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Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886.

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III. Kunstgewerbe und Verwandtes.
sorgfältig zusammengewundenen Haares zu stecken, so dass beide
Enden weit daraus hervorragen. Ausserdem stellen die Japaner für
den fremden Markt, besonders in Nagasaki, allerlei Gegenstände, wie
runde Tischplatten, Körbchen, Schalen und Teller, Arm- und Serviet-
tenringe, Cigarrenetuis und andere mehr aus echtem und nachgemach-
tem Schildpatt dar und schmücken dieselben obendrein mit Goldlack-
malereien, bei denen natürlich die langen Grundierungsprocesse des
gewöhnlichen Lackierverfahrens wegfallen. Dagegen ist die Boule-
oder Einlagearbeit mit Schildpatt, welche in der feineren Tischlerei
Europas während des vorigen und vorvorigen Jahrhunderts eine so
grosse Rolle spielte, wenig bekannt. Auch muss es auffallen, dass
man Horn und Schildpatt weder in China, noch in Japan zu Kämmen
benutzt hat.

Bei der Bearbeitung des Schildpatts bedient man sich in Nagasaki
der Feilen, kleiner Sägen und Meissel, sowie namentlich eiserner
Presszangen mit gleichen, breiten Backen. Jeder Arbeiter sitzt vor
seinem kleinen Kohlenofen, worin er seine Zange heiss macht. Vor
dem Gebrauch kühlt er dieselbe etwas in dem kalten Wasser des
neben ihm stehenden Eimers ab. Mit dieser Zange schweisst er auch
zwei gegen die Ränder hin zugeschärfte, erwärmte und übereinander
gelegte Stücke Schildpatt durch blosses Zusammendrücken fest anein-
ander. Ringe, Teller und andere Gegenstände werden in Holzformen
gepresst, nachdem man sie vorher stark erhitzt hat. Wasserdampf
scheint dabei nicht in Anwendung zu kommen.

Neben solchem Schildpatt wird auch viel seine Nachahmung aus
hellfarbigem Horn oder Tsune verarbeitet, welches aus China kommt.
Hier scheint man das schildpattartige Beizen desselben viel früher
gekannt und geübt zu haben als in Europa.

Ao-gai-zaiku, Perlmutterarbeit.

Perlen und Perlmutter bestehen aus dünnen Kalkblättchen mit
wenig organischer Substanz. Aber während dieselben bei ersteren
concentrisch gelagert sind, folgen sie beim Perlmutter mehr der Hori-
zontalerstreckung oder den Krümmungen der Schale, doch so, dass
sie auch bei flachen Muschel- oder Schneckenschalen zur Oberfläche
etwas geneigt liegen. Der Glanz entsteht aus der Zurückwerfung des
Lichts, das Schillern oder Farbenspiel durch die Interferenz der Strahlen,
welche von den auslaufenden Rändern der Blättchen und den etwas
tieferen Zwischenräumen zurückgeworfen werden. Das Farbenspiel
oder Schillern der Perlmutter ist sonach eine Interferenzerscheinung,
welche auf der Struktur beruht.

III. Kunstgewerbe und Verwandtes.
sorgfältig zusammengewundenen Haares zu stecken, so dass beide
Enden weit daraus hervorragen. Ausserdem stellen die Japaner für
den fremden Markt, besonders in Nagasaki, allerlei Gegenstände, wie
runde Tischplatten, Körbchen, Schalen und Teller, Arm- und Serviet-
tenringe, Cigarrenetuis und andere mehr aus echtem und nachgemach-
tem Schildpatt dar und schmücken dieselben obendrein mit Goldlack-
malereien, bei denen natürlich die langen Grundierungsprocesse des
gewöhnlichen Lackierverfahrens wegfallen. Dagegen ist die Boule-
oder Einlagearbeit mit Schildpatt, welche in der feineren Tischlerei
Europas während des vorigen und vorvorigen Jahrhunderts eine so
grosse Rolle spielte, wenig bekannt. Auch muss es auffallen, dass
man Horn und Schildpatt weder in China, noch in Japan zu Kämmen
benutzt hat.

Bei der Bearbeitung des Schildpatts bedient man sich in Nagasaki
der Feilen, kleiner Sägen und Meissel, sowie namentlich eiserner
Presszangen mit gleichen, breiten Backen. Jeder Arbeiter sitzt vor
seinem kleinen Kohlenofen, worin er seine Zange heiss macht. Vor
dem Gebrauch kühlt er dieselbe etwas in dem kalten Wasser des
neben ihm stehenden Eimers ab. Mit dieser Zange schweisst er auch
zwei gegen die Ränder hin zugeschärfte, erwärmte und übereinander
gelegte Stücke Schildpatt durch blosses Zusammendrücken fest anein-
ander. Ringe, Teller und andere Gegenstände werden in Holzformen
gepresst, nachdem man sie vorher stark erhitzt hat. Wasserdampf
scheint dabei nicht in Anwendung zu kommen.

Neben solchem Schildpatt wird auch viel seine Nachahmung aus
hellfarbigem Horn oder Tsune verarbeitet, welches aus China kommt.
Hier scheint man das schildpattartige Beizen desselben viel früher
gekannt und geübt zu haben als in Europa.

Ao-gai-zaiku, Perlmutterarbeit.

Perlen und Perlmutter bestehen aus dünnen Kalkblättchen mit
wenig organischer Substanz. Aber während dieselben bei ersteren
concentrisch gelagert sind, folgen sie beim Perlmutter mehr der Hori-
zontalerstreckung oder den Krümmungen der Schale, doch so, dass
sie auch bei flachen Muschel- oder Schneckenschalen zur Oberfläche
etwas geneigt liegen. Der Glanz entsteht aus der Zurückwerfung des
Lichts, das Schillern oder Farbenspiel durch die Interferenz der Strahlen,
welche von den auslaufenden Rändern der Blättchen und den etwas
tieferen Zwischenräumen zurückgeworfen werden. Das Farbenspiel
oder Schillern der Perlmutter ist sonach eine Interferenzerscheinung,
welche auf der Struktur beruht.

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[504/0548] III. Kunstgewerbe und Verwandtes. sorgfältig zusammengewundenen Haares zu stecken, so dass beide Enden weit daraus hervorragen. Ausserdem stellen die Japaner für den fremden Markt, besonders in Nagasaki, allerlei Gegenstände, wie runde Tischplatten, Körbchen, Schalen und Teller, Arm- und Serviet- tenringe, Cigarrenetuis und andere mehr aus echtem und nachgemach- tem Schildpatt dar und schmücken dieselben obendrein mit Goldlack- malereien, bei denen natürlich die langen Grundierungsprocesse des gewöhnlichen Lackierverfahrens wegfallen. Dagegen ist die Boule- oder Einlagearbeit mit Schildpatt, welche in der feineren Tischlerei Europas während des vorigen und vorvorigen Jahrhunderts eine so grosse Rolle spielte, wenig bekannt. Auch muss es auffallen, dass man Horn und Schildpatt weder in China, noch in Japan zu Kämmen benutzt hat. Bei der Bearbeitung des Schildpatts bedient man sich in Nagasaki der Feilen, kleiner Sägen und Meissel, sowie namentlich eiserner Presszangen mit gleichen, breiten Backen. Jeder Arbeiter sitzt vor seinem kleinen Kohlenofen, worin er seine Zange heiss macht. Vor dem Gebrauch kühlt er dieselbe etwas in dem kalten Wasser des neben ihm stehenden Eimers ab. Mit dieser Zange schweisst er auch zwei gegen die Ränder hin zugeschärfte, erwärmte und übereinander gelegte Stücke Schildpatt durch blosses Zusammendrücken fest anein- ander. Ringe, Teller und andere Gegenstände werden in Holzformen gepresst, nachdem man sie vorher stark erhitzt hat. Wasserdampf scheint dabei nicht in Anwendung zu kommen. Neben solchem Schildpatt wird auch viel seine Nachahmung aus hellfarbigem Horn oder Tsune verarbeitet, welches aus China kommt. Hier scheint man das schildpattartige Beizen desselben viel früher gekannt und geübt zu haben als in Europa. Ao-gai-zaiku, Perlmutterarbeit. Perlen und Perlmutter bestehen aus dünnen Kalkblättchen mit wenig organischer Substanz. Aber während dieselben bei ersteren concentrisch gelagert sind, folgen sie beim Perlmutter mehr der Hori- zontalerstreckung oder den Krümmungen der Schale, doch so, dass sie auch bei flachen Muschel- oder Schneckenschalen zur Oberfläche etwas geneigt liegen. Der Glanz entsteht aus der Zurückwerfung des Lichts, das Schillern oder Farbenspiel durch die Interferenz der Strahlen, welche von den auslaufenden Rändern der Blättchen und den etwas tieferen Zwischenräumen zurückgeworfen werden. Das Farbenspiel oder Schillern der Perlmutter ist sonach eine Interferenzerscheinung, welche auf der Struktur beruht.

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Zitationshilfe: Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886, S. 504. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rein_japan02_1886/548>, abgerufen am 21.03.2019.