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Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886.

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8. Keramik.
aus dem benachbarten Musashi. Später soll das Geschäft auf Kayama
übergegangen sein, nach dessen früherem Wohnort Makudzu-ga-hara
in Kioto die Produkte vielfach benannt worden sind. Kayama ent-
wickelte eine ungewöhnliche Thätigkeit und war unerschöpflich in der
Erfindung und Anwendung neuer Decorationsmotive, vornehmlich in
Hochrelief. Seine Erzeugnisse, welche während der letzten 12 Jahre
in Menge ausgeführt wurden und auf den grossen internationalen
Industrieausstellungen viel Aufsehen machten, bieten neben höchst origi-
nellen und zum Theil wirklich schönen Entwürfen auch mancherlei
Geschmacksverirrungen. Da waren z. B. auf der Pariser Ausstellung
grosse Vasen in langgestreckter Tonnen- (Cigarren-) form mit einer an
die Färbung des Awata-yaki streifenden Glasur, um welche sich grosse
verrostete Anker in Hochrelief schlangen, auf denen kleine Kobolde
sassen. Andere Vasen hatte man in ihrem unteren Theil mit einer
höckerigen Oberfläche versehen, die an eine Wand erinnerte, welche
man mit breiigem Cement, vermischt mit kleinen Kieseln, beworfen
hat. Auch durchbrochenes Korb- und Bambusrohrgeflecht hatte man
mit grosser Treue vortrefflich nachgeahmt. Alles dies imponierte den
Preisrichtern dergestalt, dass sie die in Wien und Philadelphia er-
haltenen Auszeichnungen des Ausstellers durch Zuerkennung der
goldenen Medaille vermehrten.

Die Faience von Ota nähert sich dem Porzellan und übertrifft
alles andere japanische Steingut an Härte und Festigkeit. In ihrer
Färbung steht dieselbe meist zwischen Satsuma und Awata-yaki; da-
gegen hat die Fabrik noch keine Gegenstände geliefert, welche sich
durch polychrome Malerei auszeichneten und den besseren Produkten
von Kagoshima und Awata an die Seite stellen liessen.

Hongo-yaki.

Der Ort Hongo, wonach dieses Porzellan benannt wird, liegt in
der Aidzu-taira (Ebene von Aidzu), Provinz Iwashiro, auf dem Wege
von Sanno-toge nach der Hauptstadt Wakamatsu und etwa eine Meile
von dieser entfernt. Auf der Südseite des Dorfes steigt ein Hügel
empor, dem mindestens ein Dutzend liegende Brennöfen mit ihren
auf einander folgenden Gewölben angelehnt sind. Man verfertigt hier
ein hartes Porzellan und verziert es mit Kobaltfarbe unter der Glasur;
doch steht die Waare an Feinheit und die decorative Kunst nicht auf
gleicher Höhe mit Seto und Kiyomitzu. Die Industrie beschränkt sich
fast ausschliesslich auf gewöhnliche Verbrauchsartikel. Sie verwendet
weder Feldspath noch Quarz, findet aber in den vulkanischen und
altkrystallinischen Zersetzungsprodukten in grösserer oder geringerer

8. Keramik.
aus dem benachbarten Musashi. Später soll das Geschäft auf Kayama
übergegangen sein, nach dessen früherem Wohnort Makudzu-ga-hara
in Kiôto die Produkte vielfach benannt worden sind. Kayama ent-
wickelte eine ungewöhnliche Thätigkeit und war unerschöpflich in der
Erfindung und Anwendung neuer Decorationsmotive, vornehmlich in
Hochrelief. Seine Erzeugnisse, welche während der letzten 12 Jahre
in Menge ausgeführt wurden und auf den grossen internationalen
Industrieausstellungen viel Aufsehen machten, bieten neben höchst origi-
nellen und zum Theil wirklich schönen Entwürfen auch mancherlei
Geschmacksverirrungen. Da waren z. B. auf der Pariser Ausstellung
grosse Vasen in langgestreckter Tonnen- (Cigarren-) form mit einer an
die Färbung des Awata-yaki streifenden Glasur, um welche sich grosse
verrostete Anker in Hochrelief schlangen, auf denen kleine Kobolde
sassen. Andere Vasen hatte man in ihrem unteren Theil mit einer
höckerigen Oberfläche versehen, die an eine Wand erinnerte, welche
man mit breiigem Cement, vermischt mit kleinen Kieseln, beworfen
hat. Auch durchbrochenes Korb- und Bambusrohrgeflecht hatte man
mit grosser Treue vortrefflich nachgeahmt. Alles dies imponierte den
Preisrichtern dergestalt, dass sie die in Wien und Philadelphia er-
haltenen Auszeichnungen des Ausstellers durch Zuerkennung der
goldenen Medaille vermehrten.

Die Faïence von Ôta nähert sich dem Porzellan und übertrifft
alles andere japanische Steingut an Härte und Festigkeit. In ihrer
Färbung steht dieselbe meist zwischen Satsuma und Awata-yaki; da-
gegen hat die Fabrik noch keine Gegenstände geliefert, welche sich
durch polychrome Malerei auszeichneten und den besseren Produkten
von Kagoshima und Awata an die Seite stellen liessen.

Hongo-yaki.

Der Ort Hongo, wonach dieses Porzellan benannt wird, liegt in
der Aidzu-taira (Ebene von Aidzu), Provinz Iwashiro, auf dem Wege
von Sannô-tôge nach der Hauptstadt Wakamatsu und etwa eine Meile
von dieser entfernt. Auf der Südseite des Dorfes steigt ein Hügel
empor, dem mindestens ein Dutzend liegende Brennöfen mit ihren
auf einander folgenden Gewölben angelehnt sind. Man verfertigt hier
ein hartes Porzellan und verziert es mit Kobaltfarbe unter der Glasur;
doch steht die Waare an Feinheit und die decorative Kunst nicht auf
gleicher Höhe mit Seto und Kiyomitzu. Die Industrie beschränkt sich
fast ausschliesslich auf gewöhnliche Verbrauchsartikel. Sie verwendet
weder Feldspath noch Quarz, findet aber in den vulkanischen und
altkrystallinischen Zersetzungsprodukten in grösserer oder geringerer

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[573/0627] 8. Keramik. aus dem benachbarten Musashi. Später soll das Geschäft auf Kayama übergegangen sein, nach dessen früherem Wohnort Makudzu-ga-hara in Kiôto die Produkte vielfach benannt worden sind. Kayama ent- wickelte eine ungewöhnliche Thätigkeit und war unerschöpflich in der Erfindung und Anwendung neuer Decorationsmotive, vornehmlich in Hochrelief. Seine Erzeugnisse, welche während der letzten 12 Jahre in Menge ausgeführt wurden und auf den grossen internationalen Industrieausstellungen viel Aufsehen machten, bieten neben höchst origi- nellen und zum Theil wirklich schönen Entwürfen auch mancherlei Geschmacksverirrungen. Da waren z. B. auf der Pariser Ausstellung grosse Vasen in langgestreckter Tonnen- (Cigarren-) form mit einer an die Färbung des Awata-yaki streifenden Glasur, um welche sich grosse verrostete Anker in Hochrelief schlangen, auf denen kleine Kobolde sassen. Andere Vasen hatte man in ihrem unteren Theil mit einer höckerigen Oberfläche versehen, die an eine Wand erinnerte, welche man mit breiigem Cement, vermischt mit kleinen Kieseln, beworfen hat. Auch durchbrochenes Korb- und Bambusrohrgeflecht hatte man mit grosser Treue vortrefflich nachgeahmt. Alles dies imponierte den Preisrichtern dergestalt, dass sie die in Wien und Philadelphia er- haltenen Auszeichnungen des Ausstellers durch Zuerkennung der goldenen Medaille vermehrten. Die Faïence von Ôta nähert sich dem Porzellan und übertrifft alles andere japanische Steingut an Härte und Festigkeit. In ihrer Färbung steht dieselbe meist zwischen Satsuma und Awata-yaki; da- gegen hat die Fabrik noch keine Gegenstände geliefert, welche sich durch polychrome Malerei auszeichneten und den besseren Produkten von Kagoshima und Awata an die Seite stellen liessen. Hongo-yaki. Der Ort Hongo, wonach dieses Porzellan benannt wird, liegt in der Aidzu-taira (Ebene von Aidzu), Provinz Iwashiro, auf dem Wege von Sannô-tôge nach der Hauptstadt Wakamatsu und etwa eine Meile von dieser entfernt. Auf der Südseite des Dorfes steigt ein Hügel empor, dem mindestens ein Dutzend liegende Brennöfen mit ihren auf einander folgenden Gewölben angelehnt sind. Man verfertigt hier ein hartes Porzellan und verziert es mit Kobaltfarbe unter der Glasur; doch steht die Waare an Feinheit und die decorative Kunst nicht auf gleicher Höhe mit Seto und Kiyomitzu. Die Industrie beschränkt sich fast ausschliesslich auf gewöhnliche Verbrauchsartikel. Sie verwendet weder Feldspath noch Quarz, findet aber in den vulkanischen und altkrystallinischen Zersetzungsprodukten in grösserer oder geringerer

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Zitationshilfe: Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886, S. 573. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rein_japan02_1886/627>, abgerufen am 18.03.2019.