Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 2. Göttingen, 1748.

Bild:
<< vorherige Seite
der Clarissa.
Der sieben und zwantzigste Brief
von
Fräulein Howe an Fräulein Clarissa
Harlowe.

Jch hätte Jhnen billig schon gestern von Em-
pfang Jhres Bündels Wäsche Nachricht
geben sollen. Robert sagt mir: der Jacob
Lehman/
den Sie für den Verräther halten,
habe ihn gesehen. Er sey auf dem Hüner-Hofe
gewesen, und habe ihn über die Mauer nach dem
grünen Gange zu angeredet: Wie kommt er
hieher Robert? doch ich kanes wol den-
cken. Mache er sich davon/ so geschwind
als er kan.

Jch zweiffele nun nicht länger daran, daß Sie
deswegen mehr Freyheit haben, spatzieren zu ge-
hen, weil sich andere auf die Wachsamkeit dieses
Kerls und der Elisabeth Barnes verlassen.
Jndessen sind Sie doch das erste Frauenzim-
mer, davon ich gehört habe, das in solchen Um-
ständen keinen eintzigen Bedienten an der Hand
gehabt hat, den es zu einigen kleinen Diensten
hätte brauchen können. Kein Poet würde sich
unterstehen, eine Angelica zu besingen, wenn
er ihr nicht ihre Violetta/ ihre Cleanthe/ ihre
Clelia oder sonst ein Mädchen mit einem arti-
gen Nahmen zu Hülffe gäbe. Wenigstens müß-
te es eine alte Kinder-Wärterin seyn.

Jch
der Clariſſa.
Der ſieben und zwantzigſte Brief
von
Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clariſſa
Harlowe.

Jch haͤtte Jhnen billig ſchon geſtern von Em-
pfang Jhres Buͤndels Waͤſche Nachricht
geben ſollen. Robert ſagt mir: der Jacob
Lehman/
den Sie fuͤr den Verraͤther halten,
habe ihn geſehen. Er ſey auf dem Huͤner-Hofe
geweſen, und habe ihn uͤber die Mauer nach dem
gruͤnen Gange zu angeredet: Wie kommt er
hieher Robert? doch ich kanes wol den-
cken. Mache er ſich davon/ ſo geſchwind
als er kan.

Jch zweiffele nun nicht laͤnger daran, daß Sie
deswegen mehr Freyheit haben, ſpatzieren zu ge-
hen, weil ſich andere auf die Wachſamkeit dieſes
Kerls und der Eliſabeth Barnes verlaſſen.
Jndeſſen ſind Sie doch das erſte Frauenzim-
mer, davon ich gehoͤrt habe, das in ſolchen Um-
ſtaͤnden keinen eintzigen Bedienten an der Hand
gehabt hat, den es zu einigen kleinen Dienſten
haͤtte brauchen koͤnnen. Kein Poet wuͤrde ſich
unterſtehen, eine Angelica zu beſingen, wenn
er ihr nicht ihre Violetta/ ihre Cleanthe/ ihre
Clelia oder ſonſt ein Maͤdchen mit einem arti-
gen Nahmen zu Huͤlffe gaͤbe. Wenigſtens muͤß-
te es eine alte Kinder-Waͤrterin ſeyn.

Jch
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0275" n="269"/>
        <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b"><hi rendition="#g">der Clari&#x017F;&#x017F;a</hi>.</hi> </fw><lb/>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#fr">Der &#x017F;ieben und zwantzig&#x017F;te Brief</hi><lb/>
von<lb/><hi rendition="#fr">Fra&#x0364;ulein Howe an Fra&#x0364;ulein Clari&#x017F;&#x017F;a<lb/>
Harlowe.</hi></head><lb/>
          <dateline> <hi rendition="#et">Sonntags den 2. April.</hi> </dateline><lb/>
          <p><hi rendition="#in">J</hi>ch ha&#x0364;tte Jhnen billig &#x017F;chon ge&#x017F;tern von Em-<lb/>
pfang Jhres Bu&#x0364;ndels Wa&#x0364;&#x017F;che Nachricht<lb/>
geben &#x017F;ollen. Robert &#x017F;agt mir: der <hi rendition="#fr">Jacob<lb/>
Lehman/</hi> den Sie fu&#x0364;r den Verra&#x0364;ther halten,<lb/>
habe ihn ge&#x017F;ehen. Er &#x017F;ey auf dem Hu&#x0364;ner-Hofe<lb/>
gewe&#x017F;en, und habe ihn u&#x0364;ber die Mauer nach dem<lb/>
gru&#x0364;nen Gange zu angeredet: <hi rendition="#fr">Wie kommt er<lb/>
hieher Robert? doch ich kanes wol den-<lb/>
cken. Mache er &#x017F;ich davon/ &#x017F;o ge&#x017F;chwind<lb/>
als er kan.</hi></p><lb/>
          <p>Jch zweiffele nun nicht la&#x0364;nger daran, daß Sie<lb/>
deswegen mehr Freyheit haben, &#x017F;patzieren zu ge-<lb/>
hen, weil &#x017F;ich andere auf die Wach&#x017F;amkeit die&#x017F;es<lb/>
Kerls und der <hi rendition="#fr">Eli&#x017F;abeth Barnes</hi> verla&#x017F;&#x017F;en.<lb/>
Jnde&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ind Sie doch das er&#x017F;te Frauenzim-<lb/>
mer, davon ich geho&#x0364;rt habe, das in &#x017F;olchen Um-<lb/>
&#x017F;ta&#x0364;nden keinen eintzigen Bedienten an der Hand<lb/>
gehabt hat, den es zu einigen kleinen Dien&#x017F;ten<lb/>
ha&#x0364;tte brauchen ko&#x0364;nnen. Kein Poet wu&#x0364;rde &#x017F;ich<lb/>
unter&#x017F;tehen, eine <hi rendition="#fr">Angelica</hi> zu be&#x017F;ingen, wenn<lb/>
er ihr nicht ihre <hi rendition="#fr">Violetta/</hi> ihre <hi rendition="#fr">Cleanthe/</hi> ihre<lb/><hi rendition="#fr">Clelia</hi> oder &#x017F;on&#x017F;t ein Ma&#x0364;dchen mit einem arti-<lb/>
gen Nahmen zu Hu&#x0364;lffe ga&#x0364;be. Wenig&#x017F;tens mu&#x0364;ß-<lb/>
te es eine alte Kinder-Wa&#x0364;rterin &#x017F;eyn.</p><lb/>
          <fw place="bottom" type="catch">Jch</fw><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[269/0275] der Clariſſa. Der ſieben und zwantzigſte Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clariſſa Harlowe. Sonntags den 2. April. Jch haͤtte Jhnen billig ſchon geſtern von Em- pfang Jhres Buͤndels Waͤſche Nachricht geben ſollen. Robert ſagt mir: der Jacob Lehman/ den Sie fuͤr den Verraͤther halten, habe ihn geſehen. Er ſey auf dem Huͤner-Hofe geweſen, und habe ihn uͤber die Mauer nach dem gruͤnen Gange zu angeredet: Wie kommt er hieher Robert? doch ich kanes wol den- cken. Mache er ſich davon/ ſo geſchwind als er kan. Jch zweiffele nun nicht laͤnger daran, daß Sie deswegen mehr Freyheit haben, ſpatzieren zu ge- hen, weil ſich andere auf die Wachſamkeit dieſes Kerls und der Eliſabeth Barnes verlaſſen. Jndeſſen ſind Sie doch das erſte Frauenzim- mer, davon ich gehoͤrt habe, das in ſolchen Um- ſtaͤnden keinen eintzigen Bedienten an der Hand gehabt hat, den es zu einigen kleinen Dienſten haͤtte brauchen koͤnnen. Kein Poet wuͤrde ſich unterſtehen, eine Angelica zu beſingen, wenn er ihr nicht ihre Violetta/ ihre Cleanthe/ ihre Clelia oder ſonſt ein Maͤdchen mit einem arti- gen Nahmen zu Huͤlffe gaͤbe. Wenigſtens muͤß- te es eine alte Kinder-Waͤrterin ſeyn. Jch

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa02_1748
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa02_1748/275
Zitationshilfe: [Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 2. Göttingen, 1748, S. 269. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa02_1748/275>, abgerufen am 26.04.2018.