichen, sogenannten säculären
Hebung der Ostküste von Hondo wurden von mir für die Küste von
Nambu und neuerdings von Naumann für die Ebene von Kuwantô
vorgebracht. In der physischen Welt geht Nichts über die Beweis-
kraft der durch Beobachtung gewonnenen Thatsachen, und diejenige,
dass sich die Küste von Nambu in ganz recenter Zeit wesentlich ge-
hoben hat, ist noch deshalb besonders bemerkenswerth, weil sie einem
nicht vulkanischen Gebiete entnommen ist. Der Fall ist folgender:

Ungefähr in der Mitte der Küste zwischen der Sendai-Bucht und
dem Hafen Kamaishi befindet sich unter 38° 50' Kamamaye-ura (die
Bucht Kamamaë). Sie schneidet etwa ¾—1 geogr. Meile tief und
halb so breit in nordwestlicher Richtung in das Land ein und hat an
ihrem breiten Eingang die Insel Ôshima vorgelagert, zu deren Seiten
nur enge Canäle bleiben. Im Hintergrunde dieser Bai zieht sich das
reinliche Städtchen Kisenuma hin mit einem sicheren tiefen Hafen.
Der früher sehr lebhafte Schiffsverkehr ist nach Mittheilung des
Kôchô (Bürgermeisters) in den letzten 30 Jahren immer unbedeutender

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[64/0084] III. Geologische Verhältnisse. Während der fünf meteorologischen Beobachtungsjahre vom Decem- ber 1872 bis December 1877 hat Knipping in Tôkio 86 Erdbeben wahrgenommen. Seine sorgfältigen Aufzeichnungen darüber, nebst graphischen Zusammenstellungen derselben nach den verschiedensten Gesichtspunkten, finden sich im 14. Heft der Mittheilungen der deut- schen Gesellschaft. Abgesehen davon, dass die Erschütterungen im allgemeinen Nachts häufiger als am Tage, und im Jahre 1877 zahl- reicher und heftiger als in den vorausgegangenen Jahren waren, lassen sich jedoch keine allgemeinen Regeln daraus ableiten, wie denn auch Naumann durch seine sehr sorgfältige und mühevolle Zusammen- stellung zu keinerlei allgemeinen Resultaten gelangen konnte. 4. Säculäre Hebungen. Dass die Japanischen Küsten im allgemeinen sich langsam heben, wurde schon seit lange angenommen. Man schloss es aus Berichten über plötzlichere Hebungserscheinungen bei vulkanischen Ausbrüchen und Erdbeben hier und dort, aus dem Vorkommen jungtertiärer mariner Schichten an einigen Buchten, wie der von Yedo, und aus der Ana- logie mit anderen Inseln und Küstenländern im und am nördlichen Theile des Stillen Oceans. So hatte z. B. F. Schmidt Sachalin ein- gehender geologisch und botanisch untersucht und dabei an mehreren Orten der Küste subfossile Muschellager in natürlicher Lage in Thon gebettet aufgefunden und dies mit Recht als ein Zeichen der noch fortdauernden Hebung dieser Insel gedeutet. Solche, mindestens gleich zuverlässige Beweise einer allmählichen, sogenannten säculären Hebung der Ostküste von Hondo wurden von mir für die Küste von Nambu und neuerdings von Naumann für die Ebene von Kuwantô vorgebracht. In der physischen Welt geht Nichts über die Beweis- kraft der durch Beobachtung gewonnenen Thatsachen, und diejenige, dass sich die Küste von Nambu in ganz recenter Zeit wesentlich ge- hoben hat, ist noch deshalb besonders bemerkenswerth, weil sie einem nicht vulkanischen Gebiete entnommen ist. Der Fall ist folgender: Ungefähr in der Mitte der Küste zwischen der Sendai-Bucht und dem Hafen Kamaishi befindet sich unter 38° 50' Kamamaye-ura (die Bucht Kamamaë). Sie schneidet etwa ¾—1 geogr. Meile tief und halb so breit in nordwestlicher Richtung in das Land ein und hat an ihrem breiten Eingang die Insel Ôshima vorgelagert, zu deren Seiten nur enge Canäle bleiben. Im Hintergrunde dieser Bai zieht sich das reinliche Städtchen Kisenuma hin mit einem sicheren tiefen Hafen. Der früher sehr lebhafte Schiffsverkehr ist nach Mittheilung des Kôchô (Bürgermeisters) in den letzten 30 Jahren immer unbedeutender

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Zitationshilfe: Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 1. Leipzig, 1881, S. 64. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rein_japan01_1881/84>, abgerufen am 26.03.2019.