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Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886.

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III. Kunstgewerbe und Verwandtes.
dann wieder zurück und so fort, bis der grösste Theil des Wassers
nach oben geführt ist, wo das Anreiben vornehmlich stattfindet und
von wo die Tuschflüssigkeit allmählich wieder zur tieferen Stelle
abfliesst.


6. Holz-, Elfenbein- und Beinschnitzerei. Schildpatt-, Horn- und
Perlmutterarbeiten. Steinschleiferei.

Viele der hier untergebrachten Erzeugnisse des japanischen Kunst-
fleisses gehören in die dehnbare Klasse der Kurz- und Galanterie-
waaren; andere sind wirkliche glyptische Kunstwerke. Die geschickten
Hände des japanischen Künstlers vermögen auch dem harten, spröden
Stoff mit wunderbarer Kraft Leben und Bewegung einzuhauchen. Aber
auch hier zeigt und übt derselbe diese Kunst mit Vorliebe nicht so-
wohl an grossen monumentalen Schöpfungen, als vielmehr an oft
winzig kleinen Gebilden, welche häufig erst einer näheren Betrachtung
bedürfen, um ihren Charakter und künstlerischen Werth recht zu er-
kennen und zu würdigen. Solcher Art sind vor allen Dingen die so-
genannten Netsuke's, Schnitzereien vorwiegend aus Holz, Elfenbein
oder Knochen, welche 2--5 cm Höhe und das Doppelte an Umfang selten
überschreiten. Die Netsuke dienen als eine Art Knöpfe, vornehmlich
zum Anhängen der Tabakstasche an den Gürtel. Zu diesem Zweck
haben sie auf der flachen Unterseite zwei Löcher mit einer Durch-
bohrung, durch welche beim Gebrauch eine Schnur geht, die sie mit der
angehängten Tasche verbindet. Das Netsuke wird zwischen dem Kleide
und dem Zeuggürtel, welcher das letztere um die Lenden zusammen-
hält, durchgeschoben und schaut über dem Gürtel hervor, während die
Tasche darunter hängt.

Personen und Thiere, insbesondere Affen, Ratten und Mäuse, ent-
weder einzeln oder in Gruppen und in den verschiedensten Stellungen,
aber auch andere Thiere und Blumen finden sich in den Netsuke's nach-
gebildet. Das komische Element ist reichlich vertreten. Es wird so
packend und ausdrucksvoll vorgeführt, dass man die Absicht des Künst-
lers sofort erkennt und die Wirkung auf die Stimmung nicht ausbleibt.
Man bewundert bei diesen Netsuke's ebenso die künstlerische Auffas-
sung, die Leichtigkeit und Lebendigkeit des Ausdrucks und der Stellung,
wie die Sorgfalt und das Geschick bei der Ausführung, welche eine
Menge technische Schwierigkeiten glücklich zu überwinden vermochten.

III. Kunstgewerbe und Verwandtes.
dann wieder zurück und so fort, bis der grösste Theil des Wassers
nach oben geführt ist, wo das Anreiben vornehmlich stattfindet und
von wo die Tuschflüssigkeit allmählich wieder zur tieferen Stelle
abfliesst.


6. Holz-, Elfenbein- und Beinschnitzerei. Schildpatt-, Horn- und
Perlmutterarbeiten. Steinschleiferei.

Viele der hier untergebrachten Erzeugnisse des japanischen Kunst-
fleisses gehören in die dehnbare Klasse der Kurz- und Galanterie-
waaren; andere sind wirkliche glyptische Kunstwerke. Die geschickten
Hände des japanischen Künstlers vermögen auch dem harten, spröden
Stoff mit wunderbarer Kraft Leben und Bewegung einzuhauchen. Aber
auch hier zeigt und übt derselbe diese Kunst mit Vorliebe nicht so-
wohl an grossen monumentalen Schöpfungen, als vielmehr an oft
winzig kleinen Gebilden, welche häufig erst einer näheren Betrachtung
bedürfen, um ihren Charakter und künstlerischen Werth recht zu er-
kennen und zu würdigen. Solcher Art sind vor allen Dingen die so-
genannten Netsuke’s, Schnitzereien vorwiegend aus Holz, Elfenbein
oder Knochen, welche 2—5 cm Höhe und das Doppelte an Umfang selten
überschreiten. Die Netsuke dienen als eine Art Knöpfe, vornehmlich
zum Anhängen der Tabakstasche an den Gürtel. Zu diesem Zweck
haben sie auf der flachen Unterseite zwei Löcher mit einer Durch-
bohrung, durch welche beim Gebrauch eine Schnur geht, die sie mit der
angehängten Tasche verbindet. Das Netsuke wird zwischen dem Kleide
und dem Zeuggürtel, welcher das letztere um die Lenden zusammen-
hält, durchgeschoben und schaut über dem Gürtel hervor, während die
Tasche darunter hängt.

Personen und Thiere, insbesondere Affen, Ratten und Mäuse, ent-
weder einzeln oder in Gruppen und in den verschiedensten Stellungen,
aber auch andere Thiere und Blumen finden sich in den Netsuke’s nach-
gebildet. Das komische Element ist reichlich vertreten. Es wird so
packend und ausdrucksvoll vorgeführt, dass man die Absicht des Künst-
lers sofort erkennt und die Wirkung auf die Stimmung nicht ausbleibt.
Man bewundert bei diesen Netsuke’s ebenso die künstlerische Auffas-
sung, die Leichtigkeit und Lebendigkeit des Ausdrucks und der Stellung,
wie die Sorgfalt und das Geschick bei der Ausführung, welche eine
Menge technische Schwierigkeiten glücklich zu überwinden vermochten.

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[500/0544] III. Kunstgewerbe und Verwandtes. dann wieder zurück und so fort, bis der grösste Theil des Wassers nach oben geführt ist, wo das Anreiben vornehmlich stattfindet und von wo die Tuschflüssigkeit allmählich wieder zur tieferen Stelle abfliesst. 6. Holz-, Elfenbein- und Beinschnitzerei. Schildpatt-, Horn- und Perlmutterarbeiten. Steinschleiferei. Viele der hier untergebrachten Erzeugnisse des japanischen Kunst- fleisses gehören in die dehnbare Klasse der Kurz- und Galanterie- waaren; andere sind wirkliche glyptische Kunstwerke. Die geschickten Hände des japanischen Künstlers vermögen auch dem harten, spröden Stoff mit wunderbarer Kraft Leben und Bewegung einzuhauchen. Aber auch hier zeigt und übt derselbe diese Kunst mit Vorliebe nicht so- wohl an grossen monumentalen Schöpfungen, als vielmehr an oft winzig kleinen Gebilden, welche häufig erst einer näheren Betrachtung bedürfen, um ihren Charakter und künstlerischen Werth recht zu er- kennen und zu würdigen. Solcher Art sind vor allen Dingen die so- genannten Netsuke’s, Schnitzereien vorwiegend aus Holz, Elfenbein oder Knochen, welche 2—5 cm Höhe und das Doppelte an Umfang selten überschreiten. Die Netsuke dienen als eine Art Knöpfe, vornehmlich zum Anhängen der Tabakstasche an den Gürtel. Zu diesem Zweck haben sie auf der flachen Unterseite zwei Löcher mit einer Durch- bohrung, durch welche beim Gebrauch eine Schnur geht, die sie mit der angehängten Tasche verbindet. Das Netsuke wird zwischen dem Kleide und dem Zeuggürtel, welcher das letztere um die Lenden zusammen- hält, durchgeschoben und schaut über dem Gürtel hervor, während die Tasche darunter hängt. Personen und Thiere, insbesondere Affen, Ratten und Mäuse, ent- weder einzeln oder in Gruppen und in den verschiedensten Stellungen, aber auch andere Thiere und Blumen finden sich in den Netsuke’s nach- gebildet. Das komische Element ist reichlich vertreten. Es wird so packend und ausdrucksvoll vorgeführt, dass man die Absicht des Künst- lers sofort erkennt und die Wirkung auf die Stimmung nicht ausbleibt. Man bewundert bei diesen Netsuke’s ebenso die künstlerische Auffas- sung, die Leichtigkeit und Lebendigkeit des Ausdrucks und der Stellung, wie die Sorgfalt und das Geschick bei der Ausführung, welche eine Menge technische Schwierigkeiten glücklich zu überwinden vermochten.

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Zitationshilfe: Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886, S. 500. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rein_japan02_1886/544>, abgerufen am 20.03.2019.