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Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886.

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III. Kunstgewerbe und Verwandtes.
An den Füssen trägt Hitomaro schwarzlackierte Holzschuhe (Kutsu)
und auf dem Kopfe den schwarzen, steifen Hut (Yeboshi). Ein Knebel-
bart vollendet das charakteristische Aeussere der alten japanischen
Tracht.

Die Figur des Hitomaro, in der Regel aus Koku-tan oder Shi-tan
(Ebenholz oder Sapanholz, siehe pg. 294 und 298) geschnitzt, ist stets
eine künstlerisch ausgearbeite und mit Sorgfalt behandelte. Im Falten-
wurf des Anzugs und in den edlen Gesichtszügen zeigt sich dies vor
allem und weicht die Arbeit ab von der mehr handwerksmässigen An-
fertigung vieler Götzen.

Wie in vielen andern Zweigen des Kunstgewerbes, so weist Nikko
auch in der Holzschnitzerei hervorragende Leistungen auf. Hierzu
gehört vor allen Dingen Nemuri-no-Neko oder "die schlafende
Katze" über einer Thür beim Grabe des Iyeyasu. Herrliche Holz-
skulpturen, die an künstlerischem Werth der genannten kaum nach-
stehen, finden sich noch viele, theils als Reliefs an Pfosten, Thüren
und Decken, theils als durchbrochene Arbeiten über den inneren Wänden
verschiedener Tempel und zugehörender Gebäude. Die meisten stellen
Thiere des Zodiacus oder Päonien und andere Lieblingsblumen dar.
Bewundernswerth schön und sorgfältig ausgeführt sind auch die Holz-
verzierungen am Portal des Higashi Hon-gwan-ji, der Metropole
des östlichen Zweigs der Montosekte zu Asakusa in Tokio, zusammen-
gesetzt aus Blüthen und Blättern der Päonie und des Chrysanthemum.
Ausserdem findet man häufig mit viel Geschick und künstlerischer
Kraft das japanische Wappenthier aus Holz geschnitzt. Auch haben
Europäer in neuerer Zeit diesen Zweig der Kunstindustrie durch Be-
stellungen von Jagd- und andern Thierstücken zum Aufhängen in
Speisesälen vielfach gefördert.

Zoge-no-hori-mono oder Elfenbeinschnitzerei.*)

Die Elfenbeinarbeiten von Canton, z. B. die zierlichen, ineinander
geschachtelten und durchbrochenen Kugelringe, sowie manche Land-
schaftsbilder, stehen wohl als Proben eines überraschenden Geschicks,
verbunden mit staunenswerther Geduld und Ausdauer, unerreicht da.
Dagegen zeigen manche Arbeiten der Japaner auf diesem Gebiet, vor
allen Dingen viele ihrer Netsuke's (Zoge-no-netsuke), ein viel höher
entwickeltes künstlerisches Talent. Kioto welches früher der Hauptsitz
der Elfenbeinindustrie war, ist schon seit lange von Tokio überflügelt
worden. Ausser Netsuke's liefern diese Städte Schmuckschränkchen

*) Zoge, Elfenbein, hori, graben, schnitzen, mono, Arbeit.

III. Kunstgewerbe und Verwandtes.
An den Füssen trägt Hitomaro schwarzlackierte Holzschuhe (Kutsu)
und auf dem Kopfe den schwarzen, steifen Hut (Yeboshi). Ein Knebel-
bart vollendet das charakteristische Aeussere der alten japanischen
Tracht.

Die Figur des Hitomaro, in der Regel aus Koku-tan oder Shi-tan
(Ebenholz oder Sapanholz, siehe pg. 294 und 298) geschnitzt, ist stets
eine künstlerisch ausgearbeite und mit Sorgfalt behandelte. Im Falten-
wurf des Anzugs und in den edlen Gesichtszügen zeigt sich dies vor
allem und weicht die Arbeit ab von der mehr handwerksmässigen An-
fertigung vieler Götzen.

Wie in vielen andern Zweigen des Kunstgewerbes, so weist Nikkô
auch in der Holzschnitzerei hervorragende Leistungen auf. Hierzu
gehört vor allen Dingen Nemuri-no-Neko oder »die schlafende
Katze« über einer Thür beim Grabe des Iyeyasu. Herrliche Holz-
skulpturen, die an künstlerischem Werth der genannten kaum nach-
stehen, finden sich noch viele, theils als Reliefs an Pfosten, Thüren
und Decken, theils als durchbrochene Arbeiten über den inneren Wänden
verschiedener Tempel und zugehörender Gebäude. Die meisten stellen
Thiere des Zodiacus oder Päonien und andere Lieblingsblumen dar.
Bewundernswerth schön und sorgfältig ausgeführt sind auch die Holz-
verzierungen am Portal des Higashi Hon-gwan-ji, der Metropole
des östlichen Zweigs der Montosekte zu Asakusa in Tôkio, zusammen-
gesetzt aus Blüthen und Blättern der Päonie und des Chrysanthemum.
Ausserdem findet man häufig mit viel Geschick und künstlerischer
Kraft das japanische Wappenthier aus Holz geschnitzt. Auch haben
Europäer in neuerer Zeit diesen Zweig der Kunstindustrie durch Be-
stellungen von Jagd- und andern Thierstücken zum Aufhängen in
Speisesälen vielfach gefördert.

Zôge-no-hori-mono oder Elfenbeinschnitzerei.*)

Die Elfenbeinarbeiten von Canton, z. B. die zierlichen, ineinander
geschachtelten und durchbrochenen Kugelringe, sowie manche Land-
schaftsbilder, stehen wohl als Proben eines überraschenden Geschicks,
verbunden mit staunenswerther Geduld und Ausdauer, unerreicht da.
Dagegen zeigen manche Arbeiten der Japaner auf diesem Gebiet, vor
allen Dingen viele ihrer Netsuke’s (Zôge-no-netsuke), ein viel höher
entwickeltes künstlerisches Talent. Kiôto welches früher der Hauptsitz
der Elfenbeinindustrie war, ist schon seit lange von Tôkio überflügelt
worden. Ausser Netsuke’s liefern diese Städte Schmuckschränkchen

*) Zôge, Elfenbein, hori, graben, schnitzen, mono, Arbeit.
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[502/0546] III. Kunstgewerbe und Verwandtes. An den Füssen trägt Hitomaro schwarzlackierte Holzschuhe (Kutsu) und auf dem Kopfe den schwarzen, steifen Hut (Yeboshi). Ein Knebel- bart vollendet das charakteristische Aeussere der alten japanischen Tracht. Die Figur des Hitomaro, in der Regel aus Koku-tan oder Shi-tan (Ebenholz oder Sapanholz, siehe pg. 294 und 298) geschnitzt, ist stets eine künstlerisch ausgearbeite und mit Sorgfalt behandelte. Im Falten- wurf des Anzugs und in den edlen Gesichtszügen zeigt sich dies vor allem und weicht die Arbeit ab von der mehr handwerksmässigen An- fertigung vieler Götzen. Wie in vielen andern Zweigen des Kunstgewerbes, so weist Nikkô auch in der Holzschnitzerei hervorragende Leistungen auf. Hierzu gehört vor allen Dingen Nemuri-no-Neko oder »die schlafende Katze« über einer Thür beim Grabe des Iyeyasu. Herrliche Holz- skulpturen, die an künstlerischem Werth der genannten kaum nach- stehen, finden sich noch viele, theils als Reliefs an Pfosten, Thüren und Decken, theils als durchbrochene Arbeiten über den inneren Wänden verschiedener Tempel und zugehörender Gebäude. Die meisten stellen Thiere des Zodiacus oder Päonien und andere Lieblingsblumen dar. Bewundernswerth schön und sorgfältig ausgeführt sind auch die Holz- verzierungen am Portal des Higashi Hon-gwan-ji, der Metropole des östlichen Zweigs der Montosekte zu Asakusa in Tôkio, zusammen- gesetzt aus Blüthen und Blättern der Päonie und des Chrysanthemum. Ausserdem findet man häufig mit viel Geschick und künstlerischer Kraft das japanische Wappenthier aus Holz geschnitzt. Auch haben Europäer in neuerer Zeit diesen Zweig der Kunstindustrie durch Be- stellungen von Jagd- und andern Thierstücken zum Aufhängen in Speisesälen vielfach gefördert. Zôge-no-hori-mono oder Elfenbeinschnitzerei. *) Die Elfenbeinarbeiten von Canton, z. B. die zierlichen, ineinander geschachtelten und durchbrochenen Kugelringe, sowie manche Land- schaftsbilder, stehen wohl als Proben eines überraschenden Geschicks, verbunden mit staunenswerther Geduld und Ausdauer, unerreicht da. Dagegen zeigen manche Arbeiten der Japaner auf diesem Gebiet, vor allen Dingen viele ihrer Netsuke’s (Zôge-no-netsuke), ein viel höher entwickeltes künstlerisches Talent. Kiôto welches früher der Hauptsitz der Elfenbeinindustrie war, ist schon seit lange von Tôkio überflügelt worden. Ausser Netsuke’s liefern diese Städte Schmuckschränkchen *) Zôge, Elfenbein, hori, graben, schnitzen, mono, Arbeit.

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Zitationshilfe: Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886, S. 502. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rein_japan02_1886/546>, abgerufen am 25.03.2019.